
Unirockers Tour
Tagebuch mit Mia, Lorien und Goldjunge
31.05.2002, 17:05, Text:
MichaelMKrumbein,
MichaelMKrumbein
Vom 27. Mai bis zum 2. Juni ist die Unirockers Tour in Deutschland unterwegs. Mia, Lorien und Goldjunge machen sich im Dreierpack auf den Weg und besuchen Universitäten dieses Landes. Die ursprüngliche Idee der Unirockers Tour ist es, lokalen und internationale Newcomerbands die Möglichkeit zu geben, sich auf einer gemeinsamen Konzertreise durch mehrere mittlere und kleine Universitätsstädte einem interessierten Publikum zum Minimal-Eintrittspreis zu präsentieren. Die Konzerte finden in Locations mit Kapazitäten von 200 bis 700 Zuschauern statt und werden in enger Kooperation mit Uni- und Freien Radiostationen vor Ort durchgeführt.
02.06.02, Mannheim, Mensa am Schloss, Tourabschluss
Zwei Tage später steht Mannheim auf dem Tourplan. Den gestrigen Off-Day haben sowohl Lorien als auch Mia. für eigene Gigs (Lorien verzückten die Bundeshauptstadt mit einem Auftritt im \\\"Bastard\\\", Mia. die Zuschauer des \\\"Immergut\\\"-Festivals) genutzt. Der Stellplatz für die Busse ist direkt vor dem Mannheimer Schloss, in dessen unmittelbarer Nähe sich der heutige Auftrittsort \\\"Mensa\\\" befindet. Die Folge: Beim Aussteigen aus dem Bus sehen sich die verschlafenen Reisenden Auge in Auge mit den auf dem Schlossbalkon befindlichen Touristen. Huch. Nach einem wiederum extrem leckeren Frühstück chillen die Musiker auf der riesigen Wiese vor der Uni. Wer nicht gerade Interviews gibt oder soundcheckt, hängt dort ab und spielt u.a. Gitarre. Entspannung.
Nach einem gemeinsamen Besuch in einer örtlichen Pizzaria (inkl. überforderter Servicekraft) geht´s dann auf die Bühne. Leider sind (trotz des großen Optimismus der Veranstalter und örtlichen Koop-Partner) kaum 100 Leute da. Diese üben sich während der Show in traditionell schwäbischer Zurückhaltung, sind dann bei Goldjunge völlig aus dem Häuschen und fordern vehement Zugabe.
Nach dem Konzert wird Abschied gefeiert und zu später Stunde im Dunkeln Fußball gespielt (es ist - wie bereits erwähnt - WM). Lorien können sich nicht von ihrer Posse, mit denen sie die komplette vergangene Woche verbacht hatte, trennen und schlafen statt im Frankfurter Hotel im Bandbus vor dem Schloss. Eine gute Entscheidung: Wäre die Band am nächsten Morgen nicht mit dem Riesenbandbus am Frankfurter Flughafen vorgefahren, wäre sie wohl kaum von Heavy-Metal-Ikonen Manowar als ebenbürtige Musikerkollegen identifiziert und angequatscht worden.
Was für eine Tour.. Im Eifer des Gefechts denkt dann aber auch keiner der Busreisenden daran, den Rockmusiker-Auf-Tour-Superwitz-Klassiker fortzuführen, den die vorigen Nighliner-Kunden inszeniert hatten. Bad Religion hatten unter der Matratze der Schlafkoje eines Goldjunge-Bandmitglieds eine klassische Stinkbombe hinterlassen.
Das war´s. Wir sehen und im Herbst.31.05.02, Leipzig, Kosmos Haus
Los geht's mit Ärger: Um den Parkplatz direkt an der Location frei zu räumen, müssen zunächst einige PKWs weichen und abgeschleppt werden. Das aber mit Recht: Schließlich hat der örtliche Veranstalter ein paar hundert Euro in die Vakanz der Stellplätze investiert.
Dann wird geschwitzt. Der Grund: Leider gibt's bei Ankunft keinen Stromanschluss für die Nightliner. Entschädigt wird die zwei Dutzend Mann/Frau starke UniRockers-Posse mit einem ausnehmend guten Frühstück. Hernach schreitet die Meute zur allgemeinen gemeinsamen körperlichen Ertüchtigung: Zur großen Freude der Bands und ihrer Begleiter verfügt das \\\"Kosmos Haus\\\" über einen angeschlossenen Fitness-Bereich. Und noch besser: Es gibt Duschen.
Während die anderen wie jeden Tag ihren Sound checken, schlendern Lorien ins hübsche Städtchen - schließlich ist Straßenfest und ein guter Anlass, einmal mit aller gebotenen Hingabe deutsche Würstchen zu testen. Nachdem die Probe zur Zufriedenheit des multikulturellen Ensembles verlaufen ist und alle sozusagen \\\"happy\\\" sind, widmet sich die Band dem Sightseeing. Lorien-Manager John ist fest entschlossen, seiner Band ein Mindestmass an mitteleuropäischer Kultur zu vermitteln. Daumen hoch dafür. Sony-Rep vor Ort, Anja Strobel, macht sich derweil zusammen mit den Goldjungs auf zum Shopping (siehe Foto). Die Investition in zwei Einkaufstaschen mit Alkoholika soll ich im Zusammenhang mit der Aftershow-Party zu späterer Stunden als goldrichtig erweisen.
Die Konzertatmosphäre ist geprägt vom noch jungen WM-Fieber (am Vorabend des historischen Rekordsieges der bundesdeutschen Auswahl) und allgemeiner, studentischer Ausgelassenheit (es ist das offizielle Geburtstags-Event des örtlichen Radio-Präsentators \\\"Mephisto\\\"). Die Bands rocken. Mehrere hundert Leute sorgen für den erfolgreichsten \\\"UniRockers\\\"-Abend der gesamten Tour. Danke, Leipzig!
30.05.2002, Hameln, SumpfblumeHameln ist irgendwie geil. Superduschen, Hammer-Catering (Pasta), Top-Location, unglaubliche nette Organisatoren vor Ort, die ihre 60.000 niedersächsischen Nachbarn und Freunde seit Wochen mit Radiospots und Intensiv-Plakatierung für das heutige Event sensibilisieren. Nur: Die musikinteressierte Bevölkerung der \\\"Rattenfängerstadt\\\" (Quelle: www.hameln.de) scheint mehrheitlich eher auf Status Quo zu stehen als auf unser progressive ausgerichtetes Newcomer-Package. Oder war das Bombenwetter schuld? Man weiß es nicht. Tatsache ist, dass sich am Ende des Tages gerade mal vierzig Neugierige in der \\\"Sumpfblume\\\" tummeln.
Aber so kommt uns das Weserstädtchen nicht davon: Wir kommen wieder - möglicherweise mit einem Granaten-Line-Up im Herbst, wenn die \\\"UniRockers Tour, Episode II\\\" an den Start geht. Morgen geht´s nach Leipzig.
29.05.2002, Ulm, Cat
Ulm ist anders. Nach Mammutlocation (Münster), schnuckliger Mensa (Erfurt) nun also das berühmte Cat: Eine klitzewinziger, angeschmuddelter Katakombenclub mit Tropfsteinhöhlen-Ästhetik - mitten in einem Wäldchen(!). Dass die beiden Nightliner zum Ausladen das Venue nicht direkt anfahren können, gehört mit zur üblichen Zeremonie. Das Equipment wird also in einen Kombi umgeladen, der die kurze Wegstrecke zum eigentlichen Bestimmungsort an diesem Nachmittag diverse Male zurücklegen muss, ehe das Team mit dem Aufbau beginnen kann.
Musiker und Tourbegleiter sehen sich währenddessen mit der Nicht-Existenz von Duschmöglichkeiten konfrontiert. Ergo begibt sich die komplette Mannschaft ins einzige angemietete Hotelzimmer im örtlichen \\\"Maritim\\\"-Hotel, wo sich - zum Unwillen des schwäbischen Personals - die Herren und Damen Künstler einer grundlegenden Körperpflege widmen (Danke, \\\"Maritim Ulm\\\").
Zu aller Überraschung füllt sich der ca. 150 Zuschauer fassende Club am Abend dann vorzugsweise mit schwarzgekleideten jungen Menschen. Die laben sich dann vor allem an Mia. und ihren exquisiten Video-Projektionen, die gerade in den halbgerundeten Räumlichkeiten erstmals richtig wirken.
27. Mai, Münster
Ab geht er: Pünktlich um elf pickt die UniRockers-Crew Nadia, Stefan und Anja (die die Konzertreise als offizieller Sony-Repräsentantin begleitet und dokumentiert) die hochsympathischen Lorien-Jungs am Flughafen in Dortmund ab. Hurtig in den Tourbus gewuppt und flugs die 53 Kilometer nach Münster rübergerockt, wo die schmucke 1000-Mann-Location \\\"Jovel\\\" auf die muntere Schar wartet. Doch weder grenzenloser Optimismus oder willenlose Selbstüberschätzung haben die Planer in einen der größten Musikclubs der Stadt getrieben: In buchstäblich allerletzter Sekunde (fragt nicht...) musste der Auftrittsort geswitcht werden. Nun denn. (Pop-Trainspotter-Anmerkung am Rande: Besitzer des \\\"Jovel\\\" ist kein Geringerer als Peter-Maffay- und Udo-Lindenberg-Basslegende Steffi Stefan!).
Währenddessen steht die zweite UniRockers-Band Goldjunge auf rekordverdächtig engem Raum mitsamt ihrem Equipment im Stau auf der A1 vor Bremen. Statt eines geräumigen Kleinvans überließ die Autovermietung - vermutlich sogar ohne böse Absicht - dem Hamburger Quartett einen handelsüblichen Passat. Kein Spaß also - trotzdem herrscht große Vorfreude. Schließlich stammen mit Goldjunge Sänger Ingo und Schlagzeuger Erik gleich zwei Bandmitglieder aus der ostwestfälischen Studenten-Metropole. Aus Berlin reiste das crazy Elektropunk-Ensemble Mia. inklusive eigenem Video-Projektions-Techniker vergleichsweise problembefreit per Bus an.
Der Nachmittag verstreicht mit diversen Presse- und TV-Interviews (von VIVA über Zillo bis zur Borkener Zeitung) inklusive verschärfter Taxi-Action zu \\\"Radio Q 90,9\\\", dem Qualitäts-Präsentationsmedium vor Ort, wo Goldjunge und Lorien jeweils eine zünftige Radio-Unplugged-Session geben. Dann Soundcheck.
Um 21 Uhr dann der historische Tourstart: Die UniRockers-Tour Numero Uno feiert endlich das Debüt. Die Mischung stimmt: Nachdem Lorien die Münsteraner (unter ihnen Steffi Stefan!) mit ihrem elegischen Zaubersound völlig weggeblasen haben, rocken sich Goldjunge mit den Songs ihres im August erscheinenden Debüt-Longplayers \\\"Um so weiter der Blick\\\" beseelt in die Herzen der Zuschauer. Bei ihrem \\\"Quasi-Heimspiel\\\" wird das Quartett nach seinem Dreiviertelstunden-Set lautstark zur Zugabe (explizit gefordert:\\\"Silvesterstern\\\") ermuntert. Zum guten Abschluss des Abends zeigt Mia., warum die Band um Frontperson Mieze zu den vorbehaltlos und frenetisch gefeiertesten Live-Acts der an frischen Formationen nicht armen Bundeshauptstadt ist: Perfekte Bühnenshow, kongenial unterstützt von der mitgebrachten Projektions-Technik und Musiker mit unbedingtem Offensivdrang.
Münster ist sich einig: Das Package passt, doch leider zieht der \\\"UniRockers\\\"-Mob morgen schon wieder weiter. Die Goldjungs zischen noch ein kleines Bierchen mit den befreundeten Uncle Ho, die irgendwo im Münsterland ihre neue Platte aufnehmen und mal eben beim Gig der ehemaligen Tour-Genossen vorbei geschaut haben. Für die Hamburger endet der Tourauftakt mit der ersten Nacht in einem Nightliner dem nächsten UniRockers-Event in Erfurt entgegen. Hallo Rock´n´Roll!
28. Mai, Erfurt
Willkommen im \\\"Bologna des Nordens\\\": Erfurt. Goldjunge-Bassist Florian hat sich beim zunächst kuscheligen Schlafkojen-Debüt bereits vor dem Frühstück eine Beule zugezogen. Außerdem ist die ganze Band etwas wackelig auf den Beinen. Durchhalten, Jungs: Wir fangen ja gerade erst an.
Heute rocken die drei Sony-Bands dann aber auch wirklich - wie im Weber´schen Ursprungsmanifest zu dieser musikalischen Überlandpartie dereinst vorgesehen – einen real existierenden Campus. In der Mensa einer der schönsten Universitäten Europas wurde eigens eine Bühne errichtet. Noch geplättet von den Dimensionen der gestrigen Ausweich-Halle diskutieren die Bands kurz über eine Verlegung der Show in den benachbarten Winzig-Club \\\"UniK.U.M.\\\", angesichts des Traumwetters und knallharter Live-Konkurrenz (die Hitparadenstürmer \\\"Die Happy\\\" spielen ebenfalls einen Clubgig in der 200.000-Seelen-Gemeinde). Die Entscheidung fällt zugunsten der größeren Mensa. Ein Glück. Doch dazu später.
Goldjunge schauen bei \\\"Antenne Thüringen\\\" vorbei und geben vor geschätzten 150- 200.000 Zuhörern ein charmantes Interview. Ihre anschließende opulente Tagesfreizeit verwendet das junge Hamburger Ensemble heuer auf die Entstehung eines putzigen B-Movies, in dem eine Zigarettenschachtel die zentrale Hauptrolle spielt (Idee: möglicherweise können wir den Streifen in den kommenden Tagen im UniRockers-Tourtagebuch veröffentlichen....). Mia. packen derweil ihre mitgeführte Retro-Sportgeräte-Kollektion (BMX-Bikes, Skateboards u.ä.) aus. Hackysack-Action galore. Ein Videobeamer gibt den Geist auf, kann aber flugs durch ein lokales Mietgerät ersetzt werden. (Pop-Trainspotter-Anmerkung am Rande: Als Mischer begleitet Rajko Lienert die Tour. Als Ex-Mastermind der Band Green Hill / Mitglied von L´Eau und Produzent großartiger Gitarrenbands wie Palestar und The Craine ist er im Osten der Republik seit Jahren eine Ikone in Sachen Indiepop).
Dann zittern. Lorien machen - entgegen dem im Weber´schen UniRockers-Manifest vorgesehen Rotationsprinzips - wie schon in Münster den Opener (die Briten wollen sich ums Verrecken das Die-Happy-Konzert reinpfeifen). Ein Pech aber auch: Als die Band um 21 Uhr die Bühne betritt, tummeln sich gerade mal fünfzig Musikfans (inklusive Die Happy) im Venue. Ihre Gänsehaut-Set ist trotz alledem vom Allerfeinsten.
Die aufkommende Nervosität der anwesenden UniRockers-Crew (u.a. Tour-Initiator Tom Weber) kann auch das eine oder andere entspannte Statement des örtlichen Veranstalters (\\\"Das wird schon noch voll...\\\") nicht völlig beseitigen. Doch - siehe da - trotz des fantastischen Open-Air-Wetters plus Konkurrenzveranstaltung drängen sich gegen spätestens gegen 22.30 Uhr über 450 Menschen in der Mensa. Hurrah! Goldjunge rocken jetzt beherzt und begeistern, ohne dass das Publikum auch nur ansatzweise mit ihrem Repertoire hätte vertraut sein können. Den letzten Kick verpasst der mittlerweile euphorisierten Menge dann einmal mehr Mia. Mit gewohnt zackiger Performance und Mieze in Upcoming-Superstar-Form endet der Abend triumphal. So kann´s weitergehen. Ulm - schnall Dich an.
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