Badly Drawn Boy

Familienvater In Rock

23.10.2002, 17:22, Text: Sonja Eismann

Ist es merkwürdig, über einen international erfolgreichen Rockstar zu sagen, er habe ein Familienalbum gemacht? Denn genau diese Assoziation stellt sich sofort ein, beim ersten Hören, und will nicht mehr runter von meiner mentalen Festplatte. Ganz persönlich, direkt und vermutlich auch ehrlich werden hier Alltagsissues eines Partners und zweifachen Vaters verhandelt, der im Zweitjob als Musiker um den Erdball reist und die meiste Zeit mit seiner Karriere verbringt. \"Have You Fed The Fish?\", das dritte Badly-Drawn-Boy-Album nach \"The Hour Of Bewilderbeast\" (2000) und dem \"About A Boy\"-Soundtrack (2002), klingt über weite Strecken wie eine private Unterhaltung Damon Goughs mit seiner Freundin Claire.

Wir sind nur die Zaungäste, die durchs Wohnzimmerfensterchen andächtig die Szenen dieses Familienlebens betrachten dürfen, das fast ausschließlich in der Musik stattfindet.



Schon der Titel der neuen Platte ist eine bewusste Abkehr von den so gerne zelebrierten Rockstar-Klischees der Rastlosigkeit und Ungezähmtheit, die mit dem Abfeiern von kreuzbiederen Aktivitäten wie Fischhaltung und -fütterung feixend durch den Kakao gezogen werden. \"Der Refrain in diesem Song ist als großes Stadionrock-Ding angelegt. Es ist mein Traum, diesen Satz ein Riesenpublikum singen zu hören. Ich weiß nicht, ob das jemals passieren wird, aber als ich dieses Lied geschrieben habe, habe ich mir sofort vorgestellt, in einem großen Stadion irgendwo auf der Welt zu stehen mit einer Wand von Leuten vor mir, die ihre Fäuste in die Luft recken und 'Have you fed the fish today?' grölen. Wenn man so was einmal im Leben macht, hat man was erreicht. Ich würde viel lieber so was schaffen, als irgend so ein dämliches Rock-Klischee zu erfüllen. Obwohl das hier vielleicht auch schon wieder klischeehaft ist, so Spinal-Tap-mäßig ...\"





Egozentrisch Bescheiden



Damon Gough ist müde an diesem Interviewtag - und verkatert, wie es sich für den feierfreudigen Britentypus, den er mitverkörpert, wohl gehört. Er hat nur zwei Stunden geschlafen und bittet während des Gesprächs um ein Aspirin. Trotzdem fließen die Wörter nur so aus ihm raus, er reflektiert seine eigene Position kritisch, geht interessiert auf Äußerungen über sein neues Werk ein und ist sichtlich erfreut darüber, direkt nach der Fertigstellung bereits über seine Platte sprechen zu können. Da ist sie auch schon wieder greifbar, diese schwer nachvollziehbare Mischung aus absoluter Bescheidenheit und selbstherrlicher Hybris, die der Wahl-Mancunian besonders gerne auf Konzerten raushaut und damit Fans, die sich nur den sensiblen Songwriter ausmalen, vor den Kopf stößt und gierig nach mehr Inszenierung macht. Klar ist der Mann neben seiner sweeten Nettigkeit auch egozentrisch und extrovertiert, aber in der britischen Musiklandschaft, die selbst nur zwischen Top- oder Flop-Extremen agieren kann, sind solche Gemütsschwankungen zwischen Selbstzweifeln und Eigen-Schulter-Geklopfe wahrscheinlich vorprogrammiert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der heute 32jährige Gough schon seit seinem 18. Lebensjahr, wie besessen von eindringlichen Melodien, die Gitarre bezupft und erst 2000 mit dem Mercury Prize quasi offiziell dafür belohnt wurde. Da ging das UK-Popstarprogramm dann aber auch richtig los - dem NME war es zärtliche Berichte wert, wenn Badly Drawn Boy ohne seine Trademark-Wollmütze gesehen wurde, und er selbst meinte schon in einem Interview im Frühjahr anlässlich des Soundtrack-Releases, er frage sich in der Öffentlichkeit oft, ob er vergessen habe, die Hosen hochzuziehen, oder warum sonst die Leute ihn so komisch anstarrten. Den Part als Darsteller des Factory-Gründers Tony Wilsons im Film \"24 Hour Party People\", der ihm auf seiner ersten großen Erfolgswelle angeboten wurde, hat er abgelehnt, weil er kein Schauspieler, sondern Musiker sei. \"I dunno why they asked me, I look nuthin like him\", murmelt er im selben Interview sarkastisch und doch freundlich in den Raum. Kein Profilneurosen-Flächenbrand bis jetzt also.





Schutzschild



Gegen das Gehampel von Öffentlichkeit und Presse, das sich nach der Veröffentlichung von \"Have You Fed The Fish?\" zweifelsohne noch intensivieren wird, hat er mit dem sehr privaten Themenkreis auf dem neuen Album intuitiv ein Schutzschild ausgefahren. Einerseits verweigert er sich dem Rockstar-Zirkus mit den weitläufig Biz-inkompatiblen Texten von Häuslichkeit, Commitment und tief sitzenden Unsicherheiten, andererseits, so wirkt es zumindest, enthält das Album schon eine implizite, fast drängend vorgebrachte Entschuldigung an die Adresse seiner Freundin und seiner zwei Kinder, für die er weiterhin wenig Zeit haben wird. So wird der Albumtitel, der zuerst provisorisch \"All Possibilities\" war (das jetzt in den Untertitel abgerutscht ist), zu einem Leuchtturm familiärer Praktiken und Nähe, der auch in Abwesenheit rund um den Globus funkt und die Basics in Erinnerung rufen soll: \"Als ich für die Geburt meines zweiten Kindes, Oscar, diesen März von der Arbeit am Soundtrack in L.A. für einige Wochen nach Hause kam, schrieb ich 'Have You Fed The Fish?'. Wir haben nämlich Goldfische, die jeden Tag entweder von Claire oder von mir, gemeinsam mit unserer Tochter Edie, gefüttert werden. Wer von uns beiden Erwachsenen als zweites aufsteht, fragt den anderen immer: 'Have you fed the fish?', weil man da sehr vorsichtig sein muss. Man darf sie nicht unter-, aber auch nicht überfüttern, denn sonst sterben sie. Auch jetzt, wo der Albumtitel da ist, sagen wir diesen Satz noch jeden Morgen, obwohl er mittlerweile wie ein Witz klingt. Das finde ich großartig. Ich habe sofort gemerkt, was das für einen tollen Titel abgibt, denn er evoziert genau das, was das Album will: Das Achten auf die kleinen Dinge, während man dieses komische Leben lebt und in der weiten Welt den Bono macht.\"





Babyschleim Am Ärmel



Die positive Energie, die aus den 15 Tracks platzt und dabei neben souliger Euphorie auch Zweifel und Gefühlsschluchten zulässt, nährt sich wahrscheinlich aus ebendieser Liebe zum Kleinen, zum Persönlichen, zum Alltag, die nicht luftig-abstrakte Konzepte rauskotzt, sondern ganz unten auf dem Boden ist und Schlichttext redet. Natürlich funktioniert das Album schon auf musikalischer Ebene durch seine bombensichere songwriterische Stimmigkeit, die Badly diesmal auch bei Ausflügen zu zuckrigem Soul, zu Sexual-healing-Melodiebögen, zu Beat und natürlich auch zu Beatles'eskem führt - im Kern aber ist das Material immer noch ganz klar BDB. Aber das Schatzkästchen sind die ganz direkten Texte, die sich nicht zu blöd sind, in gewöhnlicher Sprache mit Real-Vokabeln zu sprechen, und gerade deshalb alle als poetisch-wahre Zitate rausgeschrien werden möchten.

\"How can I give you the answers you need when all I possess is a melody?\" heißt es in \"How?\" wohl in Richtung der Fans, die vom bärtigen Barden einen EQ-Ausbau erhoffen, aber mehr noch zu seiner Claire, die sich den Babyschleim vom Ärmel wischt und tatkräftigen Lebensbeistand wünscht, der natürlich nie so einfach um die Ecke kommt. Am eindringlichsten ist diese Partnerschaftskommunikation via Musik im Doppelsong \"I Was Wrong / You Were Right\", der eine der schönsten, weil realistischsten und unverbrämtesten Liebeserklärungen ist, die meinen Weg bisher gekreuzt haben.

Das findet auch Damon selbst und verkündet auf Konzerten regelmäßig vollmundig, dies sei eines der besten Stücke, das er je geschrieben habe. Ach, hallo Hybris. Trotzdem warte ich beim Köln-Konzert des Jungen, bei dem er sein übliches Repertoire an Spaßknallern und -fürzen zündet - wie Songs abbrechen, um Fotos seiner Familie zu zeigen, kurz von der Bühne verschwinden und das Publikum schön mit runtergeklapptem Kiefer stehen lassen, brennende Streichhölzer in den Mund stecken und sich einen Aschenbecher über dem Kopf ausleeren -, ungeduldig auf dieses eine Stück. Als der zarte akustische Teil von \"I Was Wrong\" mit den Worten \"I don't believe in anything I see unless I can feel it too\" ausklingt und sich dann mit einem mächtigen emotionalen Paukenschlag aus euphorischen Gitarrenakkorden und Piano zu \"You Were Right\" morpht, wächst in meiner Kehle ein Klößchen, das bedenklich schnell zu einem Klumpen mit gigantischen Ausmaßen anschwillt. Dann kommt als Klimax die verwickelte und doch so klare Erklärung, in der er vom Traum mit der verliebten Madonna singt, die er nicht erhören konnte, \"because I was still in love with you\". Wow. Lange nicht mehr so unbeholfen jung und geworfen in einem Konzert gefühlt. Ich liebe es.





Turning Down Madonna



\"Der ganze Song ist eine Hommage an Claire und an die Realität, und glücklicherweise passt das Wort Madonna einfach in den Rhythmus der Melodie, das war nur ein Bonus. Viele Leute meinten übrigens, Madonna würde sich sicher aufregen, wenn sie den Song hört, aber das wäre total grundlos. Denn es ist tatsächlich so, dass meine Freundin großer Madonna-Fan ist und ihr sogar ein bisschen ähnlich sieht. Das war wahrscheinlich sogar das, was mich anfangs an ihr angezogen hat. Deswegen wusste ich auch gleich, wie dieser Vergleich bei Claire ankommen würde.\" Nämlich als Kompliment, nehme ich schweigend an.

Ob die Musik für ihn denn tatsächlich ein Kanal sei, durch den er, unbelastet von den üblichen Alltagsstress-Interferenzen, die vieles verkomplizieren oder weniger klar erscheinen lassen, mit seiner Freundin kommunizieren und Gefühle bzw. auch Entschuldigungen für Versäumtes aussprechen könne, die im Paar- und Familienleben irgendwie nie den richtigen Moment finden, möchte ich gerne von ihm wissen, weil es doch so stark so wirkt. Es kommt mir zwar komisch vor, in seinem Alltag so analysierend rumzustochern, aber durch dieses warme Nähegefühl, das das Album vermittelt, habe ich sowieso schon das Gefühl, als würde ich mit zwei molligen Babys auf den Knien in seinem living room sitzen, in Beziehungsklatsch mit Claire verwickelt, während Damon um die Welt turnt.

\"Ja, sicher. Es gibt da auch diese eine Zeile, in der ich sage, dass ich gewisse Dinge zwar in Songs anspreche, das im wahren Leben aber nicht schaffe. Nachdem ich jetzt ja doch schon recht erfolgreich war mit meiner Musik, spüre ich einen Druck, die Leute und mich selbst immer wieder und wieder von neuem zu überraschen, was eine Menge meiner Energie verschlingt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mehr an Musik als an alles andere denke - sogar wenn ich mit meiner Tochter die Straße runterspaziere, habe ich einen Song im Kopf, den ich ihr vorsinge, um wenigstens so mit ihr zu kommunizieren. Aber ich habe immer Schiss, dass ich auch mit 95 noch ständig über den nächsten Song nachgrübeln werde und nicht darüber, was ich mit meinem Tag anfangen soll. Über diese Ängste zu schreiben ist irgendwie therapeutisch, und das teile ich der Welt mit. Obwohl ich jetzt das Leben habe, von dem ich früher geträumt habe, ist es natürlich nie genau das, was man will. Ich bin schon irgendwie stolz darauf, das alles in Worte gepackt zu haben, denn ich könnte ja genausogut endlose wohltönende Wortketten ohne Bedeutung kreieren. So kann ich wenigstens da rausgehen und die Songs mit einer gewissen Überzeugung und Leidenschaft singen.\"





Imaginary Lines



Und genau so klingt das tatsächlich auch, und so funktioniert das so gut für mich und vermutlich die unzähligen anderen, die sich von diesem fantastisch glühenden Album anzünden lassen werden. Aber wie sieht sich eigentlich Claire in diesem ganzen Song-Universum, als Besungene einerseits und als Leidtragende andererseits, weil es doch genau diese schmeichelnde, erklärende Musik ist, die ihren Damon immer wieder von ihr und der Familie (-narbeit) wegzerrt?

\"Ich finde es wirklich schwierig, Claire diese Sachen vorzuspielen, denn manchmal frage ich mich, ob sie versteht, was ich durchmache, wenn ich nicht zu Hause bin. Ich vermisse sie und die Kinder. Es ist ja nicht so, als ob ich keinen Spaß hätte, wenn ich unterwegs auf Tour oder in L.A. im Studio bin, aber ich kann nie die Augen vor der Tatsache verschließen, dass ich zu Hause etwas viel Besseres, etwas Realeres habe. Genau das vergrößert aber den Antrieb, weiterzumachen, denn jetzt habe ich ein gutes Leben mit zwei Kindern vor mir. Über dieses Leben Songs zu schreiben ist die beste Art, das zu dokumentieren, was passiert. Deswegen habe ich jetzt auch beschlossen, über diese Dinge zu schreiben, denn alles ist so schnell passiert, die beiden Platten und die beiden Babys innerhalb von nur zwei Jahren, in denen ich auch noch ungefähr drei- oder viermal den Erdball umrundet habe.\"

Erst hinterher, als ich das Interview abtippe, fällt mir auf, dass das ja schon ein kleines Hämmerchen ist, das Damon da ausgepackt hat. Denn das fehlende Mitleid seiner Claire zu beklagen, die nicht einsehen mag, wie schlecht es ihm geht, während er auf internationalen Bühnen abgefeiert wird und sich womöglich jeden Abend in den Schlaf zecht, während sie derweil zu Hause mit zwei kleinen Rotznasen in Manchester sitzt und alleine den Familienalltag meistert, das verschiebt doch ein bisschen die Proportionen zu seinen Gunsten. Aber wenn es um die Gefühle der anderen geht, ist der Boy nicht immer gar so zimperlich, denn wie singt er so ätzend ironisch über Ehebett-Zweisamkeit in \"Imaginary Lines\"? \"Sometimes I could draw us an imaginary line, just don't breathe, I don't need your allergies, I am falling out of bed not out of love.\" Das ist witzig, aber auch verletzend. \"I know you un-der-stand\" kommt am Ende noch nach, und das hoffe ich dann auch für sie, die Claire.





Im Laufställchen Im Takt



Ab einem gewissen Punkt fällt mir auf, wie grotesk es eigentlich ist, dass ich mich mit einem mir ziemlich fremden Musiker über die Beziehung zu seiner Freundin unterhalte, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Kehr dein Innerstes nach außen und nimm deine Lieben gleich mit - so ist das wohl, wenn man in Pop ist und dann auch noch ein extrem persönliches Album macht. Dann doch lieber technisches Terrain, denke ich mir, damit wir etwas Abstand kriegen von dieser ganz privaten Nummer.



Du hast dein neues Album ja wieder von Tom Rothrock, der ja auch schon für Elliott Smith Producer war, in Los Angeles produzieren lassen. Hast du eigentlich vor dem Soundtrack schon mit ihm gearbeitet, oder wie bist du überhaupt auf ihn gestoßen?



\"Mein erstes Album habe ich so nach und nach aufgenommen, bei mir zu Hause oder bei Freunden mit Studios. Als ich am Soundtrack gearbeitet habe, musste das alles etwas professionalisiert werden, weil es ja klare zeitliche Vorgaben gab. Ich wollte das auch anders aufziehen als beim ersten Mal, wo ich mit fünf verschiedenen Co-Producern gearbeitet hatte - ich selbst produziere immer mit, denn ich bin in jeden einzelnen Prozess bis zum fertigen Song involviert und spiele ja auch die meisten Instrumente selbst. Ich hatte also das Gefühl, ich bräuchte dringend einen einzigen Produzenten, und zu diesem Zeitpunkt fiel in meiner Umgebung - in ganz anderen Zusammenhängen - des öfteren der Name Tom Rothrock. Der wahre Grund, weswegen ich Tom letztendlich kontaktiert habe, war aber ein ganz anderer: Wir hatten damals für meine Tochter Edie so ein spezielles Laufställchen, in dem die Kinder auf und ab hüpfen können, bevor sie laufen lernen. Irgendwann, als einmal Elliott Smiths 'Waltz Nr. 2' lief, mein Lieblingslied von ihm, fing Edie an, im Takt mitzuhüpfen. Das war das erste Mal, dass sie das gemacht hat, und sie war richtig drin im Rhythmus! Dann habe ich auf die Plattenhülle geguckt, und da war schon wieder Tom Rothrocks Name. Okay, dachte ich mir, den musst du jetzt wohl mal anrufen. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, und nach Beendigung des Soundtracks habe ich ihn dann gefragt, ob er Lust habe, an meiner nächsten eigenen Platte mitzumachen, und er wollte. Mittlerweile sind wir total gute Freunde, und ich glaube, er braucht mal eine Pause von mir - wir waren jetzt fast ein Jahr lang andauernd zusammen, wir sind schon wie ein altes Ehepaar.\"





Die Eigene Stimme



Also doch wieder persönlich, mit Baby Edie als größtem Elliott-Fan, das die Entscheidung darüber fällt, wer produzieren darf. Eine hübsche Familiengeschichte. Und auch noch mit tollem Ergebnis, denn die Platte mit ihrer strahlenden Emotionalität, ihren üppigen Streicher-Arrangements, ihren zart-folksy Halbtönen, ihrem glamorous Rock, ihren Bombast-Filmsoundtrack-Momenten kriegt viele Genres unter einen Hut, franst dabei aber nirgends aus, sondern klingt distinkt nach BDB. Und nur noch eine Prise nach Elliott, deutlich weniger als noch auf dem \"About A Boy\"-Soundtrack, was aber nicht traurig ist, denn Damon Gough ist mit diesen sehr persönlichen Statements wieder ein Stück mehr in seine Songwriter-Person reingewachsen. Nach der Arbeit am Soundtrack für \"About A Boy\", bei dem er ja Gedanken und Gefühle zu Musik machen musste, die nicht aus seinem Bauch kamen, nach der wohltuenden Distanz zum Inhalt also war es auch wieder befreiend für ihn, den Content von drinnen kommen zu lassen:

\"Die Songs, die von Nick Hornbys Roman bzw. dem Filmskript inspiriert waren, waren in gewisser Weise semi-persönlich, denn ich versuchte dabei, eine Gleichung zwischen den Charakteren aus dem Buch und meinen eigenen Erfahrungen herzustellen, aber im Endeffekt war es nicht das, was ich selbst sagen wollte. Als ich dann den ersten Tag mit Tom Rothrock für meine eigene Platte im Studio war, war das zwar dasselbe Studio, derselbe Ort, dieselben Leute, aber vom Gefühl her waren Welten dazwischen, weil ich wieder mit meiner eigenen Stimme sprechen konnte. Ich wollte dann auch thematisieren, dass mich der Soundtrack von meiner Familie ferngehalten hat, dass ich nicht wollte, dass dieser Lebensstil mein 'echtes' Leben ruiniert, dass ich einen Weg finden wollte, das Popstar-Superhero-Dasein für die Massen und das Dad- und Partner-Sein für meine Familie miteinander zu versöhnen. Ich habe mich einfach hingesetzt, ohne richtig nachzudenken, und die ersten Worte, die mir in den Sinn gekommen sind, waren eben 'How can I find time to be with you again', die später zum Song 'How?' wurden.\"





Mut Zur Lücke



Eines muss ich dich zum Schluss aber nun doch noch fragen: Warum klingt deine Musik eigentlich in dem Sinne zeitlos, als hättest du für alles, was nach den 70ern kam, nicht allzu große Wertschätzung?



\"Ich finde es immer schwierig, Entwicklungen in verschiedene Perioden zu zerhacken. Die 70er waren ein unglaubliches Jahrzehnt, ein unterschätztes Jahrzehnt, denn jeder spricht von den 60ern als goldenes Zeitalter, dabei waren die 70er doppelt so gut. Da gab es die Entwicklung von Punk genauso wie Disco, puren Pop oder Glamrock. Aber das gilt irgendwie auch für die 80er, und ich glaube, da gibt es auch einige Einflüsse bei mir, aber ich will für mich eigentlich immer eher, dass meine Sachen 'classic' klingen. Wenn man das erzwingen will, kann man natürlich leicht in eine Falle tappen ... Ich mag Bob Dylan und Bruce Springsteen, vor allem seine frühen Sachen, aber mir gefällt auch ganz aktuelles Zeug, elektronische Musik, ich mag Bands wie die Cardigans, Komeda, sogar New Order.\"



Hmm, das also als aktuelle Musik. Bei diesen Nennungen erschließt sich einem so ein gewisser Generation-Gap, der sich einerseits darin äußert, dass Badly Drawn Boys Stücke zwar tatsächlich zeitlos, aber dabei doch rückwärtsgewandt utopisch klingen, und andererseits darin, dass das angewählte Publikum altersmäßig auch eher bei ihm liegen dürfte, wobei sich da ja auch eher der gefühlsmäßige Konnex zum Familiending herstellen lässt. Ich erinnere mich daran, wie Nicolas Hoult, der Darsteller des präpubertären Marcus in \"About A Boy\", im Interview anlässlich der Filmpremiere rumdruckste und meinte, er sei ganz froh gewesen, beim Dreh nicht andauernd den Soundtrack hören zu müssen, das habe ihn nicht so angesprochen, er persönlich stehe ja eher auf Nu Metal.

\"Man selbst kann eben nur das machen, was man kann und was sich nach einem selbst anfühlt. Für diese Platte hatte ich z. B. so wahnsinnig viele Ideen und Konzepte. Ich habe mir gesagt, klar, ich kann eine Tanzplatte machen, ich kann Fatboy Slim sein, ich kann David Holmes sein, aber sobald ich anfange, so was zu schreiben, klingt es einfach falsch. Was es dann letztendlich aufs Album geschafft hat, war das, was irgendwie ehrlich war.\"

Vielleicht hat der rundliche Mann mit der Mütze und den Schlabberklamotten, der immer als Erneuerer eines Folkpop begrüßt wurde und sich eher nicht als solcher betitelt, ja also heimlich eine fertige Dancefloor-Scheibe in der Schublade. So zur Überbrückung des Gaps. Für \"Have You Fed The Fish?\" hat er angeblich über 200 Songs aufgenommen. An Ideen, Entwürfen und Konzepten mangelt es dem Boy mit der Melodie-Obsession nicht, über den Nick Hornby, der ihn sich ja als Vertoner seines Buches ausdrücklich gewünscht hatte, bewundernd meinte: \"He's got tunes coming out of his ears.\" Aber irgendwie wollen wir ihn doch lieber ehrlich und persönlich, und so reif, lebensweise und doch zweifelnd wie jetzt gerade. Wir machen's uns vor seinem Wohnzimmer bequem und schauen ins Familienaquarium. Der eine der Goldfische soll übrigens vor ein paar Tagen gestorben sein. Das macht mich richtig traurig.



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aus Intro #100 (November 2002)
 
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