
Public Enemy
This Is The Remix
28.08.2002, 12:23, Text:
Kerstin Grether,
Kerstin Grether
[9 Kommentare]
Als Polizisten in LA kürzlich einen schwarzen Teenager krankenhausreif prügelten - unter den Augen der Weltöffentlichkeit, denn zufällig hatte mal wieder einer mit der Videokamera draufgehalten - konnte man sich kurz an den Rodney-King-\"Fall\" von vor zehn Jahren erinnert fühlen. Damals entlud sich eine ähnliche Ausgangslage in gewalttätigem Protest der schwarzen Community, während der Vorfall dieses Mal -zynisch gesagt- wie ein folgenloser Remix rüberkam, von einer Laune des Schicksals gekonnt lanciert zum zehnjährigen Jubiläum. Nur dazu da, einen kurzen Moment des Schocks zu wiederholen und ein paar Schlagzeilen zu liefern.
Ein ähnliches Gefühl dürfte zunächst auch die neue CD von Public Enemy auslösen, die ja mit \"Fight the Power\" damals so etwas wie den Soundtrack zu den LA Riots geliefert hatten, und immer für die Zeit stehen, in der Hip Hop sich ausdrücklich politisch äußerte.
\"Revolverlution\" heißt das achte Album, das in diesen Tagen erscheint. Musikalisch ist \"back-to-the roots\" angesagt. Mit vielen agitatorischen Stücken und Geräusch-Samples und diesem allgemeinen Gefühl von Chaos, das sie so cool rüberbringen, und das die zwischenzeitlich gesplittete Band einst zu Sprachrohren eines schwarzen Seperatismus gemacht hatte. Public Enemy eben. Es geht immer um den Ernst der Sache, weil sie sich 100%ig aus den Verhältnissen ableiten. Echt Revolutionäre, halt. Ausschließliches Durchpeitschen von Message und Weltgegenentwurf. Und sie haben auch noch das selbe Bandlogo: ein Schwarzer, der mit verschränkten Armen im Fadenkreuz eines Gewehrfernrohrs steht.
Die Songs sind teilweise auch die gleichen: Remixe und Live-Versionen alter Public Enemy Stücke, die geschickt neben den acht neuen Songs platziert wurden. Aber trotzdem ist dieses Mal alles anders. Ausgerechnet die Rap-Formation, die Kritik stets mit einem Aufruf zur Veränderung verband, scheint sich auf ihrem neuen Album um Songinhalte am wenigsten zu scheren. Warum das so ist, erklärt mir Chuck D am anderen Ende der Leitung, irgendwo in New York.
\"Wie ich schon auf den Liner-Notes erklärt habe: 'Revolverlution' heißt: halte der Plattenindustrie mit den Mitteln des Internets den Revolver an den Kopf\", sagt jetzt eine ruhige, ernste Stimme durch eine rauschende Telefonleitung. \"Die wissen noch gar nicht, wie groundbreaking unsere neue CD- und die Entwicklung insgesamt ist.\"
Und erklärt noch mal wie es zu den Remixen kam: \"Sie wurden von den Fans selbst gestaltet- die konnten Public Enemy-Songs remixen. Eine Jury hat dann aus 500 Einsendungen 4 ausgewählt. Wir haben wahnsinnig viele Reaktionen darauf gekriegt, aus der ganzen Welt.\"
Wenn Chuck D. über die neue CD redet, dann gleichzeitig auch über seine Internet-Plattenfirma slamjamz.com. Chuck D: \"Wir haben die Möglichkeit so viel frisches Talent, ganz junge Leute rauszubringen. Die müssen sich nicht mehr an die Plattenindustrie verkaufen.\"
Hm. Aber was haben sie letztlich davon, wenn sie nie Geld für ihre Musik kriegen? Chuck D: \"Ach, Geld, wer kriegt schon Geld für seine Musik? Bei einer Plattenfirma gibt`s auch nicht unbedingt Geld, da müssen die Musiker auch ewig hinterher sein. Da ist es doch genauso schwer. Wenn es eine neue Technologie wie das Internet gibt, warum soll man sie nicht nutzen, um seine Ausgangslage zu verbessern? Es ist doch cool. Was soll man denn der Vergangenheit hinterhertrauern? Es gibt nun mal das Internet. Und Kids, die heute aufwachsen, wissen schon gar nicht mehr wie es vor 25 Jahren war, als man in ein Geschäft gehen musste, um sich dort Platten zu kaufen. Ich finde das gut.\"
Ist das Internet für ihn so etwas wie die neue Strasse? Das elektronische Ghetto? Chuck D: \"Wir haben keine Kontrolle über das Fernsehen, wir haben keine Kontrolle über das Radio. Warum sollen wir es nicht wenigstens mit dem Internet versuchen?\" Er klingt fast ein bisschen verletzt. Als sei es eigentlich komisch, dass er das überhaupt noch mal erklären muss. Und mir fällt wieder ein, dass er es ja war, der den Ausspruch geprägt hat Rap-Musik sei ein unsichtbares Netzwerk im Kampf gegen den Rassismus und somit das \"CNN der Schwarzen.\"
Vom unsichtbaren Netzwerk zum Netz- kein Wunder, dass bei so viel umwälzender Technologie die Songs selber gar nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Chuck D: \"Wir haben schon Aussagen über die aktuelle Regierung gemacht. Zum Beispiel in 'Son Of A Bush'. Aber es ist wahr: billige Produktionsbedingungen, die Möglichkeit die eigene Sprache zu verbreiten, ist wichtiger als alles andere.\"
Und das klingt dann doch nach der Früh-Phase von Hip Hop, als man mit neuester und billigster Technologie die gängigen Produktionsverfahren erweitern konnte. Das Internet als neue weltweite Straße und Public Enemy als Anlaufstelle, die in Zeiten anhaltender Diskriminierung die Produktionsbedingungen von Hip Hop einfach nur noch remixen müssen.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren [9]- Mehr Forumsdiskussionen
Sebster 02.09.2002 | 13:07:39
natürlich hat man als (schwarzer) musiker keine kontrolle über das fernsehen oder radio. aber übers internet? das ist doch noch viel weniger möglich. klingt ja leider so, als seien pe nicht mehr wirklich relevant, was ihre texte angeht. musikalisch läuft das ja sowieso nicht mehr allzu zeitgemäss, finde ich.
petrophil2001 02.09.2002 | 13:33:37
Die Frage ist: Brauchen PE eine Rockwilder oder Timbaland Beat wirklich? Die Kids hören das sowieso nicht mehr. Die alten Hasen werden diese Platten wieder kaufen. Trotz Kontroverzen im Lyrischen. Doch das macht die Jungs doch so sympathisch - und die neue Single ist jedenfalls für mich genau das was sie aus sagt. "Give the peeps..." in dem Fall die alte Garde ihrer Fans...
Ich mag die Mixes - irgendwie eine andere Sichtweise, teils auch von einer ganz anderen Generation. Es als neuen Aufguss alter Hits zu bezeichnen wäre zu hart. Aber vielleicht spielt es der eine oder andere DJ ja mal wieder - ich würde mich freuen....
delirix 02.09.2002 | 18:49:38
ich find das schon in ordnung,auch wenns schade ist das ihre grosse zeit schon langelange vorbei ist.die neue single gefällt mir trotzdem gut,schön oldschoolig und grad das simple billig-arrangement hat was!
delirix 02.09.2002 | 18:52:29
aber es macht mich auch immer etwas traurig die alten in die jahre gekommenen helden heute zu hören weil es mich an die kurze aber ereignisreiche aufbruchstimmung des politischen hiphops erinnert in der es kurz den anschein hatte das diese art der musik tatsächlich etwas hätte bewegen können.das ist die selbe traurigkeit und resignation die nach warren beattys meisterwerk"bullworth"in mir hochgestiegen ist.
schon sehr schade alles.
bizmark73 03.09.2002 | 08:45:49
@delirix: iknowwhatyoumean...
die neue single fand ich beim ersten hören auch ok. besser als das schwerfällige zeuch vom gefloppten vorgänger-album!
nix gegen remixes, aber ich hätte mich auch über ein wirklich NEUES album von p.e. gefreut. eines das irgendwie auch anschluss an den real existierenden hiphop gefunden hätte....
petrophil2001 03.09.2002 | 11:40:11
was verstehst du unter real existierenden HipHop, Bizmark?
bizmark73 03.09.2002 | 14:33:04
ich meinte damit, das p.e. in den letzten 10 jahren irgendwie immer aussen vor waren. und dann nur noch aus nostalgie-gründen zitiert wurden...
real existierender hiphop: wu-tang clan, neptunes, timbaland, jay dee & slum village, dr. dre, x-ecutioners, roots usw. warum ist da keine zusammenarbeit entstanden?
petrophil2001 03.09.2002 | 16:05:00
ja da hast du recht. Ich glaub nur Inspector Deck und Krs One sind auf dem Basketball Soundtrack vertreten - sonst keine verbindungen. Die tribes haben da mit Concequence Mos Def und Busta Rhymes - Gastkollabos die Verbindung besser bekommen.
Auf der einen Seite Schade - auf der anderen auch ein Symbol für genug Eigenenergie und Orginalität. Obwohl das letzte Album wirklich schwach war!
Die Burn Hollywood Burn Connection mit Ice Cube und Big Daddy Kane würde ich aber trotzdem heute noch mal gerne hören.
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...




