Wohnen mit Jimi Tenor

Neue Heimat

23.01.2003, 13:35, Text: Nicole Rother, Nicole Rother

Jimi Tenor hat eine neue Heimat. Falsch. Genau genommen sind es zwei: Barcelona und das Label Kitty-Yo. Von dieser Stadt hatte man ja schon viel gehört. Barcelona hostet ja nicht nur das Sonar, auch die MTV Awards fanden im letzten Jahr dort statt. Vor allem zieht es aber immer mehr Musiker und Künstler in die katalonische Hauptstadt am Mittelmeer: Console, Peaches, Robert Stadlober und Cristian Vogel sind nur einige derer, die dort leben oder für einige Zeit mal in Barcelona gewohnt haben. Und nun Jimi Tenor. Ob da wohl die Pan Sonic Jungs, mit denen er ja seit den legendären early Sähko Tagen verbändelt ist, dran schuld sind. Die beiden hat es ja bereits vor drei Jahren nach down under gezogen.

Kleine Rückblende in den Oktober: Tenors schon länger angekündigtes neues Album \"Higher Planes\" ist endlich fertig. Eigentlich der Zeitpunkt für die lästige Promotion. Aber Interviews mag er eigentlich keine geben, erfahre ich von seinem neuen Plattenlabel Kitty-Yo. Ganz anders sehe es aber mit einem Hausbesuch in Barcelona aus, der würde ihm schon gefallen - was natürlich bestens in die Wohnen-mit-Pläne des Intros passt. Zumal der Gedanke, dass der finnische Andy Warhol mir nicht nur Rede und Antwort steht, sondern mir gleich einen ganzen Tag seine neue Wahlheimat zeigt, einem Sechser im Journalistenreiselotto gleicht.

So geht es vom herbstlichen Deutschland ins wintersonnige Barcelona. Und nach einem kurzen Telefonat mit Jimi Boy auch gleich in eines seiner Lieblingscafés. Ich bin gespannt - man weiß ja nie, mit welchem Styling Highlight Tenor gerade wieder liebäugelt: crazy Kostüm, Hochzeitskleid, Priesterrobe (der Legende nach empfing ja ein anderer Spaßvogel, Safety Scissors jüngst seine Freundin am Flughafen von San Francisco als Nonne verkleidet; soviel zu skurrilen Typen) oder Badehose? Lange muss ich mich jedenfalls nicht mit meiner Vorstellungskraft allein vergnügen: Er hat es sich bereits in einer Ecke des Cafés bequem gemacht und nippt an einer Tasse Kaffee. Seine dicke, schwarze Hornbrille hat er gegen ein silbernes 80er-Jahre-Nerd-Gestell ausgetauscht. Zum warmen Wetter passend trägt er ein kurzärmliges rosa Hemd, leichte Anzughose und Klettverschluss-Turnschuhe. Sympathisch sieht er aus, der Jimi, der ja eigentlich Lassi Lehto heißt. Jimmy Osmond und die Liebe zum Tenor-Saxophon haben ihn damals zu seinem Künstlernamen inspiriert. Damals, als er noch im finnischen Wintersportort Lahti lebte und mit seiner Band, den \"Shamans\", die Tristesse noch zu Toppen versucht hat.

Zeit zum Sprechen. \"Hi\", sagt er leise, steht auf und schüttelt mir schüchtern die Hand. Und legt schon gleich viel offensiver nach: \"Hey, let`s go to the beach, because it warms our hearts.\" Oh, wie charmant, denke ich und sage \"Okay, beach is wonderful.\" Na, fängt doch gut an. Mit dem Taxi geht es dann zum \"Platja de la Barcelonata.\" Super, ein großer, schöner Strand, mitten in der Stadt. Was mir den Atem raubt, entlockt dem anscheinend bereits bestens akklimatisierten Finne lediglich: \"Ich hatte gehofft, es sei leerer hier. Lauter nackte Touristen, wie widerlich.\" Wir bleiben trotzdem und schlendern den Strand entlang. Ohne allzu viele Worte. Die Kite-Surfer scheinen ihn mehr zu interessieren als die eigene kleine Musikerwelt. Sympathisch. Jimi guckt ihnen gedankenverloren hinterher:\" Wow, they are flying\". Er scheint beeindruckt. Vielleicht denkt er gerade an sein großes Vorbild Sun Ra und wie es wäre, mit dem Raumschiff in andere Sphären zu fliegen, wie er selbst das ja auch einmal in einem Videoclip gemacht hat - oder kam er damals aus dem All? Egal. Irgendwie. Jimi scheint jedenfalls gerade wo ganz anders. Und wenn er dann spricht, kommen die Worte sehr langsam, ja träge aus seinem Mund. Die Pausen zwischen den Sätzen, sie sind lang, und nicht nur dem Denken geschuldet.

Neue Heimat I

\"Take Me Baby\". Das ist der Hit, der Jimi Tenor vor allem in der Techno-Szene bekannt machte - und zu einem Plattenvertrag bei Warp Records verhalf. Insgesamt drei Alben veröffentlichte er danach dort. Zuletzt \"Out Of Nowhere\". Dafür engagierte er ein ganzes polnisches Symphonieorchester; das war wohl nicht nur irrsinnig teuer, sondern auch zu teuer für Warp. Denn so richtig viele Platten gingen nicht wirklich über den Ladentisch. Ist er denn traurig über das Ende dieser Beziehung? \"Warp.\" Lange Pause. \"Sie haben mich gehen lassen.\" Es folgt eine weitere Pause. Dann wird die Stimme lauter und kommt mit deutlich mehr Aggressivität: \"Hey, jeder konnte dort machen, was er wollte - aber von mir wollten sie nur Popmusik. Und alles, was ich sonst produziert habe, wollten sie nicht veröffentlichen. Ich war einfach nicht mehr glücklich bei Warp. Ich war nur noch frustriert. Ich kann nicht immer nur geben - das ist nicht mein Stil.\" Wie absurd auch. Jimi Tenor steht nun mal für Skurrilität, Ambivalenz und Experiment. Das ist sein Stil. Der Tenorsound ist nicht Pop - und schon lange nicht mehr Techno: \" Mit dieser Musik habe ich schon lange nichts mehr am Hut. Das ist mir zu monoton und viel zu langweilig. Ich bin Live-Musiker, ich brauche Instrumente, ich brauche ein ganzes Orchester.\"

Was doch zwei richtige Stichworte auslösen können. Jetzt hört er jedenfalls gar nicht mehr auf zu reden, richtig erregt klingt er: \"Okay, auch ich habe allerlei elektronisches Equipment, aber jeder der Musik macht, sollte mehr können, als nur den Computer an- und auszuschalten. Die ganze Techno- und DJ-Szene ist so primitiv - da muss man nicht viel Können, um erfolgreich zu sein.\"

Zeit, mal ein bisschen über seine neue Wohnung zu sprechen. Schließlich ist das hier für die Wohnen-mit Strecke. Und siehe da, Strecke und aktuelles Album haben eine ganz schöne Schnittmenge; vor allem ein Erlebnis prägte ihn während der Produktion seines aktuellen Albums: \"Bei uns wurde eingebrochen und mein Computer gestohlen. Da die Noten für den Song dringend fertig werden mussten, habe ich dann alles per Hand mit Papier und Bleistift niedergeschrieben. So hatte ich es noch nie gemacht und musste es erst lernen - am Ende habe ich gemerkt, dass alles viel schneller geht, ohne das ganze technische Equipment. Danke, Computer-Mafia. Hahaha.\"

Seit dem Warp Split sind auch schon wieder zwei Jahre vergangen. Das erste Album danach, \"Utopian Dream\", erschien auf dem kleinen finnischen Label Sähko, bei dem einst alles angefangen hatte. Willkommen zu Hause. \"Hier hatte ich Narrenfreiheit. Aber Sähko macht nur ein Typ alleine - und der ist auch Künstler. Er hatte einfach keine Zeit, sich um mich zu kümmern.\" Also, machte Jimi Tenor sich wieder auf die Suche nach einem neuen Zuhause - und an die Produktion des neuen Materials von \"Higher Planes.\" Ob er denn glücklich sei, mit Kitty Yo? \" Ja, hier fühle ich mich wohl. Da sind Leute, die meine Musik ernst nehmen - und sich um mich kümmern.\"

Neue Heimat II

\"Yeah, yeah, yeah, this is a good day...\", singt Jimi Tenor auf\"Higher Planes\". Was sich aus der Warte der von Herbstmelancholie geprägten deutschen Journalistin ganz klar als Einfluss von Barcelona liest, ist dies so gar nicht: \"Nee, wenn ich Musik mache, denke ich fast immer nur an Finnland. Ich vermisse die finnische Natur manchmal sehr - ihre Seen und die Wälder.\"

So ist er dann auch extra gen Heimat gereist, um mit der staatlichen finnischen Big Band UMO (was soviel heißt wie: Das Orchester der Neuen Musik) zwei Lieder für das Album live einzuspielen. Und zwar mit Pauken, Flöten und Trompeten - und allem was dazu gehört: \"Es war großartig, mit solchen professionellen Musikern zusammen zu arbeiten - es waren insgesamt 17 Leute. Wenn ich auf Tour gehe, müssen mindestens 12 und mehr Musiker dabei sein. Um \"Higher Planes\" live zu performen, brauche ich nämlich ganz viele Hörner und viel Percussions.\" Ja, Jimi Tenor braucht es immer bombastisch. Das sind wir ja schon vom letzten Warp Album und dessen Livepräsentation gewohnt.

Bombastisch ist irgendwie auch die richtige Begrifflichkeit für das neue Album. Es ist vielleicht etwas überladen geworden, aber so vielschichtig, derart voll von Zitaten und Allusionen, dass man vor lauter Aha-Erlebnissen gar nicht auf kritische Gedanken kommen kann: Dirty Harry meets Jimi Hendrix meets Barry White meets Erick von Däniken und noch viel mehr. Eine wahre funky Psychedlic-Rock-Musik-Orgie. \"I decided to make a u-turn...\", sagt er, und \"all these ideas don`t come out of nowhere...\" Und neben Vorbildern wie Sun Ra und der inspirierenden Wirkung der Finnischen Heimat, ist es doch auch Barcelona, das ihm einen kreativen Schub gegeben hat: \"Das Meeresrauschen und die täglichen Sonnenaufgänge hier haben mich auf jeden Fall inspiriert. Den Song ‚Higher Planes' habe ich in der Woche komponiert, als meine Frau im Krankenhaus war und unsere Tochter Phoebe zur Welt gebracht hat,\" sagt er mit stolzem Lächeln, \" sie ist meine größte Inspiration.\" Wenn man den Song hört, spürt man, wie er im siebten Himmel geschwebt haben muss.

Seine Frau, das ist die Soul-Sängerin Nicole Willis. Jimi Tenor hat sie in New York kennengelernt, wo er unter anderem als Touristen-Fotograf auf dem Empire State Building gearbeitet hat. Auch in London und Berlin hat er schon mal eine Zeit lang gelebt. Aber da ist ihm das Wetter zu schlecht - und New York kann er sich nicht leisten.

Aber so ganz klar kommt der Finne dann doch noch nicht mit der spanischen Mentalität: \"Es ist zum Beispiel nicht einfach, in spanischen Studios zu arbeiten. Ich passe mich nur schwerlich an den hiesigen Rhythmus an. Hier hat der Tag nur acht Stunden, davon werden drei Stunden Mittagspause und zwei Stunden Kaffeepause gemacht - und dann gehen alle wieder nachhause. So kann ich nicht arbeiten. Nee, da geh ich lieber nach London oder Helsinki. Da ist es nämlich keine Frage, dass du das Studio 12 Stunden lang ohne Pause benutzen kannst. Das ich dennoch in Barcelona lebe, liegt daran, dass ich mich hier frei fühle. Das ist vielleicht nicht die Stadt, in der am meisten los ist, aber als Musiker verbringst du ja sowieso hundert Nächte im Jahr in Clubs und bist froh, dass du nicht noch überall Action um dich herum hast. Hier gehe ich nicht in Bars, sondern spiele lieber PingPong im Park.\"

Dass in Barcelona nicht viel los ist, stimmt natürlich genauso wenig, wie er die kommunizierten Worte ernst meint. Auf die Frage nach dem weiteren Verlauf unseres Trips, folgt jedenfalls das_

Barcelona-Trash

\"Ich kenne eine sehr nette Bar hier in der Nähe - die Champagneria. Da gibt es Champagner, Würstchen und Käsebrötchen.\" Eine wilde Mischung. Aber warum nicht: Wir schlendern also durch die Gassen. Die Bar ist versteckt gelegen, wie das meiste in Barcelona, und hat den Charme eines Pferdestalls. Von den Decken hängen lauter Schinken und Würste, auf einem Schild steht \"Especialitats Alemanyes\". Ah, die Speisekarte. Herrlich, es gibt \"Frankfurt\", \"Grobe\", \"Bratwurst\" und \"Hot Dog\". Seine Lieblingskneipe ist das wohl nicht, sondern eher ein Spaß auf meine Kosten. Hinter der Theke wuseln ein Haufen Spanier herum und servieren im Akkord billigen Champagner und andere Spezialitäten des Hauses. Ich bekomme einen Hot Dog und ein Glas Champagner. Wir prosten uns zu. Und Jimi liefert den passenden Trinkspruch: \"Auf meine neue Heimat.\" Dann fotografiert er noch den Müll, der überall auf dem Boden der Champagneria herum liegt. \"Barcelona-Trash, auch das ist meine Heimat, hehe\".



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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