Alert

Eine Frage des Respekts

22.01.2003, 16:03, Text: Autor unbekannt

Vier Ausgaben des ambitionierten und bestechend gelayouteten Gesprächsmagazins ALERT sind seit Oktober 2001 erschienen - vier weitere waren schon zu Anfang der 90er Jahre erschienen -, dann ging das Geld aus. Gehörten damals Jeffrey Lee Pierce, Laibach, Kim Gordon, Peter Sempel, Wim Wenders oder Milch zu den Gesprächspartnern, sind es heute Arto Lindsay, Iggy Pop, Romuald Karmakar, Jenny Holzer oder Ulrich Wickert, die in ALERT in Gespräche verwickelt werden. \"Die Idee von ALERT ist, Menschen, die etwas erlebt und die eine Meinung haben, zu Wort kommen zu lassen, vor allem aber: sie ausreden zu lassen. Denn nur wer nicht ständig unterbrochen wird, beginnt zu erzählen, und nur wer zuhört, kann auch die Zwischentöne mitbekommen, die im Gespräch fallen\", kann man im Editorial von #7 (Titelbild: Robbie Williams) lesen.

Ein Gespräch mit Max Dax (33), dem Herausgeber des Gesprächsmagazins, zu führen, ist insofern eine interessante Aufgabe. Doch INTRO ist nicht ALERT, 3000 Zeichen have to be enough. Erste Antwort von Max Dax: \"Warum mache ich ALERT? Ich mache ALERT, weil ich als Journalist schöne Interviews geführt habe, und es gab kein Format in Deutschland, wo man einen solchen Text unterbringen konnte. Ich fand das ärgerlich - und dann muss man halt seine Zeitung selber gründen.\" Leben kann die zweiköpfige Redaktion - neben Max noch Dax Sibylle Trenck - von ALERT zwar (noch) nicht, aber das kann man auch positiv sehen: \"Ich habe seit 10 Jahren ein Grafikbüro, was mir erlaubt, Journalismus und Dienstleistung zu trennen. Eine Trennung, die einige Kollegen nicht so genau nehmen.\"

Im Impressum wird als Referenz Warhols \"Interview\" gewürdigt, aber gab es auch ein deutsches Vorbild? \"Ich muss sagen, dass ich in den 80er Jahren dankbar dafür war, dass es SPEX gab, wo Autoren schrieben, die sich im Dienste dessen verstanden, worüber sie geschrieben haben. Und zwar nicht, weil gerade Promotion anstand, sondern weil sie sicher waren, dass diese Musik oder dieser Film gerade jetzt wichtig ist. Heute ist dort davon nichts mehr zu spüren, was mich relativ traurig macht. Es gilt: Wenn es einen Grund gibt, über etwas zu schreiben, dann gibt es auch einen Grund, das zu lesen.\" Was die Auswahl der Gesprächspartner angeht, so gibt es in der Redaktion Wunschvorstellungen, Mitarbeiter machen Vorschläge, das Business Vorgaben: Ein Gespräch mit Peter Hein ist keine Überraschung, dass Andreas Reihse (Kreidler) es führt, schon eher. Wer selbst Interviews macht, kennt die Schwierigkeiten, jemanden, der gerade nichts \"am Start\" hat, zu bekommen. ALERT aber gelang der Coup, inmitten des grassierenden 80ies Revivals ein Interview mit der fast vergessenen Claudia Brücken (Propaganda) zu bringen. Zwar sieht es derzeit noch aus, als sei ALERT eine Musikzeitschrift, die auch andere Themen abdeckt, künftig soll diesbezüglich an einem ausgewogenen Verhältnis gearbeitet werden, \"bis es heißt, die reden mit interessanten Leuten.\" Diese Defizite hängen mit dem Status von ALERT zusammen, denn derzeit funktioniert es noch wie ein schnell großgewordenes Fanzine, \"auch wenn es vielleicht nicht so aussieht. Die Auflage steigt rapide, jetzt müssen wir inhaltlich nachkommen, was uns stark fordert.\" ALERT scheint der Utopie des gelingenden Gesprächs verpflichtet, gibt es aber auch Raum fürs Scheitern? Das, so Max Dax, komme auf die Qualität des Scheiterns an, und er verweist auf ein \"Interview\" mit Lee Perry in #6, das diesen auf einem anderen Planeten erwischte. Gibt es denn eine Ethik des Interviews? Respekt ist ein Wort, das im Gespräch häufig fällt. ALERT frönt keinem enthüllungsjournalistischen Anspruch, will aber auch keine falsche Rücksichtnahme. Beispiel gefällig? \"Nehmen wir Oliver Kahn, der so viel geleistet hat, dann im WM-Finale einen Fehler macht und in Deutschland sofort fertig gemacht wird. Dabei ist davon auszugehen, dass jemand wie Kahn anderes erlebt hat als ich oder unsere Leser. Von dem will ich etwas erfahren, vielleicht etwas lernen, den will ich nicht fertig machen.\" Danke für das Gespräch!

ALERT #9 erscheint am 30. Januar 2003. Geplant sind Interviews u.a. mit Massive Attack, Imre Kertész, Diedrich Diederichsen, Gianna Nannini, Ute Lemper, Karlheinz Stockhausen und Charlie Haden.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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