Folk Implosion

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22.01.2003, 16:12, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink

Diese Band polarisiert. Diesmal wirklich. Ich jedenfalls kenne eine Menge Leute, denen Lou Barlows Band sehr viel bedeutete, die trotz der Fluten von ähnlich gelagerten Veröffentlichungen nur in ihren Platten etwas fanden, was ihnen sonst niemand bot. Andere, darunter auch renommierte Kritiker dieser Zeitung, fanden die Band trotz ihres nicht immer übermäßigen Erfolgs noch überschätzt und hielten Alben wie \"Dare To Be Surprised\" für nichts anderes als einen Scherz.

Zum Scherzen war Lou Barlow in den letzten Jahren ganz gewiss nicht zumute. Nach der Veröffentlichung von Folk Implosions \"One Part Lullaby\" sowie Sebadohs \"The Sebadoh\" nahm er sich eine lange, nicht ganz freiwillige Auszeit.

Wilde Gerüchte kursierten vom Ende beider Bands, manche vermuteten sogar eine völlige Abkehr Barlows vom Musikbiz. Nicht ganz zu Unrecht, wie Barlow im Gespräch zugibt: \"Ja, ich habe mir die Frage gestellt, ob ich als Musiker weitermachen soll. Ich hatte eine dunkle Zeit. Ich war traurig und desillusioniert, unglücklich.\" Er säße aber nicht hier, wenn er nicht die Kurve gekriegt hätte. Den Wendepunkt hin zum Comeback verdankt er einer ganz einfachen und lakonischen Erkenntnis: \"... Eines Tages wurde mir klar, dass ich einfach nichts anderes kann. Ich bin ungebildet ... Na ja, vielleicht. Als ich Imaad gefragt habe, ob er in die Band einsteigen möchte, das war vielleicht so ein Wendepunkt.\"

Nun also \"The New Folk Implosion\". Die Periode mit John Davis, dem langjährigen kongenialen Partner Barlows, ist vorbei, die neuen Mitglieder heißen Imaad Wassif und Russell Pollard. \"John Davis konnte das Musikbiz nicht leiden. Und er mochte es nicht, zu reisen. Wenn du in einer Band bist, musst du es auch mögen, herumzureisen. Deshalb stieg er aus. Er war schon länger unglücklich mit der Situation. Aber er gab mir seinen Segen, eine neue Folk Implosion zu starten.\" Und die baute sich Barlow dann aus alten Bekannten zusammen: Russell Pollard war schon Drummer der letzten Sebadoh-Formation, und Imaad Wassif begleitete Sebadoh mit seiner damaligen Band Lowercase schon vor einigen Jahren auf einer US-Tour. Pollard und er haben noch ein eigenes Projekt unter dem Namen Alaska laufen, von dem in den nächsten Wochen ein Album in den USA erscheinen soll.

Nicht nur durch diese Umbesetzungen hat sich die Folk Implosion verändert. Es ist ihr wichtig, nun endgültig als Band wahrgenommen zu werden, nicht mehr als eines der Projekte von Ex-Dinosaur-Jr. Lou Barlow. Dass er, Barlow, erst jetzt die Zusammenarbeit in einer Band wieder zu schätzen gelernt habe, wie eine amerikanische Zeitschrift behauptet, wird von ihm allerdings verneint: \"Auch die alte Folk Implosion mit John Davis war eine Band, die eng zusammengearbeitet hat. Ich habe immer mit Leuten kollaboriert, genauso, wie ich meine Solo-Sachen gemacht habe. Ich mag beides.\" Nichtsdestotrotz nimmt man Barlow diesmal den besonders starken Einfluss seiner neuen Mitstreiter ab, denn allein an der neuen Platte lassen sich viele Veränderungen festmachen. Angefangen beim Gitarren- und Schlagzeug-Sound bis hin zur eigentlichen musikalischen Herangehensweise: \"Die letzte Folk-Implosion-Platte war sehr stark ausgerichtet auf Samples. Ich mag sie nicht mehr so sehr. Ich wollte einen Wechsel. Ich wollte einen lebendigeren Sound. Und ich wollte mehr von Imaads Gitarren. Ich wollte, dass die New Folk Implosion eine Band wird, und das haben wir auch geschafft.\" Eine weitere hörbare Veränderung liegt in Barlows Stimme. Es fällt auf, dass sie so durchgehend schön, so kraftvoll klingt wie selten zuvor: \"Ich glaube, das hängt stark damit zusammen, wie wir die Stücke aufgenommen haben. Wir haben darauf geachtet, die Songs in einer Stimmlage zu spielen, die ich erreiche. Imaad ist sehr gut darin, die Stücke behutsam aufzubauen. Daran haben wir sehr lange gearbeitet. Deshalb klingt meine Stimme besser. Und weil ich jetzt älter bin.\"

Barlows zweite Band, Sebadoh, hingegen wurde aufgelöst. Die Entscheidung hierzu und für die Fortführung der Folk Implosion fiel Barlow leicht: \"Ich wollte das gerne, weil ich den Namen mag. Außerdem mag ich die Philosophie der Folk Implosion: dass keine Grenzen die Musik einengen. Folk Implosion war keine Folk-, Rock- oder TripHop-Band, sondern von allem etwas, offen für alle möglichen musikalischen Ideen. Sebadoh z. B. hätte nie eine TripHop-Band sein können, wir nutzten keine Samples. Es hätte nie eine Sebadoh-Platte geben können, die mehrheitlich auf Samples beruht. Jason Lowenstein hätte nie solche Musik machen wollen. Jason mochte das nicht. Wir hatten ein Sebadoh-Gesetz, einen Katalog, der das verbot.\" Der hier angesprochene Lowenstein hat mittlerweile seine Solokarriere gestartet, er veröffentlichte letztes Jahr eine Platte auf Domino, die Barlow auch schon gehört hat: \"Sie hört sich einfach nach Jason an. Dreckiger Rock. Er kann sehr gut aufnehmen. Er könnte als Produzent Karriere machen. Seine Musik ist sehr rough. Manchmal wünschte ich, er würde seine softe Seite mehr zeigen. Weil er eine so schöne Stimme hat, die er nie mit anderen Menschen teilt.\" Schließlich kann ich es mir dann doch nicht verkneifen, noch einmal wegen seiner Schaffenspause nachzufragen. Die Texte des neuen Albums sind überwiegend intim und sehr traurig, und da liegt doch die Vermutung nahe, dass das Songwriting einem therapeutischen Zweck gedient haben könnte: \"Ja, so ist es. Ich fühle mich dann besser. Es ist ein Sieg für mich, einen Song zu schreiben, den ich mag, über eine Situation, die ich nicht mag. Es zeigt, dass ich es überlebt habe, dass ich daraus gelernt habe und vielleicht sogar daran gewachsen bin.\"

Das komplette Interview kann man hier nachlesen.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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