
Mia, Spillsbury, Concord
Du musst kapier'n
31.05.2002, 13:57, Text:
linus volkmann,
linus volkmann
Dass man trotz des Wegfalls von Viva 2 noch immer gut dabei ist, sich Videokanäle anzusehen, kann vielleicht mit so einem Hang zum latenten Selbsthass erklärt werden. Denn neben dem Vorwurf deiner Eltern, das klänge doch alles gleich, kommt man sogar selbst drauf, mal anzumerken: Das sieht auch alles immer mehr gleich aus. Das Drei-Minuten-Format, die knapp gewordene Budgetierung und der vorauseilende Gehorsam hinsichtlich des Mythos \\\"Abhörrunde\\\" haben mittlerweile wohl fast alle so called Kreativen erschöpft. Es geht nicht mehr viel und der Anteil an Coverversionen im ohnehin schon leidlich affirmativen Programm steigt minütlich. Was hier jetzt so klingt wie larmoyanter Kulturpessimismus ist in Wahrheit auch welcher.
\\\"Ich glotz TV\\\" (Nina Hagen)
Die Batterien der Fernbedienung sind so alt, sie haben keine Power mehr zum Umschalten und konfrontieren mich auf einem der Musiksender mit einem vermeintlichen Exklusivitäts-Format. Es trägt den Poser-Titel \\\"Nur bei uns\\\". Klar. Und übrigens \\\"Der Blanke Hohn\\\" hieß früher mal eine Punkband. \\\"Nur bei uns\\\" - vor dieser haarsträubenden Lüge will man sich trotz des hier-ist-eh-alles-egal-Umfeldes ekeln. Das wäre genauso, als würde Intro so tun, als ob demnächst die Oasis-Story Produkt einer Einmaligkeit in der Medienlandschaft wäre und nicht das, was man in dem einen Monat auf allen Formaten drübergezogen bekommen wird. Freedom of choice in Phasen von Null-Distinktion und scheinbar freiwilliger Medien-Gleichschaltung anhand des monatlichen Release-Schedule-Plans der Labels. \\\"Nur bei uns ALLEN\\\" müsste es daher korrekt heißen.Ein Clip früher oder später hier oder dort (oder alternativ, auf das unsere Medium gemünzt, eine Story) - daraus lassen sich doch allen Ernstes keine Identitäten stricken. Die Sendung aber gibt es. Und ein Clip, der dort nicht lief, geht so: Eine Stadt bei Nacht. Berlin, ganz sicher Berlin. Krankenwagen, Zwei Männer bringen Felgen an Einkaufswägen an. Auftritt von Band und Musik: Die vier Typen der Gruppe tragen weiße Anzügen, allerdings nicht so Dandy-mäßiger Style sondern eher umgedachte Arbeitsoveralls (remember: Mittagspause oder Der Plan). Die Sängerin trägt ein hellblaues Herrenjacket mit großen Schulterpolstern, hat eine hellblau geschminkte Augenpartie, gelbe Strumpfhosen und ein weißes Top - dazu die exzentrischste New-Wave-Frisur, blond und dunkel, kurz und lang, die einem seit Ewigkeiten außerhalb von Geschichtsbildbänden vor die Fresse kam. Musik. Eine abgestoppte unverzerrte Gitarre baut Spannung auf, der in Intonation und Ausdruck an Berlins legendärstes Schwesternpaar, die Humpes, erinnernde Gesang gibt atemlos ein paar verkürzte Bilder wieder. Und orientiert sich dabei nicht an dem verenglischten Schönklang deutscher Sprache wie Tocotronic oder an romantisch-lyrischer Betonung Blumfelds, sondern setzt ganz klar auf die Dissonanzen.
Die Sperrigkeit der Worte wird nicht geglättet, sondern hart rausgegeben. Ultra. \\\"Kapieren\\\", \\\"explodieren\\\", \\\"kotzen\\\", \\\"verpennt\\\" sind die beackerten Wortfelder. Das Video schaukelt sich hoch, zu irgendetwas zwischen Street-Party und 1.-Mai-Eklat. Waschpulver wird verschüttet, Close-up auf die umgestürzten Einkaufswagen. Changieren zwischen Konsumkritik bzw. die Übersteigerung des Fetischs Konsum. Was für eine Direktheit, was für eine geile Feier des Artifiziellen - wow. Das Video bietet dabei natürlich von der Nina-Hagen-Frisur bis hin zu dem Ideal-Lick der Gitarre während der Strophe unheimlich viele Verweise auf West-Berlin in den Achtzigern. Auf New Wave und natürlich auch noch auf den break even der ersten Welle deutschen Punks. Aber hoppla, der Song skandiert nicht etwa wie zuerst von mir realisiert: \\\"ALTES wird wie neu sein\\\" sondern \\\"ALLES wird wie neu sein\\\". Gewagte These in diesem Surrounding von Optik und Sound.
Zusammenhang
Genauso wie der Style eine Entsprechung in den allein durch die Überpräsenz kurz vor völliger Uncoolnes stehenden Achtziger findet, genauso ergibt sich eine solche im gerade herrschenden Koordinatensystem energetischer Musik zwischen Elektro-Elementen und punkmäßig verknappter Song-Strukturen. Im Hier und Jetzt. Beispiele? Beispiele. Lado, die alte Dame deutschsprachiger Hippness, bringt nach dem privaten Relaunch der letzten Zeit - verbunden mit dem sukzesiven Rauskehren der alten Platzhirsche (von Rossmy, Jonas bis hin zu den Aeronauten) - eine Band mit Mia-vergleichbarer Sound-Ästhetik an den Start. Spillsbury. Eine Abiturientin und ein Twen machen raumfordernden halb-betrunkenen Elektro-Punk, dessen dynamisiertes Sloganeering gleich mal alles wegfegt. Weniger ein Produkt des vermeintlichen Moments sind dagegen Concord.
Die Band um Ex-5-Freunde-Sängerin Julia Lubcke existiert in diversen Konstellationen und musikalischen Interpretationen seit geschätzten sechs, sieben Jahren. Gestartet einst als diskurs-poppiges All-that-heaven-knows mit einer grandiosen Mini-LP (ebenfalls Lado), entwickelten sich Concord bis heute hinzu einer der aufregendsten Hektiker-Bands an der Schwelle zwischen PC-Terror und Bandprinzip. Sounds, Texte und eine musikalische Aufbruchstimmung weg von der Falle des sich stadtein, stadtaus herausbildenden Hamburger-Schule-Befindlichkeitskanon hätten der Band eigentlich schon zu Ruhm gereichen müssen. Doch auch die selbstproduzierte Mini-LP (\\\"Cat-Explosion\\\") vor drei, vier Jahren verpuffte im Off. Jetzt sind sie wieder mit neuem Material zurück, ein Dutzend Stücke. Voll futuristischer Geschichtlichkeit. Mit beiden Bands muss auch geredet werden. Alles andere wäre totaler Quatsch.
\\\"Zurück zum Beton\\\" (S.Y.P.H.)
Und damit wieder nach West-Berlin. Bzw. zurück vor die Glotze, um mal im Jargon zu bleiben. Dieses Video ist nicht \\\"nur bei uns\\\", oder wie die Formatentsprechung auf dem anderen Sender heißt: \\\"zuerst bei uns\\\". Nein, der Act dazu heißt Mia und rotiert mit diesem Ding auf allen drei relevanten Kanälen. Und wird eigentlich hinten mit Punkt geschrieben. Mia. Wie einst die bedauernswerten Kasper der Gruppe trieb. -, das Satzzeichen soll in diesem Text hier aber aus Gründen der neuen Sachlichkeit keine Entsprechung finden. Schließlich schreibt die automatische Rechtschreibkorrektur danach groß = heilloses Durcheinander. \\\"Das ist der Punkt danach und nicht dieses aufgesetzte Ausrufezeichen - kannst halt'n Punkt machen\\\", sagt Andi später im Gespräch.
Mia kommen also aus Berlin - wer hätte nach den Bildern daran zweifeln wollen? Ihr Album \\\"Hieb- und Stichfest\\\" erscheint Ende August, Vorab-Single-Auskopplungen (u. a. erwähntes \\\"Alles Neu\\\") und ausgedehnte Festival-Reisen sollen den Weg dafür ebnen. Einstieg über Gleichschaltung, über Mega-Festivals:
Mitzi: \\\"Wir wollen auch auf jeden Fall mal bei Rock am Ring, Rock im Park spielen, wenn's dunkel ist - am besten nächstes Jahr.\\\" Diesmal seid ihr aber noch bei Tageslicht dran? M: \\\"In diesem NewTalentForum - aber wir haben uns sagen lassen, dass R.E.M. zu ihren besten Tagen, als sie schon 'Creep' draußen hatten, oder waren's Radiohead?, um 14 Uhr gespielt haben.\\\"
Ich denke, die Anerkennung von der Running Order bei Rock am Ring braucht man nicht, um richtig gut zu sein. Spielen ja gerade auch nachts die größten Idioten.
M: \\\"Stimmt - aber nachts ist es halt besser mit dem Abrocken, weeßte?\\\"
Klar, weeß ich. Nachts ist's voll wild und echt knorke. Hey, Mia gehen auch in der Unterhaltung ziemlich ab. Spannunsgeladen und auffällig tough. Nach diversen Fragen zu ihrem Deal mit Sony - hinsichtlich dem man hörte, die Band habe Konditionen zur Selbstbestimmung herausgehandelt, die dem Justitiar der Plattenfirma (Newcomerbands unterzeichnen dort gewöhnlich Standardverträge) auf den Magen geschlagen sind -, zu diesem Deal mehrfach befragt, wird Mitzi schon gut patzig und will wissen \\\"ob etwa nur solche Fragen kämen\\\". Viertel vor Äußerungen wie: \\\"Das war's dann, du Heini. Mach das Interview doch mit deinem Hausmeister. Wir sind draußen.\\\"
Mia, dazu muss man nicht mal gute Antennen haben, strotzen vor Selbstbewusstsein. Ein eigenes kleines Universum umkreist dabei die Jungs und Mitzi. Vom eigenen Management \\\"Kosmos rot\\\", der \\\"Pfadfinderei Mitte\\\" (Visuals auf den Konzerten) bis hin zu Olli 77, dessen Klamotten-Kollektion die Band gerne auf sich zuschneidern lässt. Beware of my gang! Es gibt Ärger, Baby. Der Clash hat Methode, Mia sieht in den Verweisen auf die Humpisierung ihres Avantgarde-Retros natürlich auch mehr Feind als Freund. Schließlich powert man sich und Selbstbefreiung.
Don't call me 80
Mitzi sagt: \\\"Wir sind ja auch so'n bisschen jünger - ich glaub', als die berühmt waren, waren wir so vier oder höchstens fünf und außer dass wir 'ne CD von denen im Regal haben, kann ich dazu nicht viel sagen. Die Vergleiche sind ja schmeichelhaft - sind alles Leute, für die ich Respekt empfinde, aber die haben in ihrer Zeit gelebt und gerockt und wir rocken einfach jetzt.\\\" Weg mit den alten Besen, die hatten ihre Zeit. Berlin heißt auch, dass Ehrfurcht und Sich-klein-Machen nicht die geeignete Attitüde ist, um den ewigen Punksound auf Ephedrin zu halten. Uns kann keener steht im Mittelpunkt und \\\"alles wird wie neu sein\\\" ist zwar eine Pose, aber genauso auch ernst. Zugunsten des eigenen Spirits macht es auch nicht weniger als Sinn, den Moment in seiner Einmaligkeit zu feiern.
M: \\\"Ich kann mir schon vorstellen, dass das Assoziationen gibt mit der Straightness [von Akteuren wie den Humpe-Schwestern] - aber dieses Geradeaussein, das hatte man natürlich in den Fünfzigern und Sechzigern auch. Ich finde, der Vergleich ist einfach leicht hergeholt. Die sind so das, was du am ehesten darüber sagen kannst, bloß das, was wir machen, ist das, was jetzt ist. Wir brauchen uns da auch auf nichts festlegen - nächstes Jahr machen wir vielleicht Samba und das Jahr darauf lerne ich türkisch und wir machen Sirtakis.\\\"
Der alte türkische Tanz: Sirtaki. In Berlin haben die Kulturen wohl wirklich die fließendsten Übergänge.
\\\"Richtung Kreuzberg die Fahrt ist frei
(...)
Kontrolleure ahnen Betrug,
im Affenzahn die Rolltreppe rauf,
zwei Türken halten die Beamten auf
Oranienstraße hier lebt der Koran
Dahinten fängt die Mauer an
Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin\\\"
Ideal: \\\"Berlin\\\" (1980)
Wenn das Lied der Stille weicht
Etwas weniger reizbar und funkensprühend ist im direkten Kontakt das Duo Spillsbury. Tobias und Zoe. Beide schon zusammen in einer 4-Piece-Melodic-Punkrockband à la Lag Wagon gewesen. Hamburg. Vier Songs auf einer Maxi - und auf dem upcoming Lado-Label-Sampler wird ein fünfter zu hören sein. Mehr noch nicht. Und trotzdem lässt sich ausmachen, was für ein mitreißend destruktives Potential hier in Punk unter elektronischen Voraussetzungen geflossen ist.
Tobi sagt: \\\"Ich höre schon die komplette Punkschiene - von Muff Potter bis Düsenjäger - und so'n paar neuere Hardcore-Sachen sind genauso nett, Elektronisches mittlerweile aber auch. Drum 'n' Bass auf Partys ebenso wie House-Tracks wie Golden Boy mit Miss Kittin. Das ist doch'n Kracher. Das spiegelt sich natürlich alles in unserem Sound wieder. Der im Grunde ja eine elektronische Nachbildung einer Band ist. Das ist auch der Grund, warum die Schlagzeugsounds bei den vier Songs gleich sind. Oder dieser Bass-Synthie, der in jedem Lied vorkommt. Wenn ich mit einer Band eine Platte aufnähme, dann sollte der Bass oder die Gitarre doch auch bei jedem Track gleich klingen. Das ist so ein Anspruch von Stringenz, den wir an diese ersten Aufnahmen gestellt hatten. Das sind ja wirklich mitunter wirklich first takes, die wir im Wohnzimmer-Studio und auch nicht mehr ganz nüchtern zusammengeschraubt haben. Trotzdem war das auch seitens Lado nie Thema, das Material jetzt noch mal neu unter professioneller Umständen einzuspielen. Das ist so ins Presswerk gegangen.\\\"
Das ist es: Den einen Moment von Aufbegehren unmittelbar in die Tasche stecken. Spillsbury müssen sicher beweisen, ob noch eine weitere Idee und damit auch Substanz über den Moment hinter ihrem großen rausgebrüllten \\\"Fuck!\\\" steht. Im Hinblick auf die Konservierung der situationistischen Parole-of-the-day liegen sie erst mal aber weit vorne. So geht das - wobei die aggressive Atemlosigkeit und der Bandprinzip-nachahmende-Elektro-Sound sogar an die frühen DAF erinnern. Auch hier - wie schon bei Mia - verzettelt sich die Sprache nicht beim Abrunden von Kanten, sondern schwört auf letztere. Als wenn es Texte neuer-deutscher-Indielyric-Schmoovness wie das wegweisende \\\"Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk\\\" mit seinen selbstverständlichen \\\"lachen / machen / krachen / Sachen\\\" nie gegeben hätte.
\\\"Welcher Ton kann hier noch richtig sein
wenn die Harmonie am Ende ist
Pause, Rücklauf, noch mal von vorn
Textblatt vor den Augen
Kreuzchen machen, Endlosschleife
Lieblingsstelle rot markiert
Was bleibt am Ende übrig -
wenn das Lied der Stille weicht:
Zwei Sekunden Ewigkeit
Zwei Sekunden Ewigkeit
Zwei Sekunden Ewigkeit\\\"
Spillsbury: \\\"Zwei Sekunden\\\" (2002))
Trotzdem und ähnlich wie bei ihren Kumpels in spe aus Berlin greifen die bewussten Selbstreferenzen nicht in jene Epoche zurück, die hier zum Greifen nah scheint. Tobi sagt: \\\"Es ist für uns okay mit solchen Vergleichen, aber unter uns, viele von den Bands kenne ich gar nicht, nie gehört.\\\" Bands wie Nichts, Acts wie Tommi Stumpf oder wieder, was allein Zoes Art zu singen nahelegt, die Humpes - gern genommen aber doch höchstens Randfiguren. \\\"Für mich begann das alles mit einer Band wie Tocotronic - von da an habe ich Musik intensiver verfolgt.\\\" Davor waren die beiden schon altersmäßig außen vor. Die eigene Vergangenheit ist nicht alt. Okay, mit Tocotronic starten und nicht danach klingen. Gut so.
War doch die stumpfe ästhetische Reproduktion, die lange Zeit bei jenen Jugendbewegten vorherrschte, ein Sammelsurium von kleinbürglichem Narzissmus, der in seiner öden Befindlichkeit nie auch nur annähernd so den Ton traf wie unsere Cover-Boys. Bands wie Spillsbury und Mia legen da den Verdacht nahe, dass sich das stilistische Moment geändert hat, mit dem man Teen-Angst, New-Born-Selbstbewusstsein und Aufruhr in Pop nach außen tragen kann. Effektiv. Ähnlicher Befreiungsschlag, anderer Sound. Und zwar Achtziger-Ästhetik in dieser Verbindung von Punk und Elektronik. Stilbewusst genau wie stilübergreifend. Das fetzt und so funktioniert der Riot der Stunde. Deshalb klingen Bands wie Sportfreunde Stiller mit ihrem traditionellen Toco-Rip-Off-Style wohl auch so outdatet, komisch versöhnlich und nach Gerhard Schröder.
\\\"Ich fürchte fast, es ist mir egal\\\" (Concord)
Neben soviel Youth Of Today als Protagonisten dieser Klang-Ästhetik gibt es aber noch einen weiteren Akteur, den zu vergessen in diesem Zusammenhang allzu fahrlässig wäre: Concord. Die Band, die wie bereits angeteast, nicht ihre first appearance in der Welt herausschreit, sondern schon einen kurvenreichen Kurs durch Hamburger Schule, Semi-Fame und zahlreiche Re-Starts genommen hat. Erstere Schule haben die vier dabei richtig gut hinter sich gelassen. Denn zum Zeitpunkt ihrer ersten Lado-Maxi (Mitte der Neunziger) brodelte der sogenannte Diskurs-Pop auf höchster Stufe und verwies allerdings auch - nachdem gerade die Sterne exemplarisch mit \\\"Posen\\\" zu einer ganz großen Firma wechselten - auf die nahende Stagnation der Nummer. Concord reagierten darauf hypersensibel und begannen vor allen anderen mit Abwehrreflexen durch eine Zweisprachigkeit (deutsch und englisch) sich vor Vereinnahmung zu bewahren. Und das gelang zu gut. Ihr neuer, sich überschlagender Sound war nicht mehr lokal unter Hamburg fassbar, sondern brachte Ideen von den B 52's bis Bis auf und fiel im bezug auf Aufmerksamkeit irgendwie hinten runter. Man sammelte sich aber unlängst wieder, ging ins von Bandmitglied Kosta selbsteingerichtete Studio, änderte die Besetzung und ist nun wieder voll da.
Und während sich bei vielen anderen der Hansestadt der Sound gemäßigt und dem Schönklang verschrieben hat, haben Concord ihren Selbstentwurf noch mal radikalisiert. Wo die Aeronauten schon vor Jahren mit ihrem Gemütlichkeits-Anspruch sich selbst prophezeiten \\\"mit dem Alter fängt man an, sich für Country-Musik zu interessieren\\\", glaubt man hier noch an Punk - und zwar nicht nur als ideologisches Moment im Off der eigenen Existenz sondern ganz konkret als ästhetisches Konzept. \\\"Punk hat mich wieder angefangen, mehr zu interessieren - das hört man auch. So Sachen wie die jeweiligen Bands von Jens Rachut zum Beispiel [Blumen Am Arsch Der Hölle, Dackelblut, Oma Hans]\\\", sagt Jan von Concord. Im Hintergrund schreit ein kleines Kind in einem vergnügten wie dissonanten Sing-Sang. Schätze, es ist so drei Jahre - also genau in dem Alter, in dem Mia behaupteten zu sein, als in Berlin schon mal ihr Style Konjunktur hatte. Das Dreijährige von Concord ist sogar noch jünger und gehört Julia und Jan.
Pärchen-Band und Liebe - Hut ab, dass die neuen Aufnahmen trotzdem so überhaupt nicht kommunenmäßig klingen. Dass Concord damit gerade wieder auf der Suche nach einem Label sind, kann nur in der unsteten Vergangenheit der Band begründet liegen, das Material ist so 1A und liefert (neben dem Explosions-Effekt der anderen beiden Acts) hier allein durch das Alter der Protagonisten auch noch eine Ebene der Reflexion mit. So sehr geht es selbst in Pop nicht mit dem Teufel zu, als dass Sie von diesem Act nicht in nächster Zukunft einiges zu hören bekommen werden.
\\\"Ganz zur Not würden wir es auch selbst rausbringen\\\", sagt Jan, \\\"aber man weiß ja, wie so was läuft, das meiste geht über Mailorder und auf Konzerten, irgendwann nervt das Finanzamt und zum Schluss hat man doch noch zweihundert Stück im Keller stehen, die man nicht los wird. Respekt vor DIY, aber das wollen wir uns echt ersparen.\\\" Genau so. Denn das (angebliche) frühere Manko der Band - ihr offensives Suchen und der Soundtrack einer latenten Unentschlossenheit, wer man sein will, kann und was es alles zu vermeiden gilt, hat sich stabilisiert. Jan: \\\"Wir haben jetzt bewusst auch versucht, das alles ein bisschen einzukreisen. Den roten Faden zwischen den elektronischen und den nicht-elektronischen Stücken einfach mehr herauszuarbeiten.\\\" Diese Gabe, in die beatmäßige Vorgabe eines House-Stampfers noch Buzzcocks-eske Teile einzupassen, ist genauso rar wie genial. Und textlich ist man dabei trotz Abstraktion gerne nah an sich selbst.
\\\"Don't the music
keep it rush
Immer auf die eins
- ist ein Eigentor
nicht eigentlich besser als keins?
Manche fragen sich
Wo bleibt der gute Ton?
Doch den woll'n wir nicht
(Den hatten wir schon)
Mit dem Fahrrad
auf der Vierspur-Autonbahn
Auf der linken Spur
kilometerweit gefahr'n
Abgekämpft und abgehetzt
But when we are dancing
Don't stop the music\\\"
Concord: \\\"Help Yourself\\\"(2001)
Und wie sieht es hier aus - mit den Verweisen auf West-Berlin-Style, Humpe und Konsorten?
Julia: \\\"Das hat bei uns natürlich auch ziemlich viel damit zu tun, das da eine Frau vorne steht und singt. Und da gerät man halt schnell in so einen Engpass, wenn man Bezüge herstellen will. Klar, ist das eine gute Sache - mit diesen Vergleichen kommen wir gut klar, aber zum Beispiel für uns fände ich es treffender, kämen die Leute mal drauf, uns mit so Bands wie den Undertones in Beziehung zu setzen - aber da kommt dann wieder keiner drauf, bloß weil da keine Frau singt.\\\"
Dann weg von der Vergangenheit hin zum aktuellen Datum. Was geht jetzt so, sollte man sich von den beiden ruhig mal sagen lassen.
Julia: \\\"Hm, an Neuveröffentlichungen gibt es gar nicht soviel, was uns jetzt antreibt.\\\"
Jan: \\\"Man kann auch mit alten Platten sehr gut leben.\\\"
Julia: \\\"Wir haben gerade aber eine tolle Band gefunden - die Poxies, solltest du dir unbedingt mal anhören.\\\"
Kenn ich, aber es heißt: Die Pixies.
Julia [lacht]: \\\"Nee, Poxies - so wie der Kleber heißt, mit dem ich mein Gesellenstück geleimt habe.\\\"
Jan: \\\"Das ist so 'ne dritte Welle New-Wave-Band mit Ringel-T-Shirts und Gaffa-Streifen um die Arme und ganz viel fies klingenden Keyboards.\\\"
Danke für den Hinweis, ein Freund von mir lebt zum Glück auf Audiogalaxy. Und der nächste Klammer-Artikel über Jetzt-Zeit-Punk und New-Wave-Crash-Exkursionen featurt dann vielleicht auch die guten alten Poxies. Also abgemacht, wir lesen uns damit in ein paar Jahren im Feuilleton. Derweil geht's aber schon außerhalb derer gut ab. Und nicht nur bei uns.
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