
Bungalow
Die Sache Mit Dem Risiko
23.10.2002, 17:31, Text:
Almut Klotz,
Almut Klotz
Das Label mit den munteren, changierenden Punkten im Logo wiegt stolz sein 100. Baby in seinen Armen - und es ist ein Bastard aus den 99 älteren Kindern. Was gar nicht schlimm ist, schließlich reden andere Eltern das schon beim dritten Kind herbei. Bungalow ist very proud, for sure! Und spart nicht mit großen Worten. Dass ein Produkt im gleichen Atemzug als Bibel und als Reader's Digest bezeichnet wird, mag zwar, nun ja, seltsam anmuten, aber wir sind hier schließlich im cheesy Pop-Universum, da kann man mal fünf grade sein lassen. Ich gehe davon aus, dass der Erfinder dieser ausdrucksstarken Gleichung weder das eine noch das andere jemals gelesen hat.
\"Risiko 100\" ist nicht nur eine CD mit neuen, unveröffentlichten Stücken bzw. Remixes von Bungalow-Künstlern, sondern auch eine DVD mit allen 28 Bungalow-Videos und einem überaus liebevoll gestalteten 40-seitigen Booklet. Da gilt es, alle Sinne zu benutzen. Ich gebe zu, ich habe keinen DVD-Player und konnte mir die Videos nicht ansehen. Aber das passt, dass ich da passen muss: Ich bin sowieso kein visueller Mensch und finde es befremdlich, wenn mir Leute einen Videoclip bis ins Detail schildern, als wär's ein Spielfilm, und mir dann den Song dazu nicht nennen, geschweige denn ihn mir vorsingen können. Also, guckt sie euch selbst an und macht euch ein Bild davon.
Die CD habe ich oft gehört. Hell und freundlich, aufgeräumt und gelüftet kommt sie daher, wie ein frisch bezogener Bungalow eben, mit einem kleinen Gärtchen davor, wo man zu viert sitzen kann. Und da sitzen wir dann auf orangeroten Plastikstühlen, trinken Campari-Soda, spielen zwischendurch eine Runde Canasta und hören diese CD. Und manchmal drehen wir ganz laut. Zum Beispiel bei dem schönen Remix von Stereo Totals charmantem \"Liebe Zu Dritt\": \"Ich liebe es, von vier Händen gestreichelt zu werden / Ist der eine müde, ist der andere fit / Ich liebe Liebe zu dritt.\" Oder bei der schräg-komprimierten Version von \"Love Will Tear Us Apart\" der britischen Elektro-Trash-Combo BIS - aber Elektrotrash heißt jetzt ja Elektroclash, und ich will mir unbedingt das Original von Joy Division kaufen. Und auch bei dem supertollen Stück der ernsthaften Berliner Band Mina, das knallt und irgendwie ... besonders ist, da machen wir besonders laut. Genauso wie beim neuesten Signing, den \"Modern City Coolness\"-Vertretern Sitcom Warriors mit ihrem schön exaltierten Gesang. Und natüüüürlich bei dem Ohrwurm von Le Hammond Inferno.
Denn mit letztgenanntem Duo, mit Marcus Liesenfeld und Holger Beier, fing doch alles an! Und wie immer bei solchen legendären Geschichten sagen die Den-Stein-ins-Rollen-Gebrachten: \"Das hätten wir doch damals nie gedacht!\" Damals, das war 1992, als sie mit ihren tragbaren Plattenspielern von Schöneberger Café zu Schöneberger Café zogen und Easy-Listening-Platten auflegten. Als dann aber bald eine ganze Gefolgschaft mitzog und entfesselt auf Tischen tanzte, als sie Bands wie Saint Etienne und Pizzicato Five kennenlernten und sich plötzlich als Vorband von Blur sahen - da war die Idee, dieses Hobby, das ihnen Fans und Künstler gleichermaßen in die Arme trieb, zu bündeln, ganz naheliegend. 1995 gründeten die beiden zusammen mit Christoph Ellinghaus ein Label, versahen es mit ganz dieser niedlichen James-Last-Nostalgie entsprechendem Namen und Logo und gingen erst mal nach Japan. Es entstand der erste Bungalow-Sampler \"Sushi 3000\", der mit seinem Quietsche-Entchen-Sound von den einen geliebt, von den anderen als unhörbar empfunden wurde. Aber wie das eben so ist bei diesen Legenden: Sie müssen erst mal begonnen werden, dann nimmt alles seinen Lauf.
Stereo Total wechseln stimmigerweise von Ellinghaus' anderem Labelimprint City Slang zu Bungalow, der Soundtrack von \"Raumpatrouille\" wird wiederveröffentlicht, Le Hammond Inferno werden wilder: Turbulenzen zwischen Ich-als-Label und Ich-als-Künstler, Irritationen mit der Presse. Markus: \"In der Elektronikszene hier wurden wir als Karnevalsverein gesehen, als Clowns, die gleichzeitig abzocken wollen. Das lange Zeit wichtigste deutsche Musikmagazin hat uns konsequent ignoriert. Als sie dann auch die Pop Tarts als Easy-Listening-Gruppe bezeichneten, hat's uns gereicht. Wir wollten eine ganze Seite kaufen bei denen, um in einer Anzeige '1000 Gründe, dieses Blatt nicht zu kaufen' zu nennen. Dann war uns aber das Geld zu schade, das die gekriegt hätten.\"
Dieses Stigma des seichten, nicht ernst zu nehmenden Elektroquatschs, was Markus ein \"deutsches Phänomen\" nennt, haftet ihnen bis heute an, und deshalb sind sie auch in England, Spanien, Italien, Japan viel angesagter als hier. Wären Stereo Total nicht bei ihnen, würde diese Ignoranz wahrscheinlich bis heute anhalten. Dass aber Stereo Total mit ihnen groß geworden sind und dass Bungalow nach einem einjährigen Versuch, mit einem Majorlabel zu kooperieren (Markus: \"Nie nie nie wieder.\"), ein Indielabel ohne Papa-Anbindung ist, das ist etwas wirklich Außergewöhnliches und gehört an dieser Stelle einmal ordentlich gewürdigt. So ist \"Risiko 100\" auch das Statement eines wackeren Indie-Labels, das es bis hierhin geschafft hat.
Man will gar nicht glauben, dass es wirklich so niedlich familiär zugeht, wie im Presse-Info beschworen. Dass da so ein Team von sieben Leuten durchhält, ohne ausschließlich davon leben zu können. Aber wie soll ich das bewerten, wenn die wahnsinnig nette Dörthe - Moment, ich lese nach, welche \"kleinen Verletzungen für geraume Zeit\" sie sich zugezogen hatte bei der Entstehung dieser Platte: Gut, sie kam relativ glimpflich weg, \"Dörthe hustet\" steht da nur, während andere Mitarbeiter mit rätselhafteren Erkrankungen wie Photoshop-Augen, Haarausfall, Sprachlosigkeit und, am schlimmsten: \"... hat's am Rücken\" zu kämpfen haben - eines Abends verschnupft bei mir klingelt, um mir das Info-Paket zu bringen: \"Weil du wohnst ja um die Ecke von mir. Da spart man doch Porto.\" Und die Verpackung war schon benutzt und überklebt mit meiner Adresse. Das kann doch nicht Konzept sein, oder?
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