
Red Hot Chili Peppers
In jedem Kinde steckt ein Mann
24.06.2002, 15:57, Text:
Till Stoppenhagen,
Till Stoppenhagen
Michael Balzary will trotz seiner 39 Lebensjahre nicht erwachsen werden - zumindest äußerlich. Er wirkt kaum älter als 19, wie er da mit dem lockeren Gang eines Halbstarken im 70er-Punk-Style mit rotschwarz karierter Hose, Springerstiefeln und einem violetten Mini-Iro auf dem Kopf zur Tür des Salons im Hamburger Hyatt Hotel hereinspaziert. Dieses Outfit bildet nicht nur zur edlen Schlichtheit des hanseatischen Luxusambientes einen krassen Kontrast. Wie gesagt: Äußerlichkeiten. Balzary, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Flea, strahlt zwar tatsächlich etwas Jungenhaftes aus, aber von dem überdrehten Rabauken, als den man den Bassisten der Red Hot Chili Peppers aus Videos und Liveshows kennt, ist dieser nachdenkliche, kluge, sensible Mann meilenweit entfernt.
History Will Teach Us Nothing
\"Ich war in der Van-Gogh-Ausstellung hier um die Ecke\" [in der Kunsthalle], antwortet Flea auf die Einstiegsfrage, was er sich denn in Hamburg bisher angesehen habe.
Ein streitbarer Standpunkt. Ich halte dagegen, dass der Holocaust von seinen Dimensionen und seiner Art und Weise her mit nichts zu vergleichen ist. \"Vielleicht ... Sorry, wenn ich dich mit dem Thema genervt habe\", erwidert Flea nachdenklich und wechselt das Thema.
Never Change A Winning Team
Sprechen wir also über das neue Album. Dafür werden wir ja bezahlt. Es ist ein reifes, relativ ruhiges Album geworden. Burschenhaften Krawall-Hedonismus sucht man auf ihm - wie bei meinem Gegenüber - vergebens. Was vielleicht daran liegt, dass die Band doch relativ lang und intensiv an ihm gearbeitet hat:
Vom Beginn des Songwritings bis zum Endmix haben wir ungefähr anderthalb Jahre gebraucht, mit kurzen Unterbrechungen. Die vielen Soundschichten und die abgefahrenen Synthies waren hauptsächlich John Frusciantes Idee, aber wir stehen alle schon seit Jahren auf deutsche Musik aus den 70ern, so wie Can, Neu!, Kraftwerk ... Unglaubliche Musik, die uns ziemlich inspiriert hat. Diese ganze Feinarbeit fängt dann an, wenn wir mit Rick Rubin im Studio sind und seine Meinung zu den Sachen hören.
Wie lief die Arbeit mit ihm?
Super, wie immer. Er ist ein sehr freundlicher, netter Kerl, ein guter Freund von uns.
Slayer waren ja etwas enttäuscht von seinem Engagement bei der letzten Platte.
Keine Ahnung, warum. Er ist halt ein Typ, der sich nicht unnötig einmischt. Er hat's nicht nötig, zu beweisen, was er drauf hat. Der Mann ist hochintelligent, er hat ein Wahnsinnsgespür für Songs. Und wenn alles von alleine glatt läuft - schön. Manche Produzenten haben genaue Vorstellungen von \"ihrem\" Sound und drücken den jeder Produktion auf, die sie machen. Rick nicht. Er hört, was an einem Song, an einer Band geil ist und lenkt es in die optimale Richtung. Mehr nicht.
Bist du eigentlich auch in die Lyrics involviert? In deinen Mails auf eurer Website schreibst du zum Teil in einer sehr poetischen und doch sehr direkten, klaren Sprache.
Oh, nein. Das ist Anthonys Job. Ich hatte schon mal vor, ein Soloalbum zu veröffentlichen, nur Gitarre und Gesang mit meinen Texten. Ich hatte schon Demos fertig, aber dann kamen die Chili Peppers dazwischen. Im nachhinein bin ich ziemlich froh, dass ich's nicht aufgenommen habe, denn mittlerweile mag ich nicht mal mehr die Hälfte davon. Irgendwann werde ich eins machen, und dann wird es, auch wenn's ein abgedroschenes Wort ist, sehr arty sein, nur Poesie und Musik, im Gegensatz zu unseren Rocksongs.
Hoffen wir, dass Flea nicht wirklich so schlecht singt, wie er selbst behauptet, sonst steht uns womöglich ein ähnlich anstrengendes Werk wie das seines Bandkollegen John Frusciante ins Haus - das ich natürlich für sehr gelungen halte. Persönlich und musikalisch hat sich diese Band auf jeden Fall - wie schon auf \"Californication\" zu erahnen war - mit Bravour aus der Image-Sackgasse der berufsjugendlichen Krawall-Hedonisten herausmanövriert. Herzlichen Glückwunsch!
Urlaub mit den Red Hot Chili Peppers
Flea: \"Ihr Deutschen wisst doch über Urlaub eigentlich am besten Bescheid, oder? Egal, wohin ich gehe - Dschungel, Wüste, Schnee -: überall sieht man euch! [lacht] Mit der ganzen Band bin ich noch nie in Urlaub gefahren, aber mit Anthony [Kiedis] schon sehr oft. Als wir richtig enge Freunde wurden, so mit 15, waren wir im Yosemite Park in der Wildnis. Alles, was wir mithatten, war unsere Campingausrüstung und eine große Tüte mit Schokoriegeln. Wir wanderten durch die Berge, schliefen unter den Sternen. So ungefähr sieht für mich immer noch der ideale Urlaub aus: draußen in der Natur. Vielleicht gehe ich das nächste Mal Trekken in Costa Rica, da hab' ich mir bei meinem letzten Urlaub ein Haus gemietet. Im Urlaub geht es mir vor allem darum, abzuschalten, andere Kulturen kennenzulernen, mich mit der Natur in Einklang zu bringen. All das, was mir in der Stadt manchmal auf die Nerven geht, schmilzt einfach weg, und ich kann genießen, wie schön zum Beispiel eine Blume ist oder wie behende ein Affe auf einen Baum klettert. Da draußen, zwischen all den Felsen und den riesigen Bäumen, fühle ich mich so klein, das gibt mir eine andere Perspektive auf meine Musik und mein Alltagsleben. Aber andererseits habe ich im Urlaub auch immer ein schlechtes Gewissen, mich vor der Arbeit zu drücken.
Ich hasse es, sofort als Tourist erkannt zu werden, und halte mich möglichst fern vom Massentourismus. Aber das ist auch nicht so schwer: Die meisten Touris sind zufrieden in ihren abgeschirmten Hotels und Ressorts und lassen sich jeden Abend volllaufen.
Sightseeing in L.A.? Hm ... Es gibt da ein paar schöne Parks, in denen man wandern kann, das Griffith Observatorium, wo 'Denn Sie Wissen Nicht, Was Sie Tun' gedreht wurde. Ach ja: und die Watts Towers in South Central! Die wurden in den 50ern komplett aus Müll und Glasscherben gebaut, etwa 30 m hoch, und schillern in psychedelischen Farben. Absagen würde ich einen gebuchten Urlaub übrigens nur wegen einer Frau.\"
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