MTV Cribs

At home you feel like a pop star

22.01.2003, 17:48, Text: MichaelMKrumbein, MichaelMKrumbein

\"Wohnen mit\", das steht für die große Begierde, mal ins Wohnzimmer und Toilettenzimmer der Popstars zu schauen, den Abgleich mit der eigenen kleinen miesen Existenz zu machen, und - via dem auf der Mattscheibe erfahrenen Glamour der Anderen - den eigenen Selbsthass, den Neid auf die Celebreties noch mehr hochzufahren. Und sie - kein Widerspruch - dabei aber auch noch tierisch zu begehren. \"Wohnen mit\", das bedeutet aber auch, analog zu unserem letztjährigen break-through Format \"Kochen mit\", dass man dem Popstar mal in einem anderen Kontext begegnen kann als in den üblichen, limitierten Rahmenbedingungen der gescheduleden Interviewtage.

Denn, so die Idee dahinter, wenn man den Künstler aus diesem System herausbekommt, ihn in ein gemütlicheres, lockereres Ambiente versetzt, dann bekommt man auch andere Antworten. Wie gut das beim \"Kochen mit\" hinhauen kann, davon zeugen mittlerweile mehr als fünfzehn Geschichten im Intro, u.a. mit Kelis, No Doubt, Doro, Wycleff Jean, Sugababes und anderen geilen Promis, die mir sicher irgendwann auch mal wieder einfallen werden. Mittlerweile wurde das Format ja auch on screen geholt durch Tobi Schlegl - der kocht da anscheinend mit Kool Savas, Rammstein, den No Angels und den Onkelz. Damit haben wir nichts zu tun. Aber zurück zur Sache: Beim Ablauf einer solchen Session besteht im Idealfall kein Unterschied zum Absturz mit den eigenen Kumpels. Aber es lief auch anders. Trotz diesem angenehmsten denkbaren Gesprächskontext, den Pop heutzutage noch zu bieten hat, performten die schwer Erziehbaren unter den Stars auch hier nur eins: Das eigene Ego. Und das bis zum Erbrechen. Aber das ist auch okay so, denn das ist letztlich nur der Realismus, den wir alle ja immer gerne sehen wollen in der Showbranche Pop, und außerdem der ideale link zu \"Wohnen mit\" und somit auch zu \"MTV Cribs\".

Reality bites

Denn die Master Ps und Shaggy gibt es natürlich auch in dieser extrem populären MTV-Serie zu bewundern. Der Unterschied ist nur, dass sie sich dort noch viel besser gebärden können, da eben der Auftrag Posen um jeden Preis nicht nur an ihnen als Person hängt, sondern der selbst geschaffene Größenwahn in Heimform noch als Super-Bonus hinzukommt. Und der kann es in sich haben. Da bekommt man bei Coolio schon mal einen Autopark mit 20 Wagen stolz präsentiert. Die Autos sehen zwar fast alle ungefahren aus, haben aber natürlich alle Extravaganzen wie DVD-Player, 24-Kanal-Hupe mit den neusten Tiergeräuschen und Großbildschirm am Start. Solche Anschaffungen kennen wir Normalbürger nur von der Steuererklärung, wenn die horrenden Gewinne mal eben im Dezember mit Ausgaben, Ausgaben und nochmal Ausgaben reduziert werden müssen. Nicht schlecht auch die privaten Spielhallen, die oft auftauchen. Bei Hiphoppern beliebt: All that flipper knows, bei dem einen Komplett-Irren von Jackass ein Sammelsurium aus alten Arcade-Games wie \"Centipede\" und \"Ms.Pac-Man\". Aber analog zu den Extrawürstchen, die gekocht werden müssen, sind ja auch diese absurden Lebensumfeldentwürfe genau das, was man erwartet. Es wär ja seltsam, wenn das richtige Bild der Stars ein bescheidenes, realistisches, normalbürgerliches wäre. Wir wollen es ja geradezu, dass der Blick hinter die Inszenierungskulissen uns möglichst viel Abgefahrenes präsentiert, und sich so das Klischee vom zu Kopf gestiegenen Ruhm bewahrheitet. Und so goutieren wir mit Freude, wie sich beispielsweise der eine von Papa Roach als übel-affirmativ outet, indem er das Katzenklo aus falscher Scham lieber wegräumt, so dass die Katze ihm auf seine Unterlagen pisst. Das zum Thema: warum NuMetal eben nicht Punkrock ist.

History talk

Das \"MTV Cribs\" Format wurde von der MTV Producerin Nina Diaz mehr oder weniger durch Zufall entwickelt. Sie drehte im Rahmen einer Serie von Musikerportraits auch einige Homestories, als sie angeregt durch die Häuser der Rockmusiker (vor allem das alte Osbournes Haus hatte es ihr angetan) auf die Idee zu einem eigenen \"Wohnen mit\"-Format kam. Die erste Folge wurde am 4.März 2000 ausgestrahlt und verschaffte uns Einlass bei Carmen Elektra, Steve Harwell (Smashmouth), Jermaine Dupri und Fieldy (Korn). Es folgten - bitte Luft anhalten - in den bisherigen sechs Seasons (die siebte läuft derzeit in den USA) u.a. Besuche beim Wu Tang Clan, Outkast, Sugar Ray, Destinys Child, POD, Robbie Williams, Tommy Lee, Pamela Anderson, Moby, Ice T, No Doubt, Boy George, John Travolta, Linkin Park, Papa Roach, Missy Elliott, Nelly, Russel Simmons, Fatboy Slim und Gene Simmons. Neben den normalen Folgen werden immer wieder Specials wie die Ozzfest Edition (mit Jack und Kelly Osbourne, Marilyn Manson und Twiggy und Linkin Park), die New Orleans Edition (mit der Cash Money Millionares Posse, Ali Landry und Ricky Williams), die Las Vegas Edition (mit Wayne Newton, Jamie-Lynn Sigler und Gary Payton) oder das Playboy Mansion Special (natürlich mit Hugh Hefner und seinen Bunnies) produziert.

Die Liste deutet es an: MTV kommt mittlerweile überall rein. Die sehr hohe Quote ist, so Diaz, eben das Argument schlechthin. Und so sind die Probleme der Anfangstage heute passé. Richtige Probleme gab es allerdings auch am Anfang nicht - als die ersten Türöffner fungierten status-zeigewillige HipHoper. Die haben Diaz sofort voller Begeisterung ihre Bude gezeigt. Show me, you made it. Mein livingroom is bigger than your livingroom - sing it, äh, rap it!

Heute ist \"MTV Cribs\" in den Staaten derart beliebt, dass das Format an zig Comedybaustellen parodiert wird und in diversen Raplyrics (Beispiele: XXXX) seine Props bekommen hat. Das Format als Prestigeobjekt. Dementsprechend hat sich die Beziehung zwischen MTV und Künstlern umgedreht. Die Stars geben alles, um rein zu kommen in das Öffentlichkeit bedeutende Format. Wir kennen dieses Phänomen von unserer \"Kochen mit\" Rubrik - natürlich nur im Kleinen. À la: hey, unsere neue Schrottband isst gern und kann Spaghetti - bekommen wir jetzt diesen joker-esken Zwei-Seiter?

This f... is not for the cameras

Neid, es steht bereits weiter oben geschrieben, Neid ist ein nicht zu ignorierendes Gefühl beim Anschauen von \"MTV Cribs\": ein Whirlpool in Schwimmbadgröße, ein Tennisplatz mit Buchtblick, ein Himmelbett neben der Skyline... Die Liste der wanna-haves ist genauso lang wie die Speichelspur, wenn man es ansieht. Und der Kleingangster in einem hat mindestens jede zweite Bude bereits hochgenommen. Dass es laut Diaz noch zu keinem Bruch nach der Ausstrahlung kam, liegt also weder an dem fehlenden Reiz noch an der friedvollen Natur der Amis (always remember: \"Bowling for Columbine\"), sondern eher an der vorhandenen Angst, dass nicht alles im Fernsehen gezeigt wird. Zum Beispiel zwei Meter große Pitbulls. Oder Kampfgiftschlangen, oder einen Security-Service aus Cracksüchtigen der alten hood des Künstlers. Und schließlich wohnen die Reichen und Schönen nicht nur in diesen bewachten Communities, die sicherer als South Central sind, sondern haben auch unglaubliche Sicherheitsvorkehrungen mitsamt Waffenvorrat (man denke an \"Bowling for Columbine\"). Zu sehen sind diese allerdings nicht. Und was legt das nahe, wenn nicht den Schluss, dass MTV uns nicht alles zeigt? Diaz: \"Bei den meisten Künstlern bekommen wir überall Zugang. Wenn wir manche Räume nicht zeigen, dann nicht wegen stattfindender Zensur, sondern weil sie nicht sonderlich interessant sind, und wir ja auch immer auf die Zeit achten müssen.\" Überhaupt hat sie nur gute Töne für die Stars zu bieten: \"Die Stars sind alle sehr auskunftsfreudig und zeigen bereitwillig jeden Winkel ihres Haus. Wichtig ist dabei natürlich die relaxte Atmosphäre - denn den ein oder anderen kennt man sonst anders. Aber das ist ja auch die Intention des Formats, zu zeigen, dass die Leute im privaten Umfeld nicht anders als wir sind.\"

Cribs superstar thats what you are

Damit aber genug des allgemeinen Abfeierns der Leute. Denn am Ende des Tages geht es ja gerade bei einem auf Statussymbolen basierenden Format wie \"MTV Cribs\" darum, wer uns am meisten beeindruckt. Diaz, die bei fast allen Drehs dabei war, haben es vier Buden besonders angetan: \"Rob Zombie hat ein einzigartiges Haus. Es ist gänzlich von Horrorfilmen inspiriert. Es sieht bei ihm wie bei der Adams Family zu Hause aus. Da ergaben sich natürlich jede Menge toll einschüchternden Motive. Ein besonderes Highlight: An der Decke über seinem Bett ist ein Wirbelsturm biblischen Ausmaßes gemalt. Aber am beeindruckendsten war wohl Master Ps Haus. Er hat alles mit 24-karätigem Gold angemalt. Allein sein Schlafzimmer hat so drei Millionen Dollar gekostet. Ein fantastischer Trip war auch die Führung durch Mariah Careys Haus. Das Haus war so vielseitig eingerichtet, was die Farbkompositionen und die verwendeten Materialien angeht.\" Ihr Lieblingshaus ist allerdings das alte Domizil der Osbournes, das in der ersten \"MTV Cribs\" Staffel gezeigt wurde, und das auch den Anstoß zu \"The Osbournes\" gab: \"Es war das aufregendste, geschmacksicherste Haus bislang - absolut nicht das, was man von Ozzy erwartet hätte.\"

Außerhalb der normalen Wertung läuft dann noch ihr Fazit zu den HipHoppern, die von ihr den höchsten Poserfaktor bekommen: \"Alle HipHopper müssen - warum auch immer - Wein in einer Kristallampulle im Kühlschrank stehen haben, die Hightechsicherheitsanlage schlechthin ihr eigen nennen und eine solide Homage an Scarface gibt es auch bei jedem von ihnen.\"

The times they are changing

\"MTV Cribs\" steht für die neue Ausrichtung von MTV USA. Statt Clips zu zeigen, werden nur noch Formatsendungen wie Dating Shows oder WG-Inszenierungen ausgestrahlt. Es wird offensichtlich: Star-Gossip und Lifestyle haben den konventionellen Clip abgelöst. Und diese Entwicklung ist wohl noch nicht am Ende angekommen. Der Hunger der Leute da draußen auf Einblicke in das Leben der Stars ist unersättlich. Next up: Dabeisein beim Entzug in der Betty Ford Klinik? Nun, das dauert wohl noch ein, zwei Seasons, aber was Diaz bereits zu bieten hat, ist auch nicht schlecht: \"Die Stars sind der heutige Adel. Wir haben bereits einige eurer Zukunftsvisionen in Amerika umgesetzt. So konnte man dieses Jahr bei Ja Rules Sylvesterparty dabei sein. Oder auch Ashantis private Geburtstagsparty wurde ausgestrahlt.\"

Captain Future

Das ist also der Ausblick. Nachdem Öffentlichkeit und Marken jede kulturelle Nische besetzt zu haben scheinen, gibt es immer noch ein nächstes Plateau. So könnte man sich vorstellen, dass zukünftigt eben nicht nur coole, große wie kleine events gebranded und televised werden sondern auch das eigentlich explizit Private. Also die Tauf-Feier von Kelly Osbournes erstem Kind, präsentiert von \"MTV Cribs\" und Nike, oder der zweite Hochzeitstag von Elijah Wood und Franka Potente, von Pepsi und \"Jackass\". Das sind die Koops der Zukunft. Festivals präsentieren werden dann nur noch die Sparkassen. Das Ende der Privatheit. Wir sind dabei. Wie auch immer.

Text: Thomas Venker feat. Linus Volkmann



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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