Verzweifelt gesucht:

The Fat Boys

22.01.2003, 16:23, Text: arno raffeiner, arno raffeiner

Wer?

Drei rappende Schulkameraden aus der Bronx, NYC, gewinnen 1983 unter dem Namen The Disco 3 einen Talentwettbewerb. Erster Preis: ein Plattenvertrag. Verdammt! Eigentlich wollten die Jungs die Stereoanlage für Platz 2. Aber egal, der lustige Schweizer Charles Stettler nimmt die drei unter seine Fittiche, eine Single mit ihnen auf und sie mit nach Europa auf Promo. Dort muss er horrende Hotelrechnungen für extra Frühstück bezahlen, und damit ist eines klar: Das sind von jetzt an die Fat Boys. Die gleichnamige Single (mit Kurtis Blow an den Reglern) verkauft mit ihrem fetten Partyrap 200.000 Stück, die ultimative HipHop-Spaßkanone der 80er ist gezündet.

Die Nachbeben bescheren uns neben gnadenlosen Crossover-Experimenten zwischen Rock, Futter und Reggae den \"Jailhouse Rap\", ein Duett mit den Beach Boys (\"Wipe Out\"), ein \"Louie, Louie\"-Cover und schließlich mit \"The Twist\" (gemeinsam mit Chubby Checker) den größten kommerziellen Erfolg. Das Unternehmen Fat Boys bilanziert mit fast zehn Millionen verkauften Tonträger in sechs Jahren. Die Geschichte der Fat Boys ist so auch die des ersten HipHop-Sell-outs. Der dicke Spaßrap kam mächtig an, alle kannten die Rapclowns, und daher tauchten die Boys plötzlich überall auf. Werbespots und aller erdenkliche Merchandiseschrott sind nur Kleinkram. Die Jungs sangen den Titeltrack zu Nightmare IV \"Are You Ready For Freddy\", hatten einen umjubelten Cameoauftritt in Miami Vice und schließlich sogar ihren eigenen Kinofilm. Ihr Schweizer Stratege war echt fleißig unterwegs, hatte sie aber natürlich allzu schnell und ausschließlich auf die Schabernacker-Fresssucht-Linie eingeschworen. Buffy, Markie und Rock hatten seit ihrem ersten Album angekündigt, ernsthaftere Musik machen zu wollen, weg von dem Fat-Image zu kommen. Als sie das dann 1989 mit \"On And On\" tatsächlich versuchten, war es natürlich zu spät. Nach der langen Gewöhnung an die immer gleiche Komik, die das Erfolgsrezept des Managements gewesen war, wollte das ambitioniert als erste Rapera daherkommende Album niemand mehr schlucken.

Zitate?

Mark \"Prince Markie Dee\" Morales: \"I'll devour any MC as if he were a snack. I'll eat and eat and I'll drink and drink and I'll tell you one thing, my breath don't stink.\" Damon \"Kool Rock Ski\" Wimbley: \"All I saw was pizza galore. So I stuffed my face, I couldn't even walk, I couldn't laugh, smile, shake, giggle, wiggle, or talk.\" Mein alter HipHop-Head Roland K.: \"Mensch, was habe ich damals auf meinen ersten Schülerpartys zum 'Jailhouse Rap' mit dem Arsch gewackelt! In der Glotze gab's das Video dazu. Drei dicke Jungs, die in Sträflingsanzügen über ihre Verbrechen rappten: immer und immer wieder zuviel gefuttert. Das hat mir echt imponiert.\"
The Cutmaster B., profunder Kenner der Szene: \"These fools could act, rap, and crap better than John Ritter on helium!\" Und jetzt alle zusammen: \"I'm starving, I'm in the mood. Plain and simple: I need food!\"

Prognose?

Heute werden die Boys nur mehr mit dem einen F-Wort in Verbindung gebracht, das seinen neuen Glamour bei ihnen nicht so recht verstrahlen will: FAT. Doch das war definitiv nicht alles. Die jugendliche Frische und der Ulk der Fat Boys geht vielen HipHop-Freunden im heutigen Gangstabusiness ab. Zu wenig Spaß, zu wenig Party. Und überhaupt lieferte die Human Beatbox Darren \"Buffy\" Robinson 1984 alleine den fetteren Scheiß ab als heute gleich mehrere schwachbrüstige Weißbrote zusammen, die ihr Ratatata-Gekreische als coole Innovation verscherbeln wollen. Back to the Boys, kann ich da nur sagen. Doch leider weilt 450-Pfund-Mann Buffy nicht mehr unter uns. Im Dezember 1995, er rappte gerade für ein paar Freunde, fiel er bewusstlos vom Stuhl. Herzstillstand mit 28. Markie Dee erwischte es besser. Nach zwei Solo-Alben setzte er sich hinter die Regler und langte beim Produzentenkuchen kräftig zu. Er ist immer noch recht fett im Geschäft, produzierte etwa für Mary J. Blige, Destiny's Child und B.B. Jay. Allein Kool Rock Ski tauchte nach Buffys Tod unter und blieb für unseren Radar unauffindbar. Das Gerücht, er arbeite als Fitness-Trainer, konnte zum Glück nicht bestätigt werden. Ich will lieber der Legende glauben, nach welcher Rock einen Traum verwirklichen konnte und nun als sein eigener Chef de cuisine aufkocht.

Erfolg
Aus The Disco 3 werden Fette Boys
Mit dem \"Fresh Fest\" durch Europa
\"Disorderlies\", der eigene Film
\"The Twist\" chartet auf #2 in England
\"On And On\" - Over and out

Discographie
Fat Boys (Sutra, 1984)
The Fat Boys Are Back! (Sutra, 1985)
Krush Groove O.S.T. (Warner, 1985)
Big & Beautiful (Sutra, 1986)
Crushin' (Tin Pan Apple, 1987)
Disorderlies O.S.T. (Tin Pan Apple, 1987)
The Best Part Of The Fat Boys (Sutra, 1987)
Coming Back Hard Again (Tin Pan Apple, 1988)
On And On (Tin Pan Apple, 1989)
Mack Daddy (Ichiban, 1991)
All Meat, No Filler: The Best Of The Fat Boys (Rhino, 1997)

Filmographie
Knights Of The City (1985)
Krush Groove (1985)
Fat Boys On Video Brrr Watch 'Em! (1986)
Disorderlies (1987)
3 x 3 (1988)

Hinterlassenschaft
Human Beatboxing Fat = Sexy

Alternativen
Fat Joe
Der Bulle von Tölz
Big Punisher
MC Spendenaffäre aka Helmut Kohl



Artikel kommentieren
aus Intro #102 (Februar 2003)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.