Intim und Introducing 2002

All We Are!

30.09.2002, 15:44, Text: Linus Volkmann & Sebastian Ingenhoff, Linus Volkmann & Sebastian Ingenhoff

Intro Intim: 14.08. – Köln, Gebäude 9 & Introducing 2002: 16.08. – Köln, E-Werk

Nachdem Introducing 2001 (mit u. a. Blumfeld, The (International) Noise Conspiracy, Spooks) den damaligen Popkomm-Eröffnungsabend gestalten konnte, schien es natürlich schwer, dieser Nummer das darauffolgende Jahr Paroli zu bieten. Die Idee daher: Wir legen mit unserer beloved Party-Reihe Intro Intim noch einen vor. Und zwar einen Tag. Somit startet das Hedo-Concerto-grosso der 2002er-Popkomm (die selbst leider allzu stark unter dem Banner von “Krise der Tonträger-Industrie” aufspielen wird) bereits am Mittwoch im Gebäude 9. Gute Idee, wie sich schnell herausstellt, denn die Ressourcen der Beteiligten sind prall gefüllt, und alle hauen Lebens- und Partyenergie raus, als müsse der Vorrat nicht noch bis zum Sonntag reichen, sonern nur noch ein paar wenige Stunden.

Das offizielle Motto des Abends lautet “Berlin Spezial” und hat als Thema ebenjenen Hauptstadt-Hype. Der Zwist zwischen unseren beiden Pop-Metropolen wird dabei allerdings schnell zur Fanfreundschaft. Oder wie das heißt, wenn auf den Schals plötzlich so was steht wie “Schalke und Nürnberg – friends will be friends”. Die Abgesandten aus big in Berlin kommen aber auch mit schweren Geschützen und super zarten Körpern. Zum Beispiel Virginia Jetzt! Diese langen Indie-Lackel, deren schmelzy Immergut-Pop sie mittlerweile ja sogar zu einem Video mit Julia-Hummer-Appear und in heavy rotation allerorts brachte. Dann die geilen Neo-Quälgeister von Mia., deren Wunsch (formuliert auf dem Debüt “Hieb Und Stichfest”) ja war, “dass sich die Lager spalten”. Das ist hier und heute auch Fakt. Und ganz Monsters-Of-Rock-mäßig bringt ihr Gig sowohl die eigene Fan-Crowd in Wallung als auch ihre Gegenspieler zum Schweigen. Power, du Sau. Nicht minder überzeugend, aber weitaus weniger kontrovers die Quarks. Nach dem Mia.-Rockspektakel bieten sie die leiseren, aber ausgefalleneren Sounds. Alles überaus tanzbar. “Trigger Me Happy”, das neue Album, funktioniert live. Berlin sowieso. Zwischen den Sets und vor allem danach geben sich dann Le Hammond Inferno an den Reglern die Nadeln in die Hand. Electro-Rock mit Überraschungsei-Attitüde. Im Staub vor dem Laden stürzen Prominente wie Normalos. Auf die Knie vor Gott Hedon. Oder gleich aufs Maul. Abgeilen nannten wir das früher auf dem Dorf.

Am Tag danach ist dann tatsächlich Popkomm. Konnte das nicht abgesagt werden nach dieser Nacht? Einige heulen immer noch. Kurze Rekonvaleszenz und gegen das Raten der Ärzte kommt am Freitag gleich die nächste Volltext-Party. Keine Ausreden, sondern Introducing 2002. Im E-Werk. Fängt früh an, geht bis zum Morgen. Einpeitscher und (un-) heimliche Stars sind gleich Baxendale. Draußen ist es noch hell, während drinnen die zwei Jungs und das Mädchen ihre Mischung aus Pop-up-Electro und Hysteria aufziehen. Burn, Baby, burn. Danach wird wieder zurückgeschaltet. Das Tempo hielte keiner aus. Saybia aus Dänemark liefern episches Gitarren-Kino voll filigraner Schönheit und noisigen Inserts. Dann die Senkrechtstarter von Phantom Planet mit Starfighter-Präsenz, so was wie Post-Pogo macht sich in der Halle breit und bleibt auch während Chokebore erhalten. Eine beliebte junge Frau kann sogar später mit einem der Hawaii-Boys küssen. Glückwunsch auch von unserer Seite. Die beiden Main-Attractions nähern sich ihren Auftritten. Der als Conférencier geladene Schamoni kündigt sie in all seinem zur Verfügung stehenden Wahn an. Er ist dabei gar nicht wie Michael J. Fox. Mehr wie diese explosive Mischung aus Thomas Gottschalk und Nastassja Kinski, pardon, Klaus. Aber zum Konzert-Höhepunkt: Motorpsycho und Tocotronic. Erstere haben wir nach tausend Anfragen 2002 endlich mal mit einer Intro-Veranstaltung vermählen können, und letztere haben endlich ihr Repertoire etwas erweitert. Gibt es sonst bei den Tocotrois bloß die Singles plus “Drüben Auf Dem Hügel” entscheiden sich die Herzchen diesmal für mehr Besonderheiten neben ihrer Classic-Platinum-Live-CD. Die Lichtsport-Visuals passen wie gemalt. Wow. Aber das alles soll alles sein? Nee. Da ist doch noch die “Ausländer Raus!”-Filmpremiere von Schlingensief. Und auf dem Second Floor, den zuvor Luomo, Ego-Express, Hakan Lidbo und die Märtini Brös. geschockt haben, geht es bis in Richtung Morgen noch weiter. Besonders die Speerspitze des Hype of the second funktioniert wie in einem Hedo-Kesselschlacht-Jingle. Bastard Pop – mit den 2 Many DJs. Akteure von Baxendale, Brant, Synthie Lauper, Doppelherz liegen sich mit der heiß geknüppelten Crowd in den Armen. Vorsicht: Dehydration. Denn es ist heiß. Zum Glück gehen Elfen und Alraunen mit Wasserschälchen rund. Oder ist man doch schon im Sanitäter-Zelt, und jede dieser Fieberfantasien bringt einen nur näher zu Gott? Sei’s drum. Eins so gut wie das andere. In jedem Fall vielen Dank allen Beteiligten und Unterstützern.



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