DJ Shadow

Sterne lügen nicht

26.04.2002, 14:06, Text: Gregor Wildermann, Gregor Wildermann

\"June 29 people most often display a thorough knowledge of technical matters in their given field, but they are not overly verbal people. The quality of the products they produce, however, is plain for all to see and the ease which they accomplish tasks may earn them a reputation as `magicians´ with their superiors or colleagues.\"
(The Secret Language Of Birthdays, Penguin Studio Books)

Eigentlich glaube ich nicht an Horoskope. Wer kann schon ernsthaft hoffen, dass genau heute der Tag sei, an dem der \"lang gehegte Wunsch in Erfüllung geht\" oder die \"Finanzen sich entscheidend verbessern\". Aber könnte nicht ein Funken Wahrheit in der Ähnlichkeit von Personen und ihrem Geburtstag liegen? Was könnten Antoine de Saint-Exupery, Ray Harryhausen, Anne-Sophie Mutter, Claude Montana oder Josh Davis gemeinsam haben? Letzterer ist besser bekannt als DJ Shadow, geboren am 29 Juni 1972 und das auch noch im gleichnamigen kalifornischen Ort Davis.
Mit zehn Jahren hörte er Grandmaster Flashs \"The Message\" und bekam kurz danach von seinen Eltern den ersten Plattenspieler geschenkt.

So gesehen hätte er ab diesem Tage als Aszendenten wohl HipHop gewählt und what a surprise: Seine erste selbstgekaufte Platte ist die Sugar-Hill-Records-Compilation \"Street Beats 2\". Jahre später folgt der Job in der Radiostation des College Radio KDVS auf der Davis University of California und dort trifft er auf Formationen wie Blakalicious oder Lyrics Born. Der natürlichen Evolution von Soundjunkies folgend, gründet er das Label Solesides Records, auf dem 1993 auch der Trip-Hop-Blueprint \"In Flux\" erscheint. Daraufhin ruft ein Herr namens James Lavelle an und es folgt die jahrelange Zusammenarbeit für das Label Mo´Wax sowie deren gemeinsames und wohl auch wahnwitziges UNKLE-Projekt. Schon mit dem Album \"Endtroducing\" (1996), das der NME im Erscheinungsjahr bescheiden als \"supreme headphone music\" umschrieb, setzte Davis sich und seinem Sampler ein monumentales Akustikdenkmal. Für das UNKLE-Album \"Psyence Fiction\" (1998) geriet dies mit einem Staraufgebot von Richard Ashcroft, Howie B, Meat Loaf oder Thom Yorke dann vollends aus dem Ruder, behielt aber eine Grundqualität, die für immer als Beweis für Shadows Talent bleiben wird. Doch irgendwas lief in den kosmischen Bahnen des Schicksals daneben.
\"Ich glaube, dass es über die Motive dieses Albums einfach falsche Informationen gab. Der positive Teil kam sicherlich von der Musik an sich, die ganze Mühe und Zeit war es wirklich wert. Selbst wenn ich mir gegenüber sehr kritisch eingestellt bin, würde ich noch behaupten, dass ich damals die beste Musik ever gemacht habe. Leider machte A&M-Records genau in der Woche dicht, als die Platte veröffentlicht wurde und das führte zu einem großen Chaos. In der Presse ging es bei den Reviews auch meistens nur um James Lavelle, seine Kleidung oder auch mal um seine Frisur. Aber nie irgendein Feedback über die Musik an sich. Selbst James und ich hatten ja nicht einmal ein genaues Ziel oder einen Plan und trotzdem bin ich immer noch stolz, was ich dort erreicht habe!\"
Nachdem Davis 1999 fast die ganze Zeit auf Tour verbrachte, kaufte er sich zum Jahrtausendwechsel ein Haus und beschloss danach, eine dreimonatige Pause für Zukunftsgedanken zu machen - und heiratete dann seine langjährige Freundin. Nachdem die bürgerliche Basis gelegt war, konnte es mit der Karriere in HipHop weitergehen, was bei einem etablierten Künstler wie Shadow konkret die Arbeit an einem Album meint. Konzepttitel \"Non-Linear\". Zwar haben die vierzehn neuen Tracks eine größere Stilbandbreite und Einflüsse von Elektro, New Romantic und frühem HipHop, doch bleibt als Grundessenz von \"The Private Press\" DJ Shadows einzigartige Sampletechnik, die in Umfang und Dichte unerreicht bleibt. Lediglich die Raps von Labelmate Lateef (Latryx) auf \"Mashin' On The Motorway\" entstammen dabei nicht einem Speicherplatz und seine Philosophie der \"Tonbeschaffung\" hat sich über die Jahre nicht geändert.
\"Mir ist es lieber, Samples von den Quellen zu nehmen, wo es die Leute am wenigsten erwarten würden. Selbst engste Freunde vor mir ahnen nicht, an welch komischen Orten ich schon nach ungewöhnlichen Samples gesucht habe. Für mich ist das sehr wichtig, weil nur dann meine Platten sich von anderen unterscheiden werden und ich gleichzeitig diese Arbeit wie eine Form von Musikforschung ansehen kann. Mich haben Samples Anfang der Achtziger vor allem deshalb interessiert, weil ich ihre Herkunft herausfinden wollte und ich mich fragte, warum ich sie bis dahin nicht gekannt hatte. Und genau das treibt mich auch noch heute an!\"
Instrumentaler Musik wird gerne ein filmischer Aspekt zugesprochen. Was so als Allgemeinplatz wenig hergibt, springt einem bei DJ Shadows Musik geradezu entgegen, mit ihrem epischen, melancholischen Grundton. Und als ob ich es geahnt hätte, dropt er im Interview als seinen Lieblingsfilm des letzten Jahres Christopher Nolans \"Memento\", dessen Rückwärtsachterbahnfahrt zu seiner Musik wirklich gut passt. Zu Mark Singers \"Dark Days\" konnte Davis immerhin einen Soundtrack abliefern, der nicht nur als Lückenfüller herhalten musste. Auch dort findet sich wieder die Mischung aus Melancholie und Schmerz, deren Quelle unerforscht bleibt. \"Ich habe schon vor langer Zeit beschlossen, dass ich gar nicht wissen will, warum meine Musik so oder vielleicht anders klingt. Meine Verweigerungshaltung macht es mir auch möglich, aus dieser Musik noch etwas Persönliches herauszulesen. Und am Ende des Tages ist mir ein Song mit wirklichem Soul das wichtigste!\"



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aus Intro #94 (Mai 2002)
 
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