So Solid Crew

Glauben

31.05.2002, 12:31, Text: Jochen Bonz, Jochen Bonz


In Deutschland hat es beinahe immer etwas Unangenehmes, mit Leuten zu tun zu haben, die im Popgeschäft arbeiten. Entweder sie übertreiben maßlos, um dir ihr Thema schmackhaft zu machen - und mit ein bisschen Erfahrung merkst du gleich: Sie glauben selbst gar nicht daran. Oder sie geben dir zu verstehen, dass sie selbst nicht daran glauben und laden dich ein, bei einem Spiel mitzumachen, dass sie selbst für cool halten - von dem man aber gar kein Teil sein will. Denn: Was sollte cool daran sein, bei etwas mitzumachen, an das niemand glaubt? Lasst uns diese Welt für einen Moment verlassen.

Sony Music, Great Marlborough Street, London
Durch die Drehtür aus Glas strömen Männer in Anzügen herein; sie kommen vom Lunch in einer der vielen Kaffeelatte-Bars der Stadt, gehen durch den großen, hellen, so freundlichen wie unverbindlichen Eingangsbereich, zeigen dem mitten im Raum plazierten Portier ihren Firmenausweis und sind auch schon zu ihrem Arbeitsplatz verschwunden.

Eine üppige Erscheinung mit Bauchfrei-Bluse kommt aus dem Inneren von Sony her zur Rezeption, erkundigt sich bei den beiden Mädels, die sich dort mit ihrem Kram ausgebreitet haben (hier ein Schirm, da ein paar Tüten und Taschen), und steuert dann auf mich zu. Sie entschuldigt sich, wir müssten wohl noch ein bisschen auf die So Solid Crew warten, denn die würden sich immer etwas verspäten. Ich erkundige mich, wie erfolgreich So Solid in England tatsächlich sind und erfahre von Top-Ten-Plazierungen, Brit-Awards und außerdem circa 500 Zeitungsartikeln, die sich mit der anderen Seite beschäftigen: Schießereien vor Clubs, Gefängnisstrafen wegen illegalem Waffenbesitz, Anklagen wegen Körperverletzung und Fahren ohne Fahrerlaubnis. Falsch: Jane Dolan, die beeindruckendste Plattenfirmenperson, die mir je begegnet ist, deutet die Skandale der So Solid Crew nur an. Stellt sie neben die Erfolge. Bedauert das ganze Tamtam. Stellt einen Vergleich mit den Sex Pistols an. Und holt schließlich zwei junge Männer, Face und Swiss von So Solid. Während des Interviews verschwindet Jane Dolan hinter einem Blumenstrauß, der in der Mitte des Konferenztisches steht. Ab und zu mischt sie sich von dort in das Gespräch ein, um die Jungs dazu aufzufordern, etwas ausführlicher zu erzählen oder um gegenüber mir den musikalischen Punkt der Sache zu unterstreichen: \"Von House Music hat die Art von Garage, wie sie So Solid machen, das Tempo übernommen. Sonst nichts, Jochen; es ist das Tempo.\" Ja, natürlich. Im Anschluss an das Interview erzählt sie, dass sie vor zwanzig Jahren bei Virgin angefangen hat. Damals seien sie eine Familie gewesen. Möglicherweise sagt sie auch: Freunde. Wie dem auch sei, sie hat ihren Job gut gemacht. Er bestand darin, behutsam zu vermitteln, einen Raum aufzumachen, in dem sich sowohl Angehörige einer marginalisierten Migrantenkultur und Halbwelt als auch ein bürgerlicher deutscher Mittelklasse-Journalist zurechtfinden konnten. Jane Dolan war cool, weil sie situiert war. Die unverbindliche, freundliche Innenarchitektur ging im Hinblick auf diesen kulturellen Zwischenraum in der Funktion auf, als Leerstelle zu dienen.

Die Welt der So Solid Crew
Auf dem Cover des in seinem Minimalismus und seiner Deepness, seinem Flow, seiner anderen Melodiösität, seinen Stimmen und Sprechweisen umwerfenden Debütalbums der So Solid Crew, \"They Don't Know\", sind über dreißig Personen abgebildet. Alle gehören zum Projekt. Wie das funktionieren kann?

Face: \"Vor allem, weil wir zusammen aufgewachsen sind. Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, sind Freunde seit wir vielleicht zwei oder drei Jahre alt waren. We make each other do something: Der eine ist Teil dessen, was der andere macht; oder Teil eines Teils dessen, was der andere macht.\"
Swiss: \"Manche von uns kennen sich seit ihrer Geburt - eigentlich die meisten. Wir denken alle dasselbe. Wir haben alle dasselbe im Kopf. It's a big family, though.\"

Daneben ist die So Solid Crew auch gut organisiert. Jeden Sonntagabend trifft man sich nach Büroschluss im So Solid Office, das im Südlondoner Stadtteil Clapham liegt, wo die meisten auch wohnen, um \"Differenzen und Probleme\" zu erörtern. Aber wie reden dreißig Leute miteinander?

Swiss: \"Everybody talks separate.\"
Face: \"Yes, but everyone gets their time.\"
Swiss: \"Jeder hat die Chance zu sagen, was er sagen möchte.\"
Face: \"Die Treffen dauern ja auch immer eine ganze Weile: einige Stunden - wenigstens.\"

Das Wunderbare an Garage war ja von Beginn an die offen ausgestellte, aber zugleich auch auf einen Nenner gebrachte Hybridität: eine Mischform aus Mischformen zu sein, Jungle und HipHop und House und ... Wie kommt man zu einem selbstverständlichen Umgang mit so einer Diversität?

Face: \"Wir sind mit der unterschiedlichsten Musik groß geworden, und jetzt, als Erwachsene, nehmen wir uns davon überall ein Stückchen und machen daraus ein einziges, unser eigenes Ding.\"

Seht ihr das alle so?

Swiss: \"Yeah. Yeah. Yeah. Unsere Garage, unsere Musik besteht aus Elementen aller möglichen anderen Arten von Musik.\"
Face: \"It sounds a bit like everything.\"

Wie seid ihr mit House in Kontakt gekommen?

Swiss: \"Für mich war es so, dass ich in meinem Zimmer war und mein Onkel nebenan House spielte. So habe ich House kennengelernt. Mein Onkel liebte das.\"

Er war aber kein DJ, oder?

Swiss: \"Nein, er war kein DJ, er war einfach ein Raver. Überhaupt: In unserem Haus haben wir wirklich die unterschiedlichsten Musikstile gehört. Wir schätzten alle Arten von Musik: Rock, R&B ... Ich bin umgeben von jeder erdenklichen Musikform aufgewachsen.\"

Die auf einen starken Nenner gebrachte Hybridität ist für So Solid das einzig Wahre: Everything - nicht im Sinne von Beliebigkeit, sondern im Sinn von: das Ganze, alles. Beide sagen in einem fort: \"It's just our music.\" Die Musik, die die Musik von uns ist. Unsere Welt.

Face: \"Musik sollte meiner Meinung nach immer davon handeln, was in deinem Leben geschieht, in der Welt, im Leben deiner Freunde, im Leben deiner Mutter. Sonst hat es keinen Sinn, sie zu machen.\"
Swiss: \"Das ist ja auch nichts Neues. Bob Marley hat über das geschrieben, was in der Welt geschieht. Oder wenn du ein Liebeslied hörst, denkst du: Ach ja, so geht's mir auch. Das ist dasselbe.\"

Die So Solid Crew ist ein über Jahre, heraus aus Partys, Radiomachen (bei Piratenstationen) und so fort, gewachsener Zusammenhang - und sie ist fest in dem sozialen und kulturellen Hintergrund verwurzelt, für den sie heute zu sprechen angibt. Ebensowenig, wie sie mit ihrem Erfolg in der Mitte der britischen Gesellschaft angekommen sind - falls es so etwas in einer derart klassenbewussten und konservativen Gesellschaft überhaupt gibt -, befinden sie sich auch nicht mehr am Ort vollständiger Marginalisierung. So Solid haben gehandelt - und damit etwas Neues entstehen lassen: Das soziale Band ihrer Bande geknüpft. Dieses reicht sowohl zurück in die Vergangenheit wie es auch in die Zukunft verweist.

Swiss: \"Wir haben zwei Kids, der eine ist zehn, der andere ist acht. Und sie sind DJs. Verstehst du? Die machen jetzt die Pirate-Radio-Show.\"

Acht und zehn? Das stimmt doch nicht!

Swiss: \"Doch, klar. Und es werden immer mehr. Sie haben einen eigenen Bereich, So Solid Kids.\"

Und woher haben die ihr Wissen?

Swiss: \"Die haben ihr Wissen von uns. Sie sind um uns herum aufgewachsen.\"

Wie kleine Brüder.

Swiss: \"Ja, einer ihrer Väter ist Teil der Crew. Natürlich haben sie von ihm gelernt, vor allem. Aber sie haben eigentlich von uns allen gelernt, weißt du, was ich meine?\"

Die neue Welt, sie ist für So Solid zwar da, aber sie ist für ihre Subjekte nicht selbstverständlich. Es ist eine Welt, die ständig neu hergestellt werden muss. In den Tracks lässt sich das daran erkennen, dass in ihnen Geschichten immer nur anklingen aber nicht erzählt werden. Es geht darum, sich hinzustellen und die Gelegenheit zu ergreifen. \"Ich habe 21 Sekunden Zeit, hier am Mikrofon. Hast Du mich im Video gesehen? Nein, schade\", heißt es etwa in der aktuellen Single \"21 Seconds\" (mit supersmoothem Seven-Gemini-Remix!). Die Unselbstverständlichkeit, das Machen-Müssen des Ortes, von dem aus man sprechen kann, durchzieht auch den gesamtem Produktionsprozess.

Wie wichtig sind für euch Harmonien, Melodie?

Swiss: \"Sehr.\"
Face: \"Das ist das Hauptding, das wir brauchen: Streicher, die Melodie.\"
Swiss: \"Sie gibt dir die Lyrics. Sie bringt dein Gehirn in Schwung und sagt dir, was du sagen sollst. Nur die Melodie kann das.\"

Der erste Schritt beim Produzieren ist doch aber der Beat, oder?

Swiss: \"Ja, ich beginne mit dem Beat, dem Rhythmus-Pattern. Dann kommt die Bassline. Dann füge ich Strings hinzu.\"

Und am Schluss kommt dann der MC.

Swiss: \"Genau.\"

Ein Aufbauprozess. Nichts ist immer schon da. Mit dem Beat wird ein Rahmen gesetzt. Aber erst die Melodie ermöglicht das Sprechen. Die Gestalt, die sie in den Track einführt, stellt den MC an einen Platz, identifiziert, situiert ihn. Von da aus kann er dann die Freiheit, die mit dem Vorhandensein dieses Ortes einhergeht, behaupten.

Noch eine Position: Dran glauben, dass die anderen glauben
Den Tag in London hatte ich mir als Ausflug vorgestellt. Als ich dann durch die Platten- und Buchläden in Soho strich, hat mich das alles überraschenderweise gar nicht groß interessiert. Dann tauchte mit dem Auftritt von Jane Bolan unerwartet die Position der Vermittlung auf. Mit So Solid der Glaube an die eigene Sache ... Und ich war selbst wie verwandelt. \"Damit es Begehren gibt, braucht es kein Ziel, das formulierbar und irgendwie erreichbar erscheint. Genau das ist der Punkt, den die traditionell politisch denkenden Linken an der Topographie der Popkultur nie verstehen. Als Ziel genügt ein diffuses Etwas am Horizont. Konkret wichtig ist der Glaube an den nächsten Schritt, und zwar der gemeinsame Glaube. So entsteht eine gemeinsame, durch ein geteiltes Begehren (ein Glauben ist nichts anderes als ein Begehren, das ein reales kollektiv verankertes Objekt gefunden hat) getragene Bewegung\", schreibt Matthias Waltz in \"Sound Signatures\". Einen solchen Glauben habe ich an diesem Nachmittag zwar nicht geteilt, aber ich durfte seine Konsequenzen spüren.



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aus Intro #95 (Juni 2002)
 
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