
DJ Spinna
Alarmstufe Dope
23.01.2003, 13:13, Text:
Uwe Buschmann,
Uwe Buschmann
HipHop auf der Flucht. Wohin man auch blickt: Schlechte Trendprognose begleitet von Krisenherd-Gemurmel. Was tut jemand wie DJ Spinna in solchen Zeiten? Er hat ein paar MC-Freunde ins Studio eingeladen und einfach ein cooles Producer-Album rausgehauen. Anders als bei manch berühmterem DJ-Kollegen besteht hier aber nicht die Gefahr, dass die Beats einzig auf einen chartbekannten MC projiziert werden. Das Album \"Here To There\" baut auf dope Instrumentals, denen, abseits einer glänzenden Pop-Chart-Welt, das Bewusstsein für die eigene Existenz nie abhanden gekommen scheint.
Wie sieht dein persönlicher HipHop-Jahresrückblick für 2002 aus? Ganz ehrlich? Also, HipHop ist so kommerziell geworden, wie man es sich kaum vorstellen konnte.
Brennt da noch ein Licht am Ende des Tunnels? Das ist Amerika. Alles, was jetzt mit HipHop passiert, ist typisch für dieses Land. Wenn du hier aufgewachsen bist, kann dich das nicht wirklich überraschen. Seit dem 11. September ist die Situation insgesamt nicht gut. In der breiten Masse werden immer weniger Platten gekauft. Das trifft ein kleines Indie-Label nur viel härter. Es gibt kaum mehr Geld für Promotionzwecke. Und die Vertriebe halten sich auch immer mehr zurück. Sie haben Angst, an einen Ladenhüter zu geraten. Gleichzeitig hat sich in New York die Anzahl der Radiostationen, die Underground-HipHop-Shows senden, dramatisch verringert. Davon gibt's zur Zeit vielleicht gerade noch zwei oder drei. Vor zwölf Monaten waren es noch über zwanzig. Die echten HipHop-Fans müssen also jetzt in einen Plattenladen nach Long Island fahren, um die neuesten Underground-Scheiben auszuchecken. Aber durch die Sparpolitik der Vertriebe finden die Leute nicht mehr alle Neuerscheinungen vor Ort. Es ist ein echter Teufelskreis. Der Underground muss wieder mehr Selbstinitiative entwickeln. Sich selbst Alternativen suchen.
Ist es für dich persönlich schwierig, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Mein Glück ist, dass ich mich musikalisch nicht nur auf eine Richtung festgelegt habe. Ich produziere natürlich HipHop-Tracks. Aber ich kann genauso gut auch House, Jazz oder Soul produzieren. Ich habe Tracks für die Jigmastas oder J-Live gemacht, aber ich habe eben auch mit Ronnie Jordan, 4 Hero, DJ Krush oder Rae & Christian zusammengearbeitet und einen Mix für Michael Jackson gemacht. Diese Vielseitigkeit zahlt sich jetzt aus. Wie fällt deine Prognose für HipHop im Jahre 2003 aus? Was wird passieren?
Das ist sehr schwierig. Solange das Musikbusiness nicht wieder in die Hände von Leute zurückkehrt, die sich wirklich für Musik interessieren, wird es so weitergehen. Selbst die ganzen großen Major-Labels gehören ja mittlerweile zu irgendwelchen Mega-Konzernen, denen es nur um Gewinne geht, egal, bei welchem Produkt. Die Kreativität der Branche wird dadurch nicht gerade gefördert.
Es gibt momentan fast keinen Chart-Track, der nicht durch die Hände der Neptunes/Nerds ging. Britney Spears, No Doubt, Justin Timberlake, Beyonce Knowles, Nelly ... ... Noreaga, LL Cool J, Snoop Dogg, Jay-Z ... Ich weiß, ich weiß. Sie haben momentan eine Art Beat-Monopol. Ihr großer Vorteil ist, dass sie dir ein komplettes Paket anbieten können. Sie liefern dir nicht nur die Beats, sondern auch noch den Hook dazu. Und es ist natürlich die catchy Hookline, die deinen Song in die Charts katapultiert. Sie sind wie früher diese Komponistenteams bei Motown. Sie sind eine Hit-Fabrik mit Airplay-Garantie. Aber sie sind auch wirklich gut dabei. Und kreativ. Es gibt bei ihnen immer wieder Beat-Variationen, die dich aufs Neue überraschen und total ausknocken. Zum Ende des Jahres gab's fast so etwas wie ein kleines, aber feines Oldschool-Revival. Sowohl bei den Beats und Samples als auch beim Namedroppin' in den Lyrics. Missy Elliott oder The Roots seien da nur genannt. Sogar J.Lo mit ihrer \"Jenny From The Block\"-Single hängte sich daran. Wie ist das musikalisch einzuordnen?
Ich glaube, dass manche diese Oldschool-Tage wirklich vermissen. Und so werden solche Dinge von Zeit zu Zeit immer wieder passieren. Das ist auch gut so. HipHop sollte sich immer seiner ersten Tagen bewusst sein. Es hat also durchaus einen erzieherischen Wert. Außerdem ist es für einen Producer eine kreative Herausforderung, Oldschool-Elemente in einem zeitgemäßen Track zu präsentieren.
Wenn man sich die Gästeliste auf deinem Album \"Here To There\" anguckt und sich auch sonst ein bisschen mit deiner Karriere beschäftigt hat, verstärkt sich der Eindruck, dass du bewusst auf die ganz großen Namen hinterm Mikrofon verzichtet hast?! Ja, das stimmt. Für mich ist erst einmal wichtig, dass der Track wirklich funky ist. Ich liebe die 70er- und 80er-Jahre, die Musik, die da in den Clubs gespielt wurde. Sie klang futuristisch, hatte gleichzeitig aber auch immer Wärme und Melodien. Das waren noch echte Kompositionen. Das versuche ich mit meinen Stücken auch. Ich hätte natürlich weitaus namhaftere Gäste in mein Studio einladen können, aber warum? Es gibt so viele MCs oder Sänger, die absolut fantastisch, nur leider nicht so bekannt sind. Sie haben mehr Aufmerksamkeit verdient. Nur einen Star wollte ich unbedingt für mein Album kriegen, den ich leider nicht bekommen habe: Mos Def. Er hatte auch schon zugesagt, aber dann war er mit den Dreharbeiten zu seinem Kinofilm einfach zu busy.
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