Hagedorn

Gewächshouse

23.01.2003, 13:33, Text: Christoph Büscher, Christoph Büscher

Über Hagedorns Erstling \\"Miss Construction\\" hieß es mal, er erweitere das Potential der graden Bassdrum zu einer neuen Form von House, die nicht nur Club-, sondern auch Home-Listening Potential besitzt. \\"Home Grown\\", der zweite Longplayer, der jetzt genau wie sein Solo-Debüt auf dem Stuttgarter Oni.tor-Label erscheint, geht da konsequent weiter. Neben funktionalen Clubtracks geht es hier klar in den Mid- und Downtempo-Bereich. Und wer Hagedorns langjähriges Hauptprojekt, die Computerjockeys, kennt, weiß auch, dass dabei mit viel Detailbesessenheit, Minimalismus und aufgeräumter Funkyness viele richtig schöne Sampling-Pop-Wunder entstehen.

Wer beim Albumtitel also an Althippies mit hydroponischer Hanffarm im Keller denkt, liegt total daneben. Dies sind keine esoterischen Soundschlieren für zugepaffte Hinterzimmer, sondern polierte und geschliffene Perlen elektronischer Musik.

Kurzer Erinnerungsversuch: Ende der Neunziger machten Hagedorn und Digital Jockey als Computerjockeys Ernst mit dem Verzicht auf Midi und Instrumente. Zwei Laptops mit Audio-Sequencer Software und eine gut sortierte Sample-Sammlung später war mit \\"Ping Pong\\" der erste Hit fertig. Nach Anfängen im Battery Park/Liquid Sky Umfeld und dem Debüt beim reaktivierten Harvest-Label der EMI, gab es vor zwei Jahren mit dem Soundtrack zur MTV-Serie \\"Golden Boy\\" und dem zweiten Album \\"Plankton\\" bei Island einen klaren Ausflug in Richtung elektronische Popmusik. Während Digital Jockey mit dem Projekt Guitar seiner Vorliebe für My-Bloody-Valentine-mäßige Drones auslebte, konzentrierte sich Hagedorn auf die Fertigstellung liegengebliebener Solo-Tracks: \\"Die ganzen Hanf-Assoziationen sind mir erst nachher aufgefallen\\", verteidigt Hagedorn die Titel. \\"Ich hatte dabei eher so das Bild, dass ich die ganzen Samples und Sounds, die sich über die letzten zwei Jahre angesammelt haben, in meinen Computer eingepflanzt habe, und daraus ist eben die Platte gewachsen. Manche Stücke sind unterwegs eingegangen, andere geradezu aufgeblüht.\\"

Folgerichtig ziert ein leicht unscharf fotografierter Strauss Rosen das Albumcover. Und diese sehen so frisch aus, als hätte man sie eben erst geschnitten. Dabei sind manche von Hagedorns Sound-Pflänzchen schon anderthalb Jahre alt. Grund dafür war unter anderem Nachwuchs im Hause Hagedorn. Statt in die Clubs geht es daher in die Krabbelgruppe. Vielleicht auch ein Grund, warum viele Stücke eher im gedrosselten Tempobereich angesiedelt sind. Hagedorn experimentiert zwischen Funktionalität und Atmosphäre, ohne dabei die Reduktion auf das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Auf der einen Seite führte das zu durchaus tanzbaren Nummern wie \\"Funk Infection\\" (ebenfalls auf 12'' mit Remixen von Frank Martiniq und Jörg \\"Modernist\\" Burger), die mit fetter Bassline ein wenig klingt, als hätte Fatboy Slim den Dom-Style für sich entdeckt, während auf der anderen Seite ruhige Stücke wie \\"Heart\\" oder \\"Inquieta\\" stehen, die mit eher schleppenden Beats arbeiten (\\"Heart\\" basiert tatsächlich auf einem gesampleten Herzschlag) und durch warme Flächen auffallen (die portugiesisch vorgetragenen Vocals kommen übrigens von unserer ehemalige Redaktionsassistentin Roseli Ferreira). Zwischen diesen Polen vermittelt Hagedorn auf Tracks wie \\"Pause\\" seine Fähigkeit, zwischen deepen Beats und einer minimal reduzierten Popeuphorie zu vermitteln.

Ihr habt als Computerjockey ja früher ganz auf Midi und Instrumente verzichtet und alles mit Samples gemacht. Ist das bei deinen Solo-Sachen auch so?

Das ändert sich langsam. Ich habe jetzt auch einen Synthesizer und arbeite mich da so langsam ein. Ich arbeite zwar immer noch mit derselben Software, bin aber auch dazu übergegangen, mehr mit selbst hergestellten Sounds zu arbeiten, d.h. ich habe viel mit diversen Softwaresynthesizern und Sequenzern rumexperimentiert. Die Platte besteht etwa nur noch zu 50% aus fremden Samples, wobei diese bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet werden.

Du bist jetzt Vater und kümmerst dich viel um das Kind. Ich stelle mir das total schwer vor, man braucht ja eine gewisse Zeit beim Produzieren, um sich auf ein Stück einzulassen, das kann man schließlich nicht mal eben zwischendurch machen.

Das war wirklich schwer. Ich hab erst im Nachhinein gemerkt, wie viel Zeit ich vorher mit der Musik verbracht habe. Wenn es gut läuft, sitze ich sonst so drei, vier Tage am Stück an einem Track. Ich brauche viel Zeit, um da richtig reinzukommen. Die letzten anderthalb Jahre waren total schwer, ich hab viel nachts gearbeitet, musste aber auch immer früh wieder raus und mich um das Kind kümmern. Seitdem er in der Krabbelgruppe ist, habe ich vormittags vier Stunden. Das ist auch nicht grade viel. Musik kann man eben nicht einfach so abbrechen, und dann später damit weitermachen, da muss man am Stück arbeiten.

Dieser Sprachsample \\"Electronic music machine\\" auf dem gleichnamigen Track hat mir gefallen. Der klingt so schön programmatisch.

Das ist ein Sample von Raymond Scott, der in den 30ern Cartoon-Soundtracks gemacht hat und dann später eigene elektronische Instrumente entwickelte. Er hatte bereits in den 50ern einen richtigen Gerätepark und hat damit u.a. Werbemusik aufgenommen. Es ist erstaunlich, wie modern diese Sachen selbst heute noch klingen. Sehr minimalistisch und elektronisch, und das ganz ohne die heutige Computertechnik. Von Scott stammen u.a. auch diese drei Platten \\"Soothing Sounds for Babies\\". Das sind kurze elektronische Kompositionen, die man seinen Kleinkindern zur Beruhigung vorspielen soll ...

... davon hat der Kollegen Jochen Bonz mal was erzählt, als er seine erste Tochter bekam. Hast du die eurem Kind mal vorgespielt?

Schon. Die sind ja richtig wissenschaftlich unterteilt, eine für die ersten sechs Monate, dann Teil 2 bis zu einem Jahr. Bisher zeigt sich unser Kleiner aber nicht sonderlich davon beeindruckt. Der hat zurzeit ein anderes Lieblingsstück. Ich glaube zuletzt war das \\"Bam Bam\\" von Sister Nancy, so ein alter Reggae-Klassiker...



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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