
Ben Folds
Der Rolf Zuckowski des Indie-Rock
12.12.2001, 14:25, Text:
Bjoern Verloh,
Bjoern Verloh
[9 Kommentare]
\\"Ben Folds-Fans werden sich den 11.September rot in ihrem Kalender markieren...\\", orakelte das Rolling Stone Magazine bereits im Juni diesen Jahres. Das Rolling Stone Magazine hatte natürlich keine Ahnung und wollte lediglich darauf hinweisen, dass an jenem 11. September 2001 das erste Lebenszeichen - seit dem Split der Band im letzten Jahr - des Ben Folds Five-Masterminds in die Plattenläden einschlagen würde, wie, sagen wir mal, eine Boeing. Treppenwitz der Geschichte nennt man das wohl...
Schiebt man einmal die makaberen Begleitumstände dieses Veröffentlichungsdatums in den Nenner, so bleibt doch über dem (Bruch-)Strich festzustellen, dass \\"Rockin' the Suburbs\\" das beste Album ist, das Mister Folds bis dato aufgenommen hat.
Darauf angesprochen, verneint Folds zunächst. Welchen Song ich denn meine? \\"Na, jeden!\\" möchte ich antworten, ohne es in irgendeinster Weise negativ zu meinen. Aber ich besinne mich eines besseren und verweise auf die Parallelen zwischen dem ersten Track \\"Annie Waits\\" und U2s \\"Sweetest Thing\\". \\"'Sweetest Thing'?\\" Kennt er nicht! Ich singe es ihm vor. Das bringt uns weiter. \\"Ich glaube, Bono und ich haben eher beide alte Phil Spector-Platten gehört, als wir die Songs geschrieben haben! Diese Klatsch-Arrangements sind doch ein typisches Phil Spector-Ding. Mein Produzent meinte, es würde sich wie 'Jack & Diane' von John Cougar Mellencamp anhören.\\" Einverstanden. Ich ergänze also heimlich meine Liste um: Bono meets John Cougar Mellencamp.
So ganz kaufe ich ihm diese Zufalls-Geschichte trotzdem nicht ab. Auf \\"Rockin' The Suburbs\\", wie auch auf den vier Band-Alben, würden sich demnach die Zufälle nur so die Klinke in die Hand geben. Ist der Faktor, der in meinen Augen Ben Folds (Five) so charmant wie einzigartig gemacht hat, nämlich das offensichtliche wie unterschwellige Zitieren von Songs, die man \\"irgendwo schon mal gehört\\" hat, am Ende nur in meinem Kopf präsent? Ben Folds hat eine versöhnliche Erklärung:
\\"Ich denke, dass ich oft auf andere Songs verweise, aber das ist sicher nicht der Hauptinhalt meiner Musik. Man zitiert doch dauernd irgendwas: Wenn ich mich unterhalte, zitiere ich irgendwas aus einem Film, den ich gesehen habe. Das ist einfach ein Teil meiner Art, zu kommunizieren.\\"
Leider hätten Kritiker oft die Angewohnheit, die Zitate und Verweise in den Vordergrund zu stellen. Sie dächten, er würde sich ein Zitat herauspicken und dann darum einen Song basteln. Funktionieren tue es aber genau umgekehrt: Häufig sei es so, dass jemand meine, ein Lied wieder zu erkennen, dessen Hookline in Wahrheit auch nur irgendwo entliehen sei. \\"Für mich ist es, wie mit einer Collage: Man schneidet Bilder aus Zeitschriften aus, und hängt sie sich an die Wand. Zusammen ergeben sie dann ein völlig neues Bild. Das ist es, was ich mag, und das ist, was ich mache!\\"
Natürlich darf bei all der Zitiererei nicht vergessen werden, dass die Texte in Folds Liedern keineswegs nur linguistisches Beiwerk sind. Neben viel Persönlichem greift er auch oft Themen auf, die nicht sofort in seine zuckerwattigen Kompositionen zu passen scheinen. \\"Fred Jones Part 2\\" etwa erzählt die Geschichte eines Angestellten, der nach 25 Jahren Arbeit entlassen wird, während im Hintergrund die Schubidu-Chöre dahinschmachten. Dass Mister Folds seine Karriere bei einem Broadway-Musical begann, ist kein Geheimnis.
Nur selten gehen Song und Textinhalt eine so enge Symbiose ein, wie bei der ersten Singleauskopplung \\"Rockin' The Suburbs\\" geschehen. Rap-Parts meet Rage Against The Machine-Solo meets Wutausbrüche. Interessanterweise ist der Song gleichzeitig der schwächste, auf dem ganzen Album. Folds Satire auf das NuMetal-Genre hat leider nur den Charme eines Lehrers Doktor Specht, der sich in Jugendsprache versucht. Gelungen hin oder her - Recht hat er trotzdem.
\\"In 'Rockin' The Suburbs' geht es um diese ganzen Bands, die aus angepissten Milchbubis bestehen. Ich will nichts gegen Limp Bizkit oder Staind oder wen-auch-immer sagen - die machen an sich gute Musik. Aber in Amerika hat sich mittlerweile ein ganzes Genre rund um diese Bands gebildet. Es gibt Radiostationen, betrieben von angepissten, weißen Kids, und gekauft werden diese Bands auch ausschließlich von angepissten, weißen Kids. Diese ganze Szene besteht also eigentlich aus Kindern der privilegiertesten Schichten des Landes. Ich frage mich, was überhaupt deren Problem ist.\\"
Doch provozieren war gestern. Der Familienvater Folds ist mittlerweile nach Australien emigriert - der Kinder wegen. Im Video zur zweiten Singleauskopplung \\"Still Fighting It\\" ist der Meister - ganz der alte Romantiker - dann auch mit seinem Sohn am Strand spielend zu bewundern - im Sonnenuntergang, versteht sich. Heimatfilm meets Beach Boys.
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Kleiner_Prinz 12.12.2001 | 19:44:37
Also "Rocking the suburbs" als schwächsten Song des Albums zu bezeichnen - naja, ich kann es wirklich nicht nachvollziehen. Nur weil einmal Gitarren im Vordergrund sind statt das klavier? Für mich ist es eine sehr gelungene Persiflage und nach "The luckiest" der stärkste Track des Albums. Und es konnte keinen anderen Regisseur für das Video geben als Yankowitz.
13.12.2001 | 08:44:35
da muss ich aber für unseren bjoern in die bresche springen und sagen: er hat recht. folds ist so ein hervorragender komponist und interpret, wenn der sich über andere aufregt ist das nur verschwendete energie. jeder andere der songs auf der platte degradiert diese suppenkasper mehr als "rockin the suburbs".
Kleiner_Prinz 13.12.2001 | 10:11:08
Nur, Micha, der Unterschied ist, dass er sie bei "Rockin' the suburbs" mit ihren eigenen Mitteln schlägt. Bei den anderen Songs können diese NuMetal-Hampel sagen, dass sie das ja sowieso nicht können, das Mädchenmusik sei oder was weiss ich. Nur wenn Ben in ein ihm eher fremdes Genre einbricht und es sehr viel besser macht als dessen Vertreter und das eben in dem Song ironisch umkehrt, das ist schon eine besondere Klasse!
13.12.2001 | 12:32:07
tja, da sind unsere meinung wohl unvereinbar. ich behaupte weiterhin: folds hat es nicht nötig, sich zu so etwas herabzulassen. das ist so, als würden lehrer die sprache ihrer schüler annehmen. womit das dr. specht beispiel durchaus passend ist.
norman 14.12.2001 | 16:22:40
Rocking the Suburbs ist einfach etwas zu platt und vor allem stört es den Fluß des Albums ungemein. Dazu ist es ungeschickt die ganze platte auch noch nach diesem Song zu benennen.
Gandalf 14.12.2001 | 17:28:52
Graue Eminenz
Na ja, auch wenn man über da lied streiten kann ist rockin the suburns doch ein schöner albumtitel
realgoldi 14.01.2002 | 02:39:30
... hat mich zuerst vor schwerere Probleme gestellt. "Annie" klingt wie straight aus den 80ern. Widerlicher Drum-Sound!! Mit Zak and Sara werde ich nicht so richtig warm, "Still fighting it" hat er eigentlich schon ein paarmal geschrieben, und zawr besser, usw. Seltsamerweise fang ich dann doch an, das Album zu mögen, vor allem "Fired". Ja, geht okay. Aber jede Platte mit seinem Quintett war besser!
Gandalf 14.01.2002 | 09:32:46
Graue Eminenz
*klugscheiss * : sein quintett war ja eigentlich mehr ein trio
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