The Streets

Blick auf den Mann von der Straße

26.04.2002, 13:07, Text: Jochen Bonz, Jochen Bonz
[5 Kommentare]

Mike Skinner (aka The Streets) hat gerade so etwas wie deutschen HipHop für Briten erfunden: Eine im Großen und Ganzen vor allem sehr direkte, schnörkellos und fett produzierte Kombination aus 2Step und HipHop. Während draußen in Köln englisches Wetter herrscht, sitzen wir für eine halbe Stunde zusammen in der Trockenheit des Hotelzimmers. Ein Erfinder und ich. Nicht, dass ich nicht schon lange auf so was gewartet hätte. Allerdings bin ich bisher immer davon ausgegangen, der langersehnte Erfolg von 2Step - der Mega-Sprache, dem ultimativen Hybriden, der großen Brücke zwischen den Genres - würde mit der Erscheinung einer selbstbewussten Frau verbunden sein, einem Party People, einem Beautiful People.

Eben so, wie in den britischen Magazinen vor zwei Jahren die Gesichter, Bewegungen, Szenen, Bilder des Hypes aussahen, wenn sie von Frauen handelten. Jetzt sitzt da ein knochiger, schüchterner Kerl. Er sieht aus wie von der Straße. Und hat es wirklich drauf.

Wie geht's?

Och, gut, obwohl ich um halb sechs aufstehen musste. Guten Flug gehabt. Nette Leute.

Du hast wohl keine Zeit, dir Köln anzusehen.

Nein, leider. Ich war auch noch nie in Deutschland.

Es gibt hier einen der besten deutschen HipHop-Plattenläden, Groove Attack. Aber dass ich das sage, bringt dir ja nichts, wenn du sowieso keine Zeit hast.

Doch, es interessiert mich. Ich interessiere mich auch sehr für französischen HipHop. Schade, dass es da diese Sprachbarriere gibt.

Ich habe die Vorstellung, dass deiner Musik für britische Jugendliche die Bedeutung zukommen könnte, die deutschsprachiger HipHop hier besitzt.

Jedenfalls geht es auch darum, nicht etwas darzustellen, das man gar nicht ist.

Wie geht die Geschichte von dir mit deiner Musik? Oder wie bezeichnest du sie eigentlich? Nennst du sie Garage oder 2Step oder hast du einen speziellen Begriff dafür?

Ich nenne sie Streets-Musik. Ich weiß, das klingt großkotzig. Eine andere Antwort ist: Ich denke sie mir als eine Mischung aus Garage und HipHop. Das versuche ich hinzubekommen. In vieler Hinsicht ist das, was ich mache, eher HipHop als Garage. Aber es hat eben den Garage-Beat.

Ja, daher hat die Musik dieses Club-Feeling. Wie kamst du zu dieser Ästhetik?

Ich bin ein großer HipHop-Fan. Und auch von Garage. Du musst dir vorstellen, Garage ist wirklich groß bei uns. Du hörst es überall. Es kommt aus den Autos, die an dir vorbeifahren, läuft zu Hause bei deinen Freunden.

Was für eine Art Garage meinst du: Das, was man auch 2Step nennt, oder die alte, die New Yorker Variante von Deep House?

Damit hat es natürlich angefangen - und dann haben wir es verändert, ein Monster daraus gemacht.

Du meinst die britische Form?

Genau, nur die Presse spricht von 2Step, für uns ist es Garage. Wir hören ja auch nicht die amerikanische Form, für uns ist einfach DAS Garage.

Und worin siehst du den HipHop-Anteil deiner Musik?

Es ist diese Menge an Wörtern. Bei Garage spielen Worte ja kaum eine Rolle. Bei mir dagegen schon: Die Geschichten.

War das auch damals für dich das Entscheidende an HipHop: dass da Geschichten erzählt werden?

Ich habe viele verschiedene Sachen gehört, Run DMC, Beastie Boys und so. Das spielte eine große Rolle in meinem Leben und war sicher auch der Grund, weshalb mir HipHop wichtig wurde: Die Worte, die Geschichten. Genau das möchte ich mit der Musik verbinden.

Das halte ich auch für das Wesentliche deiner Musik. Du kombinierst verschiedene musikalische Stile miteinander. Ich begreife übrigens auch Garage schon als eine solche Stil-Kombination: von klassischer House Music und Drum'n'Bass.

Natürlich.

Das ist das Interessante an Garage. Und dann ist noch wesentlich, dass du etwas ERZÄHLST. Warum hast du keine Rockband gegründet? Warum eignen sich HipHop und Garage so gut als Hintergrund, vor dem sich etwas erzählen lässt?

Du kannst so unendlich viel mehr damit machen! Was mit der Gitarre möglich ist, ist doch alles schon gemacht worden. Die Möglichkeiten der Drum-Machine dagegen sind noch längst nicht ausgereizt. Mit der Gitarre kann man keinen neuen Sound machen. Mit der Drum-Machine lässt sich jeder Sound machen. Der Sound einer Violine, der Trompete, Piano, alles mögliche.

Gerade das Piano ist ein wichtiger Bestandteil deiner Musik.

Ja. Das ist der Grund, weshalb ich das viel spannender finde.

Sampelst du viel? Die Frauenstimme hast du jedenfalls nicht gesampelt.

Du meinst die auf \"It's Too Late\"? Es gibt eine frühe Fassung von dem Song, auf der ich ein Sample von einer Sampling-CD benutzt habe.

Von einer Sampling-CD?

Aber jetzt benutzen wir das nicht mehr. Wir haben jetzt eine Sängerin.

Und die Frauenstimme auf dem anderen Track, auf deiner Single?

Das ist ein Mann!

Ein Mann, okay. Aber du hast die Stimme moduliert?

Ach, das meinst du. Auf \"Let's Push Things Forward\" singt ein Mann, auf \"It's Too Late\" ist der Gesang hochgepitcht. Das ist eine Frauenstimme (singt): Loo-king for some-thing, it's too late ...

Dann lass uns doch jetzt noch über die Texte sprechen. Ich frage mich, was das für eine Position ist, die du in ihnen einnimmst. Was für eine Perspektive hast du auf den Beschreibungsgegenstand? Ich weiß nicht, ob du authentische Eindrücke aus DEINEM Leben wiedergibst, oder ob du sozusagen auf die Straße schaust und erzählst, was es da zu sehen gibt.

Beides. Es geht um mich und das, was mich umgibt.

Aber bist du eher beteiligt, bist du derjenige, der auf der Straße jemandem begegnet, oder schaust du eher auf Szenen, die sich dort abspielen und in denen andere Leute handeln?

Ich denke, es bin eher ich. Es geht mehr um mich. Ich, wie ich etwas mache. Ich stelle mir das vor.

Du stellst es dir vor?

Es geht um mich, aber es ist nicht unbedingt wahr. Verstehst du?

Ja, es geht um ...

... mein Leben.

Aber auf einer emotionalen Ebene, auf der Ebene von Gedanken und Träumen, Phantasien.

Manches ist einfach auch gereimt. Es klingt gut, und richtig.

Und an wen denkst du, wenn du sprichst?

Du meinst, zu wem ich spreche?

Ja.

Freunde. Andere in meinem Alter.

Leute, die du kennst, oder die du dir ausmalst?

Beides. Vettern, Freunde. Bei manchen Songs denke ich an jemand bestimmtes. Andere sind einfach nur so geschrieben.

Klar, anders würde es nicht funktionieren. Ich dachte nur, du würdest entweder eher für jemanden schreiben, den du kennst, oder dich an jemanden wenden, von dem du gar keine genaue Vorstellung besitzt.

Es sind eher die Freunde, aber meistens nicht eine konkrete Person. Einfach die Leute.
Meine Überlegung war, dass, was deutschen HipHop angeht, die Jugendlichen, die das hören, die Teenager, die ...

Geezer.

... sind nicht diejenigen, die die Musik machen. Die Produzenten sind ein paar Jahre älter - und sie sind auch älter als du. Ich bin mir nicht sicher, ob die deutschen HipHop-Produzenten ihre Freunde adressieren, oder nicht eher ein jüngeres Publikum. Ich denke, sie sprechen etwas aus, das gerade für Jüngere interessant ist.

Vielleicht ist das aber auch gar kein so großer Unterschied.

Doch, das denke ich schon. Es macht schon einen Unterschied, ob du dreißg oder zwanzig bist. Und ein Haufen Musik ist von Dreißigjährigen für Zwanzigjährige gemacht. Aber ich bin ja eher zwanzig als dreißig.

Zweiundzwanzig?

Dreiundzwanzig.

Das ist noch ganz schön jung. Wie geht es dir mit deinem Erfolg?

Es ist schön, dass meine Musik gemocht wird. Aber wenn ich für einen Karrieristen gehalten werde, ist es doof. Manchmal regt mich der Erfolg auf, und manchmal macht er mich glücklich.

Und deine Freunde?

Viele verstehen nicht, weshalb ich soviel Aufmerksamkeit bekomme. Manche können einfach den Wert meiner Arbeit nicht sehen. Aber die wirklichen Freunde freuen sich mit mir.

Wahrscheinlich sehen sie nicht den Punkt, den du getroffen hast. Mir ist noch aufgefallen, dass du ungeheuer signifikante Sounds gebrauchst, deine Musik aus sehr signifikanten Elementen zusammengesetzt ist. Und ich denke, das ist entscheidend, nicht nur um erfolgreich zu sein, sondern vielleicht auch um eine musikalische Sprache zu entwickeln ...

Ich versuche, die Message auszudrücken, bevor gesprochen wird, bevor sie im Text formuliert wird. Wenn es ärgerlich ist, oder um Liebeskummer geht ...

Dann hört man das gleich. Verstehst du dich eigentlich als B-Boy? Hast du ein Role-model?

Nein, nicht B-Boy. Wir haben schon unseren eigenen Stil in England. Wie ihr in Deutschland. Einfach normale Leute, die groß werden.

Und was ist der Geezer? Der Bloke, oder so?

Ja, obwohl der Begriff Geezer mittlerweile etwas verbraucht ist. Er sagt eh nicht viel aus. Man kann jetzt schon Shirts kaufen, auf denen Geezer steht.

Dasselbe wie mit Lad vor einiger Zeit.

Ja, Lad-Culture. Solche Begriffe tauchen eben immer mal wieder auf - und die Medien stürzen sich dann darauf.

Klar. Man braucht ja Labels. Aber natürlich ist es unangenehm, wenn man von anderen einen Stempel aufgedrückt bekommt. Andererseits sind Labels wirklich wichtig - das ist wie mit den signifikanten Sounds: Sie sagen sofort etwas aus, vom ersten Moment ihres Erscheinens an. Okay. Ich denke, das war es. Magst du noch etwas erzählen?

Es gibt hier viele Bäume, nicht?

Hier? Hier gibt es doch keinen einzigen. (Der Hotelzimmerblick geht auf die Kölner Messe.)

Auf dem ganzen Weg vom Flughafen hierher.

Da war ich noch nie. Ich bin nicht aus Köln.

Sie erinnerten mich an \"Gladiator\", weißt du, den Film. Dessen Handlung beginnt in Germanien, Germany - und überall sind Bäume. Jede Menge großer Bäume ohne Blätter. Das haben wir in England nicht.

Ihr habt keine so großen Bäume?

Wir haben immergrüne, buschige. Aber ihr habt diese langen, dünnen.

Ja, das gilt aber auch für Frankreich. Bäume und Wälder haben hier auch eine große kulturelle Bedeutung, eine Bedeutung für die bürgerliche Kultur in den letzten Jahrhunderten, Man denke nur an den Sonntagsspaziergang.



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aus Intro #94 (Mai 2002)
 
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  • User: Sonja Müller
  • Sonja Müller 01.06.2005 | 23:21:09

    geezer war früher ein wort für alte leute.

  • User: Charakterschwein
  • Charakterschwein 02.06.2005 | 00:38:09

    Da fällt mir nur noch Supergrass mit "Weird Geezer" zu ein....

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