
Sonic Youth
Klangforscher und Shitkickers
31.05.2002, 12:27, Text:
Felix Klopotek,
Felix Klopotek
[4 Kommentare]
Vor dem Nullpunkt
Manhattan ist nicht so groß, als dass man längere Strecken nicht auch ohne Anstrengung zu Fuß erledigen könnte. Wer also Sonic Youth in ihrem Hauptquartier auf der Murray Street besuchen will, sollte einfach den Broadway hinunterlaufen. Die Murray Street liegt am Südrand von Tribeca, einem angesagten Hip-Viertel im Südwesten Manhattans. Die Mieten sind sündhaft teuer. Hinter der Canal Street, der Straße, die Tribeca vom West Village und von SoHo trennt, stellt man dann fest, dass am Ende des Broadways irgendwas fehlt. Das ist Ground Zero. Das Gelände ist selbst jetzt noch, am ersten Maiwochenende, weiträumig für Autos abgesperrt; der Laster mit dem letzten Schutt des World Trade Centers wird in den nächsten Tagen das Gelände verlassen.
Privater Raum
Ich bin eine gute Viertelstunde zu früh da. Der Techniker nimmt's gelassen. Ob ich mir vielleicht das Studio anschauen möchte? Das Gebäude, in dem SY ihr Studio und Hauptquartier haben, ist unscheinbar. Im gesamten vierten Stock residiert die Band. Sehr auffällig: die Sammelwut der Band. Ganze Wandreihen sind zwei-, dreistöckig mit E-Gitarren zugehängt, unzählige Verstärker und andere Instrumente, vor allem Schlagzeug-Equipment, stapeln sich. Als der Band 1999 während einer Tour der Van mit ihren Instrumenten geklaut wurde, war die Aufregung groß: Ist das das Ende der Band? Einer Band, die wie kaum eine andere mit ihrem (teils bewusst ramponierten) Equipment und dessen spezifischem Sound verwachsen ist? Wird sich zumindest der Bandsound (endlich!) ändern? Gemessen an dem tatsächlich vorhandenen Instrumentenpark war der Verlust des Tourausstattung verschmerzbar. Die einzige Gitarre, die sie zurückerhalten haben, hat heute einen Ehrenplatz im Studio. Sie wird offensichtlich nicht mehr benutzt. Es gibt einen Archivraum, in dem nahezu alle Tapes der Band aufgehoben sind. Sie lassen jede Session im Proberaum mitschneiden, die meisten Konzert werden aufgenommen, es ist sogar so, dass Lee Ranaldo und Thurston Moore, das unverwüstliche Gitarrenduo der Band, ihre Instrumente bei Konzerten einzeln aufnehmen lassen. Wer weiß, wofür die Einzelspuren noch gut sein können.
An den Wänden hängen die Insignien der Coolness. Plakate, die coole Auftritte und legendäre Bands ankündigen, ein Foto der jungen Barbara Streisand, ein Bild der Cooljazz-Ikone Gerry Mulligan. Der Techniker zeigt auf ein SY-Plakat, das einen Auftritt irgendwann 1985 annonciert. Der damalige Schlagzeuger Bob Bert arbeitete in Andy Warhols Factory. Und die Plakate wurden natürlich in der Factory gedruckt, mit Warhols Farbe. Das Studio ist entgegen meinen Erwartungen kein Hangout, an dem die Band cool abhängt und laufend Freunde empfängt, mit denen dann gejammt wird. Der Techniker erzählt, dass das Studio immer dann genutzt wird, wenn die Band aufnimmt oder sich auf Tourneen vorbereitet. Pressetermine im Studio sind eher die Ausnahme. Es käme also durchaus vor, dass die Räume wochenlang ungenutzt blieben. Das ganze schicke Accessoire an den Wänden dient also nicht zum Protzen, zur Ausstellung des eigenen Coolseins. Man kann sagen: Was da an den Wänden hängt, ist die Innenausstattung der Band. Nicht nur nach außen demonstriert die Band Coolness, auch nach innen versichert sie sich offensichtlich immer wieder ihres Anspruchs und ihres Status', den Geschmack einer Undergroundnation zu repräsentieren, ihn zu reflektieren und zu katalysieren.
Die große Bibliothek
Sonic Youth ist die am besten dokumentierte Band der Underground/Alternative/Indie-Szene. Dieser Artikel könnte doppelt so ausführlich sein, er würde dem Universum immer noch nicht viel Neues hinzufügen. Das fängt an bei der Homepage www.sonicyouth.com, die detailliert über die Band, ihre Geschichte, ihre Platten und ihre Konzerte erzählt. Dann gibt es den Backkatalog, der natürlich komplett erhältlich ist. Alle paar Jahre wird Repertoirepflege betrieben, gerade arbeiten sie an der Wiederveröffentlichung ihrer 92er Aufnahme \"Dirty\". Wer als neu gewonnener SY-Fan in die Plattenläden rennt, kann neben ihrer neuesten Scheibe \"Murray Street\" auch die allerersten erwerben. Mehr noch: Längst ist man mit einer Flut von Veröffentlichungen abseits ihres Majorlabels Geffen konfrontiert. Es gibt das Label Sonic Youth Records, auf dem experimentellere, \"unfertigere\" Aufnahmen veröffentlicht werden, Thurston Moore betreibt wie Steve Shelley und das jüngste SY-Mitglied Jim O'Rourke ein eigenes Label, alle Musiker hegen und pflegen zahllose Nebenprojekte. Man findet sie in Punkprojekten, Poetry-Performances und in einer stolzen Reihe von Free-Jazz-Combos. Vor allem Thurston Moore konnte sich in den letzten sechs, sieben Jahren als ernstzunehmender Gitarrenimprovisator etablieren. Dazu passt, was er vor zwei Jahren anlässlich der Veröffentlichung seiner frei improvisierten Soloplatte \"Lost To The City/Noise To Nowhere\" (erschienen auf dem Schweizer Label Intakt) kundgab: \"Contemporary experimental rock musicians are full on into free improvisation right now as a transitional gesture from post Nirvana fallout.\"
Jim O'Rourke bildet sowieso für sich ein eigenes Universum, er ist eigentlich am wenigsten auf die Band angewiesen. Der Selbstmord Kurt Cobains stellte für ihn insofern kein Einschnitt ein, als dass er damals nicht am Alternative-Rock-Circus partizipierte, sondern fast ausschließlich in kleinen Industrial-Noise- und Free-Jazz-Kreisen verkehrte. Das alles ist so beeindruckend wie beklemmend. Ist dieser Hyperaktivismus nicht auch Ausdruck davon, das eigene Bild - die ewig coole, ewig alles wissende, ewig alles zuerst wissende Gruppe - zu stabilisieren und immer fortzuführen? Immerhin, die Bandmitglieder haben, bis auf den 33-jährigen O'Rourke, alle die 40 überschritten. Lee Ranaldo und Kim Gordon marschieren stramm auf die 50 zu.
Hyperaktionismus - ein junges Phänomen
Hyperaktivismus dieser Art ist ein vergleichsweise junges Phänomen in der Popmusikgeschichte. Bands wie die Rolling Stones oder die Beatles zeichne(te)n sich durch Stabilität aus: die über die Jahre (Jahrzehnte) konstant bleibende Besetzung widmet sich ganz dem Leben, dem Bestand der Band - die Band ist ihr eigener Zweck. Fangen die Künstler an, auf Solopfaden zu wandeln, ist das schlicht nicht von Interesse (erinnert sei an die notorisch erfolglosen Soloalben von Keith Richards und Mick Jagger), oder es zersetzt die Band (siehe Beatles).
Ein Künstler wie Neil Young präsentiert hingegen eine große Palette an musikalischen Identitäten. Wenn er auf Tour geht, kann er sich aussuchen, ob er als Solist auftritt oder mit Crosby Stills Nash & Young, Crazy Horse, Pearl Jam, Friends & Relatives oder Booker T & MGs. Bei ihm repräsentiert jedes einzelne Outfit eine Facette seines Schaffens - das reicht vom aggressiven Proto-Punk (Crazy Horse) bis zum Bewahrer amerikanischer Werte (CSN & Y).
Sonic Youth synthetisieren diese beiden Popstarmodelle. Sie vereinen extrem unterschiedliche musikalische Artikulationen in einem zwar offenen, losen, aber seit 20 Jahren stabilen Kontext: Kim Gordon, Thurston Moore, Lee Ranaldo sind von Anfang an dabei, Steve Shelley stieg 1986 ein, Jim O'Rourke 1999. Das Image der Band wird so nicht nur durch Verschworenheit, sondern vielmehr durch Ausdifferenzierung und Rastlosigkeit erzeugt. Demnach wären SY zugleich die zuverlässigste wie innovativste Band. Und auf einem sehr hohen (musikalischen, popkulturellen) Level wären sie auch die selbstzufriedenste.
Teilnehmende Beobachter
Es heißt über Miles Davis, dass man die Jazzgeschichte der letzten 50, 60 Jahre ganz aus seiner Sicht erzählen könnte. Er war immer dabei, hat alles überlebt, ebenso opportunistisch wie visionär. Über Sonic Youth und ihr Verhältnis zum Rock seit 1980, seit ihrer Gründung also, kann man das gleiche sagen.
Sie haben sie wirklich alle überlebt: die Swans, eine Band mit der SY in ihren frühesten Tagen eng zusammenarbeiteten und die mit ihrem Doom Metal die damals härtere, gnadenlosere Variante des Underground-Daseins repräsentierte, sind heute eine Fußnote der Rockgeschichte. Das SST-Label, das größte, wichtigste US-amerikanische Punklabel ging 1989 vor die Hunde, SY hatten das Label ein Jahr zuvor verlassen. Anfang 1991 Jahre nahmen sie, Wochen vor ihrem Durchbruch, Nirvana als Vorband mit auf Tour. Wenig später tourten sie mit Neil Young, sie überredeten sogar den Altmeister, eine Experimental-CD, \"Arc\", ein wüstes, ekstatisches Meisterwerk der Cut-Up-Collage, aufzunehmen. 1992 veröffentlichten sie \"Dirty\", Mike Kelly steuerte das Coverartwork bei, Butch Vig, damals der heißeste Produzent around (Nirvana! Smashing Pumpkins!), nahm die Platte auf. Sie waren mittendrin, für ihr (Major-)Label Geffen arbeiteten sie in der Zeit als Talentscouts. Kurz bevor Alternative Rock als die Riesenenttäuschung aufflog, gaben sie sich punkig: \"Experimental Jet Set, Trash And No Star\" hieß ihre 94er Platte. Back to the roots. Die eigene Vergangenheit als sicherer Ort. Danach entdeckten sie den Free Jazz, natürlich nicht auf ihren Geffen-Platten, das ginge zu weit, dafür gab es die Nebenprojekte und \"illegitimen\" Aufnahmen. Als Postrock brodelte, holten sie O'Rourke an Bord, den Doyen dieser neuen Rockmusik. Und jetzt, wo auch das vorbei ist, wo man das Wort Postrock nicht mehr guten Gewissens benutzen kann, ziehen sie wieder einen Trumpf aus dem Ärmel. \"Murray Street\", ihr neues Album, klingt reif, rund, stoisch, einfach sehr gut produziert. Das Werk ist alterslos. Aber die Frage bleibt, sie schiebt sich nur mit jeder Verjüngung, mit jedem Wandel auf: Wann haben sie sich selbst überlebt? Und die noch spannendere Frage lautet: Wann wird die Grenze zur ultimativen Redundanz erreicht sein? Memento mori: \"Als gute Fans und Popisten haben sie immer auf die Schnelllebigkeit und den hohen Verschleißfaktor kultureller Produktion gesetzt. Aber je unnachsinniger, dedicateter, opportunistischer sie von Image zu Issue, von Attitude zu Role Model hechelten und alles, was ihnen unterwegs über den Weg lief, auf akustischem Zelluloid zu Devotionalien eines dämonischen Amerika gefrieren ließen, desto mehr verwandelten sich Sonic Youth zu einer auf Dauer und Langlebigkeit, letzterzeit verstärkt auch auf Überraschungsarmut hin optimierten Institution, die im Prinzip nur noch sich selbst und ihre Rolle als systemtragende Partei im Staate \"Underground\" verwaltet - produktive Seiteneffekte inbegriffen.\" (Christoph Gurk in der 200. Ausgabe der SPEX, Juli 1997)
Trio mit Leerstelle: \"NYC Ghosts & Flowers\" & \"Murray Street\"
\"Murray Street\" heißt also ihr neues Album, laut Info ist es ihr 16. Je nachdem, wie man zählt und welche ihrer Veröffentlichungen man als Album oder als \"Nebenprojekt\" deklariert, kommt man auf andere Zahlen. Das kann uns aber egal sein, der unmittelbare Zusammenhang, in dem \"Murray Street\" steht, ist \"NYC Ghosts & Flowers\", ihr 2000er Album. Das war ein Konzeptalbum, gewidmet der Avantgarde Manhattans. Definitiv ein Alterswerk, weder Teenage Angst noch das Feiern der eigenen Coolness spielten eine Rolle. Die offensichtlichen Referenzen an Künstler wie William S. Burroughs oder Joe Brainard, an die Old School also, demonstrierten Kontinuität. Vielleicht konnte man sogar sagen: Hier reiht sich eine Band in die avantgardistische Tradition Manhattans ein - und bereitet ihren noblen, würdevollen Abgang vor. \"NYC Ghosts & Flowers\" war jedenfalls in all seiner Sperrigkeit ihr bestes Album seit \"Dirty\". \"NYC Ghosts & Flowers\" war aber auch der Auftakt einer Trilogie, deren zweiter Teil eben \"Murray Street\" ist. Es geht weiter. Und musikalisch gesehen bekräftigt \"Murray Street\" in all seinen Nuancen dieses \"weiter\". Es ist wesentlich straighter, die Arrangements wirken luftiger, die Songs sind geschlossener. Trotzdem sind sie recht abwechslungsreich, sie entwickeln sich geradezu organisch. Was vielleicht etwas gezwungen und melancholisch anfängt, kippt nach ein paar Minuten und entwickelt sich zum veritablen Proto-Hit. \"Murray Street\" rockt, weil es das aber unaggressiv, detailversessen und also mit sehr erwachsener Attitude tut, kommt einem das Album merkwürdig ausgewogen vor. Das demonstriert auch der Auftritt der beiden Saxophonisten Jim Sauter und Don Dietrich. Beide spielen normalerweise mit dem Gitarristen Donald Miller in dem Ultra-Noise-Trio Borbetomagus (und das auch schon seit über 20 Jahren). Es gibt wohl keine Formation, auch Merzbow nicht, die einen dermaßen infernalischen Krach produziert. Auf \"Radical Adults Lick Godhead\" sind ihre Attacken so gut in den Sound integriert, dass man sie zunächst für (Gitarren-)Feedback hält, das sich von weit her in den Song einschleicht. 1988 hatte Thurston Moore mit Dietrich und Sauter eine Power-Improv-Platte aufgenommen, \"Barefoot In The Head\", nicht so martialisch wie Borbetomagus und deshalb uneingeschränkt zu empfehlen. Diese Platte markiert auch Moores Eintritt in die Welt der freien Musik. 14 Jahre später schließt sich der Kreis. Auf \"Murray Street\" findet sich ein Free-Form-Freakout. Es ist schon komisch, genau das hatte man von der Band in den letzten Jahren eingefordert: Wenn sie ehrlich zu ihren Free-Jazz-Obsessionen stehen, dann sollen sie sie verdammt-noch-mal auch auf ihren Major-Label-Platten ausleben. Aber hier wirkt dieser sieben-, achtminütige Ausbruch einfach nur ermüdend. Im Sommer letzten Jahres hat die Band die insgesamt sieben Songs geschrieben und die ersten Demos eingespielt. Parallel schloss O'Rourke die Arbeit an seinem subtil apokalyptischen Werk \"Insignificance\" ab. Der 11. September platzte in die Vorbereitungszeit. Eines der Flugzeugtriebwerke landete in der Murray Street. O'Rourke befindet sich zu dem Zeitpunkt im Studio. Die Geschichte ist mittlerweile bekannt. Nachdem die Gegend wieder halbwegs zugänglich war und das ansonsten unbeschädigte Studio entstaubt wurde, wurde das Album im Herbst und Winter abgeschlossen - ausschließlich mit dem im Sommer entwickelten Material. Sonic Youth betonen im Interview, kein \"9-11\"-Album abgeliefert zu haben.
Protagonisten einer Rockband
Die Band trifft ein. Zuerst Steve Shelley und Jim O'Rourke. Shelley lebt in New Jersey, O'Rourke in Brooklyn. Ranaldo wohnt um die Ecke, auf dem Broadway, er kommt als dritter. Zuletzt schleicht sich Thurston Moore herein, zusammen mit Kim Gordon, die beim Interview nicht dabei ist, und ihrer gemeinsamen Tocher Coco Hayley Gordon Moore leben sie in Massachusetts, drei Stunden von der Murray Street entfernt. Ein lokaler Promoter überwacht, dass die Interviews nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Die Jungs geben sich unkonzentriert - und achten trotz allem auf eine strenge Rollentrennung: Shelley beklagt sich vor dem Interview, dass er immer wieder erlebt, wie Journalisten ihm zu verstehen geben, dass sie lieber mit Thurston und Kim als mit ihm reden; O'Rourke spricht eigentlich gar nicht mit dem Interviewer, unterhält aber die anderen immer wieder mit Anekdötchen; Ranaldo gibt sich ernsthaft und verständnisvoll; Moore eher arrogant, ein bisschen albern, ist auf Distanz bedacht. Verstehen wir uns nicht falsch: Nichts daran ist ungewöhnlich. Es macht dem Interviewer nur bewusst, hier einer Rockband gegenüberzusitzen. Rockbands müssen so sein.
Können wir anfangen?
Thurston Moore: Haben wir doch schon!
Lee Ranaldo: Ach so, ja, Fragen und so. Ich dachte, du wärst vielleicht an einem naturalistischen Szenario interessiert. So ungefähr: Band sitzt rum und unterhält sich darüber, was ihr gerade so in den Sinn kommt.
Moore: O.k., was möchtest du wissen?
Ich war zunächst erschlagen von der Masse der Gitarren, die ihr hier angesammelt habt und die offensichtlich alle auch irgendwie benutzt werden. Gitarristen sind doch normalerweise fixiert auf ein, zwei Lieblingsinstrumente. Neil Young z. B., der kauft zwar ständig irgendwelche Gitarren, aber spielen tut er nur auf zwei.
Moore: Neil Young ist ein Multimillionär.
Ranaldo: Nun, wir sind halt fixiert auf viele Gitarren.
Moore: Ich benutze die eine Gitarre, dann die andere - kommt halt ganz auf den Song an. Das Instrument an sich interessiert mich gar nicht, ich wollte nie ein Gitarrist sein. Gitarren sind billiger als Pianos.
Kann man sagen, dass der spezifische Sound einer Gitarre jeweils einen Song generiert?
Ranaldo: Ja, es gibt Sachen, die klingen nur auf einem Instrument gut. Auf diesem Instrument klingt dann auch nichts anderes gut - nur genau dieser Sound oder diese Melodie. Wir haben früher oft so gearbeitet, mehr als wir es heute tun.
Wie groß war der Bruch, als vor drei Jahren ein Teil eurer Instrumente und Verstärker gestohlen wurde? Damals muss ja auch eine ganze Klangwelt untergegangen sein.
Moore: Nicht groß. Wir haben auch viel neues Material in der Zeit danach geschrieben, Material, dass dann auf neuen Instrumenten eingespielt wurde. Musikalisch fiel der Diebstahl für uns kaum ins Gewicht. Sicher, es gibt Sachen, die wir nicht mehr wiederholen können, weil das entsprechende Instrument fehlt.
Ranaldo: Es hat schon eine Weile gebraucht, bis wir mit dem neuen Material vertraut waren. Wir haben mit den gestohlenen Sachen fast zehn Jahre gearbeitet. Aber retrospektiv betrachtet war es nicht das Schlechteste: Wir kannten das Material zu gut! Zum Zeitpunkt des Diebstahls hatten wir gerade die Songs für \"NYC Ghosts & Flowers\" geschrieben. Genau der richtige Zeitpunkt für einen Break. Man hört es dem Album natürlich an, aber ...
Moore: ... es ist wie ein neuer Haarschnitt.
Ranaldo: Irgendwann traut man sich wieder in den Spiegel zu gucken, und siehe, die Frisur sitzt gut! Zwei Jahre später wird auch klar, dass auch dieser Einschnitt an unserem Soundkontinuum, das ja schon vor dem Diebstahl ständig in Bewegung war, nichts geändert hat.
Ihr benutzt häufig Präparationen der Instrumente. Dadurch entstehen neue Soundstrukturen, die für eurer Songwriting offensichtlich genauso wichtig sind wie Melodien oder Harmonien. Notiert ihr diese Präparationen in irgendeiner Weise?
Moore: Ja.
Ranaldo (zu Moore): Wie bitte?
Moore: Ja, ich schreibe es auf. Die Band darf es dann modifizieren.
Ranaldo: Hast du geraucht, oder was?
Wie funktioniert das Schreiben eines Songs? Fangt ihr mit einem Sound an und entwickelt daraus die Melodien?
Moore: Es gibt keinen einheitlichen Prozess. An unserer Art und Weise Songs zu schreiben, ist eigentlich nichts Besonderes. Jeder hat sowieso andere Ideen. Hier im Studio fangen wir an zu spielen und daraus entwickeln sich die Sachen. Jeder ist für seinen Sound, für seinen Umgang damit selbst verantwortlich. Später dann wird das ganze zu einem Mix integriert.
Ranaldo: Es gibt Sounds, mit denen wir sehr vertraut sind, die wir häufig benutzen und also gut zu uns passen, aber sie diktieren nicht den Song.
Jim O'Rourke: Aber vielleicht deinen Part! Ich habe auf einigen Demoaufnahmen auf Instrumenten gespielt, deren Klang mir überhaupt nicht passte, das schlug sich sofort in meiner Beteiligung an dem Spielprozess nieder.
Ranaldo: Für gewöhnlich läuft es so: Wir kommen zusammen, sitzen erst mal rum, rauchen ein bisschen, trinken Kaffee, reden über Platten und Filme und gehen dann in den Aufnahmeraum. Und dann machen wir Sound.
Moore: Wir jagen die ganze Bude in die Luft!
Ranaldo: Wenn wir an diesem Punkt sind, sind wir schon auf dem Weg, der zu Songs und am Ende zu einem Album führt.
Am Anfang steht die Improvisation.
Ranaldo: Kann man so sagen.
Moore: Nein, wir wollen eigentlich nur Rock'n'Roll spielen. Instrument einstöpseln und losrocken.
(Lachen der anderen)
Moore: Was gibt's da zu lachen? Weißt du, als ich vorhin erzählt habe, ich würde alles notieren - das stimmt natürlich nicht. Die Sachen entwickeln sich aus dem, was wir tun. Und ich weiß doch gar nicht, was wir tun! Das ist einfach zu groß! Du bewegst dich in einem Kontinuum aus Sounds, Rhythmen, Melodien, der ganzen Bandgeschichte, all der Platten, die du gehört hast. Das musst du erst mal auf die Reihe kriegen. Darum kommen wir auch zu dem Zweck zusammen, Songs zu entwickeln. It's a cosmic trip.
Ranaldo: No, it's fun (lacht).
Moore: Wir jammen nicht rum. Kostet zu viel Energie und Konzentration.
Arbeitet ihr von Anfang an mit diesen Methoden?
Ranaldo: Absolut.
Moore: Am Anfang waren wir zu dritt, Lee, Kim und ich. Wir hatten keinen Schlagzeuger, aber eine Trommel. Jeder hat für je einen Song auf die Trommel geschlagen - bumm bumm bumm. Wir hatten selbstverständlich nur einen Schlagzeugstock. Wir waren nicht erfolgreich.
(Großes Gelächter)
Ranaldo: Dann haben wir angefangen, stattdessen die Gitarren zu schlagen. Das war's dann!
Moore: Jetzt brauchten wir nur noch das Publikum zu erziehen und auf unsere Seite zu bringen. Man sieht, wir haben es geschafft!
(Großes Gelächter)
Wenn ihr seit zwanzig Jahren so und nicht anders arbeitet, wie schwierig war es dann, jemanden wie Jim, einen sehr profilierten, erfahrenen Musiker zu integrieren?
Moore: Jim ist einfach gut. Ein sehr netter Junge ... Wir sind ja keine Kommune, wir haben immer mit anderen Leuten zusammengearbeitet, wir verstehen uns als Teil der weltweiten Gemeinschaft der Klangforscher und Shitkickers. Als wir mit ihm als Produzenten an \"NYC Ghosts & Flowers\" gearbeitet haben, entdeckten wir einfach, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben. Es hat sich einfach organisch ergeben. Das gleich gilt auch für Jim: Er ist einfach gewohnt, mit den unterschiedlichsten Leuten zu kooperieren. Was aber entscheidend war: Jim war an dem ganzen Projekt interessiert! Wir haben mit Avantgardisten wie Christian Marclay oder Ikue Mori zusammengearbeitet - wunderbar, machen wir jederzeit wieder. Aber die meisten aus der Avantgarde- und Free-Jazz-Szene haben keine Ahnung von oder kein Interesse an ...
O'Rourke: ... Rock!
Moore: Genau. Und Jim kann beides: richtig rocken ...
Ranaldo: ... und richtig den Kunst-Hipster raushängen lassen.
Moore: Jim spielt die Differenz von Ron Asheton (Gitarrist von Iggy Pops Proto-Punkband The Stooges, der Verf.) und Derek Bailey (Godfather des frei improvisierten Gitarrenspiels, der Verf.). Weißt du, was das Geheimnis ist? Es gibt keine Differenz.
Ranaldo: Yeah, both kick ass.
Am Nullpunkt
Ich verlasse das Studio. Ich gehe einen Block weiter. Ground Zero. Als Fußgänger kommt man an den Bauzaun ran. Natürlich gibt es auch eine \"Aussichts\"-Plattform. Man muss allerdings mehrere Stunden warten, um sie betreten zu können, da die Behörden nur eine beschränkte Anzahl Personen zeitgleich auf die Plattform lassen wollen. Die Wolkenkratzer rundum stehen noch leer. Hier, in der symbolischen Mitte New Yorks, der Hauptstadt des 20. Jahrhundert, ist es ruhig. Nein: es ist beklemmend. Wer sich nach dem 11.9. in seinem Anti-Amerikanismus nicht etwa zutiefst erschüttert, sondern - verrückte Welt - Amerika bescheinigte, selber Schuld zu sein, hat nichts verstanden. Ich laufe ein bisschen rum und biege in die Wall Street. Eine wirklich popelig kleine Straße. Es filmen ein paar Kamerateams, und es wird klar, warum einem in den Nachrichtensendungen diese Straße so imposant vorkommt: Die Kameramänner kauern am Boden, sie filmen nur von unten nach oben. Am Ende der Wall Street kommt man zum Pier 11. Ich besteige eine Fähre und fahre einmal um die Südspitze Manhattans herum.
Sonic Youth haben ein unspektakulär-spektakuläres Album produziert. Ein Album, das vor allem \"weiter\" macht. Vielleicht ist es doch eine \"9-11\"-Platte geworden.
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Kommentare
Artikel kommentieren [4]- Mehr Forumsdiskussionen
profex 04.06.2002 | 18:32:50
"Wer sich nach dem 11.9. in seinem Anti-Amerikanismus nicht etwa zutiefst erschüttert (...), hat nichts verstanden"
Das riecht schon wieder nach so einer Schwarz/Weiß Zeichnung. Kann man das Ganze nicht ein bischen differenzierter sehen? Musste der Kommentar genau an diese Stelle? Das ist ein Bericht/Interview über und mit Sonic Youth, eine ROCKBAND und so....
Kann ich mich schon wieder aufregen.
ericstrip 04.06.2002 | 22:10:21
Trabibändiger
Das hatte in dem Artikel echt nichts zu suchen, da wurden mal wieder bemüht Dinge miteinander vermischt, die nicht hätten vermischt werden müssen...
Trotzdem, schön, mal wieder was über SY zu lesen, ist ja auch eine schöne neue Platte.
nick name 30.06.2002 | 11:46:13
Nix für ungut, aber...
sorry, aber das interview ist murks murks murks. eine combo, die 20 jahre dabei ist, ausschliesslich nach ihrer arbeitsweise zu befragen, ist für den leser mehr als unbefriedigend. schade, thema verfehlt, 6, setzen.
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