Status Quo Vadis

Die Hamburger Schule - Eine deutsche Geschichte (Lange Version)

09.03.2002, 16:50, Text: Thomas Venker, linus volkmann, Thomas Venker, linus volkmann

Ich weiß noch genau, wie alles anfing. Das war so um 1987 rum und ein paar von uns hingen ständig im Schanzenviertel ab, abends oft im Restaurant \"Goldener Stern\" am Pferdemarkt. Meistens war der Mann dabei, der eine Art Vatergestalt geworden war und den wir zärtlich Hilsberg nannten: Alfred Hilsberg. An so einem Abend im November 89 waren wir mit ca. zehn Leuten incl. Hilsberg im Goldenen Stern, um über die Perspektiven Zeitgenössischer Popmusik unter Berücksichtigung politischer Aspekte zu reden. Außer Hilsberg waren anwesend: Tobias Levin (Cpt. Kirk &), Knarf Rellöm (damals noch bei Monkey Men), Lars Greve und Mathias Halfpape (beide von Selig), Andreas Dorau (Fähnlein Fieselschweif), Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Frau Rabe (Goldene Zitronen), Kerstin und Sandra Grether (Zillo, beide das erste mal in Hamburg) und Alfred Burchardt (Goethes Erben).

Meist ging es drunter und drüber und wir redeten uns die Mäuler wund über jedes noch so kleine Thema, wir waren einfach jung und voller romantischer Ideen.

[...] Tobias Levin und Frau Rabe hatten gemeinsam einen Diskussionsblock gebildet und verteidigten vehement die Ansicht, dass es unmöglich sei, bei der Plattengroßindustrie zu unterschreiben und gleichzeitig seine künstlerische Integrität zu wahren, geschweige denn die eigene Kunst, denn diese sei schon allein durch den Gedanken an ein solches Geschäft benetzt mit ebendiesem Gedanken und nicht mehr eine Kunst, die nur dem Impuls, also der künstlerischen Freiheit, folgen würde. Andreas Dorau und die Jungs von Selig schrien dagegen an, dass es vollkommen egal wäre, was für ein Impuls den Effekt auslösen würde. Hauptsache wäre ja wohl einzig und allein, dass das Ergebnis gut sei, und wenn sich das dann auch noch verkaufen und viele Leute erreichen würde, was wäre dann daran auszusetzen?

Jochen saß oft schweigend daneben und dachte nach. Er war ein bisschen unser Sonderling, professoral zerstreut und gleichzeitig sehr überlegt, verbrauchte er seine meiste Energie zum Reflektieren, während er als Einziger von uns immer einen Likör vor sich hatte. Er linste uns durch die dicken Gläser seiner Nickelbrille an und schließlich gab er einen Satz von sich, der ungefähr wie folgt geklungen haben dürfte: \"Weg ist klar, Zeitpunkt ist klar, Ziel ist klar, die Zeit der Grabenkämpfe ist vorbei, wir müssen unsere Produktivität bündeln, intellektuelle Zärtlichkeit kann als Waffe ungemein klärend wirken, legen wir uns auf den Bogen und schießen uns selber ab!\"

aus Rocko Schamoni \"Risiko des Ruhms\" (Rowohlt)

Bernadette: Es geht ja auch darum, dass Bands das mittlerweile in Ihre Infos reinschreiben die halt nun wirklich gar nichts mit irgendwas von Anfang der 90er zu tun haben. Und das halt ausgeschlachtet wird und ein leerer, hohler Begriff wird. Und man könnte sich ja fragen, worauf ihr ja vielleicht auch hinaus wolltet, womit wurde das gefüllt. Vielleicht haben sich ja alle gegen eine Schublade gesträubt Anfang der 90. Aber trotzdem wurde ja irgendein loser Verbund von Leuten mit Inhalt gefüllt.

Linus: Ist ja auch hilfreich so was, ist ja nicht nur negativ zu sehen.

Sandra: Es geht ja nicht darum dass musikalisch in einen Topf zu werfen sondern irgendwie ist es ja wohl eher dass es irgendein Zusammenhang schon ist.

Thomas: Ich glaube das ist auch das Problem gewesen, dass man bemerkt hat, als wir letzten Monat diese Boy Division Geschichte gemacht haben dass es nicht mehr musikalisch wahrgenommen wird und dann natürlich ein Problem ist, weil sich dann ja keiner musikalisch kritisieren lassen will. Aber ich habe das immer als soziales Ding verstanden, dass es ja einfach ein Milieu kennzeichnet. Und als dass ist es ja unglaublich fruchtbar. Und das wird ja Hamburg immer ausgezeichnet, dass es eigentlich ein Milieu hat dass eine gewisse Dynamik entwickeln kann. Das zum Beispiel in Stuttgart, wo ich jetzt her komme, einfach nicht da war. Maximal 30 Leute die man auf Konzerten gesehen habe wo ganz, ganz wenige bereit waren auch aktiv etwas zu machen. Die haben dann gesagt \"ok, ich mach halt ne Kneipe, oder ich habe eine Band\", aber das ist halt der Vorteil gewesen.

Rocko: Ja das stimmt auch. Aber in Wirklichkeit ist es so, wenn Du von der Hamburger Schule aus gehst oder von dem was man als freundschaftsverbunden bezeichnet hat vor 10 Jahren, da gibt es so was quasi jetzt, aber in anderen Splittergruppen, zum Beispiel das viele aus diesen Kreisen mit irgendwelchen Rap oder Elektrovögeln zu tun haben und das sich so komisch vermischt. Und deswegen war dieser Überbegriff eigentlich doch ein musikalischer. Denn sonst könnte man zu dem was es das ja jetzt gibt auch sagen \"die neue Hamburger Schule\", die es natürlich nicht ist. Wir und Fischmob und diverse andere die es gibt sind ja nicht die Hamburger Schule oder so was.

Bernadette: In der HipHop Szene wird ja auch davon gesprochen. Die HipHop Szene an sich, abgesehen davon ob sie sich vermischt mit anderen musikalischen Szenen ist ja schon auch wieder so eine Art neue Hamburger Schule. Und ich will nicht den Begriff überstrapazieren, aber da geht es ja auch darum, dass sich Leute aneinander messen. Und sich miteinander vergleichen, auch in den Platten, dass es da irgendwie eine Art von Weiterentwicklung gibt, die sich aneinander hochhangelt, oder weiterhangelt. Vielleicht auch nicht unbedingt immer hoch, und das ist ja in der HipHop Szene schon so. Und wenn Du jetzt sagst da gibt es Überschneidungen zu anderen Musikszenen dann kannst Du das nicht benennen. Aber dann HipHop allgemein in Hamburg...

Rocko: Aber was ich sagen wollte, ich meinte das irgendwie, dass die Kategorie Hamburger Schule bei vielen sich eher benutzen lässt für zum Beispiel die Sterne oder meinetwegen sagen wir so was wie Mutter oder so was, als zum Beispiel für mich musikalisch. Also deshalb gehören wir da gar nicht dazu. Wir waren quasi Bestandteil dieses Freundeskreises, der das eigentliche Ding ausgemacht hat. Wir waren halt befreundet untereinander. Und das war das eigentliche. Aber, die musikalische Bezeichnung ist eine andere gewesen.

Frank: Wenn Du das so formulierst würde ich sagen, habe ich auch nie dazugehört, weil das genau die Bezeichnung ist des Begriffes den man nicht wollte. Hamburger Schule gleich irgendwie musikalische Links zwischen Blumfeld, Tocotronic, Sterne.

Aber ihr wart das nun mal.

Wir waren dann das ausländische. Und das finde ich hat auch etwas provinzielles. Wenn man sagt, so, es gibt ja diese Musikrichtung. Das ist die Hamburger Schule. Und für mich zählt, dass jede Band, die da beteiligt ist, ein eigenes, auch überregionales Bezugssystem hat. Das ist ja ganz wichtig, dass es nicht so vor sich hinkocht, sondern im internationalen oder größeren gedanklichen Zusammenhang steht als die anderen Jungs in St. Pauli.

Bernadette: Echt. International? Wer steht international?

Frank: International meine ich indem Du Dich einfach auf Bands beziehst die nicht aus Hamburg kommen. Ich glaube, dass es für alle beteiligten Bands, englische, amerikanische Bands wichtiger ist, als musikalischer Einfluss, auch als Main Einfluss, als die Nachbarn. Entscheidend ist ja der Austausch mit den Nachbarn, die auch diese internationale Musik so spielen.

Sandra: Aber würdest Du nicht sagen, dass das nicht schon wieder ein Zusammenhang ist, dass diese ganzen Bands sich eher auf amerikanische oder englische Bands beziehen, aber eben versuchen was eigenes zu machen und das nicht einfach zu kopieren.

Frank: Ja klar.

Sandra: Es ist ja interessant. Weil ich wohne ja erst seit 5 Jahren in Hamburg, und ich hab das von Köln aus eher immer so wahrgenommen, für mich war Hamburger Schule einfach alle Bands die in Hamburg wohnen und die irgendwie deutsche Texte machen und sich auch auf irgendeine Art politisch in Bezug setzten zu Verhältnissen. Ja, ich hab das eher so wahrgenommen, diese Leute leben auch irgendwie ökonomisch. Eher mal am Rande oder so. Eher eigentlich das Gegenteil von dem was die Hamburger Schule so konotiert ist, so verkopft und was weiß ich, elitär. Hab das immer eher so Rock n'Roll wahrgenommen.

Bernadette: Das ist ja ganz romantisch eigentlich.

Thomas: Wie habt ihr dass denn definiert. Ihr hattet ja immerhin diesen Song auch: \"Wir sind neu in der Hamburger Schule\".

Arne: Jaja, eben, das ist ja leider so eine Sache wo man ja auch nicht so ganz unbeteiligt war, dass das eine Zeit überdauert hat, wo eigentlich auch schon abgefrühstückt war, und man das schon so ein bisschen..., was wir durchaus auch bereuen das noch mal belebt zu haben, so eine Begrifflichkeit. Aber. Wobei es ein sehr schönes Lied ist.

Bernadette: Ich fand das ja gerade immer so eine schöne selbstironische Selbstvorstellung. Das hat mir gut daran gefallen. Das ist ja nicht ernst gemeint.

Arne: Eben. Aber eben damals war es schon vorbei. Wir haben dass eben nicht da aus der Distanz geschrieben, sonst hätten wir das gar nicht witzig, gar nicht der Überlegung gerecht gefunden, sonst wären wir da gar nicht mit zu spielen, mit dem Begriff, weil dich damals schon...

Rocko: Das war der Zwang den damals alle hatten damit umzugehen zu müssen, ihr in dem Fall dann Dead School Hamburg Zitronen worauf ich sofort ich die Zitronen bezogen habe, Loveschool Hamburg und jeder hat irgendwie so sein Hamburger Schule Problem quasi mit sich selbst ausgemacht. Weil es war ja nicht unsere Idee. Und dann ist dieser Topf ob man nun musikalisch damit zugerechnet wurde oder nicht über einem drüber. Dann macht man halt was draus, was auch wieder ganz gut ist. Das war eine tolle Sache, die Hamburger Schule.

Linus: Ja, dass klingt ja aber so, also ihr habt das niemals verinnerlicht und versucht zu benutzen, dass ist immer ein Fremdkörper geblieben oder wie?

Rocko: Was ich total als störend empfand war das nachdem der Begriff aufgetaucht ist. Ganz schnell gab es so was wie totale Verleugnung, dessen, im Sinne von es gibt so was gar nicht. Jeder von uns ist ein eigenständiges Projekt und eine eigenständige Band um sich total davor zu schützen so vereinnahmt zu werden. Was ich verstehen kann. Aber nichts desto trotz hingen natürlich trotzdem alle Sorgenbrecher zusammen ab. Das war ja so. Definitiv.

Frank: Es war glaube ich eher so, dass wir zumindest immer versucht haben, beides zu tun. Also richtig zu stellen wie der Begriff vielleicht positiv verstanden werden könnte. Also ich habe immer im Nebengespräch betont, dass wichtige war für mich der Unterschied des Klimas in Hamburg zu Angestellten die ich kennen gelernt habe ist der, dass die Leute sich eben unbedingt erst als Konkurrenten verstehen ehe sie sich austauschen in den eigenen Dingen. Ich habe immer versucht das irgendwie rüber zu bringen, aber Du weißt ja je dümmer oder je einfacher die Leute werden die erreicht werden sollen, desto einfacher wird das natürlich wieder gebracht. Das führt dann zu so einem Missverständnis wie Bravo Titelthema \"Schlabberjeans, und die waschen sich einmal die Woche, leben von Sozialhilfe\".

Bernadette: Das sagen die von der Kelly Family auch.

Frank: Ist mir leider nichts besseres eingefallen.

Bernadette: Ich muss jetzt aber auch noch einmal etwas in dieser Runde dazu sagen. Wir haben uns mit meiner Band ja immer extrem abgegrenzt. Extra. Vielleicht weil es ein extremer Männerverein war immer. Das hängt ja nicht nur mit den Musikern zusammen, sondern auch was mit dem in Zusammenhang steht. Zum Beispiel dieses Ding wie Wohlfahrtsausschuss. Zum Beispiel Sandra Sachs war ja auch immer mit politischem Anspruch dabei, zumindest Anfang der 90er. Und es war ein ziemlicher Männerzirkel wo ein Anspruch war der von sich selber geschaffen wurde - nicht nur von außen. Schon dieses Wort Diskurs Pop - dass trifft es schon eher als Hamburger Schule. Und wir haben da unserer Meinung nach nicht reingepasst und haben versucht unseren eigenen Zirkel oder unseren eigenen Kreis zu suchen. Und so harmonisch wie sich das jetzt hier anhört war das nicht immer. Und auch irgendwie Platten besprochen werden, oder auch wie man sich gegenseitig Platten vorspielt, hat dann auch mit dem eigenen Anspruch zu tun Diskurs Pop machen zu müssen. Und wenn man dann da mal nicht reinpasst, dann steht man da auch mal leicht außen vor. Also das ist jetzt nicht nur ein einziger Freundeskreis gewesen oder so.

Rocko: Ne also so... vornehmlich ging es doch um unsere private Freundschaft. Ich habe mich zum Beispiel niemals mit irgend jemanden messen müssen bei uns. Aber obwohl wir ganz unterschiedliche Sachen gemacht haben, hat sich unser beider Freundschaft nie entzündet.

Bernadette: Das finde ich jetzt auch eher eine persönliche Freundschaft als direkt auf die Musik bezogen, auf alles bezogen.

Rocko: Ich finde es total überflüssig, davon zu reden, dass wir untereinander eben, dass es da auch nicht so freundlich war, weil es war eigentlich überhaupt gar nicht, es gab doch diesen Konstrukt in diesem Sinne noch gar nicht.

Bernadette: Ich muss sagen, Frauen, Musikerinnen waren da eben noch gar nicht vertreten, und jetzt kann man das halt so grundsätzlich......ja, die Lassie Singers.

Bernadette: Da weiß ich noch, auf dieser Wohlfahrtsabschlusstour war keine einzige Frau... da war die einzige Frau Kathrin Achinger, die ich hier auch noch mal erwähnen möchte, dass ist schade, dass sie jetzt nicht dabei ist. Und da war ich auf einem Konzert in Rostock glaube ich, und da waren nur Typen auf der Bühne, und ich fand halt dieses ganze Konstrukt von dieser Tour auch sehr besserwisserisch und überheblich. Und dort haben sich halt Frauen erst mal nicht ausgedrückt. Und die einzige die das getan hat war Kathrin Achinger. Und das ist auch kein Wunder. Das sich Frauen da nicht ausgedrückt wurden, weil die wurden vielleicht gar nicht gefragt, die waren zu unsicher, es gab fast keine Musikerinnen.

Rocko: Das muss man dazu auch sagen, Bernadette. Es gab ganz strikte Versuche nicht in irgendeiner Form frauenfeindlich zu sein, aber es gab eben auch ganz wenige Musikerinnen von denen man sagen konnte. Oh wow, das ist eine ganz neue super Frauenband, mit denen muss man irgendwas machen. Es gab nicht viele zu der Zeit.

Bernadette: Ja, aber es gibt immer nicht viele, aber es hängt natürlich auch davon ab ob man die entdeckt und ob man sich zusammenschließt.

Frank: Kannst Du jetzt den Organisatoren vorwerfen, dass sie Frauen nicht dabei haben wollten? Ich glaube das sind gerade noch die Leute bei denen dass noch am ehesten nicht so ist.

Sandra: Das halte ich für eine Illusion immer davon auszugehen, nur weil Männer sich immer politisch äußern werden sie auch automatisch antisexistisch oder würden das scharf reflektieren.

Rocko: Also ich weiß genau was sie mit Überheblichkeit meint und irgendwas stimmt daran auch, weil ich habe dass ja auch so empfunden damals, und auch im Bezug auf Frauen, kann ich das total nachvollziehen, bloß, im Bezug auf das was man hier als Hamburger Schule Konstrukt bezeichnet, wo ja auch noch ne ganze Menge andere Leute eine Rolle gespielt haben, außer den Wohlfahrtsausschussleuten, dass ist ja nur ein kleiner Bestandteil, kann ich das nicht so sagen. Ich kannte irgendwie eine ganze Menge von Leuten über die ich sagen würde dass sind Leute die halte ich für am wenigsten frauenfeindlich so im Kulturgremium Hamburg.

Bernadette: Trotzdem herrschte damals eine Diskussionskultur an der Frauen nicht teilgenommen haben, ich will auch nicht nur auf das Frauending hinaus, sondern es ist eine gewisse männliche Arroganz, auch nicht zuzulassen, dass man anders diskutiert. Da wird mit Fremdwörterlexika um sich geschmissen und es gab damals im Wohlfahrtsausschluss sogar eine Gruppe von Frauen, oder Mädchen, die sich dann unabhängig vom Wohlfahrtsausschuss miteinander getroffen haben, um miteinander zu diskutieren. Weil sie sich nicht immer in dieser unterbewerteten oder nicht ernst genommenen Position fühlen wollten. Das gab es, und das gab es nicht von ungefähr. Und ich muss dazu im Gegensatz sagen, jetzt, was den Buttclub betrifft, da ist es eine ganz andere Atmosphäre. Und ich kenne ganz viele Frauen, die sagen: Ach, dass ist ja wieder der selbe Zirkel von Leuten die da intellektuell daher schwafeln und sonst nichts. Und es ist diesmal wirklich eine andere Atmosphäre. Da ist mindestens die Hälfte, wenn nicht mal drei Viertel Frauen nicht nur Musikerinnen, sondern Journalistinnen, Künstlerinnen, die Ihre Doktorarbeit über irgendwelche Themen schreiben die sie dann hier vorstellen, und es ist eine ganz anderen Diskussionsebene auf der sie stattfindet. Und das hat schon was damit zu tun, dass Hamburger Schule ein Männerzirkel war.

Rocko: Das lasse ich nicht gelten, denn ich selber, ich habe mich da auch gedisst gefühlt, und nicht teilgenommen weil ich mich genauso gefühlt habe, und ich habe mich auch nicht als Hamburger Schule Mitglied empfunden, aber das war ein Teil dessen, was man als Hamburger Schule bezeichnet der speziell so war. Und ich könnte jetzt von ganz vielen anderen sagen, die nicht teilgenommen haben, die haben sich nie so verhalten. Ich fand das speziell, ganz speziell dieser Wohlfahrtsausschuss, so krass drauf war, dass ich da auch so gedacht hatte, okay, bei denen, ähhh, bei der Meinungsschmiede die da statt findet, und bei dem Meinungswindkanal, der da am laufen ist, da halt ich meine Haare nicht rein, dass ist mir zu derbe, was da abgeht. Auch wenn das alles richtig war von der Idee her vielleicht.

Thomas: Wie hat das denn damals außerhalb funktioniert, man trifft sich? Eine normale Kneipenkultur ist ja auch da. In der hat das dann funktioniert quasi, aber sobald man dann quasi angezogen hat, und in den Wohlfahrtsausschuss reingegangen ist, da gab es dann Probleme oder wie? Ich stelle mir das eben schwierig vor, dass es eben sonst, im Alltag funktionieren soll.

Frank: Ich finde das jetzt auch ein wenig ungerecht, und zwar deshalb, weil ich denke dass dieses Projekt von dieser Tour auch ganz schön schiefgegangen ist. Es war einfach scheiße. Ich finde es sehr gefährlich, das zu betonen, weil ich es erst mal positiv finde, dass da was versucht worden ist. Okay, dass ist ein bissel eine Hippie-Haltung. Mir war das klar, ich weiß nicht welche Leute jetzt genau mitkommen... der Organisationsfluss war nicht so, wie er sein sollte, man hat im Grunde erst im letzten Moment erfahren was jetzt genau passiert. Im Grunde saßen wir im Bus und wussten auch nicht was jetzt vor Ort passiert, weil alles nicht richtig organisiert war usw. Deswegen finde ich es ein bisschen hart jetzt daran alles aufzuhängen. Natürlich war das ne Menge Scheiße.

Arne: ...worüber man jetzt nicht so Hamburger Schule. Wenn man jetzt ansetzt mit der Diskussion sich nicht drauf beziehen kann. Gut, wie Du angefangen hast, das sich immer wenn man... dass ist halt so eine Szene, Freundeskreis und von außen dann auch als Szene sieht, dass sich Leute dann auch immer so abgrenzen wollen. Das gibt dann eben dann nicht so tolle Harmonie und tolle Kollegialität. Das muss man auf jeden Fall so dabei mitsagen. Bei so Wohlfahrtsausschüssen, dass war wirklich so ein ganz spezielles Projekt was auch.....

Bernadette: Nur aus dem Projekt sind dann aber auch viele Sachen entstanden.

Sandra: Aber ich finde dass was Bernadette sagt, dass ist ja auch einfach symptomatisch, dass man sich jetzt nicht nur auf den Wohlfahrtsausschuss bezieht, man kann ja aber nicht bestreiten dass es in den letzten 10 Jahren in Hamburg nicht gerade viele Frauenbands gegeben hat. Ich glaube dass ist auch irgendwie strukturell, ich glaube dass ist so ein Grundsexismus der da enthalten ist, der insgesamt in der Gesellschaft herrscht und der auch in derartig aufgeklärten Zusammenhängen nicht überwunden ist. Nämlich Männer werden eben immer noch dazu erzogen zu handeln und Karriere zu machen, und Frauen werden immer noch dazu erzogen sich zurückzuhalten, Unauffälligkeit, und leider Gottes setzt sich das dann auch in den Beziehungen der Menschen zueinander fort. Also was sie voneinander erwarten, also Frauen müssten einfach noch viel mehr ermutigt werden und nicht entmutigt. Also ich habe dieses Gefühl immer so. Einerseits dachte ich: \"Ach, diese Hamburger Schule, oder diese Bands, hach, das ist so interessant und das ist so toll wie die da so ihre eigenen Ausdrucksformen finden.\" Und anderseits fand ich es so wahnsinnig desillusionierend und dramatisch dass es dann fast immer nur Männer waren. Das ist schon irgendwie an sich schon einschüchternd.

Thies: Aber das ist doch in der Rockmusik schon allgemein so.

Sandra: Ja, ja, klar. Oder in der Gesellschaft.

Linus: Hast Du nicht auch gesagt, dass Du mit Parole Trixi eigentlich mit dieser Plattform Hamburger Schule, oder Hamburg allgemein eigentlich dass es da immer noch ganz gut läuft von dem Support, den ihr auch von den ganzen Gruppen bekommt.

Sandra: Also gut, wir beziehen uns ja jetzt auch eher englische und amerikanische Bands. Aber ja das stimmt, ja, dass muss ich echt sagen, wir hatten da überhaupt keine Schwierigkeiten. Wir hatten da jetzt nie das Gefühl, ganz im Gegenteil, wir haben echt viel Unterstützung bekommen.

Rocko: Ich würde auch ganz derbe mal so sagen, ich kenne niemanden in dieser Hamburger Schule, der jemals probiert hätte irgendeine Frau irgendwie zurückzuhalten. Ich kenne auch seit 10 Jahren die gleiche Diskussion im Tourbus zu sitzen \"Ich halte es nicht aus, schon wieder 7 Männer, warum sind eigentlich keine Frauen dabei?\" Aber wen sollen wir den fragen, ja Bernadette.

Bernadette: Ja, ich bin ja hier schon die Vorzeigefrau.

Rocko: Ja, aber Bernadette, dass muss ich jetzt auch mal sagen, klar gibt es jetzt mehr, aber es war auch eine ganze Zeit lang so, dass was man unterstellen könnte, so ein Ausbremsen von Frauen hat es natürlich echt nie gegeben. Es gab von Dir erzählten Gründen gab es noch nicht genügend Musikerinnen weil es ein gesellschaftliches Problem war. Und da konnten wir zuallererst nichts dafür, wir haben die Reste dieser Gesellschaft als Männer immer noch in uns. Frei bin ich davon auch nicht.

Bernadette: Waldi - damit darf ich ganz kurz ein Gegenbeispiel nennen. Der hat sich immer bewusst Musikerinnen gesucht, auch welche die noch nicht so gut spielen können, und das war im auch scheißegal, weil er als Motto jetzt \"Fehler ist King\". Das hat er jetzt ja auch nicht erfunden, das trägt er ja seit 20 Jahren mit sich rum. Und das ist auch eine Offenheit gegenüber Leuten die auch nicht so gut spielen können, scheißegal, Hauptsache die Person hat da Lust zu. Man lernt da ja auch was draus. Darum geht's ja auch. Jemandem eine Chance geben. Das ist jetzt ein ganz gutes Gegenbeispiel.

Rocko: Da habe ich jetzt auch alle alleine mit den Explonents am Anfang da ging echt gar nichts. Und auch im nachhinein immer wieder, muss ich jetzt echt sagen, ich kenne auch viele, auch die Zitronen, die immer versucht haben, wenn sie es spüren, diesen Kreis aufzubrechen und zu knacken. Und da gibt es auch eine Menge anderer Bands, die ist auch wirklich überflüssig jetzt diese Diskussion. Du hast natürlich recht mit diesem Grund. Also bei uns, sehe ich das fast noch am wenigsten. Ich hätte mir gewünscht dass wäre 50:50 gewesen, aber es war zu dem Zeitpunkt einfach nicht.

Frank: Also das finde ich auch eine ganz schwierige Sache, das stimmt was du sagst, was das gesellschaftliche Fundament angeht. Da gibt es halt viel zu wenige Frauen die von sich aus was machen, und du kannst das nicht fördern, du musst aus irgendeinem Fundus schöpfen.

Bernadette: Aber ich glaub da nicht so richtig dran. Aber das Beispiel mit Walding, was ich gesagt habe das ist halt, jeden zu holen der das noch nicht kann und dem das beizubringen weil es Spaß macht, weil man sich mit der Person versteht, oder irgendwie wie wir jetzt so eine Art Netzwerk gebildet haben über ein paar Jahre, mit Flittchen Records zusammen, meiner Booking Agentur und Musikerinnen die sonst nie alleine auf Tour gehen würden, weil sie auch keine Sau kennt. Dann geht man mit denen auf Festival Tour oder man nimmt sie als Vorband mit und auf einmal kriegen die ein ganz anderes Selbstverständnis und auf einmal werden sie gefragt ob sie in anderen Bands spielen. So funktioniert das. Und nicht anders.

Thomas: Natürlich schwierig. Also im Endeffekt hätte dann so was ganz am Anfang stattfinden müssen. Aber wenn Du dann so einen Weg mit einer Band gegangen bist, dann geht's fast nicht mehr. Dann hole ich mir halt eine Frau die quasi nix kann, aber aus gewissen Gründen, und versuche das hinzubekommen. Weil das natürlich schon eine Sabotage an der Band an sich ist. Ab einem gewissen Punkt der Bandinhaber.

Bernadette: Ich will jetzt auch nicht den Sternen raten, dass ihr eine Schlagzeugerin nehmen sollt die nicht spielen kann, nur....

Frank: Ganz interessanter Fall übrigens, wir hatten ja mal einen Keyboarder, und wir hatten dann auch mal eine Keyboarderin, und das finde ich ja, ist ein typischer Job für eine Frau.

Bernadette: Ja. Da hast Du recht.

Frank: Das ist so der Quotenjob.

Sandra: Aber was denkt ihr denn, wenn man jetzt in Hamburg mal um die einschlägigen Kneipen geht, da trifft man doch ständig groovy Frauen, was ist denn mit denen?

Thomas: Also das ist eine ähnliche Diskussion wie beim Schreiben. Wo wir wirklich versucht haben so unglaublich viele Frauen ins Heft reinzubekommen. Aber ab einem gewissen Punkt geht halt nix mehr, weil Du einfach auch, Du hast nicht die Möglichkeiten, es gibt es ja einfach auch nicht. Also in der Kneipe findest Du auch viel mehr Frauen anwesend, die auch dazu gehören, welche die Hamburger Schule auslegen würden wo du denkst: Klar, die war die ganze Zeit anwesend und hat einen Bezug zu, aber....

Sandra:...die haben dann so einen Musenfunktion irgendwie.

Thomas: Beim Schreiben ärgert es mich auch oft dass da nicht mehr kommt, aber...

Frank: ... also das ist ein Aufruf.

Sandra: Ich meine wir jetzt als neue Band wir sind ja auch mit viel Respekt behandelt worden und toll unterstützt worden, dass stimmt schon.

Frank: Aber Bernadette hat auch recht wenn sie so einen Avantgardefunktion einfordert. Da denke ich auch drüber nach. Man muss eigentlich mehr tun als bisher getan worden ist. Jetzt wo man die Probleme erkannt hat.

Sandra: Also ich war echt schockiert als ich dieses Plakat letztens gesehen habe \"Hamburg muss bunt bleiben\", dann stehen da wieder so fünf Männerbands und dann heißt das ja \"Hamburg muss männlich dominiert bleiben\", weiß nicht, vielleicht hat das auch mit der Struktur dieser Stadt zu tun, weil in Berlin ist es ja zum Beispiel nicht so. Ich glaube Hamburg ist auch eine sehr patriarchalische Stadt. Mit Hafen und Handel und das alles. Irgendwie kann ich es nicht so richtig erklären, aber das ist so raues Klima.

Rocko: Ich habe ja das Gefühl dass das grundsätzlich was mit der Organisation von Jungs und Mädchen, und später Männern und Frauen untereinander zu tun hat, also quasi so, wenn Du anfängst Musik zu machen, wie so normale Jungs zur Bundeswehr gehen, und dann fängst Du halt so als Punkt an Musik zu machen, und dann sagst Du Deinem Kumpel auch Bescheid \"hier mach mal mit\". Das liegt dann irgendwie eher näher als irgendwie... Und die Frauen, also da wo ich herkomme, da war dass so, dass natürlich die Typen zusammengehangen haben und die Frauen, und dann hat man sich eben ein Freund oder eine Freundin gesucht. Wir waren natürlich nicht beim Bund. Ich glaube, das ist so was wie eine ganz frühe Trennung. Ich als Vater darf das glücklicherweise ganz früh beobachten, wie sich Kinder untereinander verhalten, und wie Jungs und Mädchen zusammen spielen, und mit was sie spielen, und du kennst diese ganze Diskussion und Argumentation, Jungs mit Waffen, und Mädchen mit Puppen und so und ich bin natürlich einer der wenigen der versucht das anders zu machen. Das hat natürlich gar nicht funktioniert, ich weiß nicht warum, aber es hat eben nicht funktioniert. Ich habe meiner Tochter die ganze Zeit versucht Waffen aufzudrücken. Sie hat sie nicht genommen. Nun weiß ich auch nicht warum.

Frank: Gerade deswegen, das ist ganz allgemeintypisch für Pädagogen, die versuchen immer alles anders zu machen. Aber egal.

Sandra: Das ist auch irgendwie so. Ich glaube Frauen haben auch ein größeres Problem mit so Konkurrenzsituationen als Männer. Bei Männern ist dieses Konkurrenzding auch selbstverständlicher.

Thomas: Also ganz spannend finde ich auch. Zum Beispiel bei Stella, wo man gesehen hat das dreht sich quasi um. Wo Elena die politische in der Band war und dann auch immer vorgedrungen ist. (....) Das beim Wohlfahrtsausschuss so vielen nicht zugetraut wurde. Und im Moment wo es stattfindet ist es auch gar nicht erwünscht gewesen. Das ist hier aber auch nicht der Fall.

Sandra: Was war nicht der Fall?

Thomas: Ja, jetzt hier in Hamburg, das man nicht zu Wort kam, obwohl man wollte, sondern dass es quasi....

Thies:... im Grunde ist es schon so, wenn irgendwann mal eine Frau auftaucht die eine Stimme hat, dann ist es schon so dass die relativ, dass sie es nicht so schwer hat Aufmerksamkeit zu erlangen, über so einen kurzfristigen Hype hinaus, über einen Szenehype hinaus aufrecht zu erhalten, das ist glaube ich gar nicht so einfach. Ich glaube schon das solche Mechanismen dann, wie gesagt, man ist halt nicht frei davon. Von Erziehungs- und so sozialen Systemen in denen man dann halt das Prinzip

Sandra: Dein Umgang mit Musik hat der sich verändert, dadurch, dass du mit Frauen in Bands bist?

Thies: Elena hat ja schon immer sehr vehement auf bestimmte Sachen hingewiesen, die sie so gestört haben und ich habe dann auch einige Aha-Erlebnisse dabei gehabt. Zum Beispiel wie Techniker mit ihr umgesprungen sind. Und welche Mechanismen da immer noch nicht totzukriegen sind - obwohl ich da auch sagen muss, sie ist natürlich eine Person, die ja bewusst auch provoziert. Was ich aber richtig fand, selbst wenn das für mich auch oft übers Ziel hinausging. Aber so drüberzupreschen, das tun ja alle, die irgendwas wollen.

Sandra: So was wird bei Frauen mehr wahrgenommen.

Thomas: Da müssen wir den Punkt aber auch mal cutten, so wichtig er mir auch nicht ist. Kann jetzt jeder mal was sagen, zu dem Status Quo, wo er gerade steht. Und inwieweit jeder seine Entwicklung als stringent empfindet, oder ob's da Punkte gibt, wo es schwierig gelaufen ist.

Bernadette: Ich finde es eher wichtig, was kann man noch fordern? Was kann man voneinander lernen?

Linus: Die meisten von euch bringen ja gerade auch nach einer Pause von ein paar Jahren wieder Platten raus. Uns geht es darum, wie ihr jetzt so den Status Quo, den Moment gerade seht. Nach so was wie 10 Jahren, Anfang der Neunziger ging das Ganze ja zum ersten mal so richtig durch die Decke. Und jetzt eben: gibt es noch Vernetzungen oder gar nichts mehr?

Bernadette: Das muss jeder selbst sagen.

Frank: Ich denke, der Boom hat eher vor fünf als vor zehn Jahren stattgefunden. Vor zehn Jahren hat's gebrodelt. Und vor fünf Jahren hätte man dann schon gesagt, eigentlich ist es vorbei. Ist nichts neues mehr. Ist super, dass es das gibt, alle kennengelernt zu haben - und das ist für mich das wichtigste gewesen: man empfindet das als Rückhalt. Also nicht wie in einem Elfenbeinturm, sondern alle künstlerischen Ideen mit anderen Leuten austesten zu können, diskutieren zu können. Ich hab das immer als sehr angenehm empfunden.

Linus: Also war alles vor fünf Jahren genauso wie jetzt? Keine Veränderung?

Frank: Nein, das hat sich natürlich geändert. Ich würde mal ganz diffus so sagen, dass von da an alle ihren eigenen Weg gegangen sind. Da ändern sich Schwerpunkte, man hat mit dem einen oder anderen mehr oder weniger zu tun. Das hat mehr mit den individuellen Lebensläufen zu tun. Das kann man jetzt nicht mehr so gut vermarkten.

Thies: Aber es gab trotzdem so'ne Wahrnehmung von dem Ding. Als ich nach Hamburg kam, so 91, 92 da hatte man schon das Gefühl, dass dort was am Laufen war. Ich habe damals ja auch noch Konzerte gebucht und da hast du so Leute angerufen, die hatten einfach noch gar keinen Begriff davon - auch wenn du ihnen die Musik schon geschickt hattest, ‚ach ja, du hast diese Deutschrock-Platte hier vorbeigesandt'. Dann vier fünf Jahre später hat sich das zu einer Marktnische ausgebreitet und das bekommt dann so eine Relevanz, das ist die eine Seite. Und das es sich auch verjüngt im Bezug auf bestimmte Bands, die letztlich in der Wahrnehmung dann übrigbleiben.

Arne: Wie wir jetzt.

Thies: Zum Beispiel. Oder die auch Sterne.

Arne: Bei uns war das ja auch so'n klassisches Moment von \"sich ins gemachte Nest setzen\".

Thies: Neu in der Hamburger Schule, nicht wahr?

Arne: Ja, dieses von außen kommen, aber dann für die Leute mit 'nur langen Leitung, die das gerade erst kapieren und dann kommt man als neue Band und bekommt dann alles ab. Den Deckel vor allem. Für uns war das da eigentlich schon kein Thema mehr, sondern eher etwas problematisch.

Thies: Wir sind das natürlich alle schon mal gefragt worden in Interviews, wie das ist mit der Hamburger Schule.

Frank: Ich nicht

Bernadette: Ich auch nicht.

Thies: Bei Stella-Interviews haben wir immer so gesagt, finden wir gut. Das war dann aber schon so post-. Aber es gibt ja auch eine gewisse soziale Komponente an dem Ganzen und die ist nach wie vor immer vorhanden - zumindest das haben wir immer behauptet in Interviews. Das war dann auch so'ne Strategie. Das war 96. Intern oder unter uns hat man dann vielleicht schon oft gesagt, eigentlich ist das ja gar nicht mehr so vorhanden. Zumindest das, wo der Begriff angesetzt hat.

Rocko: Ja, gut das war's

Linus: Kann mir denn jemand noch mal beschreiben, wie man das im jetzt empfindet.

Rocko: Es gibt es einfach nicht mehr, was ihr da wollt. Und das, was es als Hamburger Schule mal gab, ist insofern zersplittert. Als dass die Freundschaftskreise sich auseinanderbewegt haben...

Arne: ... zu Feinden geworden sind.

Rocko: zu derben Feinden geworden sind. Nein, es gibt Verlagerungen. Einige sind in ihren Zirkeln enger zusammengewachsen, andere sind ganz woanders hingegangen: Eigentlich ist es also einfacher, über die Hamburger Musikszene zu reden als über so was wie die Hamburger Schule. Weil diese Musikszene im Gegensatz zu dem andern Ding noch lebt.

Thomas: Es geht uns ja sicher nicht darum, den Begriff die ganze Zeit durchzuschleifen.

Rocko: Aber wir reden gerade über den Begriff, also über etwas totes. Aber wir tun das in einer Stadt, die immer noch eine der besten Musikszenen überhaupt hat in diesem Lande. Und die noch genauso agil ist, wie vor zehn Jahren. Nur vor zehn Jahren gab es diese Vorzeichen, da gab es die Presse, die gesehen hat, da kommt was, da gehen wir hin - und jetzt passiert genauso viel...

Arne: ...wenn nicht sogar mehr.

Thomas: Aber früher war es ja noch mehr, dass sich alles auch auf spezielle Netzwerke konzentriert hatte - also so was wie L'age D'or. Wobei das ja im Gegensatz zu den Bands diesen Mittelpunktstatus verloren hat. Also nicht mehr derart zentral ist für alle.

Linus: Wo ja auch auffällt, dass kaum einer von euch gerade bei Lado veröffentlicht.

Rocko: Aber da gibt es natürlich die anderen Zellen, die nachgewachsen sind, wie Yo Mama oder Buback usw. und die die Punkte übernommen haben. Generationsverlagerung, Reifeverlagerung bei uns allen. Wenn man in die Runde reinfragt, würde ich sagen, liegt das auch daran, dass wir zum Teil alle Familien haben. Und auf einmal die Möglichkeit, die wir früher hatten, jede Nacht irgendwo abzuhängen und uns zu treffen, woraus dann die Hamburger Schule wurde, gar nicht mehr haben. Somit sind die Kombination komplett andere. Was ich entscheidend finde, was Arne gerade eingeworfen hat, dass in der, ja, Hamburger Szene, will ich jetzt mal sagen, soviel mehr los ist, als zu der Zeit, als man sagte, das ist jetzt das Ding. Das hat sich von dem, was passiert quasi verzehnfacht. Und das lebt total. Und wir haben hier ja eher schon die zweite Depression. Hamburger Schule ist vorbei und deutscher HipHop ist vorbei, ist gerade abgestorben. Und trotzdem geht enorm viel und man kriegt enorm viel neue Sachen mit.

Arne: Es wird immer besser.

Sandra: Was ich gut finde, dass es in Hamburg immer noch Antwort-Platten gibt, also dieses typische HipHop-Prinzip, aufeinander zu reagieren, ist auch bei den, na, Gitarrenbands immer noch sehr ausgeprägt. Sich aufeinander beziehen.

Thies: Ist das noch so stark?

Rocko: Es klang früher, das kann man doch sagen, auf jeden Fall alles sehr viel ähnlicher.

Frank: Ich wollte aber auf was anderes hinaus. Dass hier eine andere Lockerheit herrscht, wenn man so vergleicht in Deutschland, dann gibt es in Hamburg so eine Entspanntheit zum eigenen Werk. Nicht so verbissen, also dass man selbst sogar Witze drüber machen kann. Und dadurch dann eben auch einfach auf andere Platten reagiert in aller Relaxtheit - also dass man sich ernst aber nicht zu wichtig nimmt. Wobei ich nicht so wichtig finde, dass immer zitiert wird, sondern dass so dieses Grundgefühl da ist.

Sandra: Ich habe immer das Gefühl, dass man hier immer noch der Gestus von was-verändern herrscht. Und da finde ich gut, dass hier immer alles auf seine Art sehr unzynisch ist und die Leute hier nie ankommen mit Fragen wie, ‚wieso wollte ihr überhaupt was ändern, ist doch alles gut, wie es ist?'

Frank: Also dass es hier noch Leute gibt, die die Welt verbessern wollen. So'n fünfziger, sechziger Jahre Antrieb. ‚Ihr wollt also die Welt verbessern mit euren langen Haaren. Was wollt ihr denn eigentlich besser machen? Zeigt das doch mal. In zehn Jahren spätestens seid ihr auch da, wo wir jetzt sind.

Linus: Also dass es noch einen Idealismus gibt?

Thies: Unzynisch finde ich dafür aber irgendwie das bessere Wort. Idealismus kann man sicher gedämpft auch sagen, weil es in vielen praktischen Dingen äußert. Wenn ich da ganz einfach an die Räumlichkeiten denke - da wo wir und auch die Sterne proben. Da hat man so eine halbe Etage, wo dann fünf bis zehn Bands proben und Platten machen. Da ergeben sich dann auch immer neue Kollaborationen. Das passiert aber im Grunde herzlich beiläufig. Wahrscheinlich ist dann auch mit entspannt gemeint.

Frank: Ne, ich meine tatsächlich den Umgang mit der eigenen Musik dabei. Den Umgang zwischen uns finde ich sowieso sehr entspannt. Ist ja nicht so, dass wir lauschen und uns fragen, was machen Stella denn jetzt gerade - und wenn die auf die Charts zielen, dann machen wir das auch nächstes Jahr. Also es ist kein Konkurrenzgedanke, sondern auf der Ebene lässig wie nirgends sonst. Aber was ich bei dieser Zitiererei, die es mal gab - dieses modische vom HipHop, andere Bands zu erwähnen und drauf zu reagieren, vielleicht sogar so'n bisschen Gossip anzuleiern darüber, dahinter steht eine gewisse Lässigkeit. Sich nicht was von seinem Stolz zu nehmen, wenn man gerade nicht das Jahrhundertwerk abliefert, sondern sich auf sein Drumherum und das hier & jetzt zu beziehen. Das ist alles so ohne Stock im Arsch.

Thies: Also wenn ich aber für mich spreche, ich bin nicht sonderlich entspannt, im bezug auf das, was ich tue. Ich will schon immer, dass es perfekt wird und mach mich auch tot, bis es soweit ist.

Frank: Klar, wir können hier ja nie für alle sprechen...

Bernadette: Mir ist das aber trotzdem schon zu gleichmacherisch, was hier gesagt wird.

Rocko: Dann mach's doch endlich mal kaputt, verdammt noch mal.

Bernadette: Ich mach's ja auch jetzt kaputt. Es ist halt echt schwierig, jetzt was zu sagen, was vielleicht wieder allgemeingültig verstanden werden kann, aber ich finde schon auch, dass man merkt, dass viele aus dieser Hamburger Musikszene auch mit der Musik für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen. Und irgendwie auch Musik machen, weil da ein gewisser Zwang dahintersteht, noch ne Platte, noch ne Platte rauszubringen und man ist halt bei einer großen Firma und dieser Zwang, engt da auch einiges schon ein - das möchte ich nur mal in den Raum stellen. Weil wie man sich jetzt untereinander austauscht, klar, und das man mal bei dem anderen mit im Studio mitwirkt, auch klar. Aber die grundsätzliche Frage, ob es wirklich um was geht, die wird mir hier zu wenig gestellt. Und ich kann von mir sagen - das möchte ich jetzt aber auch nicht gegen andere ausspielen - dass ich noch mal von vorne anfangen musste ohne große Firma im Rücken. Und mich noch mal auf das besinnen musste, worum es eigentlich geht bei der Musik und auch z.B. Netzwerke zu schaffen. Ich habe ja bei Whatssofunnyabout gearbeitet und zu sehen, worum geht's den anderen Musikern und wie ist strukturiert, gibt es noch einen Indie-Status, kann man dort mehr erreichen als bei einer Major-Firma und auch selbst Netzwerke zu schaffen - z.B. für Frauenbands, mit meiner Booking-Agentur, Flittchen Records oder Parole Trixi - in dem Zusammenhang werden sich doch noch mal andere Fragen gestellt, das wirkt sich dann doch auch anders auf die Musik aus. Oder auf das, was man sonst so macht. Und da frage ich mich schon, ob das bei euch doch anders ist.

Frank: Was meinst du mit anders?

Thies: Wen meinst du damit?

Bernadette: Ich guck jetzt euch vier an. Sandra nicht, die macht gerade erst ihre erste Platte. Ich will das nur mal in Frage stellen - dieses entspannte sich austauschen - das geht mir manchmal einfach um zu wenig.

Thies: Geht es darum, dass man auf zuwenig außerhalb von ästhetischen Sachen verweist.

Bernadette: Und sich zu sehr daran misst, dass man wieder eine Platte beim Major macht und die sich auch wieder verkaufen muss. Und der Zug, der rollt und rollt.

Sandra: Die Frage ist doch, inwieweit die Ökonomie einen Einfluss auf die Musik hat.

Frank: Die Ökonomie, das ist einfach meine Erfahrung, betrifft Indie-Labels noch mehr als Major. Je mehr Geld da ist, um so mehr hast du noch ein Puffer zur Ökonomie. Meine Erfahrung, ich habe ja selbst ein Indie-Label gemacht, selbst Platten rausgebracht, auf eigenes Risiko. Meine Erfahrung, wenn du'n bisschen zuviel Geld ausgibst, dann ist es halt weg. Und du musst sehen, wo es wieder reinkommt. Ich will nicht sagen, dass man deshalb zum Major-Label gehen muss. Aber das ist so das Ding Mikro/Makro-Kosmos. Der ökonomische Druck ist immer da, dem kann man sich nicht entziehen. Es muss zum künstlerischen Modell passen.

Bernadette: Ja, klar, es muss zum, künstlerischen Modell passen. Mein Problem ist nur, wenn man immer auf diesem rollenden Zug sitzt. Dem man auch gefallen muss, zum Beispiel, um auch den Vertrag zu behalten - ist nicht eine künstlerische Einschränkung. Mal so'ne ganz alte Indie-Frage.

Rocko: Das geht aber jetzt nur an die Sterne und Tocotronic.

Bernadette: Nö, das geht an alle.

Rocko: Wieso, ich mach gerade mal eine Platte - wahrscheinlich nur vorübergehend - bei einem Major-Label.

Thies: Ich mache gerade eine Platte mit den Chicks On Speed.

Frank: Ach jetzt muss man sich schon wieder verteidigen. Arne, jetzt sag du doch mal was.

Bernadette: Ich greif doch jetzt nicht alle an.

Thies: Also ich lebe von Remixen im Moment. Ich bin an niemand gebunden. Ich muss an niemand irgendwas abliefern. Ich habe allerdings auch nicht diesen Puffer. Das ist halt meine Strategie, in viele Richtungen so weiterzugehen. Was mich interessiert, und wo ich dahin gehen kann. Und da haben sich die unterschiedlichsten Stränge ergeben, die alle momentan sehr aktiv sind, was mein Glück ist momentan. Von daher. Ich arbeite oft genug mit Leuten, die ich mag, an Platten, die ich machen will, für ganz wenig Geld - ohne dass da jetzt Verträge mich zu was zwängen.

Thomas: Das hatte ich auch eben so rausgelesen. Dass es darauf hinzielt, dass sich die Perspektive verschiebt in den Jahren und man früher viel mehr andere Sachen gemacht hat wo kein Geld reinkommt und die auch mal gar nichts mit Musik zu tun hatten und man sagte, okay, das ist mir jetzt mehr wichtig und das ist natürlich im Lauf der Zeit, wenn der ökonomische Druck oder man sich auch gewöhnt hat an gewisse Szenarien, dass das dann halt nach vorne rückt und das andere leider viel zu sehr nach hinten. Und man so das Gefühl bekam oft, das politische spielte eine kleinere Rolle bei alledem. Wo natürlich dann bei einer Blumfeld-Platte verstärkt wieder so eine Handlungsnotwendigkeit diskutiert wurde.

Frank: Man darf sich aber nicht so viel über Strukturen unterhalten. Das ist zwar wichtig, aber wenn darüber hinaus nichts inhaltliches kommt.

Sandra: Aber das kann man doch mal sagen, dass es sich auf die Platte auswirkt, ob du während du sie aufnimmst, weißt, wovon du leben sollst oder nicht.

Frank: Diese Diskussion aber, muss ich ehrlich sagen, langweilt mich. Find ich nicht mehr interessant. Habe ich die ganzen Achtziger Jahre lang geführt.

Bernadette: Ich find's aber insofern interessant, dass doch unterschiedliche Sachen rauskommen letztlich. Da gibt es Leute, die ihre erste Platte rausbringen, mit dem dringenden Bedürfnis, was zu sagen - ohne das Gefühl zu haben, ich kann davon sowieso leben. Oder du bringst die 10. Platte raus und alles ist geregelt.

Thies: Das stimmt doch aber nicht. Wenn du eine Scheiß-Platte rausbringst, kannst du egal wo, mit der nächsten Platte nicht mehr davon leben. Die Dringlichkeit besteht immer.

Bernadette: Sollte immer bestehen, ja.

Frank: Ach, ich finde auch eine Johnny-Cash-Platte ohne jede Dringlichkeit schön. In meinem Alter.

Thies: Ne andere Frage ist doch viel mehr, was denn stattfindet, was sich noch an gesellschaftlichen Utopien abarbeitet oder daran, wo man eben noch hinwill. Da kommt man auch zur Frage, wie viele Frauen gibt es in der Hamburger Szene, oder gab es in der Hamburger Schule. Du hast in den letzten Jahren einfach allgemein so ein Wegbrechen politischer Alternativen verfolgen können. Jetzt in Hamburg tut sich wieder ein bisschen was.

Frank: Im Zuge der Schill-Depression.

Thies: Aber man hat einfach nicht mehr das Gefühl, dass es so eine große Konsensfähigkeit gibt. Oder das sind auch Fragen, die ganz am Anfang im Butt-Club diskutiert wurden, ob diese Konsensfähigkeit nicht auch ne Illusion war die ganzen Achtziger durch.

Bernadette: Es muss doch auch kein Konsens da sein, der Meinung bin ich gar nicht.

Thies: Eine gemeinsame Perspektive muss sehr wohl da sein, um politisch zusammenzuarbeiten. Bis zu einem gewissen Grad mindestens.

Bernadette: Daran glaub ich auch. Aber da kommen wir eben wieder auf diese Gleichmacherei: seit Genua gibt es eine neue politische Bewegung - und das ist irgendwie auch Quatsch.

Thies: Das ist für mich der Ausdruck auf dieses totale Wegbrechen, das ist diese diffuse Gegenbewegung, die da jetzt entstanden ist und sich aus dem unterschiedlichsten Motivationen speist. Was ich sagen will, wir sind alle Teil von gesellschaftlichen Prozessen - und das, was hier in unseren Kreisen passiert, ist ja jetzt nicht unabhängig davon und die Frage, auf was wird eigentlich noch politisch verwiesen, muss man im Zusammenhang sehen, was politisch und gesellschaftlich so passiert. Deswegen ist es, wenn man das in die Runde richtet, auch eine Frage, wie wird das in der Gesellschaft aufgenommen und wie positioniert man sich dazu. Und dann eben auch, wie geht es weiter?

Linus: Kann man da die Blumfeld-Platte letztes Jahr als Zäsur sehen - weil da ja in einer ungewohnten Explizitheit plötzlich wieder Forderungen aufgebracht wurden.

Rocko: Das gab es aber auch schon vorher. Tendenzen wie den Butt-Club oder so.

Bernadette: Zur Blumfeld-Platte - klar ist die politisch und Jan Delay hat auch so eine gemacht. Alles in einem Jahr. Aber bei der Blumfeld-Platte ist es aber doch eher depressiver politischer Aktionismus. Es ist halt eher negativ. Für mich ist es wichtiger, an eine positive Sache zu glauben. Das hat auch was mit dem Alter zu tun. Wo geht das alles hin. Und dieser Negativismus der Blumfeld ist für mich nicht wirklich politisch, weil das in der Angst so stagniert. Wäre jetzt meine Kritik an der Platte.

Thies: Also auf der Blumfeld und auf der Jan Delay - das sind ja schon so politische Statements. So abgekoppelte, symbolische Handlungen, die nicht direkt in Prozessen stehen. Also Menschen, die da sitzen und die das einfach ankotzt, und dann machen die so'ne Platte. Oder ist das nicht so?

Rocko: Abgekoppelt finde ich auch nicht richtig. Weil diese Gespräche vermehrt seit drei vier Jahren stattfinden und überall Versuche stattfinden, wie kann man sich organisieren von dem Butt-Club, dem Goldenen Engel, der Mission usw. Und der Handlungsbedarf findet jetzt seinen Ausdruck da drinnen in dem Song, in der Platte oder der Organisation. Abkoppeln kann sich das niemals. Es findet seine Worte endlich wieder nach all den Jahren. Es gibt die Möglichkeit aber eben auch wegen New York oder Genua, dass man seine Worte wieder zusammenpacken kann.

Thies: Abgekoppelt aber insofern, dass niemand das im Zusammenhang mit den Ereignissen, die du genannt hast, wahrnimmst. Außer vielleicht in Hamburg.

Bernadette: Doch. Auf Demos werden Blumfeld und Jan Delay beide gespielt. Übrigens auch von dir [Rocko] \"Wehr Dich gegen Staat\".

Rocko: Das war auch meine Konzept-Idee. Ein Demo-Song!

Arne: Gratulation.

Rocko: Das war mein Slime-Traum. Habe ich nicht gewusst. Ist das schön!

Frank: Da kann man jetzt natürlich ablesen, wer hier auf Demos geht und wer nicht.

Rocko: Einer muss halt den Sound machen, die anderen müssen hingehen.

Sandra: Ich finde auf jeden fall gut, dass Bernadette sagt, es muss irgendwie noch positiv sein. Und man nicht so das Gefühl vermittelt bekommt, man kann eh nichts mehr verändern.

Bernadette: Hat das nicht doch was mit dem Älterwerden zu tun? Also dann Testament der Angst zu sagen und nicht, hier geht's noch mal los?

Thies: Es gibt doch diesen politischen Backclash in er Kunst und in der Gesellschaft haben wir nun mal einen Rechtsruck hier, der ziemlich tief geht. Da kannst du schon mal pessimistisch werden. Und das hat echt nichts mit deinem verfickten Alter zu tun.

Arne: Das hat schon beides seine Berechtigung.

Bernadette: Ich will Blumfeld da nichts unterstellen, aber Angst ist in den Medien so ein Thema gewesen im letzten Jahr...

Frank: Aber genau das sagt das Stück doch auch. Das ist eine Abrechnung mit der Angst.

Thies: Das ist ja auch so ein komisches virtuelles Bild, dass die Straßen nicht mehr sich sind in Deutschland - das ist ein Witz. Geh mal irgendwo anders hin. Die Straßen sind sicher.

Rocko: Es geht aber bei dem Thema auch um ein schwieriges Problem: Erfolg und gleichzeitig politische Haltung behalten können - und das finde ich das schwierigste Thema an sich. Was es im Pop-Zirkus zu diskutieren gibt. Gerade am Beispiel Blumfeld. Wie soll man als jemand, der quasi im Markt sich berechnen muss und auch etwas machen muss, was den eigenen Staus hält, trotzdem in einer Diskussion verweilen können, die wenn man so will, provokant ist oder voran bringt oder aber gleichzeitig niemanden z.B. sein Publikum zu verprellen. Das ist ja ein ganz doofes Rechenspiel, was ich mir am allerehesten bei euch beiden auch so vorstellen kann [Arne und Frank]. Damit will ich sagen, dass ich mit dem Problem ‚Erfolg' in den letzten sechs Jahren weit weniger konfrontiert war. Ich finde, dass ist ein Thema das immer so verschwiegen wird. Man darf nie über Erfolg reden oder Nicht-Erfolg. Aber mal das Thema bewusst zur Disposition stellen - also, kann ich mich Erfolg verweigern, weil ich das vielleicht gar nicht will. Und es in frage stelle als Modell einer Gesellschaft. Was ich also abstoßend finde, wenn eine Gesellschaft so funktioniert. Und ich will das so für mich nicht oder ich kann zumindest nicht mitmachen, selbst wenn ich wollte.

Frank: Fischmob fällt mir da ein als Paradebeispiel dafür Erfolg zu haben und gleichzeitig zu demonstrieren, dass man das nicht wollte. Gerade die letzte Fischmob-Platte mit der letzten Single. Noch mal voll fett. Aber es war klar, es ein Statement gegen dieses Denken.

Rocko: War es das?

Frank: Ich hab's so empfunden.

Rocko: Also, ich glaube, es war ein Versuch erfolgreich zu sein. Was ja überhaupt nichts schlechtes heißen soll. Es sollte ‚ne Hit-Single sein... Kann man wenn man erfolgreich geworden ist in einem Bereich, kann man seine Haltung weiter so vertreten, wie man das als man losgegangen ist, und weshalb man auch erfolgreich geworden ist. Oder ist es nicht in dem Moment sofort hinfällig, weil man sich selbst überholt hat, wenn man Erfolg hat.

Frank: Kommt drauf an, was man vertritt. Wenn ich angetreten wäre Anfang der 90er mit Grundsätzen, die dem widersprechen, was ich heute mache, hätte ich ein Problem. Das ginge einfach nicht. So was mir da in denn Sinn kommt, wer nie mit einer großen Firma zusammen arbeiten würde und sich von der kommerziellen Idee des Erfolges nicht korrumpieren lässt, ist ja Jens Rachut. Das bewundere ich über alles - aber man kennt auch die Grenzen. Jeder baut sich in der Beziehung eben seinen Entwurf. Für mich gilt das und ich weiß nicht inwieweit für Tocotronic auch, dass es Anfang der 90 ganz wichtig, dass wir durch unseren Erfolg auch eine Plattform schaffen auch für andere Bands. Und damit Strukturen aufzubauen.

Rocko: Aber stimmt das?

Frank: Also wir haben diesen Laden, L'age D'or, eine ganze Zeit lang finanziert. Mit dem Bewusstsein sind wir dann auch mit L'age D'or die Kooperation mit der großen Firma eingegangen. Der Polydor-Vertriebs-Deal mit L'age D'or. Da wurde das groß diskutiert. Und wir waren eine der Bands, die gesagt hatten, wir müssen das sogar machen, damit der Laden weiterläuft. Aber das wollten wir. Wir wollten Strukturen schaffen. Deswegen war ich vorhin so'n bisschen pampig. Ganz so leicht ist uns das alles nicht gefallen. Die Überlegung, die dahinter steckt, ist, wir müssen uns außerhalb von so einem Mythos definieren und das, was wir da tun, letztendlich selbst vertreten. Denn auf Dauer kann das nicht funktionieren. Denn wir müssen für die Sterne eine Plattform haben, die inhaltlich und wirtschaftlich kongruent ist.

Thies: Im Grunde ist das auch ne Antwort auf die Frage, die Rocko gestellt hat, denn sobald du einen gewissen Erfolg hast, bist du ja auch kein unbeschriebenes Blatt mehr. Du hast ein Bild in der Welt. Und zudem verhältst du dich dann auch und arbeitest weiter daran. Das ist doch ganz normal. Ich würde nicht sagen, dass du in den Erfolg hineinproduzieren musst.

Rocko: Das ist doch das Problem. Wenn jemand - zum Beispiel in der Kunstszene beobachte ich das oft - erst auf die Barrikaden gestiegen bist und dann plötzlich für ein Bild 20.000 Euro bekommst und damit voll in das Establishment und in den Erfolg einsteigen, dass diese Leute dann unheimliche Formulierungsschwierigkeiten bekommen, so was wie Feindbilder zu definieren. Weil Feindbilder gibt es ja noch, aber sie sind ja selbst dazu geworden. Bei Musikern gibt es das natürlich viel seltener. Wer wird schon zu einem Herbert Grönemeyer? Das gibt's nur alle fünfzehn Jahre mal. Trotzdem ist das Problem aber auch da vorhanden, finde ich.

Bernadette: Aber wir reden hier die ganze Zeit vom Erfolg und wann und wie man drüber ist. Aber zum Beispiel Sandra hat ihr erste Platte gerade auf einem Super-Indie veröffentlicht.

Rocko: Allerdings.

Sandra: Ich find's halt immer noch gut, dass es solche Labels gibt, die solche Indie-Instutionen auch sind und wo eine ganze Geschichte dranhängt. Und das ist natürlich eine gute Plattform und auch eine Herausforderung, da dann selbst noch mal Forderungen zu stellen. Klar, ist das bei der ersten Platte natürlich so, dass man ohnehin nichts Selbstreferentielles anbringen kann. Das ist natürlich die Basis auf der man sich auch gut neu entwerfen kann. Ist ja nichts zu verlieren.

Thies: In dem Sinne empfinde ich es als Gewinn für mich, dass ich für nichts so fest geschrieben wurde. Ich kann zwischen den Welten changieren. Für mich ist so'ne Situation herrlich, dass ich Freitag Abend mit Superpunk in der Flora spiele und am nächsten Tag nach Stammheim fahre und die spielen in so'nem Club ein Stück von mir und die Leute drehen dazu durch und man tanzt selbst dazu mit. Dieses crossovern - wenn man sich diese Perspektive öffnen kann...

Frank: Das kann aber nicht jeder.

Thies: Tschuldigung. So war das nicht gemeint.

Frank: Von mir auch nicht.

Thies: Ich will ja nur sagen, man hat es selbst in der Hand, in welche Richtung man sich umsieht. Und wo man sich einbringt.

Frank: Aber das ist natürlich der strukturelle Vorteil dieser Arbeitsweise des Remixens. Du kannst verschiedenste Identitäten annehmen, auf verschiedenen Parties zu deinen Songs mittanzen und musst das nicht so auf einer Ebene alles ausleben wie bei einer Rockband.

Thies: Das ist aber doch ein interessanter Anknüpfungspunkt. 92 haben alle immer davon geredet, das Autorensubjekt muss verschwinden. Da ist ja nichts mehr von übrig geblieben. Diese ganze philosophische Komponente, die ganzen hippen Franzosen, das wird nicht mehr in betracht gezogen.

Sandra: Weil es einfach nicht so geil ist.

Thomas: Was du aber meintest. Es ist im Zuge von so was wie Erfolg auch so, dass man immer mehr mit Dingen beschäftigt ist, andere Sachen zu machen. Also bei uns sehe ich das daran, dass wir soviel in Meetings sind. Hat das noch was damit zu tun, warum ich vor zehn Jahren angefangen habe.

Rocko: Da kommt man doch dahin, dass wir alle wie wir hier sitzen, alle unter zweierlei Aspekten auf den Plan getreten sind. Und zwar einmal als Flüchtende, Platzsuchende und Verweigerer und zweitens als Schollenbauern. Was eigentlich das gleiche ist. Also der Gedanke war, das ist alles totaler Mist, was da gemacht wird. Wir brauchen Freiräume. Erst mal zusammen und dann jeder für sich selbst und dann stellt sich eben die Frage, wenn man eben erfolgreich wird, inwiefern schafft man dann noch Verweigerungstaktiker bleiben zu können oder inwiefern wird a) >Verweigerung zur Farce oder b) kann man sich überhaupt noch verweigern. Wenn man die Frage nach Erfolg stellt, muss es auch die Frage geben, können wir uns überhaupt noch verweigern. Also das ist die Klammer bei uns. Auch vielleicht noch bei euch Schreibern. Dass man immer noch sich kennt, wie man von außen daher gegangen ist, und gesagt hat, so geht's nicht und freie Kleinsträume schaffen wollte. Und sind die jetzt noch da? Und inwiefern kann man sie halten, wenn wir älter werden mit unseren Projekten. Also mir geht es so, ich versuche, mir immer noch kleinere Parzellen zu suchen, um mich mitunter noch gegen befreundete Projekte verwehren kann. Das ist dann man ganz privater Raum, der wirklich mir alleine gehört. Und das wird immer kleiner, immer verschwindender, weil man ja auch immer feiner wird in seiner Wahrnehmung. Und immer mehr merkt, die Hand kannst du auf dem Foto nicht so halten, das hat der und der schon so gemacht. Also das ist für mich ganz entscheidend. Verweigerndes Schollenbauerntum, mittlerweile ist man aber doch auf einer riesigen Wiese gelandet und mäht das selbe Gras wie alle anderen.

Frank: Was ich am erschreckendsten empfunden habe, ist in dem Zusammenhang dieser Paradigmenwechsel gewesen. Also dass man da antrat und Musik auf deutsch gemacht hat und keiner wollte das hören, alle fanden das total abwegig, dieses Deutschrock-Ding, was nicht zu benennen war und innerhalb von zwei Jahren sich alles so veränderte, dass plötzlich Leute kamen und vorwurfsvoll sagten, ihr dominiert doch jetzt hier die Szene' - ‚ihr wollt uns doch nicht mehr erlauben, englisch zu singen' Und ich finde das jetzt eigentlich angenehm, dass beides nicht mehr so an mich herangetragen wird. Dass es mehrere Möglichkeiten einfach gibt. Dass in meinem Alter, also ich, der ich kurz vor der Rente stehe, im rockmusikalischen Bereich, ich kann ‚ne Idee von Indie-Typen verwirklichen und ich kann vielleicht auch ‚ne Idee entwerfen und die beim Major unter entsprechenden Bedingungen realisiert werden muss - weil du sonst zum Beispiel kein Video machen kannst, das ‚ne Chance hat zu laufen. Ich kann so künstlerisch denken und ich bin nicht mehr der 19jährige der darum kämpfen muss, irgendwie gehört zu werden. Das hat sich für mich geändert.

Linus: Aber du sprichst nur von ästhetischen Ideen.

Frank: Letztendlich bin ich nur der, der verteidigt, was er gemacht hat und wenn einer kommt, und sagt, du bist'n alter Sack, das interessiert keine Sau mehr

Bernadette: Ich bin dafür, dass man sich auch als alter Sack die Welt noch mal anders anschaut. Natürlich ist jeder dazu gezwungen, denn keiner ist Millionär. Aber es geht darum, dass man das alles in Frage stellt.

Thies: Muss man dazu gezwungen werden, weil man so arm ist?

Bernadette: Nein, weil man es so will.

Thies: Eben. Das hat auch nichts damit zu tun, ob du bei einem Major bist oder auch nicht. Die Verwertungszusammenhänge greifen heutzutage ja fast immer. Es gibt fast kein Independentlabel mehr, dass nicht irgendeine Anbindung an ein Majorlabel hat. Und sei es nur der Vertrieb.

Grether. Man muss einfach auch mal sehen, dass wenn man eine Independent Platte macht, das Produktionsbudget extrem geringer ist. Man will aber trotzdem, dass es mithalten kann, denn es muss sich an Platten messen lassen, die sehr viel mehr Budget haben. Die Frage ist doch: Macht das einen kreativer, entsteht daraus etwas neues, wird aus der Not hier eine Tugend - was ja Bernadette auch meint. Ihr argumentiert ja eher, je mehr Geld wir zur Verfügung haben, um so geiler kann ich arbeiten. Da ist natürlich auch was dran.

Thies: Du kannst dann eben ein ziemlich teueres Video machen, das trotzdem eine subversive Ästhetik verfolgt. Das aber auch als Flimmern im normalen Flimmern gesehen werden kann.

Bernadette: Es geht aber nicht um die Produktionsweise wollte ich noch mal sagen. Heutzutage kann jeder eine Platte aufnehmen, das wissen wir alle.

Thies: Eine Platte kannst du schon zu Hause aufnehmen, aber damit ein Video so und so aussieht, damit es überhaupt gesendet wird.

Bernadette: Da bin ich mir auch nicht so sicher.

Thies: Ich schon. Du brauchst mindestens 15.000 Mark.

Frank: Und du brauchst ein Marketing. Die Radioleute müssen überzeugt werden. Die müssen wissen, dass ganz sicher das Video läuft. Es muss charten.. Aber genau das ist ja auch der Punkt: Diese Unterhaltung hättet ihr so vor 10 Jahren nicht geführt.

Bernadette: Genau.

Und dann muss man hinterfragen, jeder für sich: Ist man zufrieden, dass man an diesen Punkt gekommen ist, dass aus einem kulturellen Anliegen auch ein wirtschaftliches geworden ist, bei dem man mit genau den Begriffen, genau der der Sprache operiert, die man damals verdammt hat?

Thies: Es sind ja auch strategische Entscheidungen, bei denen es eine große Rolle spielt, was man erreichen will und wie. Auf bestimmte Spiele lässt du dich eben eine und du spielst sie so gut du kannst. Meine Strategie habe ich schon geschildert. Das muss jeder für sich entscheiden.

Rocko: Außerdem lassen wir uns doch auf nichts ein. Wer läuft denn hier auf Rotation. Wir laufen alle bei Charlotte. Und dann noch mal bei Christian Ulmen und Kafka, und das ist es dann auch schon. Und früher bei Viva Zwei.

Frank: Am besten wäre, man müsste gar keine Videos machen.

Thies: Ich finde das immer herrlich, sich Videos auszudenken.

Frank: Aber wenn das soviel kostet wie die ganze Musikproduktion...

Thies: Ist mir egal.

(Grether und Rocko lachen laut.)

Frank: Typisch. Wichser

Thies: Arschloch.

Rocko: Endlich sind wir am Punkt angelangt. Ihr Wichser.. Endlich was druckbares. Ich dachte schon wir müssen das ganze abbrechen.

Rocko: Halt die Schnauze du Arschloch. So nicht



Artikel kommentieren
aus Intro #93 (April 2002)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]