Up, Bustle & Out

Reggae, Macht, Politik?

22.01.2003, 15:59, Text: georg boskamp, georg boskamp

Nach Jamaika fahren und dort eine Reggae-Platte produzieren ­ an diesem nicht immer ganz unbedenklichen Experiment haben sich in den letzten Jahren so einige Europäer versucht. Mit durchaus zu hinterfragenden Ergebnissen. Wenn allerdings die beiden Tüftler von Up, Bustle & Out aus Bristol auf den Reggae-Trichter kommen, kann nicht ganz so viel schief gehen. Nach 5 Alben für Ninja Tune, die sich zumeist um ein extrem gut recherchiertes, musikalisch-politisches Oberthema drehten, haben sich die Herren Ein und Rupert im direkten Anschluss an diverse südamerikanische Studien nun Jamaika vorgeknöpft. Und läuten damit unter anderem auch die Gründung des eigenen Labels \"500 CC Revolutionary\" ein.

Roots & Culture meets Bristol Leftist Style. Bzw. umgekehrt. Politik macht Reggae ­ immer noch und immer wieder.

Rupert \"Rudy\" Mould ist erstmal bedient. \"Was, schon wieder ein Interview? Ich hab' heute doch schon den ganzen Tag geredet.\" Tja, so ein Leben als zu promotender Künstler hat auch seine Schattenseiten. Denn während Rupert reden muss, tummelt sich die restliche Band-Mannschaft von Up, Bustle & Out zwecks Foto-Session und abendlicher Gig-Vorbereitung im Kölner Blue-Note-Club. Denn unser Mann plant, konzeptioniert und leitet die Geschicke dieses individuellen Projektes mit dem seltsamen Namen. Ein Album von Up, Bustle & Out ist nicht wie die meisten anderen Alben. Bereits für das letzte Werk \"Rebel Radio Master Sessions Vol. 1 & 2\" verbrachte man diverse Jahre vor Ort in Kuba, knüpfte Connections, tauchte tief in die Kultur ein, jammte mit diversen Größen der kubanischen Szene und legte anschließend gleich 2 Longplayer zum Thema vor. Sogar 2 Bücher hat Rupert über diese Erfahrung geschrieben.

Und jetzt, über Jamaika, das neue Album \"Urban Evacuation\". Klassisch flankiert von zwei 7''-Singles, jeweils mit einem Original und dessen Version. \"Wild Majesty\" heißt die erste Auskopplung, ein deeper Roots-Track mit vordergründig simpler Message. Ein gutes Thema, um dann doch in medias res zu gehen. Und siehe da: Rupert ist natürlich kaum zu bremsen...

\"Der Text erzählt davon, morgens in Ruhe aufzuwachen, in die Sonne zu schauen, klares Wasser zu trinken und zu sehen, was der Tag bringt. Wahre Freiheit also. Liberalismus wird als Begriff von der kapitalistischen Welt völlig falsch besetzt, und genau darum geht es in diesem Song. Liberalismus kommt ja eigentlich von 'Liberty', was natürlich 'Freiheit' bedeutet. Den Leuten wird weisgemacht, dass sie möglichst individuell leben sollen. Und dabei geht es um nichts anderes als um globale Beherrschbarkeit. Die Menschen stehen morgens gehetzt auf, frühstücken im Stehen, fahren dann mit ihrem kleinen Auto in ihre kleinen Büros und kommen abends nach Hause, um zu schlafen. Und das bisschen Geld, was sie verdienen, fließt sofort zurück an 'die grossen Jungs'. Die meisten Leute haben doch diese Freiheit überhaupt nicht, einfach mal in den Tag zu leben, das können die sich doch gar nicht leisten. Und das soll Liberalismus sein? Uns wird Individualität vorgegaukelt, und so vereinsamen wir auf Dauer, weil wir alles selbst von zu Hause aus machen können und kein Interesse an Gemeinschaft mehr haben. Als liberales Individuum sind wir viel leichter zu manipulieren und zu kontrollieren. Liberalismus in unserem Sinne ist also nichts als ein großer Fehler, und den sollten wir so schnell wie möglich beheben.\"

Wie sollte das deiner Meinung nach denn funktionieren?

\"Unser ganzes System ist auf Sand gebaut. So Dinge wie die Börse zum Beispiel ­ das ist doch nichts als reine Spekulation. Kein Wunder, dass es der Welt so schlecht geht wie schon lange nicht mehr. Das hat einfach alles kein Fundament. Und viele Leute haben einfach keinen Bock mehr, Politiker wie Bush oder Blair im Frühstücksfernsehen über ihre Vorstellung von Freiheit und Weltpolitik labern zu hören. Genau da ist unser Ansatzpunkt. Wir sitzen auf einem großen Haufen aus Krieg, Korruption und Ungerechtigkeit. Da braucht es schon eine Menge sozialer Power, um aus dem Schlamassel 'rauszukommen. Das sollte einfach jeder begreifen können. Und dann sind wir wirklich eine Macht, die Kraft zu Veränderungen hat.\"

Da ist Reggae natürlich wirklich ein geeignetes Vehikel, um solche Gedanken zu transportieren. Was war euch außer der Message für die Produktion wichtig?

\"Wir haben Jahre damit verbracht, uns mit der Musik von Leuten wie King Tubby und Augustus Pablo zu beschäftigen. Deren Produktionstechnik hat es uns total angetan. Wir wollten nicht kopieren, aber uns hat brennend interessiert, wie diese Leute die Instrumente auf ihrem Mischpult gruppiert haben, um die großartigen Dub-Effekte zu erzielen. Wir wollten diesen Sound. Ein hat dafür extra eigene Röhren-Verstärker und Tape-Echos nach alten Plänen und aus Original-Material gebaut. Und dann haben wir uns vor Ort in Kingston mit den dortigen Experten zusammengetan. Die spezielle Herausforderung in Jamaika war, als weißer Typ in einer stark verwurzelten schwarzen Gemeinschaft klarzukommen, respektiert zu werden. Und das hat Bestens geklappt.\"

Und ist das neue Album dann letzten Endes eine 1:1-Kopie vom guten alten Roots-Reggae?

\"Auf keinen Fall. Wir haben Musiker aus Brasilien und Angola dabei, die Bläsersektion kommt aus Kolumbien. Nitin Sawhney aus Indien ist mit von der Partie. Die Sängerin von Roni Size auch. Unser spanischer Gitarrist natürlich. Der Bassist von Portishead spielt Kontrabass. Die Harmonien und die Perkussion sind eher orientalisch angelegt. Und natürlich sind die Beats moderner. Diese Vielfalt ist eigentlich das, worauf ich wirklich stolz bin.\"

Aber all diese Reisen, die Flugkosten für den Haufen von Musikern aus aller Welt, lange Zeit vor Ort in einer anderen Kultur ... das ist doch bestimmt auch finanziell nicht unbedingt einfach zu bewältigen.

\"Hey, ich will doch nicht mit einem großen Bankkonto sterben (lacht). Ich will reich von dieser Welt gehen, aber eben reich an kultureller Erfahrung und nicht reich an Banknoten.\"



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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