Surrogat

Ich hasse meine Generation

22.01.2003, 16:26, Text: Kerstin Grether, Kerstin Grether

\"Sie will unterhalten sein, schärfer gehalten sein, und ruhig gehalten sein, und sonst nichts sein. Sie will gekauft werden, für dumm verkauft werden, verdient nur Hohn, verachtet die Revolution. Ich hasse meine Generation\" (aus \"Ich Hasse Meine Generation\").

Vollkommen klar und kräftig schlägt sich die Stimme von Patrick Wagner durch die Songs auf dem neuen, fünften Surrogat-Album, so weit ausholend auf den Punkt, als spielte der ehemalige Tennisprofi hier das lässigste Match seines Lebens. \"Ihr kommt an uns vorbei, aber nicht über uns hinweg, denn wir sind hell in hell. Hell in der Hölle.\" Singt's und schleudert's mit einer Wucht durch die Luft, dass kein Gegner auffangen kann, was da im Refrain auf ihn zufliegt: \"Wir sind immer oben, wir sind immer oben, und wenn wir unten sind, ist unten oben.\"

Hell In Hell

Und ich muss daran denken, dass Diedrich Diederichsen mal geschrieben hat, Boheme sei der Zustand, wo der Kapitalismus nicht mehr zwischen Armut und Reichtum unterscheiden könne.

Die Refrainzeile stammt übrigens von Renee Weller, dem Boxer, der, kurz bevor er in den Knast wanderte, noch gesagt haben soll: \"Wenn Renee Weller unten ist, dann ist unten oben.\"

Patrick: \"Ein Text ist in dem Moment erobert, wo man ein Grundgefühl dafür hat. Bei 'Hell In Hell' war das dieses 'Geschlagener Hund'-Ding, dass man scheinbar eine komische Kraft in sich trägt, die einen immer aufrecht durch die Welt gehen lässt. Man kann ja nicht sagen, dass wir bis jetzt auf einer Woge des Erfolgs geschlittert sind.\" Passt natürlich super in die Gesellschaft 2003, wo man vermutlich nicht mal mehr als Jugendlicher noch Zeit hat, unten zu sein oder einfach nur rumzuhängen und Quatsch zu machen. Und wenn man genauer hinhört, weil man gar nicht anders kann, als atemlos dieses Wagner-Match zu verfolgen, dann ist da auch noch ein heiserer Unterton in seiner Stimme. Er schlängelt sich dann mehr durch die Stücke, als dass er sich schlägt, in einem fast schon amerikanischen Slang.

Patrick: \"Uns ging es nicht darum, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, sondern darum, Momente einzufangen, 'Magic', sag' ich mal so. Und wenn man die dann eingefangen hat, kann man danach noch 100 Sachen probieren. Es geht um so eine totale Wildheit, diese Wildheit muss man immer verfolgen.\"

Diese Wildheit führt auf \"Hell In Hell\" immer an Punkte, wo kein Mensch mehr unterscheiden können muss zwischen oben und unten, prollig oder intellektuell, zwischen arm, reich, größenwahnsinnig, verzweifelt; und ihr wisst schon: zwischen all dem Alltagsscheiß, der dazwischen liegt. Und ist gerade deshalb das tollste Hard- und Art-Rock-Angebot, das der stumpfen Metal- bzw. Rock-Jugend (und der fein-verspießerten Indie-Community sowieso) seit langem, vielleicht seit Nirvana, gemacht wurde.

Save Our Souls

Denn so hell muss man erst mal durch die Hölle kommen wie Surrogat. Das ist nicht nur eine Frage der Lebensweisheit, sondern vor allem auch der Lebensweise. Und die kommt auch in der Rhythmus- und Riff-betonten Musik rüber. Denn auch Bassist Thilo Schierz und Schlagzeugerin Maj-Linh Truong haben den Kern freigelegt. Reduzierungen gefunden, die knallen, weil sie sich auf Wesentliches konzentrieren.

Thilo: \"Wir hören immer mehr auf unser Herz. Das hat sich über die Jahre so ergeben, dass man sich gehen lassen kann, während man zusammen spielt.\"

Aber auch in der minimalistischen Direktheit der Musik gibt es Vielschichtigkeiten, die einem ein glückliches Gefühl geben: ein Chor zum Beispiel, der S.O.S. funkt und sich immer wieder in Wagners dichte Gefühlsmonologe einmischt.

Patrick: \"Unser Grundgerüst als Band war so stark, dass wir uns gesagt haben: 'Okay, lasst uns mal ein Stück gehen, mal sehen, was passiert.'\"

\"Save our souls\", singt der Chor am Ende, aber da ist man schon längst gerettet, denn wenn man will, kann man sich von diesem Song bestätigen lassen, dass man ebenso das Recht zu \"Wahnsinn, Rausch und Maßlosigkeit\" hat wie die Helden dieses Mannschafts-Albums.

Set It Off

Und das ist keine Interpretation von mir. Denn der Mitbegründer eines der innovativsten Indie-Labels der 90er-Jahre mit dem Szene-Rufnamen \"Größer als Gott\" stellt sich hier als Medium zur Verfügung, das im Zuhörer den Größenwahn wecken will. Und so stimmt auch der Chor mit ein, wenn Patrick trotzig singt: \"Du machst dir immer wieder klar: Du bist Patrick Wagner Superstar - du machst Träume wahr.\" Träume wahr machen: die eigenen und die von anderen. Und es stimmt. Schließlich hat Patrick mit bescheidenen ökonomischen Mitteln ein Imperium geschaffen, das zwar nicht größer ist als Ewing Oil - aber dafür wirklich Träume wahr macht. Peaches! Kante! Gonzales! So jemandem wie Wagner kann man doch nicht ohne Augenzwinkern Selbstdarstellung vorwerfen.

Gelobt seien deshalb auch die komischen feuerfarbenen Aufkleber, die bestimmt auch schon in der Stammkneipe deiner Stadt kleben, mit \"Surrogat sagt: Du bist ein Superstar\"-Aufschrift. Schön, wenn das Volk sich nicht mehr länger von Dieter Bohlen verarschen lassen muss. (Das war jetzt meine Interpretation. Denn ich bete Patrick auch dafür an, dass er Peaches, diesen Superstar der unkonformen Weiblichkeit, auf die Menschheit losgelassen hat.)

Thilo: \"Eins habe ich in unserer Generation nie verstanden: Woher dieser Bestätigungswahn kommt, diese Intention, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen?\" Patrick: \"Wir nehmen uns nicht ganz von dieser Generation aus. Aber wir biedern uns auch nicht an. Wir denken eher so: 'Friss oder stirb!' Weil die Platte auch unheimlich offen ist. Es gibt so viele Möglichkeiten, da einzusteigen. Auch für den Proll in Böblingen. Aber wenn nicht, dann eben nicht.\"

Und das wäre ja auch mal ein Ziel: einen eigenen Weg so konsequent zu gehen, dass man irgendwann auf sich selbst hören kann.

Patrick: \"Und alles andere passiert dann von allein.\"



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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