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Zungenkuss mit Kerstin Grether

22.01.2003, 16:21, Text: Kerstin Grether, Kerstin Grether

Wenn ich mir die neue, tiefschöne CD von Nick Cave anhöre, dann wundere ich mich noch im Nachhinein darüber, dass auch sein alter Kumpel Blixa Bargeld wieder mit von der Partie ist. Denn so stabil schien mir die Freundschaft zwischen den beiden gar nicht zu sein, als ich damals mit 15 in Berlin mit Nick abhing (siehe Zungenkuss Intro #100). Man sah die beiden seelenverwandten Helden nie zusammen. War da etwa ein Streit im Gange? Wir trauten uns nicht, direkt nachzufragen, aber ehrlich gesagt: Langsam wurde es auch ein bisschen langweilig mit Nick. Auch als Dorfmädchen gewöhnt man sich schließlich mal daran, mit dem König der Finsternis die Nächte durchzusaufen.

Zumal man sich mit ihm nie so gut über Musik unterhalten konnte. Immer redete er nur über alte, schwarze Blues-Musiker. Mir und meiner Schwester hingegen genügte seine Platte mit den Coverversionen vollkommen. Außerdem redeten wir oft hartnäckig aneinander vorbei, am liebsten über das Leben. Das hatte noch etwas schön Kryptisches, denn auch er schien das Leben eher auf der nicht so ganz aussprechbaren Ebene zu verstehen.

Unsere nächtlichen Odysseen ins Caledonia, immer von Wedding nach Schöneberg, wurden der allein erziehenden Mutter unserer Brieffreundin Nicole aber langsam zu viel. Sie duldete den verwöhnten Boheme-Lebensstil in ihrer Wohnung nicht mehr. Ausschlaggebend waren die Spuren diverser Haarfärbe-Sessions und ein Sid-Vicious-Punk, der ab und zu durch die Küche schlurfte und seinen Kopf in Spaghettisoße wusch. Aber irgendeine Bleibe würde sich nach Ablauf ihres Ultimatums schon finden. Zumal Nicole, die sowieso schon so vernachlässigt war, dass sie sich ausschließlich von Kinderschokolade ernährte, bereit war, notfalls mit uns auf Parkbänken zu übernachten. Jetzt ging es jedenfalls erst mal darum, den unglaublichen Blixa ausfindig zu machen. Irgendwo in dieser Stadt musste er ja sein. Schließlich gehörte sie ihm. Wir fragten bei den Interviews für unser Fanzine - die Berliner Underground-Szene zu interviewen war eine Art Sucht geworden - immer mal wieder vorsichtig nach Blixa. Der sehr gut aussehende Bassist einer Sixties-Revival-Band, die sich nach einer Television-LP benannt hatte, versorgte uns schließlich mit den nötigen Infos. Man treffe einen Blixa Bargeld nicht einfach so. Am ehesten noch im Café M. Aber im Moment seien die Neubauten ja sowieso in den Hansa-Studios, um die neue Platte aufzunehmen. Das war doch mal ein Anhaltspunkt: auf ins Café M! Der Laden war stets so gut besucht, dass wir auf die geniale Idee kamen, an unserem Tisch immer einen Stuhl freizuhalten. Wenn Blixa jetzt auftauchte, hätte er gar keine andere Wahl, als sich zu uns zu setzen. Aber Blixa kam nie, so oft wir auch behaupteten: \"Da kommt noch jemand.\"

Wahrscheinlich nahm er von morgens bis abends in den Hansa-Studios auf. Hansa-Studios, das war es. Ja, genau! Wir stürmten in die Telefonzelle vor dem Café M, Sandra musste dort anrufen und Blixa Bargeld verlangen. \"Blixa, für dich!\" Er wurde tatsächlich gerufen. Ich hörte sie mit belegter Stimme sagen: \"Wenn du kein normales Interview geben willst, dann können wir dir auch Begriffe nennen, und du kannst dazu frei assoziieren.\" Da willigte Blixa lieber in ein normales Interview ein. Juhu! Der Stuhl im Café M wartete, und unsere Nerven lagen blank. Denn Blixa war doch intellektuell! Hoffentlich würden wir ihn überhaupt verstehen. Als er dann ein paar Tage später schmal und bleich an unserem Tisch saß, fragte ich ihn gleich nach dem rätselhaften Text von \"Der Tod Ist Ein Dandy\". Ob er schon mal \"auf Dandy\" ein Lied geschrieben habe? Seine Antwort war tatsächlich unverständlich, und ich war mir nicht mehr sicher, ob wir dasselbe meinten. So versuchte ich es mit einer einfacheren Frage: \"Blixa, woran denkst du so, wenn du morgens aufwachst?\" Nun erklärte er verstörend normal: \"Ich denke an das, was ich am Abend vorher erlebt habe.\" Vor uns saß eine Lichtgestalt, höflich und unnahbar, die einfach nicht zu fassen war. Er blieb ein Rätsel, das sich bei näherer Betrachtung nicht löste, sondern verdichtete. Nick Cave hingegen schien ein Mensch zu sein, der vollkommen mit den Rätseln beschäftigt war, die das Leben ihm aufgab. Es machte wieder Spaß, mit ihm im Caledonia zu sitzen und so zu tun, als kenne man den Blues. Nur leider hatten wir nicht die 30 DM pro Nacht, um in seinem Hotel ein Zimmer zu mieten. Der Ausweg kam wieder in Form des süßen Bassisten von der Band mit der goldenen Pressemappe. Wir durften unsere letzte Berlin-Woche - bevor es zurück in die 8. Klasse einer konservativen Dorf-Realschule ging - bei ihm verbringen. Großzügig teilte er Matratze - und gelegentlich auch Männlichkeit - mit mir. Und ich empfand nur Gleichgültigkeit, als ich ihn heimlich mit einer super-adretten Schnepfe im Café anbändeln sah. Hey, ich war cool, ich war underground, ein Teil von mir war zu mir selbst geworden.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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