Lawrence/Blaktroniks

Der große Heard-ismus (mit Song)

25.04.2002, 15:32, Text: Jochen Bonz, Jochen Bonz

An manchen Tagen lässt sich alles auf einen Namen bringen: \\"Lustig, deine Anmerkung zu Blaktroniks ..., eine fast identische Aussage gab es schon mal, von wegen Ähnlichkeit zu Larry Heard ... Peinlicherweise habe ich von ihm fast alles verpasst. Ich selber dachte, eine Ähnlichkeit zu Robert Hoods 'Nighttime World' entdeckt zu haben ... Oberflächensounds go Esoteriks ... (in etwa ;) ).\\" Natürlich zwinkert Magnus Miller von Moving Records aus Heidelberg, als er diesen kleinen Kommentar über seinen kalifornischen Act, das Duo Blaktroniks abgibt und dabei auf einen Namen Bezug nimmt, den ich in meiner vorausgegangenen E-Mail ins Spiel brachte.

Einer Dankeschön-Mail für eine EP mit der wunderbarsten elektronischen, weitgehend instrumentalen, abstrakten Soulmusik, Blaktroniks \\"Movement: Moment\\".

Hör dir zum Lesen des Artikels einen Track von Lawrence an. [ Klick ]

Aber was war noch mal der Grund seines Zwinkerns? Und warum erscheint es mir so selbstverständlich, dass er mit dem Zwinkern seine kleine Unwissenheit bedenkenlos zugibt, ja genauso entspannt damit umgeht wie er spielerisch Begriffe handhabt, die andere nicht mit spitzen Fingern anfassen würden: die Kraft der Oberfläche, eine Esoterik des Sounds. Esoterik ohne Eso, sozusagen. Und Oberflächlichkeit jenseits von Leere: die Fülle der Fläche. Schließlich ein Name, der als Begriff fungiert: Larry Heard.

Das Älterwerden von Pop, von Indie und uns hat mittlerweile eine eigene Kategorie des Schreibens, des Denkens, des Empfindens von Musik hervorgebracht: das Erwachsensein. Sie findet sich in Bemerkungen versteckt, wie man sie etwa angesichts der Alben von Lambchop oder Prefab Sprout aufschnappen konnte: \\"Wenn du unter dreißig bist, brauchst du diese Kritik erst gar nicht weiterzulesen\\", \\"Ich kann Lambchop nicht wirklich anhören, weil ich mich dabei so alt fühle.\\" Nebenan in Heidelberg, Köln und Hamburg, oder weit weg in Detroit, Oakland und L.A. trifft man unterdessen auf Leute, die mit Deep House Music groß geworden sind, und die den Heard-ismus mit neuen Namen anreichern: Theo Parrish, Kompakt und John Tejada, die Blaktroniks und Lawrence. Während die Rockmusik alten Wegen ins Erwachsensein folgt (die Kunst (Kante), die Romantik (Tocotronic)), stoßen sie andere Türen auf. In ihrer Musik und in Gesprächen mit Lawrence und den Blaktroniks habe ich darauf gehorcht, welche Zugänge das sind und was das eigentlich für ein Erwachsensein ist.

Peter Kersten, der Pete von Dial Records und Recording Artist Lawrence sitzen mir in einer Person am Kaffeetisch eines Ausflugslokals an der Elbe gegenüber. Er muss die Augen zusammenkneifen, weil er außerdem auch noch DJ im Pudel-Club ist. Ich mache selbiges, weil in seinem Rücken - am Himmel über Blohm und Voss - eine unglaubliche Sonne scheint. Ein paar Meter weiter stehen Liegestühle. Das hier ist die Côte d'Azur. Und genauso benimmt sich auch der Kellner. Die Leute um uns herum vergessen wir besser schnell, denn so etwas habe ich mit Erwachsensein genau nicht gemeint.

Auf meine Frage erzählt mir Lawrence, Jahrgang 1970, von wichtigen Bezugsgrößen in seinem Leben: Dial, Dave (mit dem er das Label macht), Köln, dem Kulturwissenschaftsstudium in Lüneburg, wo das Lernen von Q-Base und Marshall McLuhan Hand in Hand gehen und wo gute Freunde wohnen. Seiner Vorstellung von Musikmachen, Labels und Clubs als kreative Freiräume; seinem antikapitalistischen Engagement für den Erhalt konkreter öffentlicher Räume, wie der Roten Flora in Hamburg; einer neuen Band mit dem Namen Bordeaux, von der er sagt, unter Verwendung der Metapher des Orchesters ließe sich deren Tun auf den Begriff bringen: andauerndes Stimmen der Instrumente. Er ist sehr konzentriert und darauf bedacht, seine Gedanken zu Ende zu bringen - bevor er auf meine Unterbrechungen eingeht. Ein angenehmer Gesprächspartner.

Dial ist mit einer eigenwilligen Ästhetik verbunden, die Labels und Cover sind Fotos in Schwarzweiß. \\"Grautöne. Sie sind nicht schwarzweiß, sondern Graustufen.\\" Genau, es sind graue Bilder, die dennoch kontrastreich sind - was etwa dadurch erreicht wird, dass die Bilder ganz grob gepixelt sind und dann wie zusammengesetzt aus unterschiedlich grauen Kästchen erscheinen. Bei dieser Bildsprache handelt es sich um eine sehr adäquate Umsetzung des musikalischen Idioms, das Sascha Kösch einmal als \\"verwuschelt\\" bezeichnet hat, in dem es aber durchaus Differenzen gibt. Elemente, auf die man setzen kann, die man beim Hören einnehmen kann, so dass sich von da aus eine Perspektive auf die anderen Elemente ergibt. Man wird da verwuschelt in Beziehungen gesetzt.

Was ist das für eine Atmosphäre, die für dich die Stücke ausmacht, frage ich Dave und schiebe einen kleinen Epilog nach: Für mich hat die ganze Track-Musik, die Nicht-Song-Musik, wenn sie gut ist, immer etwas, das einen ganz unmittelbar berührt. Das hat ganz klar etwas mit Rhythmus zu tun. Und das ist ja aber nicht alles, sondern dadurch passiert etwas mit einem: man wird dadurch offen für alles mögliche. Und diese Offenheit wird durch das ausgefüllt, was in dem Stück sonst noch da ist, dadurch wie die rhythmischen Elemente genauer gestaltet sind, wie die Sounds sind, durch die Melodien, solche Sachen. Und von diesem Bereich, davon, was dann mit einem geschehen kann, wenn man da drinnen ist - was möchtest du davon preisgeben?

\\"Also, es ist auf jeden Fall erst mal nicht so unmittelbar greifbar. Ich finde zum Beispiel, dass es sehr emotional ist, aber eben nicht so 'ne direkt greifbare, ja so 'Gut oder Böse'-Stimmung, sondern eher so etwas, ähm, Ungreifbares, manchmal Verschwommenes, manchmal aber auch so sehr Direktes, manchmal auch eindeutig fröhliche Momente oder eindeutig melancholische Momente - aber was sind eindeutig melancholische Momente?\\"

Lawrence-Tracks sind minimalistisch und haben zugleich eine Flächigkeit, \\"so eine räumliche, breite Soundästhetik\\", Klassisches, etwa bestimmte Bassdrumsounds (\\"808\\"), und Konkretes, das entkonkretisiert wurde. Sie sind \\"nicht auf den Punkt\\" gemacht, sondern schaffen einen anderen Raum, in dem man bei sich und alles mögliche sein kann. Es geht um die \\"Ungreifbarkeit und das gleichzeitige Einen-Ergreifen\\".

Bei den Blaktroniks, mit denen ich mich via einiger E-Mails unterhalten habe, ist das nicht anders. \\"Das ist wahr\\", antworten sie auf meine Bemerkung, für mich sei ihre Musik in der Mitte offen. \\"Das ist zentral für unsere Musik. Allerdings sind wir immer die Produkte unserer Umgebung, das heißt, wenn ich die Musik höre, während ich durch das Ghetto fahre, ist ein bestimmter Kontext hergestellt (vor allem für die Instrumentals ... Songs mit Worten sagen einem ja weitgehend, was man dazu zu denken hat). Wenn du niemals dort gewesen bist, kommen dir trotzdem alle möglichen Bilder zu dieser Musik. Sind wir in Deutschland unterwegs, dann nimmt sie neue Bedeutungen an.\\"

Der geschützte Raum des Bei-Sich- und Alles-mögliche-sein-Können steht nicht im Nichts. Er braucht eine Umgebung, und wer ihn betreten möchte, muss anderswo gerade festgelegt sein, um sich in ihm wohlfühlen zu können und nicht in ihm zu verschwinden. Bei Lawrence finden sich in dieser Umgebung, in der er festgelegt ist, seine politischen Überzeugungen, aber auch andere Verpflichtungen: Beziehungen, Freundschaften, Lüneburg, Dial Records. Bei Badi und Edd von den Blaktroniks ist das Moment der Verpflichtung noch deutlicher. Auf meine Formulierung, ihre Musik sei eine Sprache der Offenheit, antwortet Badi: \\"Ich denke, es handelt sich dabei um eine Sprache der Freiheit.\\"

Und er holt aus zu einer Skizze der Unterdrückung der Schwarzen in Amerika und des Sich-Auflehnens mittels technischer und ästhetischer Innovation und Grenzüberschreitung, die freilich ganz und gar schlüssig ist, aber nicht nur dies sein möchte. Vielmehr endet sie damit, mich in meine Grenzen zu verweisen. \\"Sicherlich kannst du jede Menge Vermutungen über unsere Kultur anstellen, aber du bist dabei außerhalb und schaust nur herein. Wenn du dagegen ihre Erfahrung machst, dann weißt du erst wirklich Bescheid.\\" Der Ort, von dem aus die Blaktroniks ihre Magie entfalten, sei mir gar nicht zugänglich. Das stimmt.

Aber es ist auch eine Behauptung, durch die der Ort auch geschützt wird. Er ist eine notwendige Bezugsgröße für die Blaktroniks - derart notwendig, dass ich nicht an ihm rühren darf. Ein weniger verfängliches Beispiel für die Notwendigkeit der Festlegung sind die politischen Überzeugungen von Lawrence, die ich ebenso wenig wie die Erfahrung der Afrodiaspora teile, an die ich nicht glaube, die für ihn jedoch grundlegend sind. In beiden Fällen geht es um Orte, die hinter dem Raum des Sich-verlieren-Könnens und diesem zugrunde liegen, weil in ihnen die Erzeuger des wundervollen Raumes verankert sind. Hier sind sie als Subjekte mit etwas identifiziert. Erst beides zusammen, das Festgelegtsein und das Fühlen und Träumen, macht die Souveränität, die dich manchmal zwinkern lässt: das Erwachsensein des Heard-ismus.

Während Lawrence im Gespräch einen Zusammenhang herstellen muss zwischen seinen politischen Überzeugungen einerseits und andererseits der instrumentalen Musik, seinem Label, der Begeisterung für Tracks und Clubs, geht bei den Blaktroniks der musikalische Effekt (\\"Vor allem wollen wir die Leute aus starren Konstruktionen herauslösen ...\\") ganz umstandslos mit der Verpflichtung zusammen (\\"... den starren Vorstellungen vom Zweck der Musik, die in der Regel besagen, Musik sei lediglich Entertainment\\"). Sowohl bei den Blaktroniks wie auch bei Lawrence könnte aber auch die musikalische Tradition, in der sie stehen als Grund in sich dienen - und ausreichen. Deep House, der Heard-ismus. Beide stehen wirklich knietief da drin. Lawrence zum Beispiel schon seit einer Teenieparty in den mittleren Achtzigern, die ein Freund mit einem BFBS-Tape aus der Agonie riss: \\"Bei mir war House das erste große Ding.\\"

Der Name Larry Heard: Er ist die Legende der House Music, der Musik der Ungreifbarkeit und des Einen-Ergreifens. Er, der in Chicago und Detroit aufwuchs und heute in Memphis lebt, ist 1986 als Mr. Fingers und mit Tracks wie \\"Mystery Of Love\\", \\"Washing Machine\\" und \\"Can You Feel It\\" auf den Plan getreten. 1988 folgte das Instrumental-Album \\"Amnesia\\", das damals ohne sein Wissen veröffentlicht wurde und gerade frisch wiederveröffentlicht ist; ebenso wie die EP \\"Gherkin Jerks\\" auf Heards Label Alleviated. Als Fingers Inc arbeitete er mit Robert Owens und Ron Wilson, als The It mit Harry Dennis. Sein aktuelles Album heißt \\"Love's Arrival\\" (Trackmode / Groove Attack) und ist groß.

Von Jochen Bonz erscheint in diesem Frühjahr das Buch \\"Der Welt-Automat von Malcolm McLaren - Essays zu Pop, Skateboardfahren und Rainald Goetz\\" (Turia und Kant)

Akt. Album von Lawrence, unbetitelt, (Dial / Ladomat / Zomba), Blaktroniks \\"Seduction At 33 1/3 \\" (Moving Records / Groove Attack)



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aus Intro #94 (Mai 2002)
 
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