Fehlfarben

Club Der Schönen Dichter

23.10.2002, 17:40, Text: Kerstin Grether, Kerstin Grether

Mein älterer Bruder hörte von der NDW immer nur die Sachen, die im Radio liefen. "Es Geht Voran" beispielsweise. Als Kind hielt ich es für die Vereinshymne der Neuen Deutschen Welle. Auch wenn ich den Text mit all seiner Aufregung nicht verstanden habe. "Keine Atempause. Geschichte wird gemacht. Es geht voran." Warum auch nicht? Warum sollte es auch nicht vorangehen? Und: "Geschichte wird gemacht." Was hatte das nur alles zu bedeuten? Da verstand ich den Psycho-Test in der Bravo schon besser: "Bist du ein Typ für die NDW?"
Um ein Typ für die NDW zu sein, musste man cool und frech sein und am besten jugendlich.

Das war ich nicht, aber ich erreichte die volle Punktzahl, indem ich mir die Haare schneiden ließ. Die Wände in meinem Zimmer waren voll mit Postern und Bildern von den Stars der neuen Welle. Sie sahen eckig aus, cool, frech und elegant. Besonders stolz war ich auf meine Collage aus Schwarzweißfotos. Da war auch ein Foto von Peter Hein und Thomas Schwebel, beide sehr in Action, mit einem bedeutungsschwangeren Zitat darunter: "Es ist zu spät für die alten Bewegungen, was heute zählt, ist Sauberkeit." Ich wusste nicht, welche alten Bewegungen, aber es war wohl wirklich zu spät.
Viele Jahre später schleppte mich jemand auf ein Family-5-Konzert in Düsseldorf mit. Der Sänger Peter Hein schien noch immer ein Held zu sein, denn während des Konzertes riefen die Leute seinen Namen. Er lächelte verschämt und sang: "Wir haben als Kinder im Rhein gebadet, das hat uns sicher nicht geschadet."


Zerstreu Alle Zweifel

In der Szene-Kneipe redeten dann immer alle mit komisch belegter Stimme über die erste Fehlfarben-LP "Monarchie & Alltag." Alles Aktuelle schien sich daraus abzuleiten. Zum Beispiel auch die '89er-Debüt-LP von Kolossale Jugend "Heile, Heile Boches." Deutsche Bands, die etwas auf sich gaben, wollten da schon nicht mehr Englisch singen, wie noch Mitte der 80er, sondern lieber die beste LP seit "Monarchie & Alltag" machen. Das erzählten sie zumindest der SPEX. In den 80ern ist mir auch die SPEX so vorgekommen, als würden sich die Autoren weiterhin an den "alten Bewegungen", am Punk-Aufbruch abarbeiten. Vielleicht ging es ihnen ja um das alte Fehlfarben-Diktum: "Sprich fremde Sprachen im eigenen Land, zerstreu alle Zweifel an deinem Verstand." Oder so ähnlich. Und also darum, eigene, neue Sprachen zu sprechen.
Jürgen Teipel, der Autor des vieldiskutierten Doku-Romans "Verschwende deine Jugend" ist wohl eher den umgekehrten Weg gegangen. Er hat die damalige Zeit samt Sprache fürs Museum wiederentdeckt und wundert sich jetzt darüber (siehe Intro-Roundtable), dass er der erste Journalist sei, der sich mit dieser "verschütteten" Bewegung auseinandersetze. Na ja. Mir kommt es eher so vor, als sei durch diesen pseudo-progressiven "Verschwende deine Jugend"-Diskurs die Gegenwart des Punk verschüttet und ebenso auch die Gegenwärtigkeit der Helden von damals.
But they are back again: Die Fehlfarben haben eine neue, sagen wir, CD. Und auch wenn es keiner zugeben mag: "Knieftief Im Dispo" wird - mehr denn je - an der Qualität von "Monarchie & Alltag" gemessen. Pünktlich zum 20jährigen Jubiläum sozusagen. Schließlich haben sie jetzt alle so gemütlich den Punk wiederentdeckt. Eine große Sache also. Ist es unseren Helden von einst noch mal gelungen, die Welt aus den Angeln zu heben?
Michael Kemner (Bassist und Urmitglied): "Wir hatten keinen Plan an der Wand hängen, um Hinweise zu kriegen, wie es war. Wir haben auch nicht extra die alten Sachen gehört. Das einzige, was wir uns vorgenommen haben: Es soll nach Fehlfarben klingen, aber nicht nostalgisch. Es war eine sehr entspannte Sache."


Geschichten Aus Dem Täglichen Sterben

"Und jetzt kommt der Satz, der alles auf den Punkt bringt, alles, das ganze Leben", sagte mein Bekannter, als ich dann Anfang der 90er endlich mal die "Monarchie & Alltag" hörte. Eine irgendwie aufrichtige, heisere Stimme brüllte Lo-fi durch den Raum: "Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht." Auf die Schnelle kapierte ich es nicht, aber es klang leidenschaftlich und gut, und mein Bekannter laberte schon wieder weiter: "Ist es nicht toll: die ganze Scheiße mit dem Begehren in einem Satz!"
Letztes Jahr habe ich mir die CD dann gekauft. Die Wiederveröffentlichung mit den Remixen drauf. "Paul Ist Tot" gleich doppelt. Wirklich viel Leben und viel Sterben in wirklich tollen Songs. Als würde man einem Buch zuhören, das rockt: "Ich öffne Türen und komm nicht hinein, ich seh durch ein Fenster und kann nichts erkennen, keine Konturen, das Bild war ein Schatten, der Schatten ein Traum, das Licht Illusion." Unfassbar auch die Sehnsucht in den Songs. Es ist meistens nicht so, dass männliche Songwriter Sehnsuchtsenergien haben. Männliche Songschreiber sind meistens sehr narzisstisch und haben selbstverständlich immer alles, was sie zum Leben brauchen. Und wenn sie mal drei Stunden alleine sind, schreiben sie dreizehn Lieder darüber. Und die klingen dann nicht nach: "Ich wollte mehr, mehr noch alles, doch jetzt hab ich Angst, Angst, ich verlier es." Und man kann alles, was man über die frühen 80er gelesen hat, in die Lieder hineingeheimnissen: "Angst junger Mann, auf die Straße zu gehen. Angst junge Frau, nachts allein im Dunkeln zu stehn?"


New York City Cops

In der konkret hat Diedrich Diederichsen Anfang der 90er behauptet, es sei bei der frühen NDW die ganze Zeit um die RAF gegangen. Allerdings unausgesprochen. Stimmt das? Man hört ja schon so ein bisschen Paranoia auf der "Monarchie & Alltag."

Hein: Was uns betrifft: "Angst Auf Die Straße Zu Gehen" bezog sich mehr auf Rockergangs, die es damals in Düsseldorf gab. Es war ja die Zeit des "Punk-Bashings", wie es so schön hieß.
Schwebel: Punks klatschen.
Hein: Aber vor der Polizei haben wir keine Angst gehabt. Wir haben ja nichts gemacht. Du brauchst doch keine Angst vor der Polizei zu haben, ehrlich, so war's ja wirklich nicht. Wenn du nicht wirklich jemanden erschossen hast.
Schwebel: Ein Freund meines Bruders, das weiß ich noch, der sah einem Fahndungsfoto eines RAF-Terroristen so was von tausendprozentig ähnlich, der hat echt gelitten, nach diesem deutschen Herbst.
Hein: Ja, gut, aber ich war immer rasiert. Ich hab' da kein Problem mit gehabt. Ich würd' mal sagen, da hat der Diederichsen einfach völlig übertrieben.


Anti-Anti-Aging

Und jetzt also "Knietief Im Dispo". Da kommt Identifikation auf. Nicht nur wegen der unerwarteten 80 Euro "Kontoführungspreis-Abrechnung", die mich seit Tagen bangen lässt, ob ich wohl diesen Monat die Telefonrechnung bezahlen kann. Die Songs sind anti alles. Anti-Gegenwart. Anti-"Alles wird immer besser"-Ideologie. Anti-Glanz-Society. Und sehr grummelig-traurig auch. Gar nicht mehr so schwärmerisch und positiv-verzweifelnd wie auf "Monarchie & Alltag". Eher hat man das Gefühl: Wenn der goldene Oktober zuschlägt, ist das bedrückender, weil man weiß, dass es schon immer so war. Und dann ist die "Arschkarte Der Befund". Die Musik ist dabei sehr up to date. Melodiös, rockend, collagenhaft, Fehlfarben im elektronischen Gewand. "Rhein In Flammen" fängt an wie Blumfeld '94: "Kein Flugzeug kann immer fliegen, niemand wird auf ewig siegen." Das ist toll. Anti-Anti-Aging. Das Gescheite an dieser Platte: Sie versucht gar nicht erst, Pop zu sein. (Mal abgesehen von der Single "Club Der Schönen Mütter". Es scheint noch wie zu "Es Geht Voran"-Zeiten zu sein: Der Titel, der am meisten Glanz verspricht, wird als Single ausgekoppelt. Jaja, die Schönheit der Frauen.) Es ist, als hätten Fehlfarben erkannt: Wer heute nur ein bisschen gegen die Verhältnisse ist, ist schon dabei, ist schon Teil des Pop-Trottel-Systems. (Wie wir alle.) Manchmal spricht Peter Hein eher, als dass er singt. Das sind meistens die Songs, die am befundhaftesten sind. Und auch ohne Melodie auskommen. Eine ziemlich coole Kälte rüberbringen. Da werden die Verhältnisse gerockt ohne falsche Versprechen. Aber mit Humor und viel Identität.

Die Texte klingen so, als müsstest du heute direkter aussprechen, was dich stört. Damit es auch verstanden wird.

Hein: Meinst du? Ich bin mir nicht sicher. Ich dachte immer, ich hätte alles direkt ausgesprochen. Vielleicht waren das dann die Texte von Thomas, die du meinst. Das weiß ich nicht.

Ist auch schwierig, das jetzt im nachhinein festzustellen. Als die "Monarchie & Alltag" rauskam, habe ich es ja gar nicht mitgekriegt, insofern ...

Hein: Das hätten wir jetzt auch nicht unterstellt.
Schwebel: Die Gnade der späten Geburt, würd' ich dazu sagen.

Die neuen Texte kommen mir uncodierter vor.

Hein: Manches zum Teil schon, anderes ist ein paar Ebenen tiefer, aber man kann als erstes alles so nehmen und lesen, wie es gemeint ist, und dann kann man weitergucken.

Bleiben wir mal auf der wörtlichen Ebene. Das Lied "Rhein In Flammen" find' ich so toll. Weil ja die gesamte Pop-Kultur von der Rhetorik lebt, dass alles immer besser und toller wird, und viele Leute das Gefühl haben ...

Hein: Das stimmt ja nicht, oder? Es ist ein Trugschluss, dass alles immer besser wird. Ich schau' die letzten 6000 Jahre an. Das ist ungefähr die Geschichte unseres Volkes. Wenn ich die in fünf Minuten zusammenfasse, heißt die bestimmt nicht: Es wurde immer besser, oder es geht nach vorne.
Schwebel: Es gibt viele Rückschritte.
Hein: Es wird immer schlechter. Irgendwann war's mal ganz toll, jetzt wird's ganz blöd. So ist es gemeint, ganz einfach.

Aber birgt das nicht auch die Gefahr von Kulturpessimismus?

Hein: Nee, Kultur besteht ja nicht nur aus Musik. Das macht ja nur einen kleinen Teilaspekt des Ganzen aus. Ich lese viel, geh' nicht mehr oft ins Kino, leider, muss ich auch dazu sagen. Es gibt Malerei, was weiß ich, sonstige Kunst, alles, was Kultur halt ist. Und da bin ich nicht der Meinung, dass alles immer schlechter wird.

Wie habt ihr euch über die Musik verständigt? Die klingt ja sehr up to date. Wart ihr von aktuellen Sounds beeinflusst, die around waren?

Kemner: Kurt Dahlke hat mal zu mir gemeint, der Reiz läge auch darin, einer Band wie Fehlfarben ein moderneres Gewand zu geben, wie das Radiohead geschafft hätten. Die konventionelle Rockband, die auch ein bisschen fusioniert mit anderen Dingen.
Hein: Wenn ihr mich hättet machen lassen, wär' das anders geworden.
Schwebel: Rock'n'Roll!
Hein: Elvis hätte sich im Grab umgedreht.
Schwebel: Vielleicht ist es auch die neue Aufnahmetechnik. Dadurch waren wir freier, Sachen auszuprobieren. Es mussten keine Songs bestehen. Wir konnten einfach so Schrittchen für Schrittchen die Stücke machen. Sie im Studio entwickeln. Also, das war echt klasse. Pyrolator war da als Produzent. War richtig gut.

Wollt ihr damit auch junge Leute ansprechen? Damit die auch mal die ganze Pop-Kultur so grundsätzlich in Frage stellen?

Schwebel: Es gibt immer Leute, die auf so eine Nachricht mal warten, von ihrem CD-Player. Man muss sie nur erreichen. Aber wenn man sie erreicht, wird es keinen Generationen-Unterschied geben.
Kemner: Wenn wir jetzt natürlich, ich weiß nicht, 20, 25 wären, dann wären wir wahrscheinlich wie die Strokes und würden gehypt, Teenager würden kommen. So wahrscheinlich nicht.
Hein: Die hören das ja nicht, weil die nichts von uns zu sehen kriegen. Wir haben ja keine Poster ...

Müsst ihr noch Poster machen ...

Hein: Würdest du uns auf einem Poster sehen wollen? Ich bezweifle das.
Warum denn nicht?

Kemner: Zu hässlich für die Vogue.

Warum gibt es eigentlich auf der Platte so wenig Liebeslieder?

Hein: Das sind doch nur Liebeslieder, echt. Die wurden sogar noch gekürzt. Die Firma wollte mehr Aufstand, mehr Revolution.

Es gibt ja auch oft diese beiden Ebenen.

Hein: Ja, genau, diese beiden großen Themen in unserem Schaffen: eben das beliebte lyrische Protestlied und das politische Liebeslied. Und das sind auch die beiden einzigen Lieder, die ich kann. Deshalb werden die eins ums andere wieder aufgewärmt.


Fazit

Im Gegensatz zu "Monarchie & Alltag" ist "Knietief Im Dispo" nicht "anders anders", sondern einfach nur anders. Dadurch aber auch den Verhältnissen ähnlicher und somit eventuell doch "anders anders", wenn ihr wisst, was ich meine. Auf jeden Fall nicht sauber.



Artikel kommentieren
aus Intro #100 (November 2002)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Gruppen


Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

guccibrille pradajäckchen uns gehts super!

» Mehr Gruppen