Christian Kjellvander

Sag Das Nie!

23.01.2003, 13:16, Text: Stephan Ossenkopp, Stephan Ossenkopp

\"Es mag langweilig wirken, ein Idealist zu sein, aber es ist immer noch der beste Acker, um darauf zu wachsen\", sagt der schwedische Songwriter Christian Kjellvander. Er ist ein besonnener Typ, seine Musik spricht eine sehr verinnerlichte Sprache, beschreibt Bilder aus seinem Gedächtniskabinett. Ein kriegsmüder Soldat taucht darin auf, alte Spielplätze, Freunde aus der Kindheit und schätzungsweise eine Million Fragen über die Liebe. Kjellvander belässt es glücklicherweise bei unaufgelösten Kapiteln, legt sie uns offen hin, wie sie sind, ohne irgendwie den ethischen Zeigefinger zu schwingen. Die tief poetischen, auf Country, Folk und akustischem Pop fußenden Songs wollen nichts weniger bekommen als die Hingabe des Hörers, damit er / sie ihre Demut und Uneigennützigkeit begreifen lernt.

Als Christian jung war, war er eher ein Nihilist, hielt es für seine persönliche Identität, einfach zu allem nein zu sagen. Ein Schock krempelte ihn völlig um: \"Als wir mit 17 anfingen, machten wir einfach nur Punk. Als ich 22 war, starb unerwartet mein Vater. Das war ein Schlag mitten ins Gesicht. Ich wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Er war nur 46. Bis dahin war ich eben so ein normaler Slacker-Typ. Als das passierte wurde mir klar, dass ich nicht Nichts haben wollten, was ich vorzeigen konnte. Ich wusste, dass ich jetzt Musik machen wollte, die ich auch mit 50 noch spielen wollen würde.\"

Er reduzierte alles auf die Stimme und das Songgerüst, ging auf Musik und Rhythmus in völlig neuer Weise ein, gab dem Zusammenspiel der Band zentrale Bedeutung, damit jeder Song seine eigene Präsenz bekam. Der traumatische Verlust löste einen Sinneswandel aus. Christian kam zu der Erkenntnis, dass man als Mensch unmöglich einen unabänderlichen Standpunkt haben könne. Die \"Two-Room Chapel\" aus dem Titel des Albums steht dabei symbolisch für ein Paradoxon: \"Eine Kapelle repräsentiert eigentlich den einzig richtigen Weg. Ein Raum, von dem man alles Böse fernhält und in dem man die guten Dinge zusammenbringt. Der Titel konstatiert zwei Räume, zwei Mal genau die gleiche Instanz, die beide unerschütterlich von sich behaupten, die Wahrheit gefunden zu haben, obwohl sie das Gegenteil voneinander sind. Hier ist das Wahre und dort ist auch das Wahre, und jetzt wähle aus. Du musst ständig nachsinnen und abwägen, um voranzukommen.\"

Die Philosophie, dass man Ungereimtheiten und Widersprüche auszuhalten lernen muss, hat sich Christian Kjellvander zueigen gemacht. Doch man bekommt es nicht in Form von Zerrbildern und zynischen Kakophonien, sondern - ganz im Gegenteil - in mal hochsensibel flüsternden und mal hingebungsvoll aufschäumenden Songs dargeboten, die den Komponisten und den Hörer in einem Ritual der Versöhnung - z.B. mit der eigenen Vergangenheit oder emotionalen Unzulänglichkeiten - vereinen können. Denn, so Christian, \"um der Zukunft zugewandt zu sein, musst du die Vergangenheit mit einbringen. Du kannst die Entscheidungen, die du im Leben gemacht hast, nicht leugnen. Eine Menge Leute denken `Ach, damals, da habe ich nur dummes Zeug gemacht.´ Sag das nie! Du hast dir auch damals etwas dabei gedacht. Erinnere dich daran und würdige es, damit du daraus Kraft ziehen kannst, die dich voranbringt.\" Diese Reife und Abgeklärtheit haben ihm und seiner Musik bereits sehr gute Kritiken eingebracht. Und um sich von schlechten Kritiken negativ beeinflussen zu lassen, dafür ist Christian Kjellvander einfach zu gleichmütig und selbstbewusst. \"Ich mache die Arbeit, die ich tun muss. Wenn die Songs aufgenommen sind, ist ein Prozess abgeschlossen und ich muss weitergehen.\"



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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