
Justus Köhncke
Vor der Musik gibt es kein Zurück
26.04.2002, 14:04, Text:
Markus Koch,
Markus Koch
\"Weil du mich verstehst, bin ich der, mit dem du gehst.\" Man könnte auch sagen: Weil er uns versteht, sind wir die, die mit ihm gehen. Dieser Artikel ist frei von journalistischem Für und Wider, von gesunden \"Sowohl als Auchs\". Er ist vielmehr eine verkaufsfördernde Maßnahme. Was Labels mit ihren Promozetteln können, darf ein Fan schon lange. Ich bin ein Fan. Du bist ein Fan. Justus Köhncke ist ein Fan. Dieser Beitrag ist voll von Adjektiven. Ein guter Beitrag sollte wenig Adjektive enthalten. Das sagt die obrigkeitshörige Schule guten Textens. Die Musik von Justus Köhncke kann aber nur beschrieben werden mit Worten wie euphorisch, hedonistisch, nachdenklich, fröhlich, traurig, schräg, kommerziell, emotional, undergroundig, mainstreamig, groovy, abstrakt und etlichen mehr.
Twin Tower Power
Justus Köhnckes zweites Soloalbum \"Was Ist Musik\" ist ein Popalbum. Veröffentlicht in einem Techno-House-Kontext. Er selbst nennt es \"Köln Power\". Schließlich stehen hier auch die schönsten Twin Towers Deutschlands. Manche sagen einfach Dom dazu. Und gesegnet mit einer Community, die ihresgleichen sucht. Zum Label und Vertrieb Kompakt, zur Promoagentur MusikPlus und zum Bookingbüro Wasserdicht muss Köhncke einfach nur über die Straße gehen. Ein tolles Gefühl, nach Jahren der langen Wege ins kühle Hamburg, wo die WEA die Oberaufsicht über Köhnckes altes \"Projekt\" Whirlpool Productions hatte. Whirlpool hatte unter anderem einen Nummer-Eins-Hit in Italien: Das unvergessene \"From Disco To Disco\". Dort mussten sie es in einer ländlichen Großraumdisco vortragen, in einer Art italienischem Top Of The Pops. Von Disco zu Disco gehen sie auch heute noch, der eine mehr, der andere weniger. Wenn Whirlpool eines gemeinsam hatten, dann war es der Rückzug auf diesen letzen Graben, der Bedeutung im Leben aller hat: Das Nachtleben. Trotzdem kamen der Bruch, die Tiefen und neue Höhen.
Köhncke ist ein neuer deutscher Szeneroman, der in Köln spielt. Geschrieben von größeren Talenten als die deutsche Literaturlandschaft derzeit aufzubieten hat. Ein alles selbst durchleidender Protagonist bohemistischer Sehnsüchte. Seine erste Soloplatte nach Whirlpool, \"Spiralen der Erinnerung\", enthielt Coversongs von der Knef bis Neil Young, alles auf sehr persönliche Art und Weise interpretiert. Und dann war da auch \"Close Watch\" von John Cale. Eigentlich unantastbar, und trotzdem von ihm zum Housestück umgeschrieben. Was uns wieder zum Thema bringt: \"Was Ist Musik\" enthält ein wenig von dem, was in dieser Version bereits angelegt war. Viel Melodie und vor allem viel Mut. Mut zum Pathos, zum Kitsch, zum Rocken, zum Draufpacken was geht, aber auch Mut zum Weglassen. Und vor allem zum Loslassen.
Das ist Musik
\"Vor der Musik gibt es kein Zurück\" heißt es im Titelsong. Wer nicht mehr zurück kann, muss loslassen. Und mit dem Loslassen hat Köhncke keine Probleme. Er lässt den Prozess Musikmachen frei laufen, kennt keine Ängste vor falschem Publikum Es muss egal sein, welchem Stamm das Produkt in die Hände fällt. Durch beständiges Schwelgen zwischen Kunststudenten-Melancholie und Nächten im Kölner Studio 672 wird diese Platte erst so richtig real. Köhnckes eigenes Um-sich-selbst-Drehen ist auch ein Sich-um-Köln-Drehen, gehauen in die Steine eines Softwarestudios. Immer wieder loslassend. Das Gefühlte auf die Tasten bringen, mit all seiner Wahrheit, all seinem Schmerz. Aber auch mit all seiner Euphorie. Bei \"Illusion\" heißt es erst: \"Ich will zurück zur Illusion\". Das kann jeder verstehen, der Justus Köhncke einmal erlebt hat. Dann spielt er das Klaviersolo mit einem trashigen, quietschenden Synthiesound nach. Die Imagination von \"Imagination\" treibt die feuchten Finger zu den Tasten. \"Jet\", die erste Maxi-Auskopplung aus dem Album, ist hardtranciger Rave-Wahnsinn für romantische Techno-Psychopathen. Mit Samples, die von Studenten am Rollfeld aufgenommen wurden. An der Stelle, wo der Breakdown kommt und die Fläche sich entfaltet, muss beim Auflegen unbedingt Nebel rein, der genau so zischt, wie der Sound des Fliegers panoramamäßig abgefeiert wird. Dann setzen Drums und Bass wieder ein und die Fäuste verkrampfen bis zur Untrennbarkeit. Da ist viel Technogeschichte drin, nicht nur aus Köln. Hier lebt, wirkt und hört er, aber er könnte das auch im Schlachterviertel von Chicago tun oder an anderen Orten, die Imagination zulassen. Denn eine Besonderheit von Justus Köhncke mag die Tatsache sein, dass er musikalisch kaum Grenzen kennt. Von der manchen obskur erscheinenden Vorliebe für Italo-Disco bis zur Münchener Freiheit reicht seine Welt. Von Bobby O bis zu den Beatles und zu House von Alcazar bis Closer Musik. Was mit welchen subkulturellen Codes besetzt ist, scheint ihm irgendwie scheißegal zu sein. Oder er trifft nach Abwägungen immer den richtigen Nerv. Und kontrolliert später. So viel musikalisches Selbstbewusstsein gedeiht entweder unter totaler Kontrolle, oder unter totalem Loslassen. Was ist Musik? Musik ist das, was jemand subjektiv als solche empfindet. In einer von Attitüden dominierten Ghettowelt mag er jedenfalls nicht leben. Nur die große Geste zählt. Die Frage, wie sehr ein Stück oder ein Text in einem selbst Emotionen hervorrufen, ist das einzige Kriterium für deren Einverleibung.
Weniger ist falsch für unsereins
Und wenn es ihm mit der Münchener Freiheit so ergeht, dann muss Justus Köhncke daraus nun mal ein Housestück machen. \"Du bist nicht allein\" dürfte große Chancen auf die Charts haben. Die Zeit ist reif für so etwas. Nicht zuletzt, weil unlängst in einem größeren Jugendsender meiner Stadt \"So Weit Wie Noch Nie\" von Kompakt-Urgestein Jürgen Paape (das um ein Schlagersample herum aufgebaut ist) zu hören war. Das hat Köhncke übrigens auch gleich noch auf seine Platte genommen und mit diversen Arpeggios, süßen Harfen und Moroder-Bässen zugepappt. Klebrig, aber im positiven Sinne. Wie Zucker. \"Du bist nicht allein\" jedenfalls könnte ein Hit werden. Zustande gekommen ist das Stück nur weil Köhncke eine George Harrison-Gedenkshow im Fernsehen gesehen hat. Dort spielte die Münchener Freiheit das Lied in einem Medley. Dass da viel Beatles drin ist, wusste ich bis jetzt nicht und eigentlich spielt diese Selbstwahrnehmung der Münchener Freiheit hier sowieso keine Rolle. Köhncke ging es nur um den Text. \"Du bist nicht allein, ich bin wie ein Teil von dir. Grenzenlos und frei, bist du auch ein Teil von mir. Und diese Freiheit, die ich mein', sind W.I.R.\" Da wären wir wieder beim Thema Köln: W.I.R., also Wassermann, dieses grandioses Projekt von Wolfgang Voigt - der mit \"Fackeln Im Sturm\" (mit Juliane-Werding-Sample) ja schon sehr früh seine Schlageraffinität offenbarte.
Wieviel an Köhncke ist kölsch. Wieviel ist Kompakt? Wir kommt es überhaupt, dass sich der Whirlpool-Strang nach all den Jahren mit dem Kompakt-Strang verbindet? Ganz neu ist die Beziehung Köhncke-Kompakt nicht. Zusammen mit Andreas Dorau steuerte er die Nummer 49 zum Singlelabel Kreisel bei, auf der die beiden wie wahnsinnig raveten. Das war die offizielle Initiation, inoffiziell gehört er sicher schon länger dazu. Persönlich wie musikalisch. Denn Techno, House und Elektro waren neben anderem regelmäßig Bestandteil Köhncke'scher Spinnereien. Unakademischer, poppiger und irgendwie verspielter als bei Kompakt sonst üblich gestalteten sich seine Ausflüge ins Technogrüne. Er ist ein Daddler, und seine Musik ist geprägt von Fills und der Übereinanderschichtung von Themen. Das unterscheidet ihn von der jüngeren, minimaler orientierten Garde. Man hört vielleicht ein wenig Popacid oder Trinkwasser heraus, beides Projekte, die auch ein Faible für die Pop-Seiten von Techno ausleben. Aber wie schafft es Justus Köhncke trotz geballter melodiöser Verspieltheiten immer noch kölsch zu klingen? Die richtige Mischung macht es. Er gönnt es sich bei aller Cleverness, auch mal leicht prollig zu werden, sein Sound ist sexy und trotzdem mit einer Portion Testosteron versehen. Wäre ein Major vorbeigekommen und hätte einen Koffer voller Geld dagelasssen, so hätte ihm das auch gefallen. Jetzt wird denen vielleicht nicht gefallen, dass Kompakt schlau genug war, das Potential dieser Platte zu erkennen. Nicht zuletzt auch das kommerzielle. Diese Stadt hat es verdient, mit all ihrer guten synthetischen Musik mehr ins Rampenlicht zu rücken. Vielleicht ja endlich jetzt, mit der Eröffnung eines neuen Genres: Schlager-Techno.
Zu dessen Entstehung trägt neben anderen auch das Stück \"Weil Du Mich Verstehst\" bei, ein Duett mit Tocotronics Dirk von Lowtzow. Schlagertechno wäre ein Genre, das Justus Köhncke auf jeden Fall gefallen würde, wenn es das gäbe. Man kann sich fragen, wie sehr Kompakt Lust verspürt, längerfristig an solchen Entwürfen dranzubleiben. Michael Mayers \"Hush Hush Baby\" und oben erwähntes \"So Weit Wie Noch Nie\" von Jürgen Paape zeugen von kleinen Aufbruchstimmungen. Wenn jemand so ein Ding sinnvoll und ohne Gesichtsverlust durchziehen kann, dann Kompakt. Denn hier wurde Popsample-Techno ja quasi erfunden. Das hört sich jetzt gewaltig an, aber da ist auf jeden Fall einiges dran: Die Pole Acid, Pop, sexy Beat, Bier und eine irgendwie geartete Teutonenhaftigkeit werden hier schon länger zelebriert. Das kann mal Dadafunk wie bei Studio 1 sein, aber auch klassisches Liedgut in elektronischem Gewand wie bei Justus Köhncke. Und die Texte liegen irgendwo auf der Straße.
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