Kochen mit: Master P.

Koch Me If You Can

25.04.2002, 16:18, Text: Uwe Buschmann, Uwe Buschmann

Master P schleppt einen Rucksack. Keinen richtigen Rucksack. Keinen dieser schicken Citybags, sondern eine unsichtbare und permanent schwere Last. Die Last des grenzenlosen Erfolgs. Da kann einen die Realität besonders leicht ausbremsen. Dann schmollt man schon mal, weil sich der Abend ganz anders gestalten soll als angenommen. Wie jetzt zum Beispiel: Master P sitzt mit ungläubig dreinblickenden Augen und wie paralysiert auf einem Stuhl und glaubt zu alpträumen. Während in der Küche die Ingredienzen für den ersten Kochgang vorbereitet werden, wuseln diverse Label-Menschen aus dem Begleittross um Master P herum und versuchen ihm zu erklären, dass jetzt ein Koch- und Interviewtermin mit INTRO anstehe - das hätten sie ruhig vorher machen können.

Und deshalb dauert es auch einige Zeit und bedarf Engelszungen, bis er sich aktiv beteiligt.

Jede Menge Fragezeichen

Das alles und noch viel mehr spielt sich um 21.30 Uhr Ortszeit, irgendwo in einem geräumigen Foto-Atelier in der Kölner Südstadt ab. Ein Ort, der Master P mindestens so exotisch wie die Pampas oder der Nordpol vorkommen muss - zumindest vermittelt das sein ungläubiger Blick. Im Hintergrund pocht dazu dezenter Minimal-Techno. Auch keine große Hilfe. Kann da überhaupt Blockparty- und Barbecue-Stimmung bei einem HipHop-Mogul aus New Orleans aufkommen? Man kann der Vermehrung der Fragezeichen auf No-Limit-General P's Stirn praktisch zu sehen. Wieso soll ich, Master P, mich selbst bekochen? Wo steckt denn überhaupt der Publisher oder wenigstens sein Adjutant, der Editor-In-Chief dieses verflixten Musik-Mags, das mir diese verdammte Suppe hier einzubrocken versucht? Gar niemand von der Intro-Squad anwesend, um mir erst mal High Five und den nötigen Respekt zu geben!?! Und warum hat mich keiner vom Label vorher informiert, welche hinterlistige Promo-Hürde hier aufgestellt wurde? Dann hätte ich doch meine unverzichtbaren Küchenutensilien dabei gehabt! Die mit Diamanten besetzte Kochschürze beispielsweise und auch das familieneigene Menübuch (Cajun für Fast-Food-Connaisseurs) wären nun mit Sicherheit griffbereit! Aber das eigentliche Fragezeichen, das an einem solchen Abend mitschwingt, lautet wohl eher: Was tun, wenn man Master P ist, und zumindest in den USA in Sachen Big Business scheinbar alles erreicht hat, die Show aber trotzdem immer weitergehen muss? Zumal, wenn man sich mit seinem aktuellen Album \"Gameface\" auf der Mission befindet, endlich HipHop-Deutschland zu erobern.

Jede Menge Zahlen

Die Verkaufsbilanz von Master P's No-Limit-Label verursacht bei jedem anderen HipHop-Unternehmer gehörige Schwindelanfälle: \"MP Da Last Don\" [4 Mill.], Snoop's \"Da Game Is To Be Sold, Not To Be Told\" [2 Mill.], Silkk's \"Charge It To The Game\" [1,3 Mill.], \"I Got The Hook Up\"-Soundtrack [1 Mill.]; und die Alben von C-Murder, Fiend, Meen Green, Young Bleed und Souljah Slim sind alle Gold in den USA gegangen - das macht nochmals 2,5 Millionen verkaufte Platten mehr.

Von den Verkäufen strich No Limit 80% ein, nur 20% blieben Priority Records, die den US-Vertrieb regelten. Bis dato hat Master P aka Percy Miller, 31, über 50 Millionen Platten verkauft und besitzt 249 Millionen US-Dollar. Zu seinem Imperium gehören neben dem Label No Limit mittlerweile schon Reisebüros, eine Filmfirma, Spielzeugkollektionen und Telefonsex-Hotlines. Natürlich taucht Master P in der \"40 Richest Under 40\"-Liste des Forbes-Magazine auf. Und das zeigt er auch gern. Als Schmuckanhänger trägt er einen 24-Karat-Blattgoldpanzer, das Firmenlogo von No Limit Records, um den Hals und wenn er dich breit angrinst, entdeckt man eine vollvergoldete obere Zahnleiste, die zusätzlich noch mit etlichen Diamanten besetzt ist. Mr. Blink-Blink-Smile residiert über ein 40.000-Square-Feet-Anwesen mit neun Schlafzimmern, sechs Badezimmern, gläsernem Aufzug, Pool mit Marmorboden, künstlicherm See, eigenem Full-Size-Basketballcourt und einen stattlichen Fuhrpark aus Nobelkarossen, Sportwagen und Motorrädern kann er auch sein eigen nennen. Über zehn Fernseher stehen allein im Wohnzimmer. Wie viele TV-Geräte er insgesamt besitzt, kann er selbst nur grob schätzen. So ca. 30 bis 40, plus denen in den Autos, können da aber schon zusammenkommen. Man gönnt sich ja sonst nichts! Amerika ist das einzige Land der Welt, in dem das Recht auf Streben nach Glück in die Verfassung aufgenommen wurde. Ist das zu fassen? Doch die Gründungsväter haben sich ein Schlupfloch gelassen: Nur das Streben wird garantiert, das Glück, beispielsweise in Form eines real gewordenen Schlaraffenland, nicht. Eine Karriere wie die von Master P wird nie zur sicheren Regel werden, sondern immer die große Ausnahme bleiben. But who gives a fuck!? Letztendlich muss sich jeder Lebensstil der eigenen Relativitätstheorie beugen. Der griechische Multimillionär und Reeder Aristoteles Onassis philosophierte diese Situation einst in die rechten Worte: \"Jede Jacht ist immer 1 Meter zu kurz!\"

Jede Menge Sport und Fake-Essen

Meanwhile beim Kochduell mit unbekanntem Ausgang. Jemand hat die Backgroundmusik von Basic Channel auf Absolute Beginner umgeswitched. Eine clevere Maßnahme! Plötzlich scheint Master P doch Homieturfluft zu schnuppern, trollt sich tatsächlich in die Küche und fängt an mitzukochen. Schnell die Gelegenheit bei der Kappe packen und dem Mann ein Interview aufplaudern. Am besten zuerst über Basketball reden. Seinem Lieblingssport, wo er es selbst beinahe zum Pro gebracht hätte. Sein Lieblingsverein [früher: Toronto Raptors; jetzt: LA Lakers], sein aktueller Lieblingsspieler [Shaquille O'Neal], das Für & Wider des Michael-Jordan-Comebacks diskutieren [besser abtreten, wenn man an der Spitze ist; trotzdem Respekt, Respekt], die Lobeshymne auf das german Wunderkind Dirk Nowitzki anstimmen [einer der besten NBA-Player], dem Phänomen nachspüren, warum die New York Knicks diesmal die Play Offs nicht schaffen werden [mannschaftstechnische Rekonsolidierungsphase], die letzte Winter-Olympia kurz im Vorbeiwedeln abhaken [ist Curling eine echte Männersportart?] und sich erkundigen, ob Master P himself schon mal auf extrem taillierten Skibrettern die Pisten von Aspen runtergedüst sei [Nö] ... Ooohhhwee, wir HipHop-Brüder im Geiste finden doch immer eine gemeinsame Gesprächsplattform. Master P's relativ aktiven Mitkochen folgte der totale Fake beim Essen. Fürs Foto-Shooting simulierte er die Nahrungsaufnahme von frittierten Auberginen und mit Krebsschwänzen gefüllter Paprikaschote, um sich dann via Bodyguard von Burger King verköstigen zu lassen. Bon appetite, HipHop-Cuisine!

Jede Menge Fragen

Was bedeutet Geld für dich?

Unabhängigkeit. Freiheit. Und natürlich Macht. Aufgewachsen bin ich in den Calliope Projects, nicht gerade eine der besseren Gegenden von New Orleans. Meine Familie war wirklich arm, so dass ich es jetzt wirklich zu schätzen weiß, mir alle möglichen Dinge leisten zu können. Aber wirklich weiter kommst du nur, wenn zum Geld auch noch mentale Stärke und Intelligenz hinzukommt. Dann erst kannst du die Macht des Geldes nutzen, deine Ziele für dich und deine Familie zu erreichen. Je smarter du bist, desto stärker wirst du und um so mehr Einfluss kannst du auf die Dinge ausüben. Diese Macht ist es, die es dir ermöglicht, deine kühnsten Pläne Realität werden zu lassen.

Hast du es bedauert, nicht als Basketballprofi sondern als HipHop-Star Karriere gemacht zu haben?

Auf gar keinen Fall. Damals habe ich das natürlich anders gesehen. Da war es mein größter Traum, mit den anderen Stars in der NBA zu spielen. Heute bin ich Entertainer, Labelboss, Filmschauspieler und und und. Das bringt mir viel mehr Spaß. Und auf meinem privaten Basketballcourt kann ich mich ja immer noch austoben.

Bist du eigentlich ein Hobbykoch?

Definitiv. Du wirst niemanden aus New Orleans treffen, der nicht etwas fürs Kochen übrig hat. Gumbo ist unsere Spezialität. Ein Gericht, für das alles mögliche an Zutaten und Gewürzen in einem Topf zusammengeworfen wird. Eine echt höllisch gute Speise. Genau wie meine HipHop-Platten.

Was ist New Orleans eigentlich für eine Art Stadt?

Sehr verschiedene Dinge treffen hier aufeinander. Nimm allein die Musikhistorie. Da gab's Fats Domino, Louis Armstrong, die Neville Brothers ... Jazz, Soul, R'n'B, Blues und HipHop - das alles ist der Sound von New Orleans und hat auch das Stadtbild geprägt. Es ist wie bei Gumbo. Eine wilde Mixtur aus den unterschiedlichsten Dingen, die ein einzigartiges Gesamtbild abgeben. Völlig anders als der Rest der USA.

Master P und No Limit Records waren ja diejenigen, die New Orleans & The Dirty South erstmals auf die HipHop-Landkarte brachten.

Richtig!!! Es dauerte aber lange, bis der Süden in Sachen HipHop überhaupt zur Kenntnis genommen wurde?! Wir alle mussten auf die Trendwende warten. Jahrelang bedeutete HipHop ja nur die East- und die Westcoast, also New York und L.A. HipHop-Szenen hat es aber auch in den anderen amerikanischen Städten immer gegeben, sie fanden allerdings nur eine sehr begrenzte lokale Beachtung. New Orleans musste also warten, bis man sich für den Süden als ernstzunehmende HipHop-Region zu interessieren begann. No Limit hat dann die HipHop-Tür für den gesamten Süden ganz weit aufgestoßen.

Wie sind die Beziehungen zur Cash-Money-Crew, die ja auch aus New Orleans kommen. Gibt's da Rivalitäten?

Auf gar keinen Fall. Die ziehen ihr HipHop-Ding durch und ich kümmere mich um meine Geschäfte. Es ist genügend Platz für alle da. New Orleans hat dabei seinen ganz eigenen HipHop-Style kreiert. Ich nenne ihn Bounce! Wenn du unseren HipHop hörst, setzt sich der Körper ganz automatisch dazu in Bewegung. Der Rhythmus zwingt dich, Party zu machen. Keine Chance, sich diesem Bounce-Vibe zu entziehen!

Du hast ja auch die HipHop-Live-Show definitiv revolutioniert: Da rollen Panzer über die Bühne, Cheerleader wirbeln herum und Basketballspieler zelebrieren ihre Dunks. Und dazwischen tobt sich die gesamte No-Limit-Posse je nach Partylaune aus.

Das ist Showbiz. Die Leute wollen auch bei einem HipHop-Konzert gut unterhalten werden. Nur noch ein MC und ein DJ auf der Bühne, ist heute zu wenig. Wir versuchen, dem Publikum einen wirklich bombastischen Abend zu bereiten.

Welches Geheimnis steckt hinter deinem Erfolg?

Harte Arbeit, Gottvertrauen und das richtige Team, das für mich arbeitet. Ein Mitarbeiterteam, das wie eine Familie denkt und handelt. Das ist der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Du kannst als Quarterback nur so gut sein wie dein Team, das du mit deinen Pässen versorgst. Nur gemeinsam kann man das Spiel gewinnen. Ich wusste von Anfang an, dass die HipHop-Industrie so jemand wie mich noch brauchte. Ich betrachte meine HipHop-Songs nicht als untergrundige Street-Music, sondern habe von Anfang an versucht, dem Ganzen eine Portion Glamour und Pop-Appeal zu geben. Mir war klar, dass mein No-Limit-Masterplan so nicht fehlschlagen konnte. Zuerst hatten wir nur Erfolg auf rein lokaler Basis, aber schon bald wurde No Limit ein HipHop-Trademark in ganz Amerika.

Ähnlich wie Sean \"P. Diddy\" Combs (Bad Boy Records) oder Russell Simmons (Def Jam) hast du es nicht beim CEO belassen. Du leitest heute zudem ein Filmoffice, Reisebüros, eine Sportswearfirma, eine Sports-Managment-Company, eine Real-Estate-Company und vieles mehr.

Es ist besser, wenn du dein Business auf verschiedene Füße stellst. Sollte mal ein Unternehmenszweig nicht so gut gehen, kannst du die Verluste über die anderen Branchen ausgleichen. HipHop-Platten allein können dich vielleicht nicht immer über Wasser halten. Aber das No-Limit-Label wird immer meine Ausgangsbasis bleiben.

1998 hattest du mit dem Erscheinen des Albums \"Da Last Don\" auch deinen Rücktritt erklärt. Was hat dich umgestimmt, dann doch wieder aktiv hinters Mikrofon zu treten? Die Fans wollten, dass ich zurückkomme und weiterhin eigene Platten aufnehme. 1998 fühlte ich mich ziemlich ausgepowert. Aber die Reaktionen auf meinen Rücktritt waren so heftig, dass ich meine Plattenkarriere einfach fortsetzen musste.

No Limit scheint ein Faible für Military-Dinge zu haben: Das Label-Logo ist ein Panzer, die Posse nennt sich No-Limit-Soldiers und auf Fotos sieht man euch öfters im Camouflage-Outfit posen. Auch einige deiner aktuellen Lyrics geben sich extrem nahkampfbereit.
Das sind Symbole für all die Kämpfe, die ich in meinem Leben bestreiten musste. Mir wurde nie etwas geschenkt. In meiner Jugend musste ich ums Überleben auf der Strasse kämpfen und als Businessmann, muss ich mich heute gegenüber den Verhandlungspartnern oder der direkten Konkurrenz durchsetzen. Die Leute sollen sehen, dass ich für die Dinge, an die ich glaube, immer zu Kämpfen bereit bin.

Findest du, dass George W. Bush nach dem 11. September richtig gehandelt hat? Sollten sich die Iraker schon bald auf einen amerikanischen Großangriff einstellen?

Ich habe keine Angst. Auch nicht nach dem 11. September. Ich habe keine Angst, in ein Flugzeug zu steigen und nach Deutschland zu kommen. Nur Gott hält mein Schicksal in den Händen. Ich weiß nicht, ob George W. Bush richtig gehandelt hat. Vielleicht ist er ein Mal zuviel mit den Rücken an die Wand gedrückt worden? Ich bin aber nicht in der Position, um darüber ein qualifiziertes Urteil abgeben zu können!



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aus Intro #94 (Mai 2002)
 
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