Massive Attack

Mythos mit Leerstellen

21.01.2003, 14:29, Text: georg boskamp, georg boskamp
[6 Kommentare]

Es ist schwer, über seine Lieblingsband zu schreiben. Insbesondere, wenn diese Band Massive Attack heißt. Im Laufe der Jahre (und weiß Gott nicht erst seit dem \"Mezzanine\"-Album) haben sich die genialen Soundtüftler reziprok zu ihrem Bekanntheitsgrad intern fast völlig zerfasert, sind sich gegenseitig auf die Nerven gegangen und haben auch anderen Beteiligten das Leben schwer gemacht durch ihre permanenten Launen. Und doch erschien alle paar Jahre ein musikalisches Lebenszeichen der anderen Art. Wie ein Leuchtturm im Sumpf. Weil neben der reinen Größe der Songs (und der Produktion natürlich) immer auch ein gemeinsamer Kollektiv-Nenner herauszuhören war.

Diese unglaubliche Mischung aus Schwermut und galanter Elektronik, die irgendwie immer mehr Soul hatte als so gut wie alles andere an schwermütiger Elektronik zusammen, die mit oder nach ihnen auf den Plan trat. Mit dem neuen Album \"100th Window\" nun scheint der gefürchtete \"point of no return\" erreicht zu sein. Denn bei genauem Hinsehen entpuppt sich das hundertmal verschobene und sicher noch öfter komplett umgekrempelte Werk als ein im Trüben fischendes Solo-Album eines der beiden verbliebenen \"Wild Bunch\"-Members. Und da fragen wir uns dann doch, ob sich auch dieses Mal das Warten gelohnt hat ...

Ich erinnere mich noch sehr gut an mein erstes Zusammentreffen mit meinen damaligen Helden. Man schrieb 1994, das \"Protection\"-Album war gerade erschienen und hatte mich völlig vom Hocker gehauen. Diese unglaublich genial zusammen geschraubte Langsamkeit, die auf eine unschlagbare, majestätische Art aus Soul, Dub, House und dergleichen mehr eine mit nichts zu vergleichende Popmusik entstehen ließ. Klar, auch \"Blue Lines\" war bereits ein Meilenstein, hatte Genres fusioniert, Grenzen überschritten und einfach glücklich gemacht, bei jedem Hören. Aber \"Protection\" wohnte noch on top diese zeitlose Größe inne. Die nicht zuletzt durch den Soundsystem-Gedanken, sprich durch die Mitwirkung diverser Sangesgrößen von Horace Andy über Tracy Thorn (Everything But The Girl) bis hin zu Nicolette noch wesentlich verstärkt wurde. Und der Titelsong bleibt bis heute eines der schönsten Lieder aller Zeiten. Punkt.

Ein Tag Im Studio

Als dann die Gelegenheit kam, zur \"Protection\"-Tour die (damals noch) drei Protagonisten für's Musikfernsehen in einem Düsseldorfer Hotel zu interviewen, sagten ich und mein Mit-Redakteur Ollie sofort zu. Und fanden uns eines Mittags samt Kamerateam zusammen mit Robert \"3D\" Del Naja, Grant \"Daddy G\" Marshall und Andrew \"Mushroom\" Vowles in einer ziemlich unstylishen Hotelsuite wieder. Ein Pressetermin der ganz anderen Art. Die Band entschied sich, das Interview auf dem Bett stattfinden zu lassen, was zur Folge hatte, dass Mushroom beispielsweise 90% der Interviewzeit verschlief und zudem vor laufender Kamera mit dem Management telefonierte. Während Daddy G. zumindest rudimentär unsere Fragen zu beantworten versuchte. Und 3D war von allem angenervt, am meisten natürlich von den Fernsehkameras und von seinen Mitstreitern, denen er ständig ins Wort fiel. Warum also nicht einen Streit über Privatangelegenheiten mit den Kollegen vom Zaun brechen, oder eben mal den Zimmerservice rufen und die schmutzige Wäsche abholen lassen, wenn schon mal ein Fernsehteam da ist? Es dauerte keine 10 Minuten, und ich hatte bereits zutiefst bereut, diese Menschen überhaupt je persönlich getroffen zu haben. Wie in aller Welt konnte dieser unorganisierte, permanent nörgelnde Haufen, der sich ganz offensichtlich selber enorm auf die Nerven ging, überhaupt so begnadete, einfach schöne Musik machen? Eine Frage, die ich mir bis heute nicht beantworten konnte.

No Protection

Während des Interviews stellte sich heraus, dass wenige Stunden später eigentlich ein 60-minütiger DJ-Gig von Daddy G. und Mushroom beim Westdeutschen Rundfunk anstand. Natürlich wussten die Jungs davon, hatten aber \"keine Lust gehabt, darüber nachzudenken\", wie sie sofort verlauten ließen, und deshalb gleich mal den Plattenkoffer in Bristol gelassen. Was wiederum die mitreisende Promoterin in eine tiefe Krise stürzte, denn der zuständige Redakteur beim Rundfunk hatte doch extra seinen Urlaub verschoben, und überhaupt: eine ganze Stunde Sendezeit. Beste Promotion ... Nach langem Betteln schrieben Mushroom und G. widerwillig eine Liste mit Platten, die Ollie und ich so gut als möglich aus unserem Privatschrank zusammenklaubten. Und so konnte, 2 Stunden später als geplant, der Massive Attack-DJ-Gig beim WDR doch noch über die Bühne gehen. Und wir waren Zeugen, genau wie unser Vinyl.

Aber die wahren Probleme setzten erst da ein. Mushroom und 3D hatten sich nämlich in der Fußgängerzone vor dem Funkhaus Gaspistolen gekauft, die selbstverständlich im Rundfunk-Studio während der Sendung zusammengebaut und geladen werden mussten. Das vermasselte natürlich Mushroom's DJ-Set gehörig, weil er sich partout um seine Gaspistole kümmern musste und mit 3D über die richtige Munition stritt. Zu allem Überfluss hatte die \"Protection\"-Maxi einen Sprung, der sich mitten im Set loopte ­ was Mushroom noch mehr verärgerte, genau wie der beißende Spott, der ihn deswegen von Seiten 3Ds' traf. Als dann die Promoterin noch anmerkte, dass man Gaspistolen ja wohl schlecht mit an Bord eines Flugzeugs nehmen kann, am nächsten Tag jedoch der Rückflug nach England geplant war, eskalierte die Situation in einem Streit (natürlich auch während der Radiosendung). Mushroom packte seine Gaspistole beleidigt in die Plastiktüte zurück und verließ das Studio während der Aufzeichnung. Einfach so, ohne Erklärung, während seines DJ-Sets. Angeblich wollte er die Pistole umtauschen und tauchte bis zum Konzert am Abend nicht mehr auf.

Daddy G., als einziger halbwegs um Contenance bemüht, fuhr daraufhin einen genialen Mix, um die Sendung zu retten (ich erinnere mich u.a. an Lisa Stansfield's \"Live Together\", das auf halber Geschwindigkeit in das Kratz-Loop der Protection-Maxi eingedreht wurde: Einer der musikalisch genialsten Momente, die ich überhaupt je in einem DJ-Set erlebt habe). Und für kurze Zeit war mein Vertrauen in Massive Attack wiederhergestellt. Und das Konzert am Abend ließ keine Zweifel zu: großes Kino für Fortgeschrittene. Was aber auch daran lag, dass sich die Hauptakteure eine gut geölte Backing-Band besorgt hatten, die zusammen mit der Reggae-Legende Horace Andy die Show schmiss. 3D, Daddy Gee und Mushroom tauchten nur sporadisch auf der Bühne auf und zu keinem Zeitpunkt gemeinsam. \"Wir gehen uns jetzt schon 10 Jahre auf die Nerven\", gab Daddy G. nach dem Gig zu Protokoll. Und das war 1994.

Protect Your Spannungen

Spannungen gab es also von Anfang an im Wild Bunch, dem losen Kollektiv aus DJs, Rappern, Graffiti-Artists und Design-Freaks, das Mitte der 80er in Bristol die Szene unsicher machte. Und zudem, so will es die Legende, neben dem oben erwähnten Trio mit Leuten wie Nellee Hooper (später Soul II Soul, Madonna etc.), Neneh Cherry und natürlich Tricky bestens versorgt war. Direkt nach dem ersten Album kam es zu gerichtlichen und privaten Ärger mit Sängerin Shara Nelson, die zum Grossteil die Vocals von \"Blue Lines\" beigesteuert hatte. \"Sie will eine Soul-Diva sein, aber dafür ist bei uns kein Platz. Wir sind keine Showtreppe für R&B-Stars\", soll 3D damals gesagt haben. Außerdem gab es ständig Spannungen mit Tricky, der dann zu \"Protection\"-Zeiten nur noch als Gast auftauchte. \"Sie wollten Popstars werden, aber ich wollte glücklich sein, mich nicht an dem ganzen MTV-Zirkus beteiligen. Also haben sie von mir für die Songs auf 'Protection' auch nur Lyrics bekommen, die ich schon für mein Solo-Album verwendet hatte. Und irgendwann bin ich einfach nicht mehr ins Studio gegangen, und damit war die Sache erledigt\", ließ Tricky später verlauten.

Mezzanine: Typen Und Konflikte

1998 dann, unzählige Awards und eine Kollaboration mit Madonna später, waren die internen Spannungen so groß, dass ausgerechnet Mushroom die Kommandobrücke nach dem Release von \"Mezzanine\" verließ. Der Kern begann sich zu spalten. Denn vor allem Mushroom war es, der durch seine Tätigkeit als begnadeter DJ und dementsprechend besessener Plattensammler die musikalischen Hauptimpulse zum Massive-Sound beigesteuert hatte. Bandintern wird behauptet, \"Protection\" und ein Grossteil von \"Blue Lines\" wären aus Mushroom's Ideenkiste gekommen. Er war der Mann für Soul, HipHop, für die Beats und die handwerklich-musikalischen Impulse im Wild Bunch.

3D kam ursprünglich aus der Aerosol-, sprich Graffiti-Künstlerszene und hegt seit jeher großes Interesse an Design und Videokunst. Covergestaltung für alle Massive Attack- sowie für diverse MoWax-Platten gehen auf sein Konto. 3D hat eine große Punk-Vorliebe und obendrein beste Kontakte zur \"Ladism\"-Abteilung der britischen Rockszene (Manic Street Preachers, Blur, Primal Scream etc.). Spätestens der inhaltliche Wechsel zu düsteren Gitarren-Wänden, Punk-Basslines und allgemeinem \"Independent\"-Gedankengut mit \"Mezzanine\" dürfte auf sein Konto gehen. Ebenso wie zum Beispiel die \"Mezzanine\"-Auskopplung \"Inertia Creeps\" samt dazugehörigem Video, die fast sowas wie einen kompletten Zielgruppenwechsel für Massive Attack nach sich zog. Und das war wohl auch der Hauptgrund für Mushroom's Abgang. Plus natürlich der, dass das neue Werk \"100th Window\" so klingt, wie es nun mal klingt.

Daddy G. schließlich gilt als ruhig aber wenig entscheidungsfreudig und repräsentiert - neben der engagiert politischen (Massive unterstützen großflächig Organisationen wie Amnesty, Greenpeace und das Rote Kreuz) - die Reggae- und Dub-Seite. Seinem Impuls ist u.a. der Kontakt zum Dub-Meister Mad Professor sowie das feste Engagement von Sänger Horace Andy zu verdanken, der nach einer internationalen Reggae-Karriere in den 70ern mit Massive Attack seinen zweiten Frühling erlebt. Und der einer der wenigen Konstanten ist, die man dieser Tage im nebelverhangenen Terrotorium des Mythos Massive Attack überhaupt noch fest orten kann.

Horace Andy ist mittlerweile auch beim Massive-gesteuerten Label Melankolic unter Vertrag. Ebenso der Rapper Lewis Parker, die milden Elektroniker von Alpha, die Brit-Rocker von Sunna und der großartige Arrangeur Craig Armstrong. Natürlich gibt es auch an der Labelfront permanenten Ärger mit der zuständigen Vertriebs- und Marketingetage von Virgin Records. Aber alle Acts und Veröffentlichungen auf Melankolic sind nicht nur für Leute interessant, die wissen möchten, was sich musikalisch so im direkten Umfeld von Massive Attack tut. Es gilt auch hier eine gewisse Qualitätskontrolle, die bei allen internen Ungereimtheiten gute und vor allem enorm eigenständige Musik zu Tage fördert.

100th Window: Verzweiflungstat

Am 17. Juli 02 waren auf der Massive-Attack-Website eine Menge neuer Postings von 3D zu lesen, die nichts Gutes verhießen. \"Leider keine Vocals von Gee auf dem kommenden Album. Er ist jetzt seit 12 Monaten von der Bildfläche verschwunden ... und kommt nicht mehr ins Studio. Aber er wird wahrscheinlich beim nächsten Album dabeisein... Er macht so etwas wie eine Babypause und ist jetzt glücklicher Vater ... Habe fast alles, an dem wir seit 2000 gearbeitet haben, verworfen oder radikal geändert ... Sachen, auf die wir eigentlich noch total gestanden haben. Es hat eine Menge Energie und Glauben gekostet, diese Platte überhaupt noch mal anzugehen. Kein Mushroom mehr da, kein Gee... nur ich und Neil (Sound-Engineer) und natürlich Sinead und Horace ... Will beweisen, dass wir ein Album in 6 Monaten machen können. Bristol, Friedhof der Ambitionen\".

Und so ist \"100th Window\" eine Art Solo-Verzweifelungstat von 3D geworden, und dazu hat er sich tatsächlich Sinead O'Connor eingeladen, die bei ein paar Songs Vocals beisteuert. Horace Andy singt die einzigen beiden Tracks von Relevanz. Alles andere klingt nach einem einzigen großen Nebel aus Paranoia, Richtungslosigkeit und bereits gehabten Ideen. Sogar die Beats von \"Teardrop\" werden wiederverwendet. Eigentlich unglaublich.

Das nächste Massive-Album übrigens wird angeblich nicht erst in 5 Jahren, sondern im Spätherbst erscheinen, nach der großen Welt-Tour. Tom Waits und Mos' Def sollen dabeisein. Und Daddy G. wieder mit an Bord. Verzeihen wir den Jungs also den aktuellen Fehltritt, sagen stattdessen \"Danke\" für 3 richtungsweisende Longplayer-Großtaten, viele unglaublich gute Videos und all das. Und hoffen auf das, was angeblich kommen soll. Zum Beispiel auch eine DVD mit rarem Zeugs. Ein sehr designiges Bandbuch. Und Kurzfilme zu jedem Track des nächsten Albums.

\"Aha. War das alles?\", werdet ihr zu Recht fragen. \"Was erzählt er da? Wo bleiben aktuelle Statements aus dem Massive-Lager?\". Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass das mit dem Interview diesmal nicht geklappt hat ... ich erspare euch die Geschichte. Zu kompliziert.



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aus Intro #102 (Februar 2003)
 
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  • Hense 26.01.2003 | 00:24:19
    Death Metal Master 666
    Schlecht ist das neue Werk ja nicht (kenne erst 7 Tracks, aber die anderen beiden werden wohl auch keinen Meilenstein daraus machen), aber nach dem letzten Album irgendwie zu eindimensional - bis auf den ersten Track mit Horace Andy, der ist sehr schön.

  • schunkel 26.01.2003 | 16:28:11

    Prima Artikel.
    Und die Platte ist wirklich öde.

  • User: motorhorst
  • motorhorst 30.01.2003 | 20:12:47

    Danke für diesen Artikel. Gerade der Rückblick auf die vielen großen Momente, zu denen diese Band in der Vergangenheit beisteuern konnte und die für mich in einem verregneten Konzert gegen Mitternacht beim Southside-Festival gipfelten (im Hintergrund läuft eben mal wieder die Protection). Das neue Werk braucht keine große Besprechung, mit der oben geschilderten Historie im Kopf kann man 100th Window nur fassungslos und kopfschüttelnd folgen.

  • User: zilix
  • zilix 30.01.2003 | 20:23:08

    der artikel ist gut geschrieben. nixdestotrotz gefällt mir das neue album. und was heisst tatsächlich sinead o`connor angeheuert ? mir gefallen diese passagen. schönes winteralbum.

  • User: UweB
  • UweB 13.02.2003 | 17:51:35

    Die CD ist in keiner Weise POPulär und kommerziell chartstauglich - aber dafür ein Meisterwerk.
    Klingt wie Grüße von Pink Floyd aus einer DOPE-Hölle.
    SUPER! RelaXed, chilled in Zeiten wie diesen. Ein Schatz. Mein Schatz.

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