
Jürgen Teipel. Fehlfarben. Pyrolator. Der Plan. Ata Tak. Ostrich.
Im Feedback der verschwendeten Jugend
24.07.2002, 18:04, Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Jenseits von Berufsverbot
Normalerweise scheinen Bücher über Musik gar nichts zu bewegen. Sie werden von ein paar Spezialisten gelesen - und damit hat es sich. Ganz anders im Fall von Jürgen Teipels \"Verschwende deine Jugend\". Sein Buch über den deutschen Musik-Underground Ende der Siebziger hat eine Lawine losgetreten, deren ganze Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Zum Beispiel eine große Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle. An den Wänden hängen Plattencover von Der Plan bis The Wirtschaftswunder, Fanzines, Plakate und Plattenverträge. (Fast) Alles Originaldokumente. Kaum ein übriggebliebener Zettel von damals, der nicht ausgestellt wird.
Die Situation ist bizarr. Punk ist museumswürdig geworden, inklusive Ansprache des Oberbürgermeisters zur Eröffnung. Aber liegt das nur an Jürgen Teipels Buch? Ein anderes Ereignis, das sich in die Rückkehr der Achtziger fügt: Fehlfarben werden im Oktober eine neue Platte veröffentlichen. Und zuvor bereits auf der Popkomm einen ersten Auftritt spielen. Das wäre und ist eigentlich eine eigenständige Titelgeschichte wert, aber im Diskurs mit anderen Protagonisten jener Tage natürlich noch viel reizvoller. Denn es gibt zahlreiche Gründe für einen Roundtable.
Ein Grund, der über Teipels Buch, über die Fehlfarben-Reunion und die Ausstellung hinausreicht, berührt die allgemeine Frage nach Kontinuität und Wandel. Woher kommt das plötzlich so massive Interesse an den wilden Klängen von damals? Zeichnet sich da etwas ab, was auch bereits seit über einem Jahr durch Intro geistert, nämlich das Phänomen einer Repolitisierung oder doch zumindest das Bedürfnis nach neuen, scharfen Konturen? Erste Stimmen über das kommende Fehlfarben-Album gehen auch in diese Richtung: mehr Elektronik als früher, durchaus affin zum Schaffen einer Band wie den Goldenen Zitronen, ansonsten wieder scharfe, explizit politische Texte.
Und wegen all dem haben wir Jürgen Teipel (\"Verschwende deine Jugend\"), Franz Bielmeier (Ex-Mittagspause, Ostrich-Fanzine), Frank Fenstermacher (Fehlfarben, Der Plan, Ata Tak), Kurt Dahlke (Pyrolator, Ex-D.A.F., Der Plan) und Peter Hein (Fehlfarben, Ex-Mittagspause, Family 5) zum Roundtable geladen. Und so werfe ich meinen Kassettenrekorder mit dem darin enthaltenen schrottigen, fünfzehn Jahre alten Promotape an - und Thomas Venker rauft sich die Haare: \"Bist du sicher, dass dein Rekorder funktioniert? Wenn nur das Band mal nicht reißt.\" Tut es nicht. Lo-fi ist nicht nur in der Musik, sondern manchmal auch im Journalismus ein Garant für Beständigkeit und Qualität. Das Gerät filtert all den beschissenen Lounge-Techno raus, dem wir bei unserer Unterhaltung im Museumscafé ausgesetzt sind. Und die gellenden Stimmen von aufgetakelten Düsseldorfer Rentnerinnen am Nebentisch.
Was folgt, ist eine angeregte Diskussion, entspannt, aber bestimmt. Frank Fenstermacher, der Mann mit der größten Hornbrille seit Le Corbusier und Jad Fair, sieht eine Rückkehr zur politischen Artikulation in vollem Gange und setzt deswegen auch wieder auf Rockmusik. Peter Hein dagegen winkt ab, findet heutige Musik sowieso nur noch desolat und gibt sich mit seinen spitzen Kommentaren als einziger am Tisch noch so richtig als Punk im Geiste zu erkennen. Viele seiner Kommentare, die hier auf dem Papier fast beleidigend wirken könnten, kommen im Gespräch eher als sympathischer Trotz rüber. Und so gibt es mal wieder keine gültigen Antworten auf alle Fragen, sondern unzählige Aspekte jenseits von bloßer 80er-Nostalgie, die sich unter ein Motto fassen lassen, das Peter Hein wie kein anderes hassen dürfte: Es geht voran!
Ein Buch und seine Wirkung
Wie habt ihr als Musiker und Interviewpartner das Buch von Jürgen Teipel wahrgenommen, als es rausgekommen ist? Wie fühlt es sich an, eine geschichtliche Actionfigur zu sein?
Fenstermacher: Toll, habe ich gedacht. Wenn mein Leben doch nur wirklich so spannend gewesen wäre, wie es da drin steht!
Hein: Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Das spricht wirklich dafür, dass alles sehr spannend und dicht rüberkommt. Nur der Gewaltaspekt wird etwas übertrieben. Mein Gott, es hat ein bis zwei Schlägereien gegeben, mehr war da nicht.
Dahlke: Das letzte Kapitel finde ich etwas zu unversöhnlich. Da wird nur noch geschildert, was alles nicht mehr gelaufen ist, aber es wird nicht mehr darauf hingewiesen, was trotzdem noch alles gelaufen ist. Es kommt zu kurz, dass sich die Leute von damals ja auch weiterentwickelt haben und zum Teil über die Jahre hinweg aktiv geblieben sind. Diese Zäsur von wegen \"ab '83 waren alle tot\" entspricht ja überhaupt nicht den Tatsachen.
Hein: Stimmt, das Fazit ist für den Arsch gewesen. Das tut so, als ob alles den Bach runtergegangen wäre, so von wegen, dass ja alle gescheitert sind. Das stimmt ja gar nicht. Aus der ganzen Szene sind ja gerade mal zwei gestorben. Und es ist ja auch nicht so, dass die anderen seitdem nur noch zu Hause sitzen, die Wand anschauen und jammern: \"Ach, was war das damals schön! Warum kann ich nicht mehr was auf die Fresse kriegen vom KFC? Das war alles viel schöner und wilder damals!\" Einige im Buch erzählen so etwas zum Beispiel über mich - das hat mich geärgert. Da kommt am Ende der Eindruck auf, dass nur diejenigen nicht gescheitert sind, die in der Werbung gelandet sind und heute schlechte Filmdrehbücher schreiben. Das wird dann als Erfolg verkauft. Ich kenne allerdings niemanden, der sich gescheitert fühlt. Wir alle machen bis heute die Sachen, die wir machen wollen.
Teipel: Aber es sind nun mal alles O-Töne.
Hein: Stimmt. Aber es kam ja auch darauf an, wie du sie gewählt und gewichtet hast. Das mochte ich an dieser Stelle nicht. Das klingt nach Ende, wo kein Ende ist.
Dahlke: Spricht also alles dafür, dass es eine Fortsetzung geben müsste, ein zweites Buch.
Viele von euch haben ja auf ihre Art auch weitergemacht. Ata Tak gibt es ja als Label bis heute.
Fenstermacher: Ja, denn ab einem gewissen Zeitpunkt blieb uns gar nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Die Schulden wären auch nicht weniger geworden, wenn wir einen Job in der Fabrik angenommen hätten.
Trotzdem hat Ata Tak ja einen ganz bestimmten, homogenen Labelstil kontinuierlich weiterentwickelt. Nicht so wie Alfred Hilsberg, der mit Bands wie Blumfeld in ganz neue Richtungen gegangen ist.
Hein: Alfred hat ja immer alles gehabt. Der hat ja nie eine Linie gepflegt, sondern schon in den frühen Achtzigern alles rausgebracht, was er nur rausbringen konnte.
Fenstermacher: Wir haben nie so viel wie Alfred veröffentlichen können, das stimmt, aber wir haben uns ebenfalls in ganz verschiedene Richtungen hin orientiert. Bei uns erschien zum Beispiel das Element-Of-Crime-Debüt in den Achtzigern, außerdem haben wir 1992 die erste Oval rausgebracht. Musikhistorisch haben also auch wir immer wieder den richtigen Riecher gehabt, sind nicht stehengeblieben, sondern haben Geschmack mitbestimmt.
Was war euer Gefühl, als Jürgen an euch herangetreten ist? War da erst einmal Ablehnung, dass die alten Zeiten neu aufgelebt werden sollten?
Bielmeier: Nein, ich habe ja den Fragenkatalog gesehen, den Jürgen uns geschickt hat, und war erst einmal sehr positiv überrascht. Mich persönlich hat ja zum Beispiel in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren niemand interviewt. Insofern fand ich es angenehm, dass hier jetzt mal jemand die Geschichte wirklich aufarbeiten wollte. Es wundert mich nachträglich, das zu lesen, denn es wirkt unglaublich dicht. Man hat den Eindruck, dass die Leute damals ständig aufeinandergehangen und ständig nur intensive Momente erlebt hätten. Dabei hat man sich oft monatelang nicht gesehen.
Hein: Na klar. Zwischen jeder Anekdote im Buch hast du ja wochenlang Zeit gehabt, dich zu langweilen und deine normale Scheiße zu machen. Es war ja gar keine Szene, in der sich die Leute täglich gesehen haben. Manche Figuren aus dem Buch habe ich zwei- bis dreimal in meinem Leben gesehen, das war es.
Bielmeier: Im Buch wirkt die Zeit wirklich viel bunter und intensiver, als wir sie selbst wahrgenommen haben. Na ja, aber wahrscheinlich ist es auch notwendig, dass es so bunt rüberkommt, sonst würden es die Leute ja nicht lesen wollen.
Teipel: Aber es hat auch den Effekt, dass sich unwahrscheinlich viele junge Leute plötzlich für diese Zeit interessieren. Ich habe zum Beispiel erzählt bekommen, dass eine Vierzehnjährige das Buch mit in die Schule genommen hat ...
Fenstermacher [lacht]: Um dann von der Schule zu fliegen, hoffe ich.
Hein: Das Buch lebt ja von den ganzen persönlichen Stellungnahmen, das hat schon etwas Positives. Dadurch wird etwas festgehalten, was ja völlig flüchtig gewesen ist. Jürgen ist ja super akribisch vorgegangen. Der hat bei uns angerufen und Detailfragen nach Jahreszahlen gestellt, die wir ihm selber gar nicht mehr beantworten konnten. Ich meine, damals hat ja keiner Tagebuch geschrieben, das war ja verpönt. Tagebuch war ja Innerlichkeit, davon wollten wir ja wegkommen. Der ganzen Bewegung ging es ja nicht um das Innere, sondern ums Äußere. Alle waren ja furchtbar eitel.
Also gab es so eine Grundhaltung, keine Gefühle preiszugeben, sondern möglichst cool zu wirken?
Hein: Nein, man musste einfach keine Gefühle äußern, weil ja alle sowieso dasselbe Gefühl hatten und voneinander wussten, dass sie es haben. Und das Gefühl hieß: Alles ist Scheiße! Und so soll es bleiben. [lacht]
Man muss ja auch sagen, dass das Buch mit seiner unglaublichen Arbeit ein Erfolg geworden ist, den niemand hat ahnen können. Es hätte ja auch in einer 2000er-Auflage in den Regalen vergammeln können.
Teipel: Das hätte sein können. Aber mein Ziel war schon, eine ganz bestimmte Zeit zu vermitteln, in der Hoffnung, dass es möglichst viele mitbekommen. Ich fand ja allein unglaublich, dass noch niemand über diese Zeit etwas geschrieben hat, dass das alles noch brach gelegen hat. Die ganze Zeit ist noch nicht dokumentiert gewesen, die war völlig verschwunden. Es gab ja keinerlei Bücher oder sonstige Dokumente, einmal abgesehen von der ganzen kommerziellen NDW-Musik, mit der das Buch ja nichts zu tun hat.
Und wie kam es zu diesem Trittbrett-Effekt? Erst das Buch, dann die CD dazu, jetzt die Ausstellung und schließlich der Film?
Teipel: Moment, mit dem Film habe ich nichts zu tun.
Fenstermacher: Nein, der ist längst schon in Planung gewesen, da war das Buch von Jürgen noch gar nicht draußen. Das Drehbuch hat Hartwig, der Schlagzeuger von Palais Schaumburg, geschrieben, ganz unabhängig von dem Buch. Wenn du den Vorlauf von Drehbüchern und Filmen bedenkst, wäre es ja auch gar nicht möglich gewesen, so etwas schnell mal auf das Buch nachzuschieben. Und auch die CD-Compilation wäre so oder so rausgekommen, die war auch unabhängig vom Buch geplant, weil so etwas fehlte, ein Sampler aus der damaligen Zeit ohne den ganzen Nena-Schrott. So etwas zu veröffentlichen lag ganz einfach in der Luft. Alfred Hilsberg hatte ja auch vor, einen Sampler mit alten ZickZack-Sachen rauszubringen, hat es aber aus irgendwelchen Gründen nicht auf die Reihe gekriegt. Und ich hatte bereits seit Jahren vor, auf Ata Tak endlich mal die besten Stücke aus der damaligen Zeit zu veröffentlichen.
Hein: Aber wenn du das gemacht hättest, wäre der Sampler sicher von der Auswahl her anders gewesen, also \"ata-takiger\".
Fenstermacher: Nein, das nicht. Aber politischer!
Teipel: Schade ist, dass auf dem Sampler wirklich viele unbekannte Sachen nicht berücksichtigt worden sind, so einige Tapes, die es damals gegeben hat. Hein: Ach, hör mir doch auf. Die Platten waren damals meistens schon beschissen produziert, aber die Tapes waren der größte Abschuss. Als das mit den ganzen verrauschten Tapes losging, habe ich aufgehört, Musik zu hören. Da habe ich mich aus dem ganzen Mist ausgeklinkt.
Bielmeier: In gewisser Hinsicht fand ich es aber auch gut, dass der Sound damals oft schlecht war. Die meisten Stücke von heute haben einen Super-Mega-Sound und sind als Musik scheiße. Oft ist es ja so, dass gute Musik gar keinen guten Sound braucht.
Hein: Aber hörst du dir das zu Hause an? Doch nur, wenn du irgendwelche Leute erschrecken willst.
Unabhängig davon, dass jetzt auch ganz obskure Sachen entdeckt werden, kommen ja das Buch und die neue Fehlfarben-Platte mitten in eine Zeit, für die das 80er-Jahre-Revival symptomatisch ist. Werden die Sachen von damals in diesem Rahmen überhaupt noch angemessen wahrgenommen? Bekommen die Leute den politischen Gehalt von damals überhaupt noch mit?
Hein: Die Verwässerung fand ja schon damals, in den Achtzigern, statt. Das war ja für mich der Grund, aufzuhören.
Dahlke: Etwas hat sich schon gebessert. Die Leute beginnen sich langsam wieder für die wirklich interessanten Sachen von damals zu interessieren. Fünfzehn Jahre lang hat es immer wieder diese belanglosen NDW-Sampler gegeben, auf denen immer nur ein einziges Stück von Ata Tak vertreten war, wirklich immer nur \"Fred Vom Jupiter\".
Hein: Von Fehlfarben war ja auch immer nur das eine beschissene Stück auf jedem Sampler. All die Jahre kasperst du rum, reißt dir den Arsch auf - und alles, was bleibt, ist dieses eine Stück, das schlechteste von allen!
Fenstermacher: Ihr habt wenigstens so ein Stück. Ich habe es noch nie geschafft, auch nur einen einzigen Hit zu schreiben, an dem die Menschen eine Freude haben.
Hein: Wir wollen ja auch gar keine Freude vermitteln, oder?!
Wurde die Musik denn damals im Ausland wahrgenommen? Gab es so etwas wie Fehlfarben-Fans in Großbritannien?
Hein: Fehlfarben hat im Ausland niemand gehört, no way! Das Ausland hat nur das wahrgenommen, was ihnen irgendwie typisch deutsch vorkam - die Neubauten zum Beispiel. Oder die Düsseldorfer Bands vor uns, Kraftwerk und NEU!. Und dann nach uns so Sachen wie Propaganda. Ich glaube, dass im Ausland immer nur die Bands erfolgreich geworden sind, die das deutsche Klischee bedient haben.
Dahlke: Der Plan hatte es da wirklich einfacher. Wir hatten sehr viele Fans in Japan und haben auch eine Tour durch Japan gemacht.
Hein: Japan ist für euch ja auch einfach gewesen. Ob die jetzt amerikanische Bands nicht verstehen oder euch nicht verstehen, macht ja keinen großen Unterschied. Außerdem war da noch euer kindliches Auftreten - da konnten die sich schön Bildchen anschauen.
Dahlke: Ich erinnere mich noch gut an unseren ersten Tag in Japan. Ich habe den Fernseher angeschaltet, und da tanzten ein grüner, ein roter und ein gelber Dinosaurier und priesen Zahnbürsten an - da habe ich nur noch zu Moritz gesagt: \"Schau mal, Der Plan im Fernsehen!\"
Was für ein Gefühl ist es denn, die eigenen Arbeiten, die ganze Vergangenheit plötzlich im Rahmen der Ausstellung im Museum ausgebreitet zu sehen?
Bielmeier: Ich finde es eine geschmacklose Idee, dass das Kunstmuseum uns ausstellt - das erinnert mich wiederum an damals, an uns. Wir hatten ja selber lauter geschmacklose Ideen. Insofern passt es. Es ist die Fortsetzung unserer damaligen Blödeleien.
Ist es nicht schizophren? Im Museum sind Fotos von Punks zu sehen, die in ihrer Kotze liegen, zugleich hält der Bürgermeister aus der Stadt eine Ansprache, während die echten Punks von heute aus dem Bahnhof vertrieben werden.
Hein: Die gehören ja auch aus dem Bahnhof entfernt! Die Lunger-Punks haben uns doch schon damals genervt! Das sind doch nur Kuttenträger und Schlafsack-Pennplätze-Sucher. Das hat ja nichts mit dem zu tun, was wir jemals gemacht haben!
Bielmeier: Ich fand den Vorschlag von Markus Oehlen gut. Er hat dafür plädiert, all die Junkies, die hier immer vorm Museum sitzen, während der Eröffnung ins Museum zu setzen. Dann hättest du nämlich den direkten, lebendigen Vergleich mit heutigen Punks.
Hein: Quatsch, das war nie Punk! Wir haben uns doch damals auch nicht mit den Heckenpennern abgegeben.
Bielmeier: Klar, wir haben damals mit unseren blöden Anzügen provoziert. Heute könntest du aber mit den Junkies auf ganz andere Art wieder provozieren, nicht mehr mit uns von damals. Wir sind ja heute Kultur, das ist doch das Absurde.
Hein: Warum soll das verdammt noch mal nicht ins Museum? Jeder Künstler hängt im Museum. Und wir sind auch Künstler! Das ist doch paradox. Jeder verdammte Künstler freut sich, wenn er im Museum hängt, aber wir sollen uns nicht freuen dürfen, weil wir sonst angepasst rüberkommen würden. Blödsinn!
Fehlfarben again, D.A.F. again
Hat Jürgens Buch euch dazu gebracht, wieder eine Platte mit Fehlfarben aufzunehmen?
Fenstermacher: Ach was. Wir arbeiten schon seit über zwei Jahren an der Platte. Das ist ein uraltes Konzept von uns: Wir haben damals abgesprochen, dass wir alle zehn Jahre ein Album rausbringen. Vor zehn Jahren haben wir das bereits mit der \"Platte Des Himmlischen Friedens\" dank Thomas Schwebel verwirklicht. Anlässlich der Goldenen Schallplatte waren wir dann wieder alle auf einem Fleck versammelt, und uns wurde bewusst, dass schon wieder zehn Jahre rum sind. Seitdem haben wir uns alle vier Monate getroffen und an der Platte gearbeitet.
Hat die Musik dann noch etwas mit den Fehlfarben von vor zwanzig Jahren zu tun, oder ist es eine ganz eigene Sache?
Fenstermacher: Es bleibt nicht aus, dass es noch etwas mit der Musik von damals zu tun hat.
Hein: Du hast ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder sagen alle: \"Das ist ja wie früher, die haben sich ja gar nicht weiterentwickelt.\" Oder sie sagen: \"Scheiße, das ist ja gar nicht mehr wie früher.\" Also ist es doch sowieso egal, was du machst. Darum machen wir auch, was wir wollen. Deshalb kann ich zur Platte nur sagen: Es ist wie immer, nur ganz anders.
Ich stelle es mir nur schwieriger vor als früher, heute eine Fehlfarben-Platte aufzunehmen. Damals habt ihr alle ein Milieu geteilt, in einer Bewegung gesteckt. Heute seid ihr in alle Winde zerstreut, habt euch völlig verschieden entwickelt ...
Fenstermacher: Aber es ist zugleich auch einfacher. Man muss nicht mehr ständig miteinander trinken gehen, nicht mehr diese ganzen sozialen Kontakte pflegen. Man trifft sich nur noch, um Musik zu machen. Dadurch geht die Musik viel lockerer von der Hand. Auch in kommerzieller Hinsicht sind wir überhaupt keinem Druck ausgesetzt, denn wir haben uns von Anfang an gesagt, dass wir die Platte notfalls bei Ata Tak rausbringen, wenn kein anderes Label sie haben will.
Und wie waren die Reaktionen der Labels?
Fenstermacher: Sehr positiv. Eigentlich viel zu groß, denn das hätte uns unter Druck gesetzt, gegen den Mythos von \"Monarchie Und Alltag\" anzustinken - was ja gar nicht geht. Mal abgesehen von unserer alten Plattenfirma, der Emi, der wir ganz am Anfang mal drei Stücke haben zukommen lassen - die haben sich gar nicht mehr gemeldet.
Hein: Der ursprüngliche Titel hätte ja lauten sollen: \"Berufsverbot\". Da kamen doch echt so Plattenfirmen-Deppen mit Sprüchen wie: \"Du darfst nie mehr eine Platte machen, denn du warst damals so toll, dass man das gar nicht mehr übertreffen kann.\"
Fenstermacher: Dem seine Sprüche gingen ja noch viel weiter. Ziel einer Plattenfirma wäre es, junge Talente zu fördern, sagte dieser Typ.
Hein: Das ist der reinste Alterismus.
Fenstermacher: Alterismus - was ist das?
Hein: Dasselbe wie Rassismus. Diskriminierung von alten Säcken.
Dahlke: Ich sehe auch eher das Problem, dass viele der neuen Platte gegenüber negativ eingestellt sind, voller Vorurteile. Die meisten Leute wollen von uns nichts mehr wissen, sie wollen nur den Mythos der guten alten Zeit pflegen. Womit wir als Label am meisten Arbeit haben, sind all die Anrufe von Leuten, die uns nicht nach dem fragen, was wir heute machen, sondern danach, ob wir nicht noch altes Vinyl im Keller haben - die Originale von damals.
Wollt ihr das nicht bedienen? Das wäre doch eine Möglichkeit, Ata Tak zu sanieren, indem ihr das ganze Backprogramm noch einmal auf Vinyl zieht?
Fenstermacher: Damit wäre ich ein Jahr beschäftigt und müsste Zigtausende finanzieren.
Ehrlich gestanden gibt es schon genug Retro, da müssen nicht auch noch wir mitmischen.Was kommt denn inhaltlich mit eurer Platte auf uns zu?
Fenstermacher: Liebeslieder auf der einen Seite ... Aber nein, wenn ich jetzt für mich persönlich spreche: Ich habe das erneute Interesse an Fehlfarben für mich damit begründet, dass es wieder Zeit zur Politisierung wird. Schon auf das Label, also auf Ata Tak bezogen, habe ich all die letzten Jahre darüber nachgedacht, wie es überhaupt weitergehen soll, also was man überhaupt noch im Sinne von Protest fördern kann. Meine Grundstimmung ist da seit einiger Zeit gebrochen ...: Einerseits mache ich viel Musik, die sich schön anhört, die sich gut konsumieren lässt, andererseits denke ich mir, dass Musik auch stören muss ... Nach all den Jahren mit Elektronik und Lounge schlägt mein Herz deshalb jetzt auch wieder für Rockmusik als Protestform. Da kommen die Fehlfarben genau zur richtigen Zeit.
Jürgen, hast du mal mit D.A.F. über ihre Reunion gesprochen? Es ist ja schon ziemlich verfänglich, dass Gabi Delgado noch in deinem Buch sagt, er würde lieber mit Koks dealen, als eine neue Platte aufzunehmen?
Teipel: Geredet? - Nein. Ich finde es seltsam. Ich glaube nicht, dass dabei etwas Gutes herauskommt.
Fenstermacher: Es sind aber die einzigen, die Sex, Drugs & Rock'n'Roll noch hochhalten. Damit können wir nicht dienen.
Hein: Ich habe noch nie etwas von einer D.A.F.-Platte erwartet. Warum soll ich also heute was von ihnen erwarten?
Das Komische an ihrer Reunion ist ja auch eher, dass sie ganz von ihrem damaligen Image leben. Bei ihnen ging es ja tatsächlich um die Präsenz des jungen Körpers, um Kraft, Verschwendung, Verausgabung ... also Dinge, die nicht wiederholbar sind.
Teipel: Komisch wird es auch, wenn man weiß, dass jemand wie Robert von seiner Entwicklung her heute wo ganz anders ist. Was will der mit Gabi überhaupt noch anfangen? Robert ist längst ein ganz anderer Mensch.
Fenstermacher: Ach, das frage ich mich schon ganz lange ... Da ist irgendein Verhältnis, bei dem wir nicht durchblicken.
Die Jugend von heute und die Bewegung von einst
Kann es sein, dass der Rückblick auf die damalige Zeit deswegen so beliebt ist, weil viele heute die Kontur, die Aggressivität und die Konfrontation von damals vermissen? Bielmeier: Mir hat jemand gesagt, das Buch käme deshalb so gut an, weil die Leute derzeit alle nach Lebensmodellen suchen. In der Musik gibt es diese Lebensmodelle heute nicht mehr - alle haben die Möglichkeit, mit der Technik rumzuspielen. Zu viele Möglichkeiten, aber keine Perspektive.
Fenstermacher: Damals hat es eine Bewegung gegeben, das ist der Unterschied. Die Musik war zwar absolut heterogen, total vielfältig, kam aber aus einer gemeinsamen Bewegung.
Dahlke: Obwohl es da auch Unterschiede gegeben hat. Manche Städte - zum Beispiel Düsseldorf - waren bunter als andere. Du weißt ja selbst, wie es bei diesem \"Into the Future\"-Festival in Hamburg war - für die war klar, Punk musste ganz stereotyp sein, sonst wurde man ausgepfiffen.
Hein: Oder hat was in die Fresse bekommen. Du darfst den Gewaltaspekt nicht vergessen! [lacht]
Fenstermacher: Ich glaube, was einen heute so verwundert oder fasziniert, ist, dass es damals so etwas wie einen erfolgreichen Ausdruck einer politischen Jugendkultur gab. Das wünscht man sich natürlich wieder.
Hein: Na, so erfolgreich war das ja wohl nicht. Wir waren größenwahnsinnig, sonst nichts. Du hast ein T-Shirt gemalt und geglaubt, morgen wäre die Welt anders.
Naivität ist sicher eine große Motivation von Pop. Aber wie seht ihr eine solche Euphorie im Vergleich zur heutigen Szene? Es gab ja gewisse Repolitisierungs-Debatten in der Musik, auch wenn sie marginal sind. Interessiert euch das noch?
Dahlke: Jede Jugendbewegung hat ihre adäquate Form, sich politisch zu äußern. Die heute adäquate Form ist sicher Rap.
Bielmeier: Na ja, ich glaube, bei uns war Musik noch eine Gesinnungssache, heute dagegen ist Gesinnung nichts Gefährliches mehr, sondern etwas, was man sich problemlos auswählen kann, ganz egal, ob man nun Death Metal oder HipHop hört.
Fenstermacher: Damals war natürlich ein Moment der Abgrenzung wichtig. Das ergab sich alleine schon formal, weil wir ja alle eine Gruppe von Dilettanten waren, also keine Leute, die ein professionelles Musikerdasein führen wollten.
Hein: Sinn der Sache war ja, allen zu zeigen, dass es völlig wurscht ist, was einer kann.
Fenstermacher: Die ganzen Leute, die zwanzig Jahre Gitarre geübt hatten, wussten ja gar nicht, warum. Die konnten zwar was, wussten aber gar nicht, was sie wollen. Wir konnten nichts, aber wollten wenigstens was!
Dahlke: Ich sehe das etwas anders. Der eigentliche Punkt war ja nicht, ob jemand etwas kann oder nicht, sondern der einzige Punkt war die Haltung zur Gesellschaft. Man war gegen etwas. Das hat einen verbunden, ganz egal, ob man das Instrument beherrschte oder nicht.
Es ging, Dilettantismus hin, Dilettantismus her, ja bewusst darum, nicht groß rauszukommen?
Bielmeier: Rauskommen? Wo denn rauskommen? Es wollte ja keiner dazugehören! Nein, wichtig war nur, wer du bist!
Peter, du hast dich ja verweigert. Als dir die Sache zu groß wurde, hast du bei Fehlfarben aufgehört.
Hein: Mit Verweigerung gegenüber dem großen Erfolg hatte das nichts zu tun. Bei den Größenverhältnissen war ja an Rauskommen gar nicht zu denken! Das wäre ein Schritt von 10.000 verkauften Platten auf 30.000, mehr auch nicht. Mich hat nur genervt, dass wir damals schon immer mit Nena und dem ganzen Scheiß in Verbindung gebracht wurden. Geld war da keines im Spiel. Bei der Tour, auf der ich nicht mehr mitgemacht habe, wäre es um 600 Mark pro Abend gegangen.
Nehmt ihr denn noch Bands wahr, die sich in einer Tradition zu euch sehen oder doch zumindest etwas von damals auf zeitgemäße Art fortführen - Bands wie Tocotronic, Blumfeld oder Die Sterne?
Hein: Nein, ich nehme überhaupt nichts wahr! Ich will nichts wahrnehmen. Ich bin über 40, ich kann nichts mehr wahrnehmen.
Fenstermacher: Die Beschäftigung mit dieser Zeit wird immer ausgewählter. Immer weniger Filme. Fernsehen geht auch nicht mehr.
Dahlke: Das sehe ich anders. Ich höre sehr viel Musik. Und natürlich gibt es den Bezug zu Hamburg, zu Blumfeld, zu Tocotronic.
Hein: Ach komm. Bitte beleidige mich nicht! Mir ist so eine komische Single von Tocotronic untergekommen - da ist kein Bezug zu irgendwas! Das ist eine Katastrophe!
Teipel: Tocotronic wissen schon, was sie an Mittagspause haben. Ich sehe da schon eine Fortsetzung. Jan Müller hätte auch gerne das Vorwort zu meinem Buch geschrieben, was dann doch anders gekommen ist. Jan hat mir letztens auch eine Single von einem seiner Seitenprojekte gegeben - Bierbeben. Und die sind richtig gut!
Hein: Stimmt, die hab' ich auch.
Also hörst du doch noch neue Musik.
Hein: Die habe ich mir nicht gekauft, die ist mir untergekommen. Die ist ja aber jetzt auch nicht so, dass man sie irgendwie hören kann, oder?
Dahlke: Ich denke schon, dass es musikalische Veränderungen gibt und dass es auch Tendenzen gibt, wieder zu einer Musik zurückzukommen, die stärker konfrontiert. Ich sehe es ja an mir persönlich: Diese ganze elektronische Lounge- und Coffeetable-Musik geht mir seit ein bis zwei Jahren nur noch auf die Nerven.
Hein: Die ist mir schon immer auf die Nerven gegangen.
Fenstermacher: Stimmt, ein gewisser Luxus ist passé, geht einfach nicht mehr. Das wird sicher auch Konsequenzen für die Zukunft von Ata Tak haben. Aber zurück zum Punk oder Neo-Punk werden wir nicht gehen. Was vorbei ist, ist vorbei.
Roundtable-Moderation: Thomas Venker & Martin Büsser
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...
Gruppen
Katzen
Das fehlt hier doch noch!
Hier darf über alles diskutiert werden, auch Sinnvolles! (Zur Abwechslung)




