Go Plus

Die gefühlte Stadt

23.01.2003, 16:01, Text: Jochen Bonz, Jochen Bonz

Zum Glück sind Go Plus zurück! Mit ihrem dritten, einfach \"Go Plus\" betitelten Album haben Pit Przygodda und Lars 'O Horl für ihren Understatement-Pop eine musikalische Sprache gefunden, in der sich mitteilt, worum es ihnen wahrscheinlich schon immer gegangen ist und was eine Position darstellt, die wir ja alle längst eingenommen haben, die aber nie wirklich ausgesprochen wird: dass man seinem Gefühl folgen muss, um zurechtzukommen; dass man nicht wissen kann, was richtig und falsch ist, sondern sich dabei auf sein Gefühl verlassen muss; dass man sich weniger mit anderen ein Begehren teilt als vielmehr Orte und Dinge, an denen eine Intensität spürbar ist.

Für diese Art zu sein entscheidet man sich nicht, das passiert mit einem. \"I have to tremble, today. And if I don't tremble, I tremble the next day\", wie Pit in dem berückenden, groovy Stück \"Tremble\" singt.

Mit der Artikulation dieser Position arbeiten Go Plus zwar auf derselben Baustelle wie andere große Hamburger Bands, allerdings beschreiben diese andere Lösungsansätze. Während Tocotronic gerade das Begehren erzeugende Prinzip der Verweisung, das Antriggern von Bedeutung (und zwar bis über seine Grenze hinaus) bis hin zur Unlesbarkeit ins Extrem geführt haben, entziehen sich Musik und Text bei Go Plus der Codierung. Nicht völlig, aber bis auf das allernötigste Maß, das den Ort von Go Plus in einem dann ganz weiten und offenen Feld des Indierock angibt beziehungsweise im Rahmen einer allgemein verständlichen deutschen Sprache. \"Damals malte ich Birken, tagelang, beeindruckt, ich hab sie angefasst. Im Park, jetzt, stehn die Pflanzen ganz weit weg, sie rufen, erinnern an Natur\" (\"Erinnerung An Natur\").

Go Plus nehmen auch im Verhältnis zu Blumfeld am anderen Ende des Spektrums Platz: Bedeutung entsteht hier weder in der klassisch subkulturellen Geste der Abgrenzung noch ausschließlich für zwei durch In-Liebe-Fallen. Eine Nähe zu Blumfeld gibt es allerdings in einem gewissen Punkt. Dann, wenn man deren Sich-im-Singen-seiner-selbst-Vergewissern als bloßes Sich-Spüren auffasst. Wie die Protagonisten der Ästhetiken von Blumfeld und Tocotronic irrt auch der Held von Go Plus herum, aber er nimmt dabei eine andere Haltung ein und folgt anderen Pfaden: Er IST der oder die Umherirrende, von anderen abgeschnitten. Darunter leidet er zwar. (\"Hör doch mal damit auf, immer an der Wand zu stehn und immer nur an den Rand zu sehn, jeden Tag. Fang doch mal damit an, einmal aus dem Schrank zu gehn, nicht immer nur andern zuzusehn, von weit weg\" [\"Stop\"].) Aber er hat nicht nichts, sondern etwas anderes: \"Ständig im Fluss, ständig am Tauchen, nach einem Grund, nach einem Halt, Strudel und Rausch, und im Versinken, schon atemlos, zum Ursprung zurück\" (\"Ich Geh In Die Stadt\"). \"Unter mir fließt, unter den Planken, unterbewusst, reisender Strom\" (\"Unten Im Strom\").

Im Gegensatz zu den Genannten wurden Go Plus diesmal nicht, wie noch beim vorigen Album \"Largo\", von Tobias Levin produziert, aber sie waren auch wieder im Electric-Avenue-Studio, wo sie gemeinsam mit Thomas Maringer aufnahmen. Dafür, dass das Ergebnis nicht nur in den für Go Plus typischen Harmonien, sondern auch im Arrangement, im Groove und in den Sounds dermaßen auf den Punkt kommt, ist sicherlich auch ein neues Bandmitglied verantwortlich, bei dem es sich - für Go Plus - um einen alten Bekannten, Verwandten sogar, handelt: Christian Przygodda, Lumpi, der in den letzten Jahren mit seinen Releases auf Karaoke Kalk und Esel und unter dem Namen Hausmeister Begeisterung ausgelöst hat. Wie bei Hausmeister ist es auch Go Plus gelungen, Essenzielles aus den Dance-Musiken der Gegenwart in ihre Songs hereingenommen zu haben; nicht als Zierde, sondern als ein neues und tragfähiges Fundament. Ausgehend von diesem kann gesagt werden, wofür es zuvor keine adäquate Sprache gegeben hatte.

Wie bist du mit deinem Gesang zufrieden?

Pit: Find' ich gut. Vor allem sehe ich ja eine Entwicklung. Nee, warte mal; wo soll ich anfangen. Erst mal das Gefühl, die Gesangs-Takes zu machen, war so schön wie noch nie; und auch so locker ...

Das ist ja super.

P: ... und auch so sicher wie noch nie. Dazu kann ich jetzt die Anekdote erzählen, dass ich in der Zwischenzeit auch Gesangsunterricht hatte - aber nur zwei Stunden.

Das zählt dann nur als Entscheidung, nicht als Übung.

P: Aber es war tatsächlich so, dass bei diesen zwei Stunden Gesangsunterricht - die ich aus finanziellen Gründen abbrechen musste - schon so aha-mäßig Sachen passiert sind.

Ich finde es akzentuiert gesungen. Es ist sehr angenehm, der Gesangsstimme zuzuhören. Es ist nicht langweilig, es gibt Nuancen, die so ganz lebendig sind ...

P: Kennt ihr Georges Moustaki?

Nee.

Lars: Vom Namen her. P: Das ist ein Ägypter mit griechischen Vorfahren, der Französisch singt, oder sang. Also, letztens hatten wir zu Hause, ich und meine Freundin, eine Platte von dem Laufen, und dann kam meine Schwiegermutter, und die meinte: \"Ist es Pit, der da singt?\" Und tatsächlich hat Georges Moustaki einen ähnlichen Gesangsstil, ein ähnliches Timbre drauf wie ich. Eben kein Soul. Ich bin eben kein Soul-Sänger. Obwohl, bei \"Stop\", da schreie ich ja; und es hat einen riesen Spaß gemacht.

Was ist das Gute am Brüllen?

P: Ja, mhm, es ist eine gute Energie.

Die Sache, um die es bei \"Stop\" geht, gibt es, glaube ich, häufiger auf der Platte: dass es eine Öffnung gibt.

P: Musikalisch oder textlich?

Überhaupt; ästhetisch, sozusagen.

P: Na ja, für uns gibt's eine Öffnung an allen Ecken und Enden; schon allein dadurch, dass Lumpi jetzt mit in der Band ist: aus dem alten Kontext herauszugehen, diese neuen Einflüsse zuzulassen.

Und die Öffnung, die im Text von \"Stop\" eingefordert wird, was für eine Öffnung ist das eigentlich?

P: Das ist eine Öffnung, die sich auch schon auf alten Stücken findet. Auf \"Largo\" gibt es ein Stück, das heißt \"Tagebau\", und das handelt von Depression. Und es geht darin aber auch darum, dass das ja nichts hilft; man soll ja trotzdem zusehen, dass man sich ein gutes Leben beschert. \"Stop\" spitzt das noch zu. Da geht einer hin zur Couch und schüttelt den Typen und sagt: \"Jetzt hör endlich mal auf, jetzt geh mal los.\"

Für mich gibt es da eine Parallele zu deinen ganzen Texten über das In-die-Stadt-Ziehen, Aus-Hannover-Weggehen; diese Öffnung ist für mich das Motiv des Albums. Was findet man eigentlich, wenn man die Öffnung hingekriegt hat? Was ja an den Texten, die von der Stadt handeln, auffällt, ist, dass es da um ein In-Bewegung-Sein geht, das so ganz positiv aufgeladen ist: das pulsierende Leben, so ein Strom, das Rauschen von Verkehr, was dann das Rauschen in einem selbst ist. Ist das die Qualität?

P: Was soll der Zustand sein, in dem man das nicht gefunden hat?

Das wäre dann das Abgeschnitten-Sein von so einer Lebendigkeit. Die kann auch Natur heißen. Also, in dem Stück \"Erinnerung An Natur\" finde ich das zum Beispiel auch. Die Birken und so weiter, das ist dann auch auf der Seite des Pulsierenden, dieser Fülle.

P: Ja, also der Protagonist, unser junger Freund, ist halt ein sensibler junger Mann oder eine sensible junge Frau und möchte trotzdem Spaß haben. Und lebt aber trotzdem in seiner Welt, die auch keine Otto-Normalverbraucher-Welt ist. So etwas wie \"Erinnerung An Natur\" - ich kenne nicht viele Leute, mit denen ich mich darüber unterhalten kann.

Für mich macht dieses Motiv das Album inhaltlich stimmig.

P: Jaja.

Dass es da immer jemanden gibt oder es eine Situation gibt, die so etwas Sehnsüchtiges hat; dieser Sehnsucht wird nachgegeben - und es funktioniert: schließlich ist dann ein Mehr an Gefühl da.

P: Die Sehnsucht werde ich wohl nicht los.

Sowohl was die Sprache wie auch was die Sounds oder die musikalischen Mittel angeht, ist \"Go Plus\" ein Album, das DIREKT zu einem sprechen möchte. Zum Beispiel bezüglich der Sounds habe ich nicht den Eindruck, dass mit ihnen auf irgendetwas Bestimmtes verwiesen wird, was in irgend so einem Mikrokosmos, einer Szene, eine besondere Bedeutung hat. Sondern es sind eher Sounds, die direkt zu einem sprechen. Und genauso empfinde ich auch deine Sprache. Man hat immer das Gefühl, es geht um Gefühl. Also die relevante Ebene ist die des Gefühls: dass etwas stimmt.

P: Auf jeden Fall.

Ich fand das auch, was die Städte angeht, so. Städte spielen ja eine große Rolle auf dem Album: Hannover, Hamburg; das ist klar. Aber sie spielen eben auf eine bestimmte Weise eine große Rolle. Städte können ja unterschiedlich wahrgenommen werden. Etwa, wie das ein Kunsthistoriker macht. Oder wie ein Tocotronic-Fan durch Hamburg gehen würde. Da sind bestimmte Orte wichtig, bestimmte Kneipen, bestimmte Leute. Aber bei euch hat man doch eher das Gefühl, dass es um Gefühl geht. Die Stadt ist nicht in ein Wissen eingebettet, sondern sie löst ein Gefühl aus. Und das ist es, was in der Stadt eigentlich gesucht wird. Eine Intensität.

L: Aber das ist doch auf jeden Fall viel schöner, mit einer gesunden Neugier als mit vorgefertigtem Wissen in eine neue Stadt zu gehen.

Es ist auf jeden Fall etwas ganz Anderes.

P: Mhm, mhm.

Aber du würdest doch auch sagen, dass in der Stadt eine Intensität gesucht wird, oder?

P: Ja, also klar, er ist immer egomanisch, unser junger Freund ...

Der das große Gefühl sucht, oder?

P: ... Der sich in sich selbst suhlt und jetzt auf dieser Platte versucht, in die Welt hinauszutreten.

Aber dort auch versucht, das große Gefühl zu finden?

P: Dessen kann er sich nicht entledigen.

Ich fand es ein bisschen seltsam, dass da einmal von \"amüsieren\" die Rede ist. Ich hatte eher so das Gefühl ...

P: Na ja, das ist - entschuldige, du hast schon wieder das Gefühl ...

Nein, sag ruhig, unterbrich mich bitte.

P: Amüsieren.

Der sucht ja nicht die Zerstreuung, der sucht doch wieder ein intensives Gefühl. Nicht die Ablenkung.

P: Wieso, was ist denn Amüsement für dich?

Ich weiß es nicht.

P: Na ja, in dem Stück \"Ich Geh In Die Stadt\" geht es auch um Überfluss, um Zu-viel-Kriegen. Es geht auch um Ertrinken. Das kommt vielleicht ein bisschen zu wenig zum Ausdruck. L: Aber die Worte fallen ja auch tatsächlich. P: Aber zum Beispiel unser Produzent war der Meinung, es geht ums Abfeiern von der Großstadt Hamburg. Aber darum geht es nicht so uneingeschränkt. Sondern auch um das Sich-Verlieren da drin. Abstürzen.

Aber auch das Abstürzen hat etwas Großes.

P: Was Großes? L: Ich finde, der Satz \"Ich ertrinke im Überfluss\" ist schon zwiespältig.



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