Wohnen mit Attac

Keine Luxusteile

23.01.2003, 13:25, Text: Till Stoppenhagen, Till Stoppenhagen

Christoph Bautz: Ich wohne mit etwa 20 anderen Leuten zusammen auf einem Bauernhof in Dörverden bei Bremen. Da lasse ich mir gerade ein Zimmer unterm Dach ökologisch ausbauen. Vorher hab' ich hier auf dem Grundstück in einem Bauwagen gelebt, den ich aus Darmstadt, wo ich herkomme, mitgebracht habe. Der war schon damals zu meinen Punk-Tagen meine erste eigene Wohnung. Von daher fehlt mir im Moment noch einiges, zum Beispiel ein Hochbett und Vollholz-Möbel aus heimischen Hölzern, die ich mir bauen lasse. Einen Fernseher brauch' ich auf jeden Fall nicht. Auf der Van-Gogh-Ausstellung in Bremen habe ich mir ein paar Kunstdrucke gekauft und dann gerahmt, oder diese Fotos von den südamerikanischen Landarbeitern waren auch etwas teurer, aber ansonsten habe ich keine Luxusteile in meiner Wohnung.

Mein Lieblingsmöbel ist die Couch hier in meinem WG-Gemeinschaftsraum, den ich mir mit vier anderen Leuten teile.

Hier verbringe ich die meiste Zeit, wenn ich zu Hause bin, was in letzter Zeit leider viel zu kurz gekommen ist. Wir alle planen, hier auf Dauer wohnen zu bleiben, und betrachten diese Form des Zusammenlebens nicht nur als Zwischenphase. Das Zusammenleben klappt auch ohne Probleme, wir haben ähnliche Auffassungen, sind alle politisch engagiert, jeder hat hier seine festen Aufgaben und so weiter. Das sind auch die entscheidenden Kriterien, wenn wir einen neuen Mitbewohner suchen. Wir haben eine gemeinsame Kasse für alle Ausgaben im Haushalt, in die jeder seinem Einkommen entsprechend einzahlt, und das System funktioniert super. Na gut, manchmal gibt's Diskussionen, ob wir mal teureren Käse kaufen oder doch lieber den jungen Gouda, aber sonst ...

Eigentlich bin ich ein etwas chaotischer Typ, aber da ich sehr viel im Büro in Verden bin, sieht's hier einigermaßen ordentlich aus. Der Abwasch steht meist nicht länger als anderthalb Tage herum. Wir haben eine Spüluhr, und je länger man wartet, desto mehr hat man dann zu tun. Der Klodeckel ist bei uns immer unten. Wir haben ein Kompostklo, bei dem alles in einen Metallbehälter geht und dann später als Kompost entnommen werden kann - so spart man eine Menge Wasser. Wir teilen uns auch eine Waschmaschine mit allen 20 Mitbewohnern, denn mit der Energie, die bei der Herstellung verbraucht wird, kann man so eine Maschine jahrelang betreiben.

Unsere Hof-WG ist aus einem ökologischen Projekt entstanden. Wir hatten damals mehrere Höfe zur Auswahl, bei diesem hier gab schließlich die gute Verkehrsanbindung und die Nähe zu Bremen den Ausschlag. Das kulturelle Leben der Großstadt, Theater, Partys, Bars, Konzerte wie zum Beispiel Tocotronic neulich im Schlachthof oder die AgitPop-Partys in der Buchtstraße, das ist mir schon wichtig. Wenn ich mal in die Kneipe will, fahre ich dann zwar fast eine halbe Stunde mit der Bahn, aber andererseits brauche ich auch die Ruhe hier auf dem Land, weg von der Betonwüste und dem Krach in der Stadt, um von meiner politischen Arbeit wieder runterzukommen. Das wird jetzt wahrscheinlich etwas weniger werden, da Attac nach Frankfurt zieht. In letzter Zeit war ich sehr viel unterwegs, Vorträge, Pressegespräche und so weiter, aber auf solchen Reisen sehe ich zu, dass ich bei Freunden übernachte. In Hotels gehe ich eher selten. Mit unseren Nachbarn verstehen wir uns gut. Als wir mal das Dach neu decken mussten, haben sie uns geholfen. Ansonsten schnackt man mal ein bisschen, wenn man sich trifft, es herrscht ein ganz entspanntes Verhältnis.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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