Erlend Øye

Der Drei Phasen Mann

23.01.2003, 13:11, Text: Heiko Hoffmann, Heiko Hoffmann

Das White Trash ist ein seltsamer Konzertort - selbst für Berliner Verhältnisse. Früher war es mal ein China-Restaurant. Die Inneneinrichtung ist noch immer die alte. Und auch Essen wird nach wie vor serviert. Nur sind die Fensterscheiben jetzt abgeklebt, streng genommen ist der Eintritt ausschließlich für Mitglieder und es steht an diesem Sonntag im November nur ein Gericht zur Auswahl: Curry, Reis, Gyros und Pommes - alles nebeneinander auf einen Teller gereiht. Dazu eine Flasche Heinz Ketchup. Im mittleren Speisezimmer steht Erlend Æye mit seiner Akustikgitarre und gibt ein paar Lieder zum besten. Von den zwanzig Gästen im Raum ist vielleicht die Hälfte anwesend, um ein Konzert von 50 Prozent der Kings Of Convenience zu hören.

Ein Viertel kennt Erlend, weil er fast jede Woche ins White Trash kommt. Der Rest fragt sich, wer dieser schlaksige Kauz mit der viel zu großen Brille wohl ist, der sie beim Essen stört, und kommt zu dem Entschluss, dass es auch egal ist und quatscht weiter.

Undankbarkeit allerorts

Probleme mit unruhigem Publikum kennt Erlend schon von seinen Kings Of Convenience Konzerten her. Allein mit der Kraft von zwei Stimmen und Akustikgitarren kommt man halt nicht immer gegen ein Rockkonzertpublikum an. Doch an diesem Abend weiß Erlend souverän, damit umzugehen. Mitten im Lied improvisiert er den Text und beginnt, über die ignoranten Restaurantbesucher zu singen. Die merken's gar nicht, und alle anderen amüsieren sich köstlich. Während bei Kings Of Convenience Konzerten Erlends ausführliche Songankündigungen manchmal etwas zu viel des Guten sind, passen seine Anekdoten hier wunderbar. Erlend erzählt vom Videodreh - Regisseur ist Jarvis Cocker - zur Single \"Sudden Rush\", bei dem er gerade war, und wegen dem er einen Schnurrbart trägt und seine Lieblingsjacke, von einer Tortenschlacht beschmutzt, nicht dabei hat. Er berichtet von Werbedeals und seinem Soloalbum, spielt Lieder seiner Gruppe und von der neuen Platte sowie von George Michael und AC/DC. Für ihn und etwa 15 weiterer Leute ist es ein äußerst gelungener Abend.

Zwei Tage zuvor ist Erlend an einer anderen Stelle zu hören, die nicht gegensätzlicher zu seinem Auftritt im White Trash hätte sein können. In Barcelona laufen die MTV European Music Awards, und Royksopp, die wie Erlend aus Bergen, Norwegen stammen, bekommen den Hauptpreis für \"Poor Leno\". Sicher, es ist müßig, Vermutungen anzustellen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass \"Poor Leno\" nicht den gleichen Erfolg gehabt und demzufolge auch nicht den Preis bekommen hätte, wenn Erlend nicht Gesang und Melodie zu dem Lied beigesteuert hätte. Doch bei der Verleihung ist davon nichts zu merken. Während ihres Auftritts bei den MTV Awards tun Royksopp so, als wenn sie den Song selbst singen würden, und auch bei den Danksagungen wird Erlend nicht erwähnt. \"Mich hat das nicht überrascht\", meint Erlend. \"Bei einer Preisverleihung in Norwegen haben sie das gleiche gemacht. Royksopp sind da etwas eigen. Natürlich könnten sie mich zu solchen Anlässen auch einfliegen lassen, aber das wollen sie nicht. Um ehrlich zu sein, wären sie gerne diejenigen gewesen, die den Song geschrieben hätten. Das macht nicht viel Sinn, aber Royksopp sind nicht besonders gut darin, anzuerkennen, wenn ihnen jemand geholfen hat.\"

Ein Leben als Werbetexter

Denkt man an Kings Of Convenience, denkt man - auch wenn man seinen Namen nicht kennt - an Erlend Æye. Schon auf dem Cover ihres allerorts gefeierten Debütalbums \"Quiet Is The Loud\" ist es Erlend, der sein markantes Gesicht selbstbewusst in die Kamera hält, während sich die andere Hälfte Eirik Glambek Boe hinter einem unbekannten Mädchen versteckt. Erlend ist derjenige, der bei Interviews druckfertige Soundbytes von sich gab, während Eirik meist schwieg. Und Erlend ist nicht zuletzt stolzer Urheber des zum Schlagwort gewordenen Albumtitels. Wenn man ihn fragt, ob er sich auch ein Leben als Werbetexter vorstellen könnte, empfindet er das als Kompliment, nicht als Beleidigung. Doch der erste Eindruck täuscht. Bei der Musik von Kings Of Convenience ist Erlend eher der Mann im Hintergrund. Bis auf eine Ausnahme (\"Failure\") stammt der Leadgesang auf \"Quiet Is The New Loud\" ausschließlich von Eirik, und auch die Songideen gingen meist von ihm aus. Schon relativ bald nach Erscheinen der Albums vor zwei Jahren war Erlend klar, dass er erst einmal eigene Projekte verfolgen würde, bevor es wieder an die Arbeit für eine weitere Kings Of Convenience Platte ginge. Eirik hasste die Konzerttourneen, Erlend liebte sie. Eirik wollte sich in Bergen erst einmal wieder um seine Freundin und sein Psychologie-Studium kümmern. Erlend war solo und wollte weg.

Das Leben in Bergen

In Bergen laufen die musikalischen Fäden bei Mikal Tellé zusammen. Der 25-Jährige, der wie Erlend weder raucht noch trinkt und das so gesparte Geld lieber für Platten ausgibt, betreibt einen der wenigen unabhängigen Plattenläden der Stadt, eine Bookingagentur, eine Clubnacht und ist DJ. Vor allem aber gehört ihm die kleine Plattenfirma Tellé mit ihren etlichen Sublabels - ein hörenswerter Überblick der ersten Singles, die zumeist in einer Auflage von 500 Stück rauskamen, erschien Ende 2001 unter dem Titel \"Wall Of Sound Presents Tellé\". Zum Tellé Künstlerstamm gehören, bzw. gehörten neben Royksopp und Kings of Convenience (die ihre ersten drei Singles auf dem Unterlabel Ellet veröffentlichten) auch der von Detroit Techno und Dub beeinflusste Bjorn Torske und Annie, deren vor zwei Jahren veröffentlichte und auf einem Loop von Madonnas \"Everybody\" basierende Single \"The Greatest Hit\" auch heute noch viele DJ-Sets krönt. Produziert wurde \"The Greatest Hit\" von Annies Freund Tore Kroknes alias DJ Erot. Er starb kurz nach Erscheinen der Platte an den Folgen eines langjährigen Herzleidens. Neben Mikal war Tore der wichtigste Mann bei Tellé. Er produzierte viele der Veröffentlichungen und entwarf das Labellogo. Mit den Kings Of Convenience nahm er zum Beispiel \"Gold For The Price of Silver\" - eines ihrer schönsten Stücke - auf. Erlend und Eirik widmeten ihm \"Versus\", das Remix-Album, auf dem auch das Lied zu finden ist.

Von der einstigen Gruppe von Tellé-Künstlern ist mittlerweile lediglich Bjorn Torske beim Label geblieben. Royksopp, Kings Of Convenience und Annie sind dem Ruf größerer, erfolgversprechender englischer Plattenfirmen gefolgt. Dass die vielversprechendsten Musiker irgendwann zu größeren Firmen wechseln, ist das Schicksal vieler kleiner Labels auf der ganzen Welt. Doch in Norwegen - wo es keine wirklich funktionierende alternative Struktur zu den Majors gibt - ist kaum etwas anderes möglich. Freunde sind sie trotzdem geblieben. Sofern sie in Bergen sein sollten, treffen sich die Musiker freitags im Café Opera, und jeden Sommer gehen sie ein Wochenende lang auf einen gemeinsamen Fjordausflug, der auch Erlends und Mikals Antialkoholismus auf die Probe stellt.

Erlend verdankt Mikal Tellé nicht nur das Sprungbrett zur internationalen Popkarriere, auch seinen Musikgeschmack hat der Tellé Macher entscheidend geprägt. Es ist noch gar nicht so lange her, da war Erlend ein ziemlicher Indie-Rock-Purist mit ausgeprägter Pop-Sensibilität. Während seiner Pubertät trug er selbstgemalte A-ha T-Shirts in der Schule, etwas später wurden Gruppen wie The Smiths oder die Red House Painters zu seinen Lieblingsbands. Es war klar, dass wenn er einmal selbst Musik veröffentlichen sollte, diese mit Gitarre und Gesang gemacht werden würde, nicht mit Plattenspielern oder Samplern. Doch als Erlend vor einigen Jahren Mikal kennenlernte, weitete sich auch sein musikalischer Horizont: Disco, Easy Listening, Hardcore-Punk, Folk, Electro hatten alle ein Zuhause auf Tellé. Und weil das Angebot an musikalischen Abendprogramm in Bergen - auch wenn es die zweitgrößte Stadt Norwegens ist - begrenzt ist, geht halt jeder zu den Konzerten und Parties des anderen. \"Mal angenommen du hörst nur Techno mit 145 BPM und lebst etwa in London, dann kannst du dich ausschließlich mit anderen Leuten treffen, die Techno mit 145 BPM hören. Vermutlich gibt es dort sogar ein 145 BPM Cafe. In Bergen gibt es aber wahrscheinlich nur eine einzige Person, die auf Techno mit 145 BPM steht. Wenn du nicht ein langweiliges Leben ohne Freunde führen willst, bist du also gezwungen, dich mit anderen Leuten auseinanderzusetzen.\"

Von \"Versus\" zu \"Unrest\"

Nach \"Gold For The Price Of Silver\", ihrer Zusammenarbeit mit DJ Erot, war das nächste Zeichen für Kings Of Conveniences, und speziell Erlends gewachsener Vorliebe für elektronische Musik, ihre im Oktober 2001 veröffentlichte Platte \"Versus\" - einer Zusammenstellung teils unveröffentlichter Remixe, Gemeinschaftsarbeiten und Coverversionen. (Der von der Plattenfirma ausgesuchte Titel bereitete auch Erlend Kopfschmerzen: Mal davon abgesehen, dass \"Versus\" einer der einfallslosesten Namen für eine Remixplatte ist, die man sich vorstellen kann, ist er auch schlicht falsch und unangebracht. Kings of Convenience ging es auf der Platte gerade nicht um ein \"Gegen-\", sondern vielmehr um ein Miteinander.) Als Ganzes konnte \"Versus\" letztendlich nicht überzeugen, doch großartige Remixe von Four Tet (\"The Weight Of My Words\"), oder die Produktion mit Erot zeigten, dass die Stimmen von Eirik und Erlend nicht nur im Folk- und Lagerfeuer-Kontext funktionierten. Und sie manifestierten zu einer Zeit, in der der Begriff Indietronica gerade die Runde machte, dass das Interesse von Eirik und Erlend an elektronischer Musik nicht unerwidert blieb.

Als \"Versus\" erschien, hatte Erlend die Arbeit an seinem Solo-Album bereits begonnen. Nur wusste er zunächst nicht einmal, dass aus dem, was er gerade macht, ein Album werden würde. \"Im Sommer vor zwei Jahren war Annie eingeladen, auf dem Koneisto Festival in Finnland zu spielen. Ich hatte genügend Freimeilen für zwei Flüge nach Finnland, also habe ich Mikal eingeladen, mit mir zusammen dorthin zu fliegen\", so Erlend. \"Auf dem Festival kam ich gleich mit drei unterschiedlichen Leuten in Kontakt, aus denen sich später Songs für das Album ergeben sollten.\" Die Leute waren die Opel Bastards (die mittlerweile eine neue Gruppe namens Kilogram gegründet haben), Mr. Velcro Fastener und der Manager von Jolly Music (und Nature Labeleigentümer), Marco Passarani. \"Die Opel Bastards kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und von Jolly Music sollte ich erst später hören. Aber das Konzert von Mr. Velcro Fastener war für mich eine absolute Neuentdeckung. Das war das erste Mal, dass ich Electro in dieser Form hörte. Gleichzeitig ging das Publikum ab wie auf einem Punkkonzert. Ich dachte: ‚Wow! Wenn ich das mit meiner eigenen Stimme kombinieren könnte.\" Doch das erste Stück für das Solo-Album entstand mit Timo und Villunki von den Opel Bastards. Beim Soundcheck zu einem Geheimauftritt der Band, der am Tag nach dem Koneisto Festival stattfand, spielte Erlend ein paar Akkorde auf seiner Gitarre, und Timo und Villiunki improvisierten dazu. Innerhalb von zehn Minuten stand das Gerüst für \"A While Ago And Recently\".

Reisen im Zeichen der Musik

Timo und Villunki kommen aus Helsinki, Mr. Velcro Fastener aus der finnländischen Hafenstadt Turku. Bald hatte Erlend auch ein Stück mit den schwedischen Electro-Poppern Kompis aufgenommen, die gerade bei Mikal Tellé gastierten. Und mit Bjorn Torske wollte Erlend eigentlich auch schon lange mal einen Track machen. Langsam entstand ein Muster und aus dem Muster schließlich die dem Album zugrunde liegende Idee: Warum nicht mit zehn elektronischen Produzenten aus zehn Städten zehn verschiedene Songs aufnehmen? Naheliegende Zweifel, wie etwa, dass zu viele Köche den Brei verderben könnten, lies Erlend gar nicht aufkommen. Seiner Plattenfirma erzählte er erst von dem Vorhaben, als bereits die Hälfte der Stücke im Kasten waren. \"Das Konzept für die Platte kam mir in mehrfacher Hinsicht entgehen: Ich liebe es zu tanzen, und das ist eine Seite von mir, die bei Kings Of Convenience nicht zur Geltung kam. Außerdem entdeckte ich gerade diese ganze elektronischen Produzenten. Und auch die unterschiedlichen Städte waren von Vorteil. Ich reise gern, und die wechselnden Orte inspirierten mich mehr, als wenn ich die ganze Zeit in ein und demselben Studio gewesen wäre.\" Erlend war es wichtig, mit den jeweiligen Musikern tatsächlich zusammen zu arbeiten, anstatt sich lediglich Bänder hin- und herzuschicken, auch wenn das bedeutete, dass es nur wenig Möglichkeiten für gemeinsame Änderungen gab - es wäre schlicht zu aufwendig gewesen, an einen Ort zurückzukehren.

Auf dem fertigen Album finden sich neben den erwähnten Produzenten noch Prefuse 73 (Barcelona), Morgan Geist (New York), Soviet (Shelton, Conneticut), Minizza (Rennes) sowie Schneider TM (Berlin). Auf die Musiker stieß er entweder selbst oder zusammen mit seinem A&R Manager Jo Hillier (der zuvor schon Royksopp zu Wall Of Sound geholt hatte). \"So war das zum Beispiel mit Morgan Geist. Mir fiel der Name zum ersten Mal auf, als ein DJ im Café Opera einen seiner Tracks spielte. Als wir dann überlegten, mit wem ich noch zusammenarbeiten könnte, riefen Jo und ich zeitgleich: Morgan Geist! Und drei Monate nachdem ich zum ersten Mal von ihm gehört hatte, saß ich auch schon bei ihm in Brooklyn im Studio. Das war ziemlich cool.\"

Nur mit dem Tanzen sollte es nichts werden. \"Die meisten der Produzenten hatten wohl eine ähnliche Vorstellung von mir. Die dachten ‚Ah, Kings Of Convenience' und machten dann sowas in Richtung Chill Out oder Listening Electronica. Auf der einen Seite ist das auch in Ordnung. Ich wollte ja auch eine Pop-Platte machen, aber auf der anderen Seite wollte ich halt auch was zum Tanzen, Tanzen, Tanzen! Irgendwann habe ich mich allerdings damit abgefunden, dass das mit dem Tanzaspekt wohl nicht so richtig was wird.\" \"Unrest\", wie Erlend sein erstes Solo-Album genannt hat, ist ein gelungenes Album. Bedenken, ob die temporäre Wandlung vom Folkgitarristen zum Electropopper klappen würde, erweisen sich als unbegründet. Wahrscheinlich ist: Wer \"Quiet Is The New Loud\" mochte, wird auch \"Unrest\" mögen. Ironisch ist allerdings, dass die Platte gerade an dem Punkt, bei dem man es am wenigsten erwartet hätte, Schwächen aufweist: Die Arbeiten der zehn eigentlich sehr unterschiedlichen Produzenten fielen nicht etwa zu heterogen aus, sondern klingen hintereinander gehört tatsächlich eher zu gleichförmig. Mehr Abwechslung hätte da nicht geschadet.

Der erste Geburtstag in Berlin

Erlend feiert seinen 27. Geburtstag. Am 22. November lädt er ein dutzend Freunde und Bekannte ein, die er im letzten Jahr kennengelernt hat. Im letzten halben Jahr, das meint: seitdem er in Berlin wohnt. Ein paar norwegische Mädchen sind dabei, einige Musiker, auch Matthew Safety Scissors schaut kurz vorbei. Die Produktmanagerin seiner Berliner Plattenfirma ist anwesend und auch die von Kitty Yo - ursprünglich hatte Erlend vorgehabt, auch mit Gonzalez ein Stück für sein Album aufzunehmen. Im Flur müssen die Schuhe ausgezogen werden, in der Kreuzberger 3-Zimmer-Wohnung herrscht Rauchverbot, wer Bier trinken will, muss es selbst mitbringen - nett ist es trotzdem. Die Party konzentriert sich auf die Küche. Es stehen ein paar lebensgroße Pappfiguren rum, von Leuten, die beim Album mitgemacht haben. Im CD Player läuft das aktuelle Coldplay Album. Neben dem Klo liegt ein alter Stapel Jetzt-Hefte, und auf dem Wäscheständer hängt die Jacke, die beim Videodreh mit Jarvis Cocker in Mitleidenschaft gezogen wurde. Irgendwann nach Mitternacht bittet Erlend die Gäste zu einem kleinen Akustikkonzert ins Wohnzimmer. Vor zwei riesigen Fotos von Bergen bei Nacht spielt erst sein Freund Sascha Steinfurth ein paar Stücke, dann stellt er selbst Songs des neuen Albums vor. Während des dritten Liedes klingelt das Telefon: Eirik gratuliert aus Bergen. Erlend bedankt sich, und erklärt, dass er gerade mit Freunden zusammen sitzt und ein paar Lieder spielt. Eirik möchte zuhören, also legt Erlend den Telefonhörer auf eine Tasche, die neben ihm steht, und spielt weiter. Danach ist Eirik an der Reihe. Erlend hält den Hörer ans Mikrofon, dreht den Lautstärkeregler hoch und Eirik spielt ein Lied, das er gerade komponiert hat. Viel versteht man nicht - aber es ist eines der schönsten Geschenke, die man Erlend an diesem Tag hätte machen können.

\"Im Dezember vorletztes Jahr kam ich nach Berlin, um ein paar norwegische Freunde zu besuchen\", sagt Erlend. \"Nach Weihnachten zogen sie zurück nach Norwegen und ich in ihre Wohnung ein. Berlin ist billig, die Wohnung groß. Ich hab Platz für meine Gedanken, und der Flughafen Tegel ist phantastisch.\" In Berlin hat sich Erlend schnell eingelebt, und kaum ein Monat vergeht, in dem er nicht irgendwo auftritt - egal, ob er im NBI Akustikversionen der neuen Songs ausprobiert, oder auf einer Britpop-Party The Smiths \"There's A Light That Never Goes Out\" zum Silicone Soul-Mix von \"Poor Leno\" singt. Erlend liebt die Aufmerksamkeit und steht gerne im Mittelpunkt, selbst wenn er nicht selbst auf der Bühne steht. Wenn DJ Hell eine Gigolo-Party für 2000 Leute gibt, tanzt Erlend als erster, wenn der New Yorker Disco-DJ Daniel Wang unangekündigt in einem Miniclub auflegt, ist er der einzige auf der Tanzfläche. Und als Morgan Geists Projekt Metro Area einen gefeierten Auftritt in der Berliner Panoramabar hatte, hüpfte auch Erlend wie ein Flummi in der Menge. Die ersten Worte, die Erlend nach dem Konzert an Metro Area richtete, waren tatsächlich: \"Ich glaube, das Publikum hat mich geliebt!\" \"Wenn Leute Erlend kennenlernen, läuft das meist in drei Phasen ab\", erzählt Mikal Tellé. \"Zunächst ist man von ihm fasziniert und verbringt gerne viel Zeit mit ihm.

Dann kommt ein Phase, in der er einem extrem auf die Nerven geht. Doch das geht vorbei, und schließlich erkennt man, dass er ein Mensch ist, den man mag.\" Viele der Leute, die Erlend in Berlin kennengelernt hat, befinden sich gerade irgendwo zwischen Phase eins und zwei. Erlend selbst denkt, dass sein Leben in Berlin auch \"Unrest\" zugute gekommen ist: \"Ich hab neue Leute getroffen, das war wichtig. Das Problem in Bergen ist, dass die Leute dort sich schon so ewig lange kennen. Du siehst immer die gleichen Gesichter. Und merkwürdigerweise fühle ich mich in Bergen nicht sonderlich anerkannt. Viele meine Freunde interessieren sich nicht für das, was ich mache, und es ist schwer, Feedback von ihnen zu bekommen. Das ist schon komisch: In Norwegen war unsere Platte auf Platz eins der Charts, und hier erzählt mir jemand wie Matthew (Safety Scissors), dass er die Musik hasst, die ich mache. Aber dennoch fühle ich mich hier besser verstanden.\"

Momentan gibt es auch keinen Grund, die Stadt zu verlassen. Neben den Songs zu \"Unrest\" hat Erlend im letzten Jahr eine Reihe weitere Stücke aufgenommen, die meisten davon in Berlin. Mit Matthew zusammen hat er einen Remix für den Kalifornier Dntel gemacht, er hat eine Coverversion von \"Last Christmas\" eingespielt, einen Track für Techno-Produzent Dan Bell eingesungen und arbeitet ständig mit Sascha Steinfurth, der auch Mitglied seiner Live-Band ist, an neuen Stücken. \"Ich werde die nächsten Monate auf Tour gehen und viel zu tun haben. Warum sollte ich da wieder wegziehen? Es würde nur Sinn machen, zu gehen, wenn ich mich langweilen würde.\"

Bleibt noch die Frage, was jetzt aus den Kings Of Convenience wird. \"Wenn die ganzen Promotion-Aktivitäten zu meinem Album beendet sind, etwa in einem halben Jahr, werden Eirik und ich uns um die nächste Kings Of Convenience kümmern\", ist Erlend überzeugt. Ein paar Wochen nach seinem Geburtstag hat er Eirik nach Berlin eingeladen, um ihm die Stadt schmackhaft zu machen. \"Er weiß es noch nicht, aber unser nächstes Album werden wir hier aufnehmen.\"



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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