Aqualung

Schöner Traum

23.01.2003, 13:26, Text: Stephan Ossenkopp, Stephan Ossenkopp

Ohne Talent holt man auch aus dem teuersten Studio nichts raus. Und mit Talent braucht man keins. Matt Hales (aka Aqualung) gebiert sogar aus einer Nische zwischen Bad und Klo ­ dort steht nämlich sein Heimstudio - ein blendendes Musikwerk. Songs, die schon seit x Jahren in seinem Kopf herumgeistern, hat er mit seiner Frau Kim und seinem Bruder Ben in Heimarbeit aufgenommen, um einer Psychose vorzubeugen. Denn Matt wollte eigentlich ein \"ernster\" Komponist werden und seinem Held Fouré nacheifern. Andererseits wollte er auch immer wie Brian Wilson ein Pop-Komponist sein. \"Das Großartige\", sagt Matt, \"an Aqualung ist, dass es in gewisser Weise die beiden Stränge zusammengebracht hat.\" Das nun erscheinende Debütalbum ist übrigens per Zufall aus der heimischen Nische herausgekrochen und in England quasi über Nacht berühmt geworden.

Manchmal trifft es eben mysteriöserweise die Richtigen.

Mit seiner Ex-Band, The 45s, hatte Matt schon 19-jährig einen Indie-Plattenvertrag. Dann wechselten sie zu Mercury Records und gingen langsam aber sicher unter. Die Single zündete nicht, das zweite Album kam nie heraus, die Ambitionen der Band fuhren sich fest, man gab schließlich auf. Nur wenig später drehte der Wind. Eine Agentur, die Matt ab und zu mit Auftragsarbeiten für Bühnenaufführungen und Werbefilme bediente, war der Verzweiflung nahe, weil absolut keine ihrer für den Beetle-Spot ausgewählte Musik passen wollte. Panisch rief man auf den letzten Drücker alle an, deren Nummern man im Karteikasten hatte. So auch Matt, der einfach abschickte, woran er gerade arbeitete, eine düster-sehnsuchtsvolle Ballade namens \"Good Times Gonna Come\". Für den Rest der Story braucht man ein Verständnis für Vorsehung, denn alles passte plötzlich, der Clip wurde gesendet, und nicht lange danach häuften sich die Anrufe bei Fernsehen und Radiostationen. Halb UK war plötzlich wie versessen auf diesen Song. Mit dem Geld für den Job nahm er dann das restliche Album auf.

Apropos Vorsehung. Eine persönliche Begebenheit zu erzählen, sei dem Autoren erlaubt, der am selben Abend, nachdem er vom Interviewort Hamburg zum Wohnort Berlin zurückgefahren war, bei einem Konzert einer jungen Dame namens Jennifer vorgestellt wurde. Als ich von Matt Hales erzählte, riss sie ihre Augen weit auf. Die Schottin Jennifer und Matt waren lange Jahre ein unzertrennliches Paar, bis sie sich trennten, und er die Schauspielerin Kim Oliver ­ in England bekannt als die drogensüchtige Gefängnisinsassin Buki Lester aus der BBC-Serie \"Bad Girls\" ­ heiratete. Am Morgen in Hamburg sagte Matt noch, dass man sich \"den Auswirkungen und Möglichkeiten von Unerklärbarem und Mysteriösem nicht verschließen\" dürfe. Die Zusammenarbeit mit seinem Bruder Ben sei für ihn übrigens der Beweis für die Existenz von Telepathie. \"Telepathie ist sehr hilfreich für die musikalische Arbeit, denn es erspart eine Menge Zeit\", sagt Matt, \"denn Musik kann man ja eh nicht erklären, da sie emotional ist und sich verbaler Beschreibung entzieht.\" Deshalb nur so viel: Aqualung entfalten in schaurig melancholischen Mollakkorden minimalistische Klavierstücke, mehrstimmig gesungene kleine Wunderhymnen und aufwühlend orchestrierte Pop-Schmachtfetzen. Matts Stimme klingt oft so nahe, dass man seine Zunge leicht schnalzen hört, um darauf wieder wie ein Duftstoff im Äther zu verdampfen. Irgendwie treffen auch Matts Worte zu, die er eigentlich über Fourés Requiem aussprach, dass einem \"das Leben als Traum und den Tod als Überleitung in einen neuen, noch schöneren Traum erscheinen lässt.\"



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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