The Plan

Seemannsgarn

01.03.2002, 13:21, Text: jochen brandt, jochen brandt

Zehn Tage schlechtes Wetter mit Orkanböen bis Windstärke 12 waren zuviel für den Kapitän der Sjard. Er befahl seiner Mannschaft, das Rettungsboot ins Wasser zu lassen. Die Seeleute gingen von Bord und wurden erst Stunden später von einem spanischen Trawler aufgefischt. Keine Toten, keine Verletzten - ein weiser Kapitän geht kein Risiko ein. Nur die Sjard war buchstäblich verloren. Irgendwo vor der Küste Neuschottlands muss der mächtige Frachter im aufgewühlten Atlantik herumgedriftet sein. Doch wenn auf dem Geisterschiff alles mit rechten Dingen zuging, schlug dem aufgebracht tosenden Ozean aus einem Bullauge ein wütendes Geschrei entgegen. Bevor er seine Koje endgültig verließ, drehte der Schiffsjunge den Lautstärke-Regler seiner Anlage nach rechts und stellte den CD-Player auf Repeat.

Er ließ eine kanadische Band gegen den Zorn des nördlichen Atlantik antreten. The Plan spielte gegen Regen, Wind und Wellen.

Vielleicht hielt Michael Catano wenige Tage nach dem Verschwinden der Sjard eine Ausgabe der in seiner Heimatstadt Halifax erscheinenden Daily News in der Hand. Vielleicht überflog er sogar die kurze Meldung, die von der Seenot des deutschen Frachters berichtete. Der musikbegeisterte Schiffsjunge allerdings wurde nicht erwähnt, was einerseits schade ist und andererseits gut. Es ist schade, weil sich Catano gewiss über einen Fan seiner Band gefreut hätte, der zudem noch die Gabe zur großen Geste besitzt. Wer traut seiner Lieblingsband heute schon noch zu, etwas gegen Naturgewalten ausrichten zu können? Es ist gut, dass da nichts über den Schiffsjungen stand, weil es das Ende von The Plan und North Of America, Catanos anderer Band, gewesen wäre. Denn Michael Catano hätte zufrieden geseufzt und für immer seinen Hut an den Nagel gehängt.

\"Wenn ich Platten höre, die im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben verändert haben, dann zieht sich in meiner Brust auf seltsame Weise etwas zusammen\", sagt er. Es sei ein uneingeschränktes Gefühl der Freude, für das es keinen Vergleich gäbe. \"Sollte eine meiner Bands je etwas Vergleichbares auslösen, hätte ich mein Ziel erreicht.\" Zum Glück weiß Catano nicht, was der Schiffsjunge empfand, als die Tür zu seiner Koje hinter ihm ins Schloss fiel.

Halifax, heißt es, markiere die Mitte zwischen Europa und der Westküste Nordamerikas. Damit leben Catano und seine Bandkollegen David Harrison, Mackenzie Ogilvie und Lance Purcell zwar genau im geografischen Zentrum jenes Feldes, das Bands beackern, auf deren Fahnen - mittlerweile schon ein wenig verblasst - Emocore steht. Doch um Gründungsväter des Genres auf der Bühne zu erleben, müssen sie manchmal dennoch weite Strecken in Kauf nehmen: \"Unseren Gitarristen David habe ich erst richtig kennengelernt, als wir dreizehn Stunden zusammen in einem Auto verbrachten. Wir waren unterwegs zu einem Fugazi-Konzert.\" Für eine Gruppe, die vom Hörer schnell in eine Schublade mit Bands wie Hoover und Regulator Watts aus dem Dischord-Umfeld geworfen wird, gehören solche Mythen natürlich schon fast zum guten Stil.

Doch den Jungs von The Plan ist das eigene Schaffen zu bewusst - als gesichtslose Vertreter eines in die Jahre gekommenen Genres lassen sie sich nicht abstempeln: \"Wir sind vier weiße Typen, die mit Gitarren, Bass und Schlagzeug Rockmusik machen. Wir würden nie jemanden davon überzeugen wollen, dass wir außergewöhnlich originell sind.\" Besonders originell mögen sie tatsächlich nicht sein, außergewöhnlich gut sind The Plan auf jeden Fall. Wer's nicht glaubt, kann ruhig den Schiffsjungen der Sjard befragen.



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aus Intro #92 (März 2002)
 
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