
Thomas Fehlmann
Geheimnis Des Flows
24.10.2002, 13:13, Text:
Christoph Büscher,
Christoph Büscher
Mihaly Csikszentmihalyi, US-Psychologe mit unaussprechlichem Namen, hat es schon Anfang der 70er gewusst: Das Glück liegt im Flow. Der Zustand der selbstvergessenen Tätigkeit, des Flusses, wenn alles, was man tut, reibungslos funktioniert. Man kennt das von Musik. Und Thomas Fehlmann ist ein Meister darin. Nicht erst seit der '94er \"Flow\"-EP und den beiden folgenden Solo-Alben. In den 80ern in der Pop-Avantgarde, in den 90ern tief im House und Techno unterwegs, treibt es ihn seit über zwanzig Jahren durch die Musikgeschichte. Das neue Album \"Visions Of Blah\" zeigt, dass sich sein Sound auch 2002 mit allen Ansprüchen an Eleganz verträgt, und schlägt den Bogen zur Kölner Kompakt-Schule.
Fischers Fritze
Thomas Fehlmann steht nicht so gerne im Rampenlicht, sondern ist eher der Mann im Hintergrund.
Experiment Vs. Pop
Die erste Band Palais Schaumburg, die Fehlmann zusammen mit Holger Hiller bereits Ende der 70er gründete, gehört bis heute zur Avantgarde der Neuen Deutschen Welle. Zunächst mit Tapeloops und später auch mit elektronischen Instrumenten wie den grade aufkommenden Synths testeten Palais Schaumburg die Grenze zwischen Kunst und Pop, Dadaismus und musikalischem Eskapismus aus.
Ihr wurdet als Palais Schaumburg ja schon immer zwischen Avantgarde und Popmusik gesehen. Ist das eine Spannung, die sich bei dir bis heute durchzieht?
Mir ging es immer schon darum, Experimente machen zu können, ohne das taktische Denken von Pop drin zu haben. Dass deine internen Parameter schon so gesetzt sind, dass du da locker rangehen kannst. Ohne Angst, dass etwas zu sehr nach Pop oder zu sehr nach Experiment klingt. David Cunningham von den Flying Lizards, der die erste Schaumburg-Platte produzierte, ist da eigentlich ein gutes Beispiel. Der hat auch große Hits mit extrem experimenteller Herangehensweise gehabt.
Wart ihr bei Schaumburg in irgendeiner Weise musikalisch \"vorbelastet\"?
Holger Hiller wurde von einer avantgardistischen Violinistin ausgebildet, die damals schon so siebzig Jahre alt war. Daher hatte er ziemlich radikale Kompositionstechniken, die er teilweise so mit uns umgesetzt hat. Ich bin ultragrün an die Sachen rangegangen und habe auch an dramatischer Selbstüberschätzung gelitten, die ich dann nach und nach aufgeben musste. Hiller war damals ein viel entwickelterer Musiker in seiner Klarheit und seinem Herangehen, da habe ich schon viel mitgekriegt und ihn auch gebraucht.
Nach dem Ende von Schaumburg bist du erst nach Berlin und dann nach London gegangen, wo du später Alex Patterson von The Orb getroffen hast. Wie bist du danach wieder zur Solo-Arbeit gekommen?
Ich habe mich immer in verschiedenen Rollen innerhalb der Musikszene ausprobiert. Am Anfang mit Schaumburg in der Band-Situation. Dann habe ich die Seite des Schreibtischs gewechselt, indem ich in Deutschland bei Phonogramm im A&R-Bereich gearbeitet habe. In dieser Rolle habe ich damals z. B. die Rainbirds an den Start gebracht. Irgendwann kam dann aber die Erkenntnis, dass ich wieder selber Musik machen will. Das bedeutete auch, dass ich mir über die Jahre viele Sachen wieder abtrainieren musste. Meine internen Beziehungen zu Plattenfirmen habe ich Mitte der Achtzigerjahre eher distanzierter gesehen und das mit meinen eigenen Zielen immer weniger in Übereinstimmung bringen können. Man muss das erst mal aus seinem eigenen System rauskriegen. In England, als ich Alex kennengelernt hatte, habe ich dann irgendwie gemerkt, dass ich nicht zugleich Musiker und Label-Mann sein kann. Das war mir nicht mehr ehrlich genug. Seitdem habe ich das innere Ohr wieder mehr trainiert und mich aufs Musikmachen konzentriert.
Es muss aber doch schwer sein, nach so langer Tätigkeit im Musikbereich noch Begeisterung für etwas zu entwickeln. Woher kommt deine Motivation?
Die Motivation hat sich immer verändert. Mein Umfeld hat sich immer leicht verändert. Am Anfang in der Band, dann bei den Plattenfirmen, als Produzent und Co-Produzent. Bei der neuen Platte war zum Beispiel neu für mich, dass ich zum ersten Mal alle Tracks komplett alleine gemacht habe. Sonst habe ich immer sehr Team-orientiert gearbeitet. Auf den beiden Solo-Platten waren das fast immer Kollaborationen. Die Jungs von Kompakt haben mich, ohne dass ich das zunächst so bemerkt habe, sehr unterstützt, weil ich das machen konnte, was ich wollte. Eine Nähe zu Kompakt haben ja schon einige Leute auf meinen letzten Platten raushören wollen. Ich bin aber eigentlich auch nur Fan. Der Dub ist bei mir vielleicht etwas stärker als bei anderen Kompakt-Sachen, das ist aber nicht kalkuliert. Als ich wusste, dass die Sachen auf Kompakt rauskommen, war das Motto: \"Let go - hab' Spaß.\"
Köln-Connection
Die Verbindung nach Köln ist nicht ganz so neu, wie sie zunächst erscheint. Thomas Fehlmann ist schon lange Fan Kölner Minimal-Technos und hat die Kompakt-Crew u. a. zu größeren Shows im Rahmen der \"Ocean Club\"-Nächte nach Berlin geholt. Interessant ist, dass auch die musikalischen Wurzeln der Leute aus dem Kompakt-Umfeld wie z. B. Jörg Burger oder Wolfgang Voigt im 80er-Pop liegen. Als Fehlmann sich Anfang der 90er kurze Zeit als Labelmacher versuchte und die \"Teutonic Beats\"-Compilations herausbrachte, fand sich dort bereits der Track \"Brain Drain\" des Duos Burger/Voigt mit seinem früheren Projekt Best Boy.
Wenn jetzt behauptet wird, das neue Album \"Visions Of Blah\" verbände sowohl die luftig wippende, funktionale Eleganz einer Modernist-Platte mit der ambientigen Grundstimmung von Voigt-Projekten wie Gas, dann kommt das eher von gemeinsamen Methoden. Fehlmanns Tracks sind aufgeräumt, gelegentlich verspielt, aber nie überladen. Upliftende Tracks wie \"Streets Of Blah\" oder \"Superbock\" beschränken sich zwar auf das Wesentliche, haben aber eine ganz klar emotionale Komponente. So heiter und freundlich kann Minimalismus klingen.
Wie sieht's bei dir denn mit der Reduktion auf reine Software-Lösungen beim Produzieren aus? So Stichwort Laptop-Musik, Plug-Research etc.
Ich fühle mich dem Ganzen schon sehr nahe. Aber wenn ich jetzt für die was machen würde, käme was anderes raus. Ich lasse mich nicht gerne von Technik aufhalten, daher muss es für mich nicht immer das Neueste sein. Ich müsste da erst wieder was lernen, um das so einzusetzen, wie ich das will. Nicht dass ich jetzt ein Analog-Synthesizer-Fan bin, aber es muss so sein, dass ich auf schnellem Weg alles benutzen kann.
Du arbeitest für \"Visions Of Blah\" auch an einer Live-Umsetzung. Das ist seit langem das erste Mal, dass du live auftrittst, wenn man das DJen nicht mitrechnet.
Ich habe seit Schaumburg-Zeiten nicht mehr live gespielt. Insofern ist das auch für mich eine große Herausforderung. Da muss ich jetzt durch. Ich spiele zunächst mal ein paar Gigs in China, zuerst in Taipeh, da kann ich das mal testen. Die Vorstellung, mich hier in Berlin vor meinen Freunden hinzustellen, ist mir im Moment noch etwas unheimlich. Ich werde mich auf jeden Fall auf die emotionale Seite konzentrieren, das Powerbook nur als Tool benutzen. Meine Musik ist ja auch in einem gewissen Sinne sehr präzise und genau. Ich hab' versucht, sie mit Emotionalität aufzuladen, so dass sie mir richtig ans Herz gewachsen ist. Insofern fühle ich mich live auch exponierter und angreifbarer, als das bisher der Fall war. Das Live-Spielen verstehe ich schon eher clubbig, das ist auch meine Vorstellung von der Platte. Etwas, das du zu Hause gut hören kannst, aber auch im Club funktioniert.
Wenn man wie du so viel mit Musik zu tun hat, geht man dann eigentlich noch privat aus, ohne gleich an die Arbeit zu denken?
Ich gehe privat eher wenig aus, eher, wenn ich auch was aufzulegen habe. Das letzte Mal war ich bei Masha Qrellas Releaseparty, da dachte ich auch: Oh, mal ausgehen, ohne was machen zu müssen, ist eigentlich auch geil ...
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