Tigersushi

Für die Katz!

22.01.2003, 16:30, Text: severin most, severin most

Frankreich ist ein potent-, ja ein patentes Land, wenn es um Musik geht. Die Potenz zeigt sich immer dann, wenn neue Platten erscheinen, die, von einer geheimen, inspirierenden Quelle gespeist, überall für Begeisterung und Atemnot sorgen (und das passiert mindestens zweimal im Jahr). Patent wird es, wenn sich die Pierres, Thibauts, Laurents und Amélies darum kümmern, eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen, denn diese gibt es so wahrscheinlich nur in Frankreich. Ein paar Beispiele: Während europaweit über Umsatzeinbußen gejammert wird, blieben die Absatzzahlen in Frankreich relativ konstant. Frankreich ist eines der ersten Länder, das eine Quotenregelung (über die es aus gutem Grund geteilte Meinungen gibt) für französische Musik im Rundfunk einführte.

Und dann gibt es noch das \"French Music Office\", das weltweit als Schnittstelle zwischen französischen Künstlern und ausländischen Partnern fungiert, ein Phänomen. Charles Hagelsteen, mitverantwortlich für Tigersushi, jene famose Allround-Internet-Plattform, die schon seit einiger Zeit für Furore sorgt, meint auf die Frage, warum das gerade in seinem Heimatland so sei, ganz lapidar: \"Ich weiß nicht so recht. Es hat sich auf alle Fälle seit dreißig Jahren viel verbessert, aber abgesehen von Qualität sehe ich keine Gemeinsamkeiten in der Szene.\"

Die Tigersushi-Homepage ist die Heimat des Maskottchens Tigroo, eines untersetzten Katers, der einem als ständiger Wegbegleiter im Dschungel dieser Pixel-Metropole beisteht. So kurzweilig und informativ wie sonst selten kann dort zwischen diversen Angeboten gewählt werden. Die Seite ist voll von Reviews, Artikeln und Querverweisen, neben dem obligatorischen Forum gibt es u. a. einen virtuellen Club, einen Shop und sogar eine \"Tigersushi School\"! Bisheriger Höhepunkt war im Dezember die Veröffentlichung der ersten Tigersushi-CD \"More G.D.M.\", der Kompilierung der bis dato vier Split-Maxis (eine fünfte kommt die Tage heraus). Für die Split-Maxis wurden alte Recken wie Cluster, Bill Laswell oder Bush Tetras gemeinsam mit jungen Heroen wie Metro Area, Maurice Fulton und John Tejada in die Arena geschickt. Dementsprechend wild geht es stilistisch zu, doch die zirkusreife Vorstellung begeistert zu mindestens 150%. Von HipHop über New Wave bis hin zu House wird geschmackssicher zusammengestellt, was zusammengehört.

Es scheint, als würde hinter all diesen unmöglichen Ideen ein 20-köpfiges Team stecken ...

Wir sind drei Leute: Julien kümmert sich um den ganzen IT-Kram, Joakim ist für das A&R sowie Design zuständig, und ich bin für den Inhalt und das Labelmanagement verantwortlich. Am Anfang, Tigersushi wurde 1999 gegründet, hatten wir diese irre Wahnvorstellung einer Musik-Megalopolis, Musik war und ist unsere Passion. Über ein Jahr lang haben wir daran gearbeitet, bis die Seite im November 2001 online ging. Von da an haben wir immer wieder neue Sachen eingebaut, und nun machen wir auch Tigersushi Records.

Tigersushi ist, und darauf legt ihr ja besonderen Wert, unabhängig.

Das ist unser Stolz und unsere Bürde. Freiheit, sowohl künstlerisch als auch persönlich, ist für uns sehr wichtig. Wir zahlen zwar einen Preis dafür, dass wir an die Musik glauben, aber das steht bei uns über allem. Alles, was wir wollten, war, etwas künstlerisch Wertvolles zu realisieren, d. h., die beste Musik rauszubringen und die beste Website zu machen. Natürlich wollen wir damit auch weiterkommen, aber grundsätzlich geht und ging es uns zuerst um Qualität.

Hattet ihr schon immer vor, Platten zu veröffentlichen?

Es war immer so ein Hintergedanke, aber am Anfang sollte vor allem die Seite an den Start kommen. Als wir damit fertig waren, hatten wir mit den Platten eigentlich nur vorgehabt, diese damit zu promoten. Inzwischen ist es umgekehrt.

Wie habt ihr überhaupt all diese Künstler für \"More G.D.M.\" gewinnen können? Und was habt ihr euch dabei gedacht? Es scheint, als wolltet ihr bewusst eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen?

Eine meiner schlechten Angewohnheiten ist, ohne offensichtlichen Grund kostspielige Ferngespräche zu führen. Die andere: niemals locker zu lassen. So lief das, und soweit ich weiß, sind alle ganz glücklich, dabei zu sein. Wir hatten uns \"More G.D.M.\" als eine Art Zeitmaschine vorgestellt, die uns erlaubt, Zeit, Raum und Musikstile miteinander zu verbinden. Du kannst diese Compilation in verschiedenen Kontexten betrachten: Geschichte, Zeitgeist etc. Doch hauptsächlich ging es auch bei \"More G.D.M.\" um ein ästhetisches Interesse, um die bestmögliche Musik.

Da jetzt Tigersushi als Marke inklusive Logo etabliert ist: Was habt ihr als Nächstes vor? Tigroo-Snowboard-Wear?

Warum nicht? Wir arbeiten gerade an einem Mikrofaser-Goretex-Anzug für Tigroo ... Ach Quatsch, echte Tiger kümmern sich einen Scheiß ums Snowboarden, abgesehen davon haben sie alle Fell. Wir arbeiten an neuen Veröffentlichungen, es wird eine Compilation rund um den Pariser Club Pulp und dessen \"Kill The DJ\"-Partys geben. Außerdem kommen noch eine Platte von Alice Machine und ein neues Projekt von Maurice Fulton. Zudem gibt's auch bald neue Features auf tigersushi.com.

Würdet ihr euch eher als Nerds, Musikfans, Disco Kings oder Punks bezeichnen?

Na wenn, dann als: \"A bunch of nerdy punk rockers on a record buying binge with a knack for some disco oblivion whilst not forgetting the fanatic aspects of music collecting. Or quite easier: wild music loving tigers.\"



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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