Beth Gibbons & Rustin Man

Rund um Beth Gibbons

23.01.2003, 13:18, Text: Jochen Bonz, Jochen Bonz

Es ist dunkel, und ich bin etwas spät dran. Auf dem Weg von der U-Bahn zum Hotel verlaufe ich mich deshalb gleich noch ein bisschen, sodass mein Weg nicht direkt über den Shepherds Bush, sondern durch eine kleine, parallel verlaufende Seitenstraße Kensingtons führt, als ich Beth Gibbons sofort - freilich: sofort - in einer von zwei Frauen erkenne, die mir entgegenkommen. Unterwegs in die andere Richtung, vom Hotel zum Shepherds Bush, wo das kleine Empire-Theater liegt, in dem die Sängerin von Portishead an diesem Abend ihr neues (gemeinsam mit Rustin Man aufgenommenes) Album \\"Out Of Season\\" vorstellen wird.

Die beiden gehen also auch hinten lang. Die Künstlerin und ihr A&R? Die beste Freundin? Sie wirken konzentriert und unaufgeregt. Gut, es sind nur wenige Momente, in denen ich sie sehe. Aber doch lange genug, um mich dagegen zu entscheiden, sie anzusprechen. Um uns allen ein schönes Konzert zu wünschen?

Wenn ich etwas weiß an diesem Abend, wenn es im Hinblick auf diesen Konzertbesuch und seine Begleiterscheinungen eine Information gibt, die ich im Kopf habe, dann die, dass Beth Gibbons in Ruhe gelassen werden möchte. Sie gibt keine Interviews - das hat sie im Übrigen schon vor fünf Jahren bei der Präsentation des letzten Portishead-Albums nicht mehr gemacht. Warum? Das beschäftigte mich auch schon damals. Jedenfalls werde ich in den folgenden Stunden zwar viel mit Beth Gibbons zu tun gehabt haben, ihr aber nicht noch einmal so nahe gekommen sein. Ich hätte sie anrempeln können im Schein einer Londoner Straßenlaterne. Weil sie sich der journalistischen Befragung entzieht, bleibt Beth Gibbons eine offene Frage. Entschuldigung, Quatsch, das ist doch einfach zu blöd. Wenn schon, dann muss es genau anders herum heißen: Weil sie eine offene Frage ist, gibt Beth Gibbons keine Antworten. Kreisen wir also um diese faszinierende Gestalt. Und: machen an ihr einige Beobachtungen. Geben uns selbst ein wenig Antwort.

Das Konzert

... ist sehr schön. Die Rahmenbedingungen sind auch günstig: Beim Shepherds Bush Empire handelt es sich, wie gesagt, um einen kleinen Konzertsaal, der früher ein Theater gewesen sein muss. Alles wirkt sehr gepflegt; zum Beispiel hängen überall gerahmte Fotos der Stars, die hier schon aufgetreten sind - und es sind wirklich alle wichtigen britischen Popstars. Wie in einem Jazz-Club. Dann - das Publikum. Freundlich. Normal. Langweilig? Ex-Studenten. Bürgerliche eher Thirty- als Twenty-Somethings. Sozusagen das mögliche Personal des nächsten Nick-Hornby-Romans, wenn dieser nicht auch immer älter werden und entsprechend auch über immer Ältere schreiben würde. Sagen wir: Leute wie du und ich, nämlich: Hornby-Leser. Ein bisschen langweilig, aber nicht dumm. Freundlich, aber mit dem Gefühl, dass etwas Entscheidendes in ihrem Leben fehlt. Beth Gibbons? Vielleicht das, was sie verkörpert; was sie zum Ausdruck bringt. Das, wofür sie steht. Als es dann so weit ist, fallen drei Dinge auf.

Erstens: das dezente Licht, in das die Bühne getaucht wird und das den Eindruck von Jazz, von Kunst noch verstärkt, aber in diesem Zusammenhang nicht albern ist. Eher ein bisschen feierlich. Zusammen mit dem Publikum ergibt es eine unangestrengte Atmosphäre der Konzentriertheit.

Zweitens: die Positionierung der vier oder fünf Musiker im Bühnenraum. Rechts die Tasteninstrumente, links die Saiteninstrumente, hinten das Schlagzeug, vorne der Akkordeonspieler: Rustin Man a.k.a. Paul Webb, bei den frühen Talk Talk Bassist, später Mitglied einer Gruppe namens O'Rang, die, wie er mir am folgenden Vormittag im Interview zu verstehen gibt, sowohl personell als auch vom Ansatz her viel mit Talk Talk zu tun haben muss. Improvisationspop? Er spricht nicht viel darüber, und ich weiß nichts davon, also ... Jetzt sitzt er jedenfalls da. Später wird er zu einem anderen Instrument wechseln, gerade so wie alle anderen auch: Klavier, Harmonium, Mundharmonika, Kontrabass, Cello, Geige, diverse Gitarren, diverse Gitarreneffektgeräte - findet alles statt. Aber wie! Nichts - oder: nur wenig - gegen das Album, aber live sind die Stücke viel pointierter. Ihre ganze Struktur ist klarer, die Sounds sind reduzierter, wirken einzeln und deshalb auch im Arrangement viel ... mehr. Und irgendwie kommt genau das schon in der Anordnung der Positionen auf der Bühne zum Ausdruck. So viel vielleicht auch zur Gemeinsamkeit mit Talk Talk. Hier, in dieser Klarheit einzelner Positionen, die die Grundlage des Zusammenspiels bilden, wird die Nähe zu Talk Talk greifbar (sonst aber nicht).

Drittens: natürlich Beth Gibbons. Nach einer Stunde Klagen, Wispern, Wünschen schlendert sie weg vom Mikrofon, hin zur Band, mit dem Rücken zum Publikum, Kopf wippend - okay, das hat sie schon ein paar Mal an diesem Abend gemacht. Das heißt noch nichts außer, vielleicht, Schüchternheit. Dreht dann allerdings bei und geht nach vorn und hinunter zum Publikum. Sie sieht sehr schmal aus. Und, als sie zurückkommt, sehr zufrieden. Mit den Leuten hat sie sich eben verständigt, einmal von links nach rechts, und sich eine Zigarette organisiert. Die saugt sie nun aus, Kopf wippend, während die Band ihre Zurückhaltung zugunsten einer anderen Form der Kunstrock-Attitüde aufgegeben hat: Es ist jetzt zum Schluss noch richtig laut geworden. Lächeln. Zweimal Dankeschön sagen, zugleich unsicher und bestimmt. Ab.

In Der Hotelbar

Dort ist anschließend ganz schön was los. Ich gehöre mittlerweile zu einem kleinen Grüppchen deutscher Popjournalisten, das sich nach dem Konzert gefunden hat. Wir sitzen zusammen in einer Ecke, und um uns herum geschieht etwas, dessen Zauber sich auch uns mitteilt. Das gesamte Hotel ist eine enorm stylishe Angelegenheit. Und was macht die Beth-Gibbons-Truppe? Sie nutzt diesen Glanz für sich, zweifellos; er macht alles hell. Aber sie benimmt sich dabei keinesfalls aufgeblasen, sondern wie auf einem Fest guter Freunde. Ist das Glamour auf der Ebene von Normalität? Jedenfalls nicht die Form von Glamour, wie sie überall gezeigt und herbeigeschrieben wird. Es ist nicht so etwas total Einsames und zu einem Bild Erstarrtes.

Für mich macht sich DAS an der Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen fest, die hier einfach dazuzugehören scheinen. Die fallen nicht aus dem Rahmen; vielmehr nimmt sie der soziokulturelle Rahmen, der sich hier noch für eine gute Stunde zeigt, selbstverständlich in sich auf. Vieles scheint da seinen Platz zu haben, und im Gespräch mit Paul Webb idealisiere ich diese Erfahrung vom Vorabend später zu einem Ideal von Patchwork-Familie. Dem stimmt der etwas feiste Endvierziger (?) gerne zu und macht daraus den wesentlichen Punkt des Interviews, indem er sagt: \\"Wir arbeiten nicht mit vielen Leuten; wir kennen uns alle schon lange; wir leben alle zurückgezogen; wir machen unser Ding, ohne uns um andere zu kümmern; wir sprechen eine gemeinsame Sprache - was dazu führt, dass bei unserem Musik-Machen die Farbe ständig feucht gehalten wird.\\"

Rustin Man Macht Portishead Ohne Hiphop-Beats

Interessant ist noch Webbs Ansicht, es gehe ihnen um ein \\"cosy feeling\\", um Wärme. Um Nostalgie als Sich-wohl-Fühlen. Das bringt ihn auch auf den Namen Cab Calloway. Außerdem verbindet er es mit der gesuchten Abwesenheit von Drums. Die haben sie zwar verwendet, aber mit einer bestimmten Aufnahmetechnik ganz weit in den Hintergrund gerückt.

Wenn sich über Portishead, von denen auch ein neues Album in Arbeit ist, sagen lässt, es gehe um eine spezifisch europäische Formulierung von HipHop, etwa: um die Erfahrung sozialer und kultureller Desintegration, vor deren Hintergrund Ennio Morricone einem als wahr und richtig erscheinen kann, und man diese Erfahrung für die Gegenwart formuliert, wobei sich Letzteres an den HipHop-Beats festmacht, nicht nur, weil die modern sind, sondern auch an sich diesen Effekt haben: ein Jetzt herzustellen - was bleibt dann nach dem Weglassen der Gegenwart übrig bei Gibbons und Webb? Die entscheidende Frage. Mögliche Antwort: Eine Besinnung auf elementare Momente britischen Pops, in dem Stax-Bläser, wie schon vor gut zwanzig Jahren etwa bei Dexy's Midnight Runners, dafür zuständig sind, für den nötigen Schwung zu sorgen. Während andere Elemente für ganz andere Schwingungen sorgen, ganz andere Konnotationen mit sich führen; die einen an eine windige britische Küste und weiter ins Meer entführen. Oder verführen sie einfach zu einer Tasse Tee? Der warme, wehmütige, gut: melancholische und eben auch nostalgische Reduktionismus kreist um Beth Gibbons' Stimme, eine große europäische Soul-Stimme, eine Stimme von \\"wahrer Tiefe\\" (Webb).

Beth Gibbons Gegenüber

Gegenüber Beth Gibbons kann man sich auf unterschiedliche, aber jeweils bestimmten Regeln folgende Weise verhalten. Das beobachte ich am auf den Konzertabend folgenden Vormittag, der im Zeichen des Wartens auf das Webb-Interview steht und - natürlich - im Zeichen von Beth Gibbons. Diese Regeln werden kein substanzielles MEHR an Information über Beth Gibbons bringen, aber eine weitere Kreisbewegung, noch eine Schlaufe in unserem hermeneutischen Zirkel hinzufügen, eine weitere Facette ihrer Stilisierung.

Zur Situation: Die Protagonisten sind zurück in der Hotel-Bar. An einem Tisch die Musikpresse, am anderen Beth Gibbons. Dort sitzt sie stundenlang, unterhält sich, trinkt mit und verabschiedet sich nach und nach von den angereisten Freunden. Das ist die Umgangsweise, von der alle Teil sein wollen. Die Patchwork-Familie, die Künstler-Gartenparty, der normal-glamouröse Alltag. Die zweite Regel gilt für uns: Abstand halten. Sie wird - wie das bei Regeln nun einmal der Fall ist - in der Überschreitung sichtbar. Die besorgt Joachim Hentschel vom für seinen Regelbruch gegenüber einem anderen female Star, Herta Däubler-Gmelin, berüchtigten Tübinger Tagblatt. Ich korrigiere mich: Ex-Tübinger Tagblatt, jetzt Rolling Stone. Der sympathische Stoffel und Socializer sucht zweimal den Kontakt zu Beth Gibbons, einmal, am späten Abend, um sie anzusprechen. Einmal jetzt, um sich dafür zu entschuldigen. Dass er damit die Regel durchbricht, wird nur darin deutlich, dass es ihm keiner nachmacht. Ärger gibt es keinen, vielmehr scheint sich Beth Gibbons über die Kontaktaufnahme zu freuen. Er kehrt zu uns mit der Botschaft zurück: Interviews gebe sie nur nicht, weil sie nichts zu sagen habe. Beth Gibbons - keine Antworten, sondern: die offene Frage. Und als solche zentriert sie - eher linkisch, nebenbei, ohne Absicht - den Raum von Bühne, Bar, Platte. Darüber hinaus auch die Patchwork-Familie? Und Fans? Eine dritte Regel gibt es auch noch. Ihr folgt der distinguierte Barkeeper, indem er in regelmäßigen Abständen Schnäpse serviert, die freundlich abgewehrt und dann doch getrunken werden. Es gibt ja auch Grund zu feiern.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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