
Brothers Keepers, Sisters Keepers
Ich bin kein Rassist, meine Frau ist doch Jugoslawin (mit Video)
30.11.2001, 14:41, Text:
Bakri Bakhit,
Bakri Bakhit
[17 Kommentare]
Als sich letztes Jahr im Sommer 15.000 HipHop-Kids zum amtlichen Flash 2000 ins Millerntorstadion des 1. FC St. Pauli drängten, zeigte sich, welche Ausmaße diese aufstrebende Musikbewegung mittlerweile erreicht hatte. Deutscher HipHop boomte. Längst im Mainstream angekommen, war HipHop nun neben Ravern und Skatern zu einer ordentlichen \\\\\\\\\"dissidenten\\\\\\\\\" Jugendkultur gewachsen. Die alte \\\\\\\\\"realness\\\\\\\\\"-Kritik an Gruppen wie den Fantastischen 4 und die folgende Over/Underground-Debatte waren vergessen, Künstler wie Sammy Deluxe, Torch und Dendemann hatten sich vom deutsch-amerikanischen \\\\\\\\\"Copy-Club-Phänomen\\\\\\\\\" lösen können und eigenständige Styles entwickelt.
Die Industrie dankte, setzte plötzlich alles in Bewegung und wusste auch diesen Hype mit der gewohnten Aneignungsmaschinerie und einigen Kaspern wie Oli P.
Die Re-Politisierung Des Deutschen Hiphop
\\\\\\\\\"Im HipHop ist alles politisch.\\\\\\\\\" (Sékou)
Nach einer Phase wiederholt kritisierter Hedonisten-Party-Raps sind in diesem Jahr auf Platten von Jan Delay, Afrob oder Meli (Skills En Masse) wieder vermehrt explizit politische und gesellschaftskritische Inhalte formuliert worden. Wie bereits Anfang der 90er sind es vor allem MCs mit migrantischem Hintergrund, die das Wort erheben.
\\\\\\\\\"Ich sage: Ich bin deutsch.\\\\\\\\\" (Sékou)
Deutlichstes und spektakulärstes Beispiel für diese Entwicklung ist sicherlich der Zusammenschluss von ca. 40 afro-deutschen Künstlern in den Projekten Brothers Keepers (BK) und Sisters Keepers (SK). Anlässlich der Ermordung des Mosambikaners Alberto Adriano durch einen Nazitrupp im Jahr 2000 veröffentlichten BK im Sommer die Single \\\\\\\\\"Adriano (Letzte Warnung)\\\\\\\\\", die es bis auf Platz 4 der Media-Control-Charts brachte und 210.000 Einheiten verkaufte. Nebenbei etablierten sie den Terminus \\\\\\\\\"afro-deutsch\\\\\\\\\" als selbstdefinierte Bezeichnung für schwarze Menschen deutscher Nationalität in der Öffentlichkeit und formulierten die Forderung nach Anerkennung als Minderheit. Die Formierung von BK/SK und die gleichzeitige Gründung eines Vereins brachten Diskurse und Standpunkte in die Medien, die in Deutschland nie zuvor mit einer derartigen Vehemenz und Präsenz zu beobachten waren.
Ein Jahr nach Gründung gilt es nun, Bilanz zu ziehen, Respekt zu zollen und zu klären, inwieweit Kritik innerhalb eines kommerziellen und medialen Musikmarktes eine inhaltliche Rassismusdebatte nach sich zieht. Kann das Projekt BK/SK nach der überwältigenden Resonanz innerhalb der Bevölkerung nun einen Schritt weiter gehen und die Komplexität der Ursachen von Rassismus in Deutschland diskutieren?
Anlässlich der Veröffentlichung des BK-Albums \\\\\\\\\"Lightkultur\\\\\\\\\" und der ersten Single des Pendants Sisters Keepers trafen Adé (B.A.N.T.U.), Pat, Mamadee, Kaye & Tésiree, Tyron Ricketts, Sékou, Xavier Naidoo, Lisa Cash und Blaise Anfang November zu einer Fernsehaufzeichnung in Köln zusammen. Gelegenheit, einmal genauer nachzuhaken. Und da gibt es einige Ansatzpunkte, von der Repolitisierungstendenz im HipHop bis zum nicht mehr zu leugnenden Einbruch des Marktsegments. Und, gleich zu Beginn des Gesprächs, über die deutsche Linke nachzuhaken. BK/SK formulieren ein neues Widerstandsmoment, grenzen sich explizit von der \\\\\\\\\"Krise des linken Lagers\\\\\\\\\", das in ihren Augen keine sinnvollen Lösungsansätze zum Thema Rassismus artikuliert, ab.
Sékou: Die Afro-Deutschen sind die ersten, die ein neues deutsches Bewusstsein und einen Patriotismus an den Start bringen konnten, indem sie sagen: Ich bin Deutsch.
Adé: Es ist ein innerdeutsches Problem. Ich habe Gregor Gysi verständlich gemacht [Adé traf ihn bei einem BK-Konzert], dass wir ein Bewusstsein in diesem Land schaffen, um von diesem \\\\\\\\\"linken Gedankengut\\\\\\\\\" wegzukommen, wegen dem man sich nicht mit diesem Land identifizieren will. Wir nehmen den Rechten das Territorium des Patriotismus weg, indem wir sagen: \\\\\\\\\"Wir sind stolz, Teil dieser Nation zu sein, mit der ganzen Verantwortung, die dazugehört.\\\\\\\\\"
Sékou: Die Linken denken: Patriotismus = Faschismus. Sie haben nicht gemerkt, dass sie damit Menschen ausschließen. Es gibt Menschen in diesem Land, die irgendeinen gemeinsamen Nenner brauchen, damit sie sich Deutsch fühlen können. Das erlaubt die deutsche Linke lustigerweise nicht, sondern ist gerade in dem Moment die Barriere. Die deutsche Linke ist für Minderheiten in Deutschland als Lobby fast wirklich nicht zu gebrauchen, da ihre Politik vor lauter Panik und Angst, verbotene Wörter oder Konzepte in den Mund zu nehmen, völlig am Thema vorbeiführt, so dass gar nichts nach vorne geht.
\\\\\\\\\"Meine Themen haben keinen Platz für eure Mitte.\\\\\\\\\" (Afrob, \\\\\\\\\"Red, Black & Green\\\\\\\\\")
Was nun, Herr Merz? Damit hatte man nicht gerechnet. In Erinnerung an die leidenschaftlich geführte reaktionäre \\\\\\\\\"Leitkultur-Debatte\\\\\\\\\" scheint es fast, als würden nun Politiker des mitte-rechts-konservativen Lagers mit dem Problem konfrontiert, dass ihnen ihr Terrain von einer Gruppe streitig gemacht wird, deren Existenz in der republikanischen Wirklichkeit bisher ignoriert wurde. Gleichzeitig bleibt allerdings die Kritik an den \\\\\\\\\"Linken\\\\\\\\\" recht \\\\\\\\\"plakativ\\\\\\\\\" und oberflächlich, da sich die zu Recht aufgezeigte problematische \\\\\\\\\"Patriotismus-Diskussion\\\\\\\\\" innerhalb des linken Diskurses in Wirklichkeit wesentlich komplexer darstellt.
Eine deutlich differenziertere Kritik hingegen äußerte kürzlich das migrantische Bündnis Kanak Attack, das die strukturelle Arbeitsteilung in der antirassistischen Arbeit in Deutschland kritisiert, durch die den meisten \\\\\\\\\"Gesetzesverschärfungen immer nur kalkulierbare Gegenreaktionen\\\\\\\\\" folgen. - Ein kontroverser Ansatz bleibt es allemal.
Es wurde dieses Jahr häufig von einer \\\\\\\\\"Re-Politisierung\\\\\\\\\" des deutschen HipHop gesprochen. Auf Platten von Jan Delay, Afrob, Meli u. a. tauchten verstärkt kritische Inhalte auf. Seht ihr euch als Teil dieser Bewegung?
Sékou: Im deutschen HipHop hat sich in letzter Zeit verstärkt die ethnische Minderheit gemeldet. Nach dieser Fanta-4-Explosion war HipHop ja Karnevalsmusik in Deutschland. Advanced Chemistry gab es schon immer, allerdings wurden die damals ausgelacht und nur unter den \\\\\\\\\"most conscious heads\\\\\\\\\" ernst genommen. Jetzt gibt es Leute wie Kool Savas, die lustigerweise ein Teil dieser ethnischen Bewegung im HipHop sind. Ich hab' immer gesagt, dass das die Überlebenschancen erhöhen wird. Denn vorher war HipHop in Deutschland eine reine Jugendkultur, sonst gar nichts ... Was soll HipHop in Deutschland am Leben halten? Es musste kulturell relevant und ein Sprachrohr für Leute, die sonst keines hätten, werden. Afrob war für mich einer der ersten, der damit auch large und bekannt geworden ist. Ob Leute jetzt politischer werden, weiß ich nicht. Es wird auf jeden Fall kulturell relevanter.
Tyron: Man darf nicht vergessen, dass nicht alles, was gemacht wird, auch gehört wird. Wenn die bestehenden Strukturen kein Interesse haben, kritische Lieder zu spielen, wird man die auch nicht hören. Mittlerweile sind wir aber selbst in der Lage, eigene Themen rauszubringen. Früher haben Plattenfirmen immer gesagt: \\\\\\\\\"Das machen wir lieber nicht als Single.\\\\\\\\\" Oder Radioredakteure meinten: \\\\\\\\\"Wir wollen fröhliche Zuhörer und niemanden mit kritischen Texten belasten.\\\\\\\\\"
Es wird sich zeigen, wie lange die Nachfrage nach derartigen Songs anhält. Angesichts der mächtigen Musikindustrie bleibt zu beobachten, ob sie nun den \\\\\\\\\"Differenz-Vermarktungsarm\\\\\\\\\" ausstrecken wird oder ob solche Thematiken wie bereits Anfang der 90er wieder von Spaß-kompatiblen Formaten verdrängt werden. Damals veröffentlichten beispielsweise D-Flame und Azad als Mitglieder der Gruppe Asiatic Warriors die EP \\\\\\\\\"Told Ya\\\\\\\\\" (1993), die inhaltlich stark der Single \\\\\\\\\"Adriano\\\\\\\\\" ähnelt.
Mit der Single \\\\\\\\\"Liebe&Verstand\\\\\\\\\" präsentieren sich nun auch erstmals Sisters Keepers neben ihren männlichen Kollegen. In Textzeilen wie \\\\\\\\\"Komm reich uns deine Hand, auch wir sind hier geboren\\\\\\\\\" wird aber im Gegensatz zu \\\\\\\\\"Adriano\\\\\\\\\" ein deutlich defensiverer und versöhnlicherer Ton angeschlagen. Auf die Unterschiede angesprochen, stellt Pat klar, dass dies nur die \\\\\\\\\"weibliche Sicht der Dinge\\\\\\\\\" sei. Dabei verwundert allerdings, dass diese \\\\\\\\\"weibliche Sicht\\\\\\\\\" auch auf dem zweiten SK-Albumtrack nicht über die wiederholte Darstellung des Rassismusproblems hinausgeht und beispielsweise auch nicht explizit den Sexismus- und Exotismuskomplex verhandelt. Generell kamen die Frauen in der Runde viel zu wenig zu Wort, was zum einen daran lag, dass die Männer schneller das Wort ergriffen, zum anderen aber auch an ihrem deutlich weniger vorhandenen Projekt-Überbau.
Selbstdefinition \\\\\\\\\"Afro-Deutsch\\\\\\\\\"
Ihr behandelt in euren Texten fokussiert die Thematik \\\\\\\\\"Schwarze Menschen / Deutscher Pass\\\\\\\\\". Dadurch könnten sich Schwarze ausgeschlossen fühlen, die zwar die gleichen Erfahrungen mit Deutschland teilen, aber einer anderen Nationalität angehören?
Adé: Den Eindruck habe ich überhaupt nicht. Falls es so ist, haben sie uns missverstanden. Die Afrikaner sagen zu uns: \\\\\\\\\"Endlich habt ihr eure Stimme erhoben, weil ihr diejenigen seid, die nicht abgeschoben werden.\\\\\\\\\" Bei dem neuen Zuwanderungsgesetz und dem neuen Sicherheitspaket wissen wir, was passiert, wenn Afrikaner sich jetzt versammeln und die Stimmen erheben wollen. In einem politischen Kontext liegt unsere Aufgabe also darin, die \\\\\\\\\"Stimme für die Stimmlosen\\\\\\\\\" zu erheben. Wir machen da keine Unterschiede. Auch durch das Facettenreichtum von BK Deutschland, BK UK [Roots Manuva, Blak Twang] und BK Jamaica [Ziggy Marley, Bunny Wailer] auf der LP merkt man, dass wir den Dialog auf allen Ebenen suchen. Das Ding ist richtig am Wachsen. Es ist ein Selbstfindungsprozess, und die Sache muss internationalisiert werden. \\\\\\\\\"Afro-Deutsch\\\\\\\\\" ist auch nur ein Arbeitsbegriff. Wir geben damit nur einen kleinen Einblick in diese Komplexität, die uns seit unserer Geburt aufgedrückt wird, dass die Welt sich nur in Farben aufteilt.
\\\\\\\\\"Es ist wie außerirdisch.\\\\\\\\\" (Meli, \\\\\\\\\"Eines Tages\\\\\\\\\")
Die Bezeichnung \\\\\\\\\"afro-deutsch\\\\\\\\\" ist also erst mal eine Selbstdefinition und ein Anfang? Tyron: Genau. Man merkt oft, dass viele verunsichert sind, da sie wissen, dass man Neger nicht mehr sagen darf. Vielleicht geben wir den Leuten auch eine kleine Sicherheit, um damit normaler umgehen zu können. Viel ist Unsicherheit und Angst. Jeder Mensch hat erst mal Angst vor dem anderen, egal, welcher Farbe. Das muss man auflösen, darüber reden und diskutieren, dann klappt das schon. Sékou: Es ist eine Katastrophe, wenn die Kids aus ihrem Elternhaus nur das Wort Neger kennen und es auch noch in ihren Schulbüchern finden. Das ist eine Brutstätte für Rassismus.
Ihr seid in diesem Jahr auf vielen Konzerten und Festivals aufgetreten. Wie reagiert ein zu 90% weißes Publikum auf euch?
Sekou: Für die ist das Antifa. Die sehen das als eine Initiative gegen Faschismus: damit kann ich mich auch identifizieren. Sie haben noch nicht verstanden, dass sich hiermit eine Minderheit etabliert, indem wir sagen: \\\\\\\\\"Respektiere unsere kleine Kultur hier in dieser größeren Kultur und lass uns alle klären, wie wir zusammenarbeiten können.\\\\\\\\\" So weit ist das Denken unter dem Publikum noch nicht.
Adé: Das schönste und das tragenste Erlebnis für mich passierte auf dem Splash 2001, als es nach dem Song für einen kurzen Augenblick Stille gab und dann 25.000 Kids riefen: \\\\\\\\\"Nazis raus! Nazis raus!\\\\\\\\\" Dies in dem Moment in Ostdeutschland, wo Adriano umgebracht wurde, von diesen Kindern zu hören und dabei an die Multiplikatoren zu denken, die daraus folgen werden, hat schon alles gesagt. Das war eine Art Zwischenbilanz. Die Rezeptoren sind offen, wir müssen jetzt die richtigen Signale setzen.
Trotz der Wichtigkeit der Thematik der Single \\\\\\\\\"Adriano (Letzte Warnung)\\\\\\\\\" bleibt die inhaltliche Polarisierung auf \\\\\\\\\"die\\\\\\\\\" Skinheads und deren Konstruktion als alleinigem Feindbild problematisch.
\\\\\\\\\"Wer soll eigentlich woraus, raus aus wo, oder rein worin. / Wat solln die Nazis raus aus Deutschland, was hätt'n das für'n Sinn? / Die Nazis können doch nicht raus, denn hier gehören sie hin.\\\\\\\\\" (Die Goldenen Zitronen, \\\\\\\\\"Flimmern\\\\\\\\\")
Um den wichtigen Kampf \\\\\\\\\"gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (!)\\\\\\\\\" öffentlich zu artikulieren, versammeln sich seit Jahren immer wieder große Teile der Bevölkerung und formulieren ihren Protest gegen Nazis. Dieser Gruppenprozess, der oberflächlich als eine differenzierte Protesthaltung imponiert, ist aber in Wirklichkeit eine regressive Bewegung. Meist bleiben diese Handlungen auf ein Ritual reduziert, das seine Kraft aus der Gemeinschaft des \\\\\\\\\"zusammen gegen\\\\\\\\\" ein Äußeres bezieht.
In ähnlicher Weise wirbt derzeit G.W. Bush rhetorisch um Solidarität für seinen \\\\\\\\\"Krieg gegen den Terror\\\\\\\\\", in dem jeder, der \\\\\\\\\"nicht mit uns gegen den Terror ist, letztendlich für ihn ist.\\\\\\\\\" Die Möglichkeit einer kritischen und differenzierten Formulierung des Sachverhaltes wird bewusst vermieden. Was bei Bush eindeutig aus taktischen Gründen artikuliert wird, scheint in der antirassistischen Bewegung natürlich erst mal ein notwendiges, in weiterer Konsequenz aber eher kurzsichtiges, naives Unterfangen.
Sicherlich ist es erst einmal wichtig, als klares Zeichen ein Statement wie \\\\\\\\\"Gegen Nazis und Rassismus\\\\\\\\\" zu äußern, das bleibt außer Frage! Allerdings stellt sich fast zehn Jahre nach der Entdeckung der Lichterketten und angesichts des repressiven Politikstils unseres Innenministers die Frage, was nach einer solchen \\\\\\\\\"Demonstration\\\\\\\\\" folgen soll. Solange in Politik und Presse statt Rassismus weiterhin Begriffe wie \\\\\\\\\"Fremdenfeindlichkeit\\\\\\\\\" benutzt werden, die eine permanente Konstruktion des anderen schon auf struktureller Ebene darstellen, bleibt der Protesterfolg bei Null. Nazis zu Feinden zu erklären wird der einfachste Weg bleiben.
Ich sehe bei der Thematik der Single und Teilen der LP das Problem, dass über die bekannte Polarisierung des Feindbildes \\\\\\\\\"Skinhead und Nazi\\\\\\\\\" die Diskussion über den strukturellen, systemimmanenten Rassismus als Ursache vermieden wird.
Tyron: Bei einem konkreten Track wie \\\\\\\\\"Adriano\\\\\\\\\" kann man natürlich nicht die ganze Bandbreite abdecken. Man darf auch nicht vergessen, dass Skinheads nur die sichtbare Spitze des Eisberges sind. Das Ganze erstreckt sich ja sehr viel breiter und gemeiner, wenn du dir Deutschland anschaust. Auf dem Album geht jeder auf andere Aspekte von Rassismus ein.
Sékou: In Deutschland ist es sehr schwierig, eine anständige Diskussion über Rassismus zu führen, weil es immer auf Faschismus gelenkt wird. So kann man den Kampf nicht gewinnen. Die Faschos werden wir nie alle ausradieren können, das ist unmöglich. Was aber stattfinden muss, ist z. B. ein detailliertes Gespräch über Geburtsrecht. Wobei es zu definieren gilt, was ein Deutscher ist. Das ist die Ignoranz, die man bekämpfen muss. Es sollte keine Einbürgerungsgesetze geben, bei denen man sich bei der Geburt darum kümmern muss, Deutscher zu werden, sondern das von Anfang an ist. Das wiederum wird die ganze Einstellung der Bevölkerung ändern. Man sagt dann nicht mehr zu den Leuten, die hier sitzen, Ausländer, sondern Deutsche.
Den Mitgliedern der BK/SK sind die vielfältigen Rassismen, besonders auch durch ihre alltäglichen Erfahrungen am eigenen Leib, bekannt, trotzdem thematisieren sie die eigentlichen Ursachen und die sich daraus ergebenden Lösungsutopien nur vage. Ihre optimistische Haltung, man könne Rassismen vor allem durch Abbau von Vorurteilen langsam ausmerzen, ist in jedem Fall positiv zu bewerten, verdeckt allerdings auch die Tatsache eines systemimmanenten Rassismus, dessen Auswirkungen die gesamte Bevölkerung Deutschlands und somit auch weiße Deutsche zu Opfern von Rassismus macht.
Bereits in der Erziehung werden Weiße hier schon früh mit Zuschreibungs- und Exotismusfallen konfrontiert, die später Vorurteile begünstigen. Die abgegriffenen Solidaritäts- und Betroffenheitsbekundungen müssten somit einen selbstreflexiven Prozess nach sich ziehen, der sicherlich schmerzlich ist. Gerade die liberale Bevölkerung produziert erst durch die bewusste Darstellung ihrer liberalen \\\\\\\\\"antirassistischen\\\\\\\\\" Haltung bei Kundgebungen wie Schröders \\\\\\\\\"Aufstand der Anständigen\\\\\\\\\" die Konstruktion des anderen: \\\\\\\\\"Wir sind FÜR die Ausländer.\\\\\\\\\"
Ich denke, dass die Forderung der Wirtschaft nach mehr Einwanderung und die rot-grüne Einwanderungspolitik entlang des ökonomischen Kalküls (Wer ist nützlich und wer nicht?) kaum eine migrationsfreundliche Haltung darstellen.
Sékou: Das ist aber ein Ansatz. Es ist die Hammer-Aufklärung, wenn da jemand kommt und sagt, dass [Einwanderung] wirtschaftlich nützlich ist und wir darauf angewiesen sind und sogar 500.000 Menschen im Jahr brauchen, da wir sonst bankrott gehen. Wenn du das erzählst, wäre es ein Riesenschritt, da das Pragmatische völlig fehlt. Die Bevölkerung denkt, es ist eine Riesen-Charity-Geschichte hier, und das muss aufhören. Aus solchen Gedanken wächst der Hass und der Neid.
Re-Present What?
Diskussionen wie diese verlaufen natürlich nicht ohne Kontroversen, ja, dürfen es bei einer richtigen Beschäftigung auch nicht. Bis zu diesem Punkt in unserem Gespräch arbeiteten wir uns aber gänzlich an inhaltlichen Aspekten ab. Zum Schluss muss die Frage nach der Mitgliedschaft Nadjas (von den No Angels) allerdings doch gestellt werden - bei aller Oberflächlichkeit. Wie erwartet, geraten wir leicht aneinander. Meine Kritik an der marketingstrategischen Konstruktion ihrer Girlband und dem RTLII-Sendeformat \\\\\\\\\"Popstars\\\\\\\\\", das eine vermeintliche Authentizität vermitteln will, wird als unverständlich zurückgewiesen. Adé weist mich sofort darauf hin, dass Nadja selbstverständlich ein Teil von BK/SK ist und sie ihr Star-Bonus auf der Straße nicht vor rassistischen Übergriffen und Diskriminierungen verschonen wird. Was selbstredend nicht in Frage gestellt wird.
Gleichzeitig ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass sie als Teil von No Angels als Projektionsfläche fremdbestimmter medialer Repräsentation herhalten muss - sie selbst also wenig Möglichkeiten haben dürfte, ihre eigene Identität zu kreieren. Und demzufolge zu bezweifeln ist, dass Nadjas Teilnahme am BK/SK-Projekt völlig unproblematisch ist. An anderer Stelle unseres Gespräches thematisierte Tyron diesen Problemkomplex an einem anderen Beispiel folgendermaßen:
Tyron: Es gibt natürlich auch das Problem der medialen Repräsentation von Schwarzen. Wir versuchen über eine Model-Agentur, in der nur schwarze Models und Schauspieler vertreten werden, die Medienwelt positiv zu beeinflussen, indem wir Klischeerollen, die angefragt werden, einfach ablehnen und dem Regisseur erklären, dass der schwarze Schauspieler nicht immer den Drogendealer spielen muss.
Wie fallen die Reaktionen aus?
Tyron: Zuerst heißt es dann: \\\\\\\\\"Ich bin doch kein Rassist, meine Frau ist Jugoslawin.\\\\\\\\\" [Gelächter in der Runde] Wenn man sie dann aber mit unserer Wahrnehmung konfrontiert, fangen die Leute an zu denken. Noch ein Beispiel zur Gefährlichkeit der Medien: Ich habe kürzlich einen Bericht über afrikanische Drogendealer in Hamburg gesehen - was sicherlich ein Problem darstellt. Wenn allerdings der \\\\\\\\\"Spiegel-TV\\\\\\\\\"-Moderator den Bericht mit den Worten abschließt: \\\\\\\\\"Wenn die Polizei auf diesem Auge blind ist, kann man eine tendenzielle rechte Gesinnung in Deutschland verstehen\\\\\\\\\", dann ist das eine sehr, sehr gefährliche Aussage.
Angesichts der repressiven Stimmung in Deutschland scheinen sich die Künstler von Brothers Keepers und Sisters Keepers einiges vorgenommen zu haben. Der Zusammenschluss ist gesellschaftlich ein ungeheuer wichtiges Signal - vor allem für die schwarze Bevölkerung Deutschlands. Während die restriktiven Auswirkungen der Sicherheits-politischen Hysterie in Deutschland nach dem 11. September erst langsam deutlich werden, wird der Kampf um ihre formulierten Forderungen um so dringlicher. Es bleibt abzuwarten, ob es gelingen wird, wie Adé präzisiert, \\\\\\\\\"das Ding zu hijacken\\\\\\\\\", um die eigenen Inhalte zu transportieren. Oder ob der gesellschaftliche Betroffenheitsapparat es schaffen wird, BK/SK beim nächsten \\\\\\\\\"Aufstand der Anständigen\\\\\\\\\" einen Platz neben Schröder und seinen \\\\\\\\\"Toleranzanwälten\\\\\\\\\" freizuhalten.
\\\\\\\\\"Ich integrier euch alle.\\\\\\\\\" (Meli, \\\\\\\\\"Eines Tages\\\\\\\\\")
Dank An: Phillip Sollmann, Tahirdella, Christiane Bakhit
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MUY 17.12.2001 | 01:26:10
"Patriotismus: Vaterlandsliebe, die Verehrung, Hingabe und gefühlsmäßige Bindung an Werk, Traditionen und die Gemeinschaft des eigenen Volkes bzw. der Nation. Der P. äußert sich u.a. in der Wertschätzung von Symbolen und historisch bedeutsamen Ereignissen sowie dem Respekt vor Institutionen und Personen, die der staatl. Integration dienen, verbunden mit Dienst- und Opferbereitschaft; er ist somit mehr an der staatl. Tradition orientiert als der Nationalismus, in den er münden kann." (Brockhaus)
Ich habe mal mit einer recht verbreiteten, da aus dem Brockhaus seienden, Definition des Begriffs "Patriotismus" begonnen, weil diese Sache denke ich eine der Hauptstreitfragen in dem Interview ist. Wie ja auch in dem nachfolgenden Intro-Kommentar erwähnt, stellen Adé und Sékou das Patriotismus-Problem als reines Problem der Linken und damit stark einseitig und vereinfacht dar. Patriotismus bedeutet nicht einfach, "einen gemeinsamen Nenner zu finden, um sich deutsch zu fühlen", wie es Sékou formuliert, Patriotismus bedeutet nach Definition eben Liebe oder gar Verehrung seines Vaterlandes und dessen Volk und der dazugehörigen Tradition und Geschichte. Das bedeutet in der weiteren Konsequenz, Menschen, die nicht der eigenen Nation und dem eigenen Volk angehören, als Außenstehende zu betrachten, und genau da liegt der Punkt, wo der Patriotismus nahtlos in den, den Brothers Keepers laut eigener Aussage so widerstrebenden, Nationalismus und völkischen Faschismus übergeht, da dieser genau auf dieser Vaterlands-Mentalität basiert.
In diesem Zusammenhang bin ich der Meinung, dass die beiden es sich etwas einfach machen, indem sie sagen, sie seien "stolz, Teil dieser Nation zu sein", also "stolz, Deutsche zu sein", und gleichzeitig mit dünnen Argumenten die Linke angreifen, die diesen "Ich bin stolz, Deutscher zu sein"-Patriotismus kritisiert und seine fließenden Grenzen zum Nationalismus aufzeigt. Ich persönlich verstehe nicht, warum es ihnen so wichtig ist, sich "deutsch" zu fühlen. Denn sich auf diese Weise zum deutschen Volk zugehörig fühlen zu wollen, bedeutet für mich auf der anderen Seite, Menschen ohne deutschen Pass in gewisser Weise nicht an dieser Gemeinschaft teilhaben zu lassen. Man kann zu dem Thema natürlich anderer Meinung sein, aber ich persönlich brauche keine nationale Identität, ich fühle mich nicht verbunden mit anderen, nur weil diese auch "deutsch" sind.
Der Kommentar des Intro-Redakteurs, der anfängt mit "Was nun, Herr Merz?", gefällt mir recht gut, weil er zeigt, dass es eigentlich ein erz-konservatives Themenfeld ist, das die Brothers Keepers mit ihrem Bekenntnis zum Deutschsein besetzen. Das ist zwar nach Adés Aussage zum Teil Absicht, "den Rechten das Territorium streitig zu machen", aber ob es unbedingt Sinn macht, ist die andere Seite. Ich denke, man müsste sich eher fragen, wieso es überhaupt dazu kommt, dass man den Rechten die Vaterlandsliebe streitig machen will.
Dass sich das Patriotismus-Verständnis der Brothers Keepers ohnehin nicht sehr deutlich nachvollziehen lässt, zeigt sich auch in einigen Textzeilen aus "Adriano (Letzte Warnung)", sie teilweise etwas paradox anmuten im Vergleich zu den Aussagen, die in dem Intro-Interview getätigt wurden.
"Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht." Dieses Zitat von, ich glaube es war Hermann Hesse, kommt gleich zweimal vor in dem Stück, einmal von Torch und einmal von Ebony Prince und zeigt, dass die Brothers Keepers anscheinend doch ein etwas gespaltenes Verhältnis zur "deutschen Nation" haben. In die gleiche Kerbe schlägt auch Torchs "Hautfarbe schwarz. Blutrot. Schweigen ist gold." Warum sie dann im Interview so eindeutig patriotische Position beziehen, leuchtet mir nicht so ganz ein.
Ich bin immer einverstanden mit Kritik an linken Positionen, aber die BK-Kritik an der Linken bleibt in meinen Augen recht oberflächlich. Auf der einen Seite wird die linke Patriotismus-Kritik abgelehnt, auf der anderen Seite die dicht mit patriotischem Gedankengut verknüpfte "Leitkultur-Debatte" mitverantwortlich für zunehmende rechte Gewalt gemacht ("Konservative Leitkultur hat's für die Rechten klar gemacht.", Ebony Prince), womit wir wieder beim Thema Widersprüchlichkeit zwischen Lied und Interview wären. In "Adriano" rappt Samy Deluxe "Jungs in Abschiebehaft sind am Schwitzen wie im Dampfbad" und Ebony Prince wie erwähnt von der "deutschen Leitkultur", die CDU-Fraktionsvorsitzender Friedrich Merz vor ein, zwei Jahren ins Leben rief und forderte, EinwandererInnen hätten sich an diese anzupassen. Sékou spricht im Interview der Linken die Fähigkeit ab, MigrantInnen wirklich zu vertreten. Nun frage ich, was tut die Linke seit Jahren anderes, als genau diese Probleme ins Blickfeld zu rücken, die hier von Samy Deluxe und Ebony Prince genannt werden, zum einen die unwürdige Behandlung von Menschen nicht-deutscher Herkunft mit Abschiebeknästen, Essenspaketen und diskriminierenden Gesetzen, zum anderen die nunhaltmal patriotisch durchsetzte Stimmungsmache, die durch "Leitkultur" und ähnlichen Späße entfacht wurde. Dass Sékou behauptet, die Linke seit für Minderheiten in Deutschland "nicht zu gebrauchen" klingt wie Hohn in den Ohren all der MigrantInnen, die unter schwersten Bedingungen in Deutschland für ihre Rechte eintreten, die ständig ihre Abschiebung fürchten müssen und die deshalb froh sind, dass es Gruppen gibt, die sich ihrer Belange annehmen und sie unterstützen. Insofern finde ich schon, dass die "Linke" eine unheimlich wichtige Position einnimmt, wenn es darum geht, Flüchtlingen und anderen Menschen nicht-deutscher Herkunft ein menschenwürdiges Leben in Deutschland zu ermöglichen.
Insgesamt beinhaltet mein Verständnis von linker Politik ein Eintreten für eine solidarische, gerechte Gesellschaft, die keine Unterschiede macht in Nationalität, Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Religion und allem anderen, weswegen Menschen in der modernen kapitalistischen Gesellschaft benachteiligt oder bevorzugt werden, die niemanden ausgrenzt, nur weil er/sie in irgendeiner Form "anders" ist. Gleiches Recht für alle - auf allen Ebenen!
Prinzipiell halte ich Positionierung gegen rechts, wie es die Brothers Keepers getan haben, für richtig und wichtig. Dennoch finde ich, dass sie die eigentlichen Ursachen der rassistischen Problematik, wie in dem Intro-Redaktionstext auch gesagt, nur berührt. Zudem werden andere, nicht minder verbreitete Formen der Diskriminierung in keiner Weise thematisiert, z. B. Sexismus, die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, geistig Behinderten und sozial Schwachen (Obdachlosen). Vorurteile sind der Grund, warum es Nazis gibt und warum es Rassismus gibt, und natürlich gilt es, diese Vorurteile zu beseitigen. Aber auch diese Vorurteile haben ihre Ursachen, und genau hier liegt der Punkt, an dem die Ursachenforschung der Brothers Keepers aufhört. Rassistische Vorurteile sind das Produkt einer Verwertungsideologie, die den Grundstock unserer auf Wettbewerb ausgerichteten liberalen Marktwirtschaft, in der wir trotz aller "sozialen" Ausschmückungen unbestritten auch heute noch leben, bildet. "Mehr Menschen, die uns nützen und weniger, die uns ausnützen", wird heute ganz unverhohlen die Devise deutscher Einwanderungspolitik vorgegeben. Willkommen ist, wer Kapital bringt, die anderen interessieren wenig, wir können uns ja schließlich nicht um alles kümmern, also kümmern wir uns erstmal darum, dass es uns selber blendend geht. Dass Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen und sich aufgrund ihres niederen sozialen Status ihre Nische am Rande der Gesellschaft suchen müssen, in einer Gesellschaft, die nach solchen Gesetzen funktioniert, nicht mit offenen Armen empfangen werden, verwundert wenig. Das soll keineswegs eine Entschuldigung für rassistisches oder faschistisches Gedankengut sein, ganz im Gegenteil, ich will damit nur sagen, dass man an der Wurzel ansetzen muss, um das Problem des Rassismus vielleicht einmal zu lösen.
Mein Fazit über die Brothers Keepers: Sie wollen ein Zeichen setzen, wollen zeigen, dass die schwarze Minderheit in Deutschland nicht länger gewillt ist, in Angst zu leben, sich kaum mehr nachts auf die Straße trauen zu können, weil ihnen an jeder Ecke eine Horde Nazis auflauern könnte. Dieser Wille ist sicherlich zu begrüßen, und es ist zu hoffen, dass er bei der - leider wahrscheinlichen - nächsten Nazi-Attacke (mit Verstand) in die Tat umgesetzt wird. Mit der Patriotismus-Sache und der etwas flachen Linken-Kritik begeben sich die BK meiner Meinung nach allerdings auf ein Terrain, dass dem Ziel nicht unbedingt zuträglich ist, mit dem sie den Kern der Problematik nicht richtig erfassen, und auch die Ursachenforschung in Sachen Rassismus bleibt in meinen Augen etwas oberflächlich.
Reverend 17.12.2001 | 08:07:05
war immer aufrichtig
mir fehlen die worte.
einfach klasse, muy.
Call Me Appetite 17.12.2001 | 08:11:57
Hobbyprofi
da bleibt nichts mehr zu sagen...
merci.
gewitterhexe 17.12.2001 | 09:44:56
na nicht schlecht, muy.
schön.
LesPaul 17.12.2001 | 13:05:00
Sehr interessante Argumente!
"Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht." ist aus "Deutschland - Ein Wintermärchen" von Heinrich Heine (Januar 1844).
KIDdotA 17.12.2001 | 13:11:28
Hat jemand die Woche "Late Lounge" gesehen, als Tyron Ricketts zu Gast war? Da ging es natürlich ebenfalls um das Brothers Keepers Projekt, wie auch über Ricketts' Film "Afrodeutsch". Dprt wurden Dinge wie "Opferrolle" und auch "Positivrassismus" angesprochen und alles in allem war das eine sehr interessante Sendung mit einem Gast, der mich vollends von seiner Kompetenz überzeugen konnte.
micorazon 17.12.2001 | 13:12:10
ich fuerchte, der wille der deutschen
rap-szene, sich auch mal inhaltlich
zu aeussern, ist insgesamt
hauptsaechlich "gut gemeint". ich
kann MUY nur zustimmen, dass BK
da vielleicht auch auf einem terrain
operieren, auf dem sie den
durchblick nicht in hinreichender
weise haben. eine zeile wie "Ich
sage K, sage Z, sage Nazis rein", die
denyo in "adriano" rappt, zeugt
jedenfalls nicht unbedingt davon,
dass man den historischen
hintergrund von rassismus,
nationalsozialismus etc so
weitgehend verstanden hat, dass
man sich dermassen aus dem
fenster haengen sollte. was die
politische analyse anbelangt, bewegt
sich vieles der deutschen
hiphop-szene leider auf dem niveau
der toten hosen, die ja auch mit einer
leicht "politischen" haltung, die
irgendwie "dagegen" erscheint,
mainstream-tauglich sind. da passt
es nur allzu gut, dass man die "linke"
disst (das kommt sowieso in der
mitte immer gut und erleichtert es
auch den nationalisten, "adriano" auf
die vordersten plaetze der deutschen
charts zu kaufen). eigentlich ist das
alles sehr schade, denn
breitenwirkung hat deutscher hiphop
wie zur zeit wenig andere deutsche
musik. irgendwie traurig, dass auch
diese (ehemalige) randkultur so
erpicht auf den platz in der mitte ist,
dass einige ihrer repraesentanten
meinen, man koenne jahrelange
diskurse (wie sie in der linken um
heimat und nation gefuehrt werden)
einfach wegwischen, weil man ja
selber als eigentlicher aussenseiter
nun selbst irgendwie stolz auf sein
deutschsein ist und das auch sein
darf. die frage, warum, die frage, ob
die damit verbundene ausgrenzung
wirklich so gemeint ist, die soll dann
wohl nicht mehr gestellt werden.
Reverend 17.12.2001 | 14:39:41
war immer aufrichtig
man sollte bei aller berechtigten kritik aber nicht den fehler machen, deshalb die unterstützung eines solchen begrüßenswerten und überfälligen projektes wie brothers/sisters keepers aufzugeben.
Jan Wölffel 17.12.2001 | 14:49:36
Oh je, "Wie sind stolz ..." ist erst
einmal ganz einfach eine persönliche
Aussage. Ich weiß nicht, warum man das
gleich ideologisch aufladen muß und
schlimmer noch, dem die
"Leitkultur-Debatte" andichten muß. Wie
einfach ist es bitte zu sagen: "ich
brauche keine nationale Identität",
sich danach schnell vor all die armen
MigrantInnen und "Nicht Deutschen" zu
schmeißen und auf das Moralmonopol
seiner eigenen Lebensanschauung zu
pochen. Selbstverständlich sind wir alle
gegen Nationalismus, Rassismus und
Sexismus, nicht wahr? Selbstverständlich
heulen wir sofort auf, wenn in den
Videos ein nackter Frauenkörper zu sehen
ist oder eben wenn der Satz "Wir sind
stolz Teil dieser Nation zu sein ..."
fällt. Nein, daß darf man/frau ja
nicht. Lieber verhüllt man sich in
seinem kuschelweichen Kokon und denkt
sich alles "böse" weg. Schade nur, daß
die, die wir (ich bin auch von Haus aus
"Linker") ja angeblich vor der bösen,
bösen Welt und den bösen, bösen Systemen
retten wollen, da nicht mitspielen.
Warum wohl? Weil der Dialoge nicht über
Politik oder wissenschaftliche Diskurse
läuft, sondern von Mensch zu Mensch
verläuft. Lustig auch der Maulkorberlass
von Micrazone. Leute, sagt doch einfach
was IHR denkt und nicht das, was euer
bürgerliches Durschnittsego Euch
erlaubt!
Reverend 17.12.2001 | 14:57:15
war immer aufrichtig
@jan wölffel: ich kann dir nicht ganz folgen.
niemand muss den brothers keepers die "leitkultur"-debatte aufzwingen. sie selbst spielen doch mit dem begriff. schließlich haben sie selbst ihr album "lightkultur" genannt.
genauso gehen sie mit dem "stolz"-mythos und der identitätsdebatte um. welche gefahren hierbei bestehen, hat muy schön dargestellt.
micorazon 17.12.2001 | 17:17:04
@jan w.: tja, da hast du aber was
anderes gelesen, wenn du einen
maulkorberlass siehst. ich sage
sowieso nur was ich denke, nicht
was -wessen auch immer- ein
buergerliches durchschnittsego
erlaubt. ich habe mich darueber
gefreut, dass "adriano" in den charts
war (und dass obwohl 's xaver da
singt, aber das tut ja nichts zur
sache) und aergere ich ueber die
zeile, die kzs fuer nazis verlangt,
ohne ende. genauso wie ich -sicher
lieber im dialog von mensch zu
mensch und sicher noch lieber im
dialog mit den brothers keepers- es
fuer richtig und notwendig halte, die
schwachstellen, die das projekt BK
nach meiner ansicht hat, zu
benennen. ich finde nackte frauen-
oder maennerkoerper in videos unter
umstaenden schoen. nationalismus
nie. egal von wem.
Jan Wölffel 17.12.2001 | 21:40:03
Es ist auch gefährlich auf die Strasse zu gehen, in ein Auto zu steigen oder mit dem Flugzeug zu fliegen. Ich stelle Mucys gute Absichten auch gar nicht in Frage, sondern, finde es einfach nur zum kotzen, daß hier gleich eine Gesinnungsdebatte initiert wird und "vor lauter Panik und Angst" (Sekou) mit Hitler, Merz, dem Brockhaus, Mainstream oder sonstewas argumentiert wird. Das mag ja alles eine Rolle spielen, nur, sollte man sich auch mal die Mühe machen sein eigenes Verhältnis gegenüber einer simplen Frage wie der Zugehörigkeit und Identität zu klären. Dazu muß man ja nicht einmal ein Buch gelesen haben. Ich frage mich da schon, wer hier eigentlich was definiert und denke das da hoffnungslos an einander vorbei geredet wird. Außerdem maß ich mir als Weissbrot weiß Gott nicht an, die Identitätsdebatte von Afro/Deutschen zu führen bzw. unreflektierte Sätze wie "ich persönlich lege kein Wert auf nationale Identität" oder den zu mindestens falsch interpretierbaren Satz "in Erinnerung an die leidenschaftlich geführte Leitkultur-Debatte ff." (im Artikel) in den Raum zu schmeißen, bzw. zu erwaten, daß sie von allen geteilt werden. Das nämlich ist ein Teil des linken Diskurs, der alles vereinnahmen will und Differenzen, sei es schwarz/weiß oder frau/mann gar nicht sehen möchte. Wem hat man denn ständig das Recht entzogen eine Identität, die sich auf die Herkunft und das Land richtet in dem er/sie lebt und/oder geboren wurde, aufzubauen? Desweiteren ist man nun mal in einem bestimmten Land geboren, hat bestimmte Eltern, eine bestimmte Erziehung genossen usw. Hilft ja nichts, wenn man das nicht wahr haben will.
@micrazone, cool, sorry, nur auch hier, die Nationalismus Debatte die sich hier angebracht wurde, erschließt sich mir nicht aus dem gesagten, sondern ist eben das, was dazu gedacht wurde. Ich bin mir selber übrigens nicht so sicher über mein Verhältniss zu dem Land in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Ich finde nur, daß diese verkrampften ideologischen Diskussionen herzlich wenig zur Klärung beitragen.
-peace-
Call Me Appetite 18.12.2001 | 22:13:09
Hobbyprofi
"ich persönlich lege kein Wert auf
nationale Identität" , wenn sie mit
stolz einhergeht.
das sage ich nochmal ganz laut. und
ich hoffe, dass es vielen anderen
menschen auch so geht - egal ob
"weissbrot" oder "deutschneger" .
und auch der begriff "patriotismus"
geht mir ab. ich brauche keine
vaterlandsliebe und auch keine liebe
zu dem land, in dem ich mehr oder
weniger zufällig lebe.
es wäre schön, wenn sich die
debatte, zu der bk einen guten und
sinnvollen beitrag leisten, auch
weiterhin um die wichtigen themen
drehen würde und den patriotismus
außen vor ließe.
bizmark73 19.12.2001 | 02:31:42
also ich habe bei intro.de selten so etwas gutes gelesen wie MUYs beitrag!
was die kritik an bk´s betrifft: sie argumentieren halt aus der afrodeutschen perspektive, d.h. sie können/ müssen deswegen jetzt nicht plausible diskurse für JEDE diskriminierte minderheit (schwule, behinderte etc) in diesem lande in ihrer musik vertreten. das wäre etwas zuviel verlangt. deren abneigung gegen linke stellvertreter liegt sicher auch an dem sozialpädagogischen verhalten vieler linker gegenüber den "armen ausländern", die von vielen linken als opfer stilisiert oder unter exotistischen aspekten betrachtet werden. das die bk´s solche leute als ihre stellvertreter ablehnen ist z.t. nachvollziehbar. nichtsdestrotoz stimmt es natürlich, das sich seit jahrzehnten ausschliesslich die linken für ausländer stark gemacht haben. ambivalent thing, wie meistens...
bizmark73 19.12.2001 | 02:48:03
abgesehen davon ist es auch falsch, zu denken, das eine person links (antipatriotisch, pazifistisch, emanzipiert, nicht schwulenfeindlich, antipatriotisch etc.) sein muss, nur weil sie diskriminiert wird. das kann so sein, muss aber nicht. diskriminierte menschen sind nicht zwangsläufig "bessere menschen", was immer das auch heissen soll.
(als hiphop-fan weiss ich, wovon ich rede :0) )
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