Die Goldenen Zitronen

USA-Tour 2002. Auf dem Platz der leeren Versprechungen

22.03.2002, 17:08, Text: Ted Gaier, Ted Gaier
[11 Kommentare]

Im Zentrum des rasenden Stillstands, im Zentrum des mit doppelter Schallgeschwindigkeit beschleunigten rasenden Stillstands. Immer auf dem Weg zur großen Party. Rauf und runter auf den Zufahrtsstrassen zwischen wie es nun mal ist und Verheißung nicht verschlafen. Vollgestopft mit Popcorn bis zum Schwindligwerden und Bässen und Standards von erahnten Begierden. In ewiger Vorfreude, vorgemachter, mechanisch hysterisch oder müde bemüht. Auf die große Party selbsthypnotisch, die Suche nach der Party die gerade nicht ist. Auf dem Platz der leeren Versprechungen. All along the watchtower, stellt sich heraus, dass sich nichts heraus stellt. (Die Goldenen Zitronen: “Auf Dem Platz Der Leeren Versrechungen“, vom Album \"Schafott zum Fahrstuhl\")

Ein paar Sachen vorweg

Ich hasse das politische System der USA von ganzem Herzen.

Es ist das System der angewandten Niedertracht und des Egoismus. Es entwürdigt Menschen, produziert Ausbeutung, Kriege und Naturzerstörung und vermag den meisten seiner Bürger all das auch noch in scheinbar so verlockenden Verpackungen anzubieten, dass diese sich gar nicht erst die Frage stellen, ob es denn nicht auch anders sein könnte. Andererseits ist die Person, die mir am wichtigsten auf der Welt ist, US-Amerikanerin. Und vieles, was aus diesem Land kommt, ist auch aus meinem Freiheitsbegriff nicht wegzudenken. Was das heißen soll? Nichts weiter als die Banalität, dass ein Unterschied besteht zwischen der politischen Struktur eines Landes und seiner Bevölkerung. Der von den Vertretern der \"zivilisierten Welt\" denunziatorisch verwendete Begriff des Anti-Amerikanismus verfolgt die durchsichtige Strategie genau diesen Unterschied vergessen zu machen. Wer sich eine eigene Sicht der Dinge erlaubt und in George W. Bush den unterbelichteten, von niederen Instinkten geleiteten, machistischen Schwachkopf sieht, der er ist, wird von dieser Propaganda als rassistisch gegen die US-Bevölkerung gebrandmarkt.

Sir Wesley Willis, Rockstar

San Francisco, 22.01.: Der erste Auftritt, ein typischer: ein bisschen schwunglos und uneingespielt. Die 500 harmlosen Jugendlichen in der Great American Music Hall reagieren trotzdem wohlwollend. Natürlich sind sie nicht gekommen, um sich von einer sperrigen No-Rockband mit deutschen Texten zulärmen zu lassen, aber auf gewisse Weise scheinen wir durch unsere Andersartigkeit unterhaltsam zu sein. In erster Linie wollen die Leute einfachen Spaß mit Wesley Willis (Vergleiche Artikel in Intro #88), mit dem wir als Vorband auf Tour sind. Seine Rezeption hier unterscheidet sich von der im deutschsprachigen Raum, wo es dem Publikum schwerfiel, die Weirdness dieser 180-Kilo-Erscheinung einzuschätzen, und viele von den freakshowhaften Zügen seines Auftretens abgeschreckt und verunsichert waren. Hier scheint es zumindest so, als würde Wesley mit seiner 1 1/2Stunden-Einsong-Rockshow ein uramerikanisches Bedürfnis nach unkomplizierter Gemeinschaftssause ansprechen. Begeistert melden sich Freiwillige um Headbutts entgegenzunehmen, begeistert wird auch zum 120. Mal der Aufforderung nachgekommen, \"Ra\" und \"Raoow\" zu schreien. Zuweilen wird selbst den endlosen Instrumentalparts, in denen Wesleys Keyboard lahme Gitarrenrock-Preset-Arrangements vor sich hin dengelt, etwas Positives abgewonnen. Richtig erklären kann uns den Kultstatus von Wesley Willis eigentlich niemand. Paradox ist, dass er als Afro-Amerikaner ein fast ausschließlich weißes Publikum anzieht und auch in den finstersten Gegenden der USA niemals mit Rassisten Ärger bekommen hat. Vor Jahren soll er irgendwo in den Südstaaten sogar einmal die Herzen einer Horde hakenkreuztätowierter Skinheads gewonnen haben. Als er auf dieser Tour in Tempe/Arizona, die wilde, schwer zu kalkulierende Landei-Meute als \"stupid whities\" beschimpft, brechen diese in begeistertes Gejohle aus. Überhaupt sind die eigentlichen Höhepunkte seiner Konzerte die unberechenbaren Ansagen. Seine John-Lee-Hooker-Stimme inklusive Chicago-Akzent, seine Eingebungen und überhaupt seine Aura sind quasi göttlich. Wesleys musikalische Vorliebe gilt ausschließlich weißer Rockmusik. Auf den endlosen Fahrten durch die Wüste werden wir mit allen hassenswerten Spielarten weißen Rocks gemartert: Bob Seger, Iron Maiden, REM, Billy Joel, Rage Against The Machine. Der Versuch, zwischenzeitlich ein bisschen Motown oder Monk zu hören, stößt auf sein erklärtes Missbehagen. Mit irgendwie elektronischem Zeug kann man ihm schon gar nicht kommen.

Die U-Boot-Existenz

Am nächsten Morgen besteigen wir den Kleinjungentraum eines jeden Rockmusikers: den Nightliner. Er wird in den nächsten zwölf Tagen Tourbus, Backstage und Hotel sein. Unsere Vorfreude auf diese U-Boot-Existenz hält sich in Grenzen, war doch die Ablehnung von Männergesellschaften für uns alle ein wichtiger Grund, den Kriegsdienst zu verweigern. Als erstes stolpern wir über ein paar Biker-Boots und eine leere Jack-Daniels-Flasche. Dann machen wir Bekanntschaft mit der Vor-Vorgruppe Grand Buffet (die Vorgruppe sind ja wir). Lord Grunge, der Gesprächigere dieses HipHop-Duos im Stile der frühen Beastie Boys (schmeichelhaft ausgedrückt), ist eine typische White-Middleclass-Type der sympathischen Sorte. Er empfindet Scham über die US-amerikanische Großkotzigkeit und den Rassismus, ist warmherzig, humorvoll und kollegial - und, wie fast alle GesprächspartnerInnen, die uns begegnen, absolut kompetent in Sachen Popmusik, Comics, Fantasy-, Trash- und Mainstreamfilme sowie Fernsehserien und Geschmacksrichtungen verschiedener Limonaden. Während der Fahrt schälen sich aus den Kojen vier verknautschte Figuren, die in ihrer Summe einen guten Querschnitt des Berufsbildes Rockmusiker abgeben. Inklusive der obligatorischen Accessoires: Lederhose, Marshallturm, Tätowierungen und den bereits erwähnten Biker-Boots. Es sind die Typen der Vor-Vor-Vorband Costom On It, die zu Tal (Wesleys Caretaker/Tourbegleiter/Busfahrer und Mixer) in einem nie ganz geklärten Abhängigkeitsverhältnis zu stehen scheinen. Entgegen der alles durchdringenden Logik der Ökonomie, ist es in den USA noch immer üblich, dem Publikum vier oder mehr Bands pro Abend vorzusetzen. Abend für Abend wuchten überall im Land junge Menschen, oftmals ohne jede Bezahlung, mühsam ihre Backlines rauf und runter, um eine Stunde um ihr Leben zu spielen. Unbestreitbar ist man in Europa mit der Entdeckung des DJs, der ja eigentlich in den USA erfunden wurde, um einige Rationalisierungsstufen weiter.

Vom individuellen Unbehagen

Bakersfield, 23.01.: Die fünftgrößte Stadt Kaliforniens. Mit ihrem unaufdringlichen Charme kann sie locker mit Pinneberg oder Eisenhüttenstadt mithalten. Unser Booker sagte noch: \"If you make it there, you make it anywhere.\" Der Laden heißt Sonstwie´s Pizza Place und fällt unter die Kategorie kulturelle Notversorgung. Es ist einer dieser Orte, an denen unermüdliche Idealisten in der Einöde versuchen, ein Konzert auf die Beine zu stellen und dafür auf Lokalitäten wie Billardläden, Cafés oder eben ein Pizzaschnellrestaurant zurückgreifen müssen. Anders als in Mitteleuropa haftet weder diesen improvisierten Auftrittsorten noch den professionellen Clubs in den größeren Städten ein irgendwie geartetes Flair von Gegenkultur an. Selbsterkämpfte autonome Räume und auch städtisch subventionierte sind in den USA unbekannt. Alles ist erlaubt, nur nicht die Allmacht des Privateigentums und das staatliche Gewaltmonopol in Frage zu stellen - und sei es nur in der symbolischen Form eines besetzten Hauses. Seit der Industrialisierung wurden alle Bewegungen, die für eine politische Alternative zur Diktatur des Marktes kämpften, brutal vernichtet und die Erinnerung an sie ausgelöscht oder verfälscht: Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten und Black Panther, die zu ihrer jeweiligen Zeit Massen mobilisieren konnten, tauchen im Geschichtsbild der meisten Amerikaner, wenn überhaupt, als absolute bad guys auf. Diese permanente Demoralisierung bewirkt genau das, was sie soll: Sie wirft die Leute auf ihr individuelles Unbehagen zurück und lässt jede auch nur reformistische Vorstellung von Veränderung unvorstellbar erscheinen. Die Unfähigkeit dem politischen System nach dem Debakel der letzten Präsidentschaftswahl eine annähernd zeitgemäße, pluralistische Form zu geben, sei nur als jüngeres Beispiel genannt. Freiheit bleibt nach wie vor und für immer und ewig die freie Wahl zwischen Pepsi und Coke, oder Mac und PC, oder Bush und Gore. Überall treffen wir Leute, die auf ihre isolierte, individuelle Art oppositionell sind zu dem Patriotismus, den CNN der Welt verkaufen will. Leute, die ebenso fassungslos sind über die Dummheiten ihrer Regierung wie bei uns. In deren persönlicher Vorstellungswelt es aber keine Möglichkeit und keine Erfahrung der politischen Intervention gibt.

Souvenirs und Ikonen vergangener Revolten

Also: Bakersfield. Das Konzert hat die wohlbekannte, verwirrte Atmosphäre, wie sie uns von den deutschen Landjugendhäusern noch in lebhafter Erinnerung ist. Es scheint eine All-Ages-Show zu sein, jedenfalls ist das Publikum von einer bemerkenswerten Frische. Eine alte Geschichte, aber in eigener Wahrnehmung doch befremdlich: Ganz unnatürlicherweise werden in den USA erwachsene Menschen aufs absurdeste bevormundet und wie Kinder gehalten, solange sie keine 21 sind. Sie dürfen sich nicht in Lokalitäten aufhalten, in denen harter Alkohol verkauft wird. Und sie haben ab einer bestimmten Uhrzeit Ausgangssperre. Und rauchen dürfen sie sowieso nicht - wie übrigens niemand in den Clubs und Restaurants Kaliforniens. Zu unserem Erstaunen gibt es in Bakersfield eine ganze Reihe von jungen Leuten in selbstgebastelten, sehr authentischen 77er-Outfits: Bondagehosen, Sicherheitsnadeln in Backe und Ohr, Stachelhaare, Catwoman-Make-up. Ein Punk mit Trappermütze hat ca. 200 selbstgemachte Badges an seinem Körper hängen. Weiß der Teufel, auf welchen verschlungenen Pfaden diese Styling-Anregungen ihren Weg hierher gefunden haben. Beeindruckend ist auch die lokale Vorvorvorvorband The Kill, eine sagenhaft rohe, jugendlich-dilletantische Krachband. Konsequent wie die Popgroup oder The Fall. Sollte der geneigte Leser irgendwann einen Tonträger dieser Band sehen, sei ihm unbedingt zum Kauf geraten. Las Vegas, 24.01.: Wir durchfahren das Zentrum mit den großen Hotels und den beknackten Nachbauten von Motiven aus der echten Welt, um dann auf einem wahnsinnig tristen Parkplatz mitten in der Vorstadt anzuhalten. Der Raum erinnert an das katholische Gemeindezentrum meiner Jugend, in dem wir im Neonlicht erste Engtänze versuchten. Hier gibt es nicht mal Softdrinks. Und wieder sind da ein paar junge Menschen in historischen Punk-Outfits. Und wieder diese Frische. Später schlendere ich an New York und der Sahara vorbei nach Paris, wo ich mich am Fuße des Eiffelturms an die Bar setze. Nur ein paar einsame alte Damen und eine Gruppe betrunkener Geschäftsleute verlieren sich im riesigen Dschungel von Slotmaschinen, auf dem ultimativen Platz der leeren Versprechungen.

Produktive und unproduktive Missverständnisse

Im Verlauf der nächsten Tage perfektioniert sich unser Umgang mit dem Publikum. Es stellt sich heraus, dass ein bisschen zur Schau gestellte europäische Arroganz gar nicht schadet .Wir starten mit der Frage \"Do you believe in Rock\", um dann, meist nach euphorischer Bejahung, mit einem \"We don´t\" zu antworten und loszuspielen. Goutiert werden auch in pastoralem Tonfall vorgetragene Tiraden gegen den Kapitalismus - vielleicht weil es unanständig ist; manchmal jedenfalls meine ich das in den Gesichtern zu lesen. Und auch Scherze über die hinterwäldlerische Ignoranz der Amerikaner bezüglich elektronischer Musik kommen gut an. Wir stoßen überhaupt auf eine erstaunliche Resonanz. Häufiger als in Deutschland kommen Leute nach dem Konzert an und wollen sich unterhalten oder sich einfach nur bedanken. Es ist ein gutes Gefühl, auf so unmittelbare Art Sinn zu machen, mal ganz ohne den Ballast eines vorvermittelten Images. Was uns enorm zugute kommt, ist die erwähnte Kompetenz in Sachen Pop-Codes, die man überall antrifft. Anders als z. B bei Konzerten in Osteuropa, wo die Leute unsere Musik manchmal für schlecht gespielten Rock in schlechtem Sound hielten, verstehen sie hier durchaus die Absicht und die Wurzeln des Ganzen. Die Referenzen die genannt werden, sind nicht so verkehrt: Wire, Clash, Devo, Gang of Four. Und dennoch ist da ein grundlegender Unterschied im Verständnis. Unsere europäische 80er-Jahre-Subkultursozialisation basiert auf der rigorosen Ideologie der Abgrenzung, die sich in England, in einer Art Nachempfindung des Klassensystems, seit den 60er Jahren entwickelt hat. Punk sein und z. B. BAP hören schloss sich wie selbstverständlich aus. In den USA blieb die kulturrevolutionäre Attitude von Punk weitgehend unverstanden. Der mitgedachte Frontalangriff auf Rock blieb unsichtbar, Punk wurde lediglich als dreckigere Variante von Rock gelesen. Und so lässt sich mit den Leuten genauso munter über die Wipers plaudern wie über das dritte Album von Springsteen oder das Spätwerk von Pink Floyd. \"Punk Wave, New Wave, Anywave ... It´s all Rock’n’Roll to me\"(oder so ähnlich). Das einzige, was sich nicht als Rock’n’Roll schönreden lässt, ist Techno und entsprechend dessen konsequente Ignoranz. Mir scheint, als läge es auch daran, dass bei dessen Herstellung keine ehrliche physische Arbeit verrichtet wird. Ein Makel, der dem tief verwurzelten, protestantischen Pioniergeist zutiefst zuwider ist.

Sechs Tage bis zum Auftauchen

Los Angeles, 25.01.: Wir spielen in der Hollywood-Filiale der Knitting Factory am Hollywood Boulevard. Einer öden Durchgangsstraße mit Souvenirläden und den wahnsinnig legendären Sternen. Die Suche nach der Party, die gerade nicht ist. Nirgendwo ist die kollektive Selbstsuggestion, im offensichtlich Abwesenden etwas Großes sehen zu wollen, eindrücklicher. Aber das soll ja gerade die Fähigkeit sein, die dieses Land groß und stark gemacht hat. Der Laden hat überhaupt nichts mit der Freiheit zu tun, die einem die wundervollen Live-Aufnahmen aus der Knitting Factory New York vermitteln. Es ist wie eine Starbucks-Filiale als Musikclub. Steril und teuer und \"mit Stil\". Das Publikum erscheint, wie schon in San Francisco, weniger offen und aufgeweckt, als in den Provinzstädten und Käffern. Und es wirft Fragen auf. Wer zum Teufel zwingt die jungen Männer dieses Landes, die meist die Statur von Bodybuildern oder Fettsäcken haben, eigentlich in ihre Sweatshirt/Jeansuniformen? Eleganz und Charme sind definitiv keine Erfindung des wilden Westens. Meist sind wir die einzigen Hemdenträger, und damit schon fast overdressed. Für die Jungs von Costom On It ist es ein besonderer Tag. Als leibhaftige Spinal Tap Darsteller erhoffen sie sich, in L.A. zu einem Plattenvertrag zu kommen. Sie rocken heute besonders kompromisslos ihren Kompromissrock, gehen schwer trinken und machen sich am nächsten Tag verknittert auf die Heimreise nach Chicago.

Wir fahren weiter nach: San Pedro, 26.01.: Der Hafen sieht aus wie in Hamburg. Ein sympathisches Viertel, und ein netter Wohnzimmergig in einem hippie-esken Café, das allen Arten von Drop-outs als Abhänge dient: schulschwänzenden Teenagern, Sozialhilffe-EmpfängerInnenn und ArbeiterInnen jeden Alters und jeder Ethnie, sowie studentischem Volk. Es weht ein Wind von Humanismus. Wir brettern los, zwischen Sofas und Tischen. In der ersten Reihe eine 70-jährige Rollstuhlfahrerin im rosaroten Strampelanzug, daneben eine Girl-Gang aus wilden 17-Jährigen, die mit ihrem Leben noch was vorhaben. Und auch wieder ein paar 77er-Style-Punks die sich später als Anarchisten outen. Anschließend werden wir zu einer improvisierten Party in einem typischen Suburb-Haus eingeladen, wo wir auf der Veranda bis zum Morgengrauen mit der hiesigen Incrowd herumpalavern. Die Toleranz der Nachbarn speist sich, wie der Hausherr sagt, aus der Erleichterung darüber, dass sie im Gegensatz zu den Vormietern wenigstens keine Waffen besitzen.

San Diego, 27.01.: Home of Iron Butterfly, Frank Zappa und Tom Waits. Ein Live-Club wie das Underground in Köln oder das Molotov in Hamburg. Und ein sehr verständiges Publikum. Lustige Mädchen von einer Girl-Band, und ein netter Typ vom hiesigen College-Radio, der unsere Platten kennt.

Tempe, 28.01.: Eine weitere Nacht auf einem Truck-stop. Ein weiteres Frühstück mit der Auswahl zwischen Fleischburger oder Steakomelette. Und eine weitere 7-Stundenfahrt auf schnurgeraden Autobahnen, vorbei an Kakteen und riesigen Mengen von Steakbergen, die noch lebendig und unverarbeitet in der Landschaft rumstehen. Als wir in Tempe/Arizona ankommen, rockt bereits die lokale Vorband. Irgendwas ist hier anders: wilder. Schon bevor wir auf die Bühne kommen, ist der Saal am Brodeln. Die jungen SüdstaatlerInnen wollen Wesley Willis und keine Krauts. Wir werden beworfen und bepöbelt, merken aber schnell, dass diese Grünschnäbel uns nichts anhaben können. Europäische Arroganz durchziehen! Im Verlauf des Konzerts spaltet sich das Publikum in zwei gleich große Lager. Mehrere Dutzend Fuckfinger gegen mehrere Dutzend nach oben gerichteter Daumen. Hinterher gibt es eine Menge Schultergeklopfe. Die Leute hier sind von einfachem Gemüt.

Tucson, 29.01.: Hier herrscht wieder die gepflegte Atmosphäre, wie man sie aus Clubs mit einem erwachsenen Indiepublikum kennt. Ein Typ von Calexico kommt zu mir und bedankt sich für das schöne Konzert. Dann ist es schon wieder 1.00 Uhr und in übertriebener Eile wird der Saal geleert.

El Paso, 30.01.: Das letzte Konzert der Tour. Wir durchqueren das wunderbare Lichtermeer des Talkessels in dessen Mitte der Tortilla-Curtain verläuft, um dann am anderen Ende wieder schnurstracks aus der Stadt herauszufahren und an einem abgelegenen Billardcafé anzuhalten. Während des Soundchecks läuft auf dem Fernseher über der Bar der Playboy-Channel. Wir fürchten das Schlimmste und werden aufs angenehmste überrascht. Die 50 Leute, die sich herbemüht haben, sind ganz reizend. Eine kleine Gruppe, die eine Weile in Berlin gewohnt hat, ist extra wegen uns aus dem 800 Km entfernten St. Antonio angereist. Sie tragen rote Overalls, tanzen exaltiert Devo-mäßig und schwenken plötzlich ein Plakat mit der Aufschrift \"Mann, Frau, Kind\". Ansonsten sind da noch ein ungeheuer mondän wirkender junger Schwarzer in Hot Pants, schwarzem Hemd und Krawatte und andere mod-ish europhile Menschen. Ein letztes Mal wird die Krachmaschine angeworfen. Danach ergeben sich verschiedene Bekanntschaften und Verabredungen. Nachdem unser Tagwerk getan ist, verlassen wir bei einem Motel die U-Boot-Welt, in der Vorfreude ein wenig Individualität zurückzuerlangen. Rührende Verabschiedungsszenen mit Wesley, Tal und den anderen folgen. Und endlich gibt es da mal ein Bett was ein wirkliches Bett ist.

Behind the tortilla curtain

Am nächsten Tag machen wir uns mit einem Typ namens Ed und seinen Freunden, einem Death-Metal-Pärchen (beide Latin Americans der zweiten Generation), auf nach Mexiko. Ed ist eine der Bekanntschaften des vorherigen Abends und in vielerlei Hinsicht typisch für einige aus europäischer Sicht unverständliche Widersprüchlichkeiten. Er ist Trucker und Vegetarier, war früher Hardcore-Punk und trotzdem bei der Navy. Und dennoch sieht er das Pentagon als genau das richtige Ziel der Anschläge vom 11. September. Da weiß einer, wie viele Kriege dort geplant wurden. Die Grenze lässt einen fast nostalgisch an die DDR denken. Entlang des Rio Grande, der hier nur noch die traurige Gestalt eines vertrockneten, betonierten Bewässerungskanals hat, staffeln sich mehrere Reihen von Zäunen und Bewachungstürmen. Die einzigen Verbindungswege zwischen sogenannter erster und dritter Welt führen über riesige, schwervergitterte Brücken, die sich hoch über das flache Land erheben.

Das erste, was einem beim Gang über die Brücke ins Auge fällt, ist ein gigantisches Wandbild von Che Guevara, versehen mit Anti-Gringo-Parolen. Ich frage Ed, was sich wohl US-AmerikanerInnen bei diesem Anblick denken. Er meint, sie würden sich bestenfalls fragen, ob das nicht der Typ vom Rage Against The Machine T-Shirt ist. Drüben ist wirklich alles anders. Es gibt Armut von Gebrüder Grimm’schen Ausmaßen. Krüppel, Glücksritter und Leute, die einem auf Schritt und Tritt irgendwelchen Plunder andrehen wollen. Die Straßen sind überfüllt mit Menschen. Die Devotheit, mit der wir behandelt werden, beschämt. Aber selbst diese deprimierende Variante von Urbanität will mir menschlicher vorkommen als die Suburbwüsten der USA, die Produktionsstädten normierter Vereinzelung. Hier fühlt sich die Stadt wenigstens wie eine Stadt an - nicht wie eine Ausfallstraße. Eine Stadt mit gewachsener Struktur. Mit Cafés und Imbissen - die vielleicht der Mafia, aber sicher keinem Konzern gehören. Eine Stadt, deren öffentlicher Raum mit Leben gefüllt ist, ein Zentrum hat; Kirchplätze und Märkte und Busse, die von Menschen benutzt werden. Von Menschen, deren größter Traum es ironischerweise ist, auf der anderen Seite ein quadratisches Grundstück mit einem normierten Holzhaus und einer rechteckigen Garage, in einer quadratisch angelegten Strasse zu besitzen. Um sich dann am Lebensabend, nach Jahrzehnten, in denen sie sich die Finger auf die Knochen runtergearbeitet haben, wehmütig des früheren Lebens und der verlorenen Familie zu erinnern. Es bleibt spannend, wie die USA in 15 Jahren aussehen wird, wenn die Latin Americans die grösste ethnische Gruppe der USA sein werden und welche Rolle der heilige Che Guevara dabei spielen wird. In kulinarischer Hinsicht sind sie jetzt schon Träger einer überlegenen Zivilisation. Es kann nur besser werden.



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aus Intro #93 (April 2002)
 
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  • O_ 11.04.2002 | 14:20:31

    Ted,

    Dein Artikel ist großartig.

    O.

  • O_ 12.04.2002 | 10:32:38

    @rev: Nein ... wieso?

    Schade übrigens, dass der Artikel auf intro.de so schlecht zu finden ist.

  • O_ 12.04.2002 | 10:36:31

    @rev: aber hallo!

  • User: msia
  • msia 29.04.2002 | 22:41:19

    so locker und unverkrampft trotz ideologischen Anliegens

  • SteelyDan 30.04.2002 | 10:09:27

    Yep...so darf im Intro ruhig öfter geschrieben werden...kann nur gut tun...

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Mit ihrem Stilmix aus Punkrock, Ska und verschiedenen Folk-Einflüssen wurde Mutabor seit ihrer ersten Veröffentlichung (1997 Virgin) oft als deutscher Vertreter des Folk-Punk geführt. Mit ihrer zweiten Veröffentlichung (2001 Makanabeat / Soulfood) erweiterte die Band ihr musikalisches Spektrum in Richtung Pop und Reggae.

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