Jan Jelinek avec The Exposures

Armut als Ausweg

23.01.2003, 13:27, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Das Verwunderliche gleich vorweg: Jan Jelinek hat ein Popalbum aufgenommen. Zumindest nennt er selbst es so, fügt aber im Gespräch gleich hinzu: \"Trotzdem sollten es keine Popsongs werden, nichts, was wirklich nach Pop klingt.\" Entstanden ist also Beinahe-Pop, geschmeidig, catchy und dennoch abstrakt, fragmentiert. Aber was kann man sich darunter vorstellen? Dieser Artikel geht auf Spurensuche, versucht, eine Platte zu beschreiben, deren Tracks so geschickt aufgebaut sind, dass sie sich gegenüber jeglicher Beschreibung sperren.

Jan Jelinek debütierte auf Scape mit \"Loop Finding Jazz Record\", einem sehr minimalistischen Album, das fast ausschließlich auf leicht verschobenen Loops aufgebaut war.

Schon damals war der Titel irreführend, denn mit Jazz hatte das eigentlich nichts zu tun, es sei denn im Sinne einer losen Assoziation. Schließlich entstehen die für den Jazz so charakteristischen \"blue notes\" ebenfalls durch minimale Verschiebungen, durch Abweichen und Umspielen der \"reinen Noten\". Jelineks neues Album \"La Nouvelle Pauvreté\" schließt daran an, arbeitet wieder mit zahlreichen Loops und nutzt dabei die vorgefundenen Geräuschquellen, Rauschen und Knistern, doch etwas wesentlich Neues ist hinzugekommen: Die Samplequellen sind über weite Strecken erkennbar. Aus rhythmischen Texturen, die manchmal so klingen, als würde Rauschen hier wie Ein- und Ausatmen eingesetzt, werden Melodien herausgeschält - selbst Gesang hat Einzug in einige Tracks gefunden. Die Quellen reichen von Stevie Wonder bis Sun Ra, von Bryan Ferry bis Throbbing Gristle. \"Es ging mir nicht darum, mit den Samples homogen umzugehen, es lag mir also fern, eine bestimme Zeit oder eine bestimmte musikalische Epoche zu zitieren\", erzählt Jan. Zu dieser Äußerung passt, dass die Samples zwar stellenweise wieder erkennbar sind, aber reduziert, beinahe sloganhaft wirken. Jelinek lässt keine Aura des Nostalgischen aufkommen, vermeidet allen Retro-Touch, sondern nutzt vor allem die Gesangsamples wie Geisterstimmen, blass, ungreifbar, etwas, das hologrammartig vorbeihuscht.

Elektronische Musik jenseits von Dancefloor wurde in den letzten zehn Jahren vor allem von zwei entgegengesetzten Konzepten bestimmt: von radikalem Reduktionismus auf der einen Seite, also das Clicks'n'Cuts-Prinzip bis zur totalen Beschränkung auf Sinuswellen oder Auslaufrillen, auf der anderen Seite von einem wuchernden Sampling-Crossover, der von Soul bis Latin, von Jazz bis Rock möglichst alles in die eigene Musik integrieren wollte - was seine Extremform bei Formationen wie Add N To (X) findet, deren Musik vor lauter Bombast beinahe zu implodieren droht. Beide Entwicklungen sind in eine Sackgasse geraten, drehen sich allein schon deshalb im Kreis, weil Unter- und Übertreibungen irgendwann einmal an einen toten Punk geraten. Vom Konzept her scheint es, als habe \"La Nouvelle Pauvreté\" gerade deshalb einen Ausweg aus der Sackgasse gefunden, weil sich das Album beider Prinzipien bedient. Formal bleiben die Nummern minimalistisch, doch die stilistische Palette der Samples ist riesig, schreckt diesmal sogar nicht vor Spielarten wie Rock und Folk zurück. Doch das ist nur der erste Eindruck. Die Samples klingen allesamt so entschlackt, dass sie keinerlei Assoziationen zu Livemusik aufkommen lassen, selbst noch das kurze, heftige Gitarrenfeedback zu Beginn von \"There Are Other Worlds\" - wahrscheinlich von Throbbing Gristle übernommen - klingt wie ein Fremdkörper, hat so gar nichts von Power und Authentizität. \"Ich möchte mich nicht in die Tendenz derjenigen einreihen\", sagt Jan, \"die wieder richtige Konzerte und handgespielte Musik fordern. Bei mir bleibt der Entstehungsprozess der Samples hörbar, sie klingen nun mal nicht nach einer Band, sondern nach zu Hause entstandenen Samplequellen.\"

Diesbezüglich kommt \"La Nouvelle Pauvreté\" zur richtigen Zeit, hört sich auch an wie eine Korrektur oder doch zumindest Infragestellung des ganzen Booms rund um Elektroclash und Achtzigerjahre-Schick. Jelinek-Samples verzichten darauf, die Atmosphäre einer bestimmten Zeit wieder zu beleben. Wenn er wie im Auftakter Jazzmelodien und auch noch Publikumsapplaus als Samplequelle verwendet, dann wird da kein intimer, von Schneebesen und Kontrabass umspielter Abend im Jazzkeller nachgestellt, denn im Hintergrund pumpt bereits die Funk-Maschine, von Kratzen und Schaben begleitet, und macht alle kuschelige Stimmung zunichte. Nein, Jelinek arbeitet nicht destruktiv, zerstört die Stile nicht, sondern setzt sie vielmehr in einen ahistorischen Kontext, entschlackt sie dadurch. \"Das ganze Achtziger-Revival interessiert mich schon alleine deshalb nicht, weil mein Interesse nie an eine ganz bestimmte Zeit gebunden war. Die Achtziger sind sogar das, woran ich mich am wenigsten abgearbeitet habe.\"

\"La Nouvelle Pauvreté\" lässt sich aber auch noch anders beschreiben, nämlich als ein Laptop-Album, das so tut, als wäre es von einer Band aufgenommen worden. Mit den Exposures hat Jan eine fiktive Begleitband erschaffen, ein weites Spiel mit Lesarten, aber vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass sich die ganze Diskussion um Rock versus Elektronik längst totgelaufen hat. \"Ich finde nicht, dass das Gerede darüber, welche Musik als zeitgemäß gelten darf, sehr viel gebracht hat. Ich selbst höre Musik aus den verschiedensten Zeiten und habe mich also nie für großspurige Thesen interessiert, die davon ausgingen, dass der Song oder die Gitarre nicht mehr zeitgemäß wären. Dasselbe schlägt ja wieder auf Laptop-Musik zurück, inzwischen gilt die bei vielen wiederum als verbraucht.\" Und doch ist die zentrale, bereits im Titel vorhandene Frage von \"La Nouvelle Pauvreté\", wie sich inmitten des ganzen Ballasts von Geschichte etwas Neues schaffen lässt. Jan umgeht das Problem eines \"Klingt wie\" spielerisch, indem er musikalische Elemente aus mehr als vier Jahrzehnten in seine ganz eigene, karge Klangsprache integriert. Wer die neue Armut, der die Klangquellen dadurch ausgesetzt werden, als politisches Statement lesen möchte, kann das gerne tun. Es bietet sich an, drängt sich aber so wenig wie irgendetwas anderes an dieser bewusst uneindeutigen Musik auf.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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