
The Notwist
Widerhaken mit System
29.11.2001, 17:51, Text:
Felix Bayer und Sven Opitz,
Felix Bayer und Sven Opitz
[26 Kommentare]
I. Programmatik
Die Methode des Artikels ist denkbar einfach. Er geht von der Überlegung aus, dass die Welt erst durch den Vorgang des Beobachtens in eine Sichtbarkeit überführt wird. Zugleich erzeugt der Vorgang des Beobachtens nur eine einzige Sicht, die sich selbst nicht beobachten kann. Was die Beobachtung nicht sehen kann, ist demnach ihr eigenes Sehen. Das bringt leider ein grundlegendes Problem mit sich: Es besteht darin, dass die meisten Beobachter ihre Sicht als die einzig mögliche ansehen und vergessen, dass ein anderer Beobachter anders beobachten könnte.
Gegen diese Gefahr trifft der Artikel gewisse Vorsichtsmaßnahmen.
Im Zentrum der Beobachtungen stehen The Notwist und ihr fünftes Album \"Neon Golden\". Mal von der einen, mal von der anderen Seite. Es wird auf diese Weise zum Zurechnungspunkt für verknotete Gedankenbündel, Sozialisationserfahrungen und konkrete Geschichten. Ohne das Faktum der Autorenschaft überzubetonen, lässt sich sagen, dass wir den Artikel zu zweit geschrieben haben. Da jeder von uns mehrere war, ergab das schon eine ganze Menge.
II. Narration Der Schwebe
Über Notwist lassen sich die schönsten Geschichten erzählen. Leider wird zu diesem Zweck zumeist ein äußerst beschränktes narratives Muster herangezogen, das des bürgerlichen Bildungsromans. Am Anfang steht dann immer eine unerfahrene Band, die einen linearen Erfahrungsweg zu durchmessen hat, bis sie in der jeweiligen Gegenwart ihr vollständiges musikalisches Potential entfalten kann. Die kontinuierliche Narration tilgt die Brüche und Ungleichzeitigkeiten; sie versperrt die Sicht auf auseinanderstrebende Linien und lokale Intensitäten.
Eine andere Erzählung über Notwist könnte mit einem Luftsprung beginnen. Die Beine zur Hocke angezogen, den Kopf mit den struppigen Haaren in den Nacken gelegt und mit der linken Hand noch den Gitarrenhals haltend, befand sich Markus Acher Anfang der Neunzigerjahre in so manchem energetischen Schwebezustand. Zu sehen war diese expressive Geste etwa 1993 im Vorprogramm von Fugazi. Während letztere ihre Stücke mehrfach unterbrachen, weil vor der Bühne zu wild getanzt wurde, hinterließen Notwist Irritationen. Zu leise und brüchig schienen die nachdenklichen Gesangslinien in der direkten Nachbarschaft zu der brachialen Instrumentierung.
Nachschlagen lässt sich ein solcher Luftsprung im Innencover des Debütalbums aus dem Jahr 1991. Das Foto als Teil einer Collage aus handgeschriebenen Texten, Zeichnungen und Livebildern verweist auf eine Welt der autonomen Zentren, der schmutzigen Bandproberäume und der Kleinstädte. Seine Entsprechung findet es zudem musikalisch: So sehr die Idee des US-amerikanischen Postpunk im Vordergrund steht, melodiös-verschlafene Songs in ein krachiges Gewand zu verpacken, so sehr zeugen die verwendeten Sounds und Breaks von der Anbindung an die damalige Hardcore-Szene. Gemeint ist ein Kosmos, in dem die Infrastruktur der Plattenkisten auf Konzerten und die verfilzten Haare gleichermaßen wichtig waren. Von derartigen Koordinaten ausgehend, entsteht die Lesart einer Band der Peripherie.
Notwist fungieren darin als das Modell \"vom Lande\" im Gegensatz zu den angeblich stilisierteren Entwürfen aus den Metropolen. Das zeigt sich besonders deutlich an der Aufsplittung medialer Kanäle: Während die damalige Spex den Slacker-Chic eines J. Mascis goutierte, wurde der gesamte Zusammenhang um Notwist konsequent ignoriert. Hier mussten erst weitere \"Männer vom Lande\" kommen, um vor dem Gesetz der Stadt Einlass zu verlangen und die bohemistischen Engführungen aufzubrechen. Eine euphorische Rezeption genossen Notwist hingegen in den abseitigen Medien. Intro als damaliges \"Magazin vom Lande\" widmete sich ihnen nahezu ähnlich hingebungsvoll wie ein dichtes Netz selbstfabrizierter Fanzines. Ein in seinen Kategorien festgefahrener Erzähler könnte nun an die Unterscheidung von Stadt/Land anschließen und sie als stabiles Schema mit sich führen. Er könnte darauf insistieren, dass Metal als prägender Stileinfluss des zweiten Albums der Band (\"Nook\") die paradigmatische \"Musik vom Lande\" schlechthin ist. Damit würde er aber nicht nur seine Zuhörer langweilen; er würde auch eine spezifische Blindheit erzeugen.
Statt dessen sollte man unreine Geschichten abseits der Binarität erzählen, Geschichten der gegenseitigen Kontaminierung beider Seiten der Unterscheidung. Notwist haben nämlich nie eine Metal-Platte gemacht. Sie haben auf \"Nook\" nur die Kraftlinien dieser Musik gekrümmt und auf diese Weise neue Intensitäten erzeugt. Das Album selbst kann am besten in Begriffen der Bewegung gedacht werden, denn es hat seinen Ort weder bei Slayer noch bei Neil Young. Es ist unterwegs zwischen Orten, die nicht nach Stadt oder Land fragen. Ähnliches gilt für die lokale Szene, die sich aus dem Gebiet um das oberbayrische Weilheim heraus entwickelt hat. Mitglieder von Notwist waren dort in unzähligen anderen Projekten aktiv. Mit dem Free-Jazzer Rudi Mahall wurden zwei Schallplatten lang dichte Gitarrendrones an Hochfrequenzen aufgeschlitzt. Oder man hat mit mindestens sieben Leuten F.W. Murnaus Stummfilm \"Nosferatu\" vertont. Im ersten Fall nannte man sich Potawatomi, im zweiten Village Of Savoonga.
Zuletzt verlagerte sich das kreative Gewicht stärker auf die Arbeiten des Tied & Tickled Trios, das den Blue-Note-Jazz der 60er mit Gegenwartselektronik kreuzt. Entscheidend ist nun, dass zwar die Postadressen der zentralen Labels Hausmusik, Kollaps und Payola auf Oberbayern verweisen. Das hier artikulierte Wissen knüpft jedoch räumliche wie zeitliche Verbindungen in alle Richtungen. Durchstreift werden die unterschiedlichsten Klangarchive von Neuseeland bis Chicago; angesichts des Zusammenschlusses afrodiasporischer Techniken mit Ideen der sogenannten Avantgarde erscheinen materielle Orte zweitrangig.
Die Stadt/Land-Unterscheidung kollabiert vollends auf dem folgenden Album \"12\". Plötzlich wird die Idee des Songs, an der Notwist seit ihren Anfängen feilen, mit völlig anderen Mitteln ausbuchstabiert. Man stößt auf den Raumklang der späten Talk Talk, Blasinstrumente finden ihren Einsatz, und die Verzerrung wird aus der Gitarre herausgenommen. Neue Inszenierungen der Nachdenklichkeit, wieder neue Intensitäten. Auf \"Shrink\" kommt Martin Gretschmann a.k.a. Console zur Band und erweitert das musikalische Spektrum um elektronische Momente. Scheinen die digitalen Geräuschpartikel zu diesem Zeitpunkt der Songs noch äußerlich, präsentiert \"Neon Golden\" kompaktere Einheiten. \"Wir haben versucht, die Vielfalt von 'Shrink' zu konzentrieren und etwas Homogeneres und Geschlosseneres zu finden. Ein Versuch also, die Dinge wieder näher zusammenzubringen. Idealerweise geht es dabei um eine musikalische Gesamtsprache, in der verschiedene Elemente Platz haben, ohne dass man sie gegeneinander ausspielt\" (Markus Acher).
Notwist sind keine Strategen der Zeichenpolitik. Ihr Interesse gilt vielmehr dem musikalischen Material selbst, das von der Suche nach Anschlussstellen gezeichnet ist. So entstanden in zehn Jahren musikalische Dokumente der Bewegung, die für sich stehen können und deshalb Bestand haben. Eine Geschichte über Notwist muss daher vor allem als Geschichte über den Aufenthalt in Übergangszonen erzählt werden. \"I'm not in this movie, I'm not in this song\", heißt es auf \"Neon Golden\". Statt dessen: in der Luft, auf dem Sprung, ohne festen Boden unter den Füßen. An schwebenden Orten, die Beine leicht angewinkelt. Das ist etwas ganz anderes als der bürgerliche Bildungsroman.
III. Der Haken Mit Dem Pop - Behauptungen, Mutmassungen
\"Pop mit Widerhaken\" - selten kommt eine Band zu einer so treffenden Selbstbeschreibung wie The Notwist anlässlich ihres letzten Albums \"Shrink\". \"Pop mit Widerhaken\", das scheint so evident, so selbsterklärend. Schöne, eingängige Melodien - die konnte man Notwist wirklich niemals absprechen. Man musste sie nur entdecken, früher, als sie sich verbargen zwischen Noise-Gitarren und Metal-Breaks. Nur: Wollte der Liebhaber der Popmelodien sie dort suchen? Notwist warben nicht für sie. Notwist sahen auch nicht aus nach ihnen. Notwist-Fans, bei allem Respekt, auch nicht. Jungs. Band-T-Shirts. Indie-Rock-Ideologien. Pop? Hier doch nicht!
Pop braucht Hits. An denen hängen sich Gefühle fest. Die sind da, an Orten, wo man sie erwartet und wo man sie nicht erwartet. Im Hit erkennt Pop sich wieder. Und plötzlich hatten Notwist einen Hit. \"Chemicals\". Das war eben nicht nur in der Indie-Disco. Da, wo Notwist schon vorher gewesen waren. Das tauchte immer mal wieder auf. Nicht überall, nicht ständig, nein. So ein richtiger Hit war es ja auch wieder nicht. Aber es reichte, damit sich Pop wiedererkennen konnte an einem unvermuteten Ort. Bei Notwist? Guck an. Aber die Widerhaken! \"Chemicals\" ist bereits ein Beispiel, was damit in der \"Shrink\"-Phase gemeint gewesen sein könnte: Was eigentlich ein geradliniger Song ist, wird durch elektronisches Pochen und Zirpen gestört. Wobei ja im Winter '97/'98 Indietronics der letzte Schrei waren. Hört man das Album heute wieder, ist es erstaunlich, wie dieser spezielle Umgang mit Elektronik gealtert ist: Spielerei, Ornament, kein integrierter Bestandteil der Songs.
Doch der entscheidende Grund, warum sich Notwist sperren gegen eine Vereinnahmung als reine Popband, ist ein anderer: Pop ist mehr als nur schöne Melodien. Pop weiß von sich selbst. Pop weiß um die eigene Wirkung und nimmt Einfluss darauf. Deswegen bewundern wir an Popstars ihre strategischen Moves. Deswegen sind Popsongs immer übercodiert. Nie sind sie nur der Song, sondern auch ein Statement, eine Reaktion auf: die Gesellschaft, das eigene Image, die Popsongs, die es zuvor gab. Pop hat Stilwillen und Stilwissen. The Notwist sind Musiker. Sie machen Musik. Keine Strategien, keine Styledrehungen, keine Gesten. Musik.
Natürlich: Man kann das gerade gut an ihnen finden. So geraten sie nie in die Gefahr, \"Popstars\"-Pop zu machen. \"Medien, Märkte, Merchandise\" - das ist nicht Notwists Welt. Und dann läuft \"Neon Golden\", das neue Album von Notwist. Es läuft das zweite Stück, \"Pilot\". Es klingt nach Depeche Mode: Dieser weiche und doch treibende Beat erinnert an deren \"Music For The Masses\"-Phase. Diese simple Gitarrenmelodie. Nebenbei bemerkt: \"Pilot\" hat das Zeug zum Hit. Markus Acher: \"Ich hatte bei diesem Stück einen Bezug im Kopf, und das war New Order. Eben ein Tanzrhythmus, verbunden mit einem gitarrenorientierten Stück, das so drüberliegt. Also: Depeche Mode hatten wir jetzt wirklich nicht auf der Rechnung, aber jemand kam schon mal mit Pet Shop Boys an.\"
\"Pilot\" ist nur das eindeutige Beispiel. Das Melodiöse stellen Notwist auf dem ganzen Album aus, wie sie es noch nie zuvor getan haben. Warme Keyboardsounds helfen dabei, Martin Gretschmanns Elektronik ist viel integrierter als noch auf \"Shrink\". Natürlich ist \"Neon Golden\" melancholisch, schließlich ist es ja eine Notwist-Platte, aber es ist eine freundliche Melancholie, eine Melancholie ohne Verzweiflung.
Notwist haben sich gewandelt mit dieser Platte, aber es ist eine Wandlung ohne drei Ausrufezeichen. Es ist eine Verfeinerung. So wandeln sich Musiker, nicht Strategen. Gilt denn noch die Selbstbeschreibung als \"Pop mit Widerhaken\"? Markus Acher: \"Ja, das ist immer noch gültig. Wenn man sich ein Stück von uns als Person vorstellt, dann ist das ein seltsamer Typ mit Strubbelhaaren und schiefen Zähnen, in Kleidung, die nicht zusammen passt, der wunderschöne Stücke spielt. Dem man gut zuhören kann, aber wenn man genauer auf den Text hört, ist man irritiert und fragt sich, was da eigentlich gesungen wird.\" Gemein gesagt, sieht also der Notwist-Song als Person ein bisschen aus wie die Karikatur der Achers selbst.
Und wieder so eine Popfrage: Wie verhält sich die nach außen gerichtete Pop-Person, die in Liedern, Images, Interviews auftaucht, zur realen Person dahinter? The Notwist behaupten, das Verhältnis sei bei ihnen ein identisches oder doch zumindest ein parallelgeschaltetes: \"Die Musik ist am nächsten an uns dran. Wir sind keine Typen, die für eine große Geste stehen oder einfache Bilder produzieren. In unserem Leben passieren Sachen, die dafür sorgen, dass man ein bestimmtes Stück macht, dem man das Passierte dann auch anmerken sollte.\"
Das Auftaktstück von \"Neon Golden\": \"One step inside doesn't mean you understand, one step inside doesn't mean I'm yours.\" Man kann das verstehen als eine Vorsichtsmaßnahme, als Schutz, um ein Inneres, Nicht-Erreichbares abzuschotten gegen allzu neugierige Interpretierwut. Die Fans von Notwist glauben die netten Acher-Brüder wie Freunde zu kennen. Aber vielleicht ist diese Nähe manchmal zu nah. \"You cannot walk with us\", heißt es in dem Song. Immer Vorsicht beim Authentischen!
Und doch, bei aller Verknüpfung von Leben und Werk bei Notwist: Wir wissen von den vielen Nebenprojekten. Wir wissen, wie unterschiedlich sie klingen. Die Menschen, die The Notwist bilden, sind so sehr Musiker, dass ihre mannigfaltigen musikalischen Identitäten auch verschiedene persönliche Identitäten sind. Ein Notwist-Song ist eine andere Person als ein Tied&Tickled-Trio-Track. Bisher war es so: Die musikalischen Möglichkeiten, die die Notwist-Musiker in ihren anderen musikalischen Identitäten ausgelotet haben, haben Notwist befruchtet und verändert. Jetzt haben die musikalischen Möglichkeiten, die sie anderswo ausloten, den Notwist-Musikern klarer werden lassen, wie The Notwist ist.
Deswegen ist \"Neon Golden\" eine so klare, so eindeutige Platte. Die Acher-Brüder sind keine Pop-Typen, sie haben gar nicht deren Träume. Aber The Notwist ist trotzdem ihre Pop-Identität, mit Widerhaken, manchmal sogar wider Willen. \"Das Wort Pop kennt keinen Artikel\", hat Andreas Neumeister geschrieben (da kannte er nicht die belgische Band Das Pop), und das kann man so verstehen, dass Pop ein Gefäß ist, das mit vielen Ideen gefüllt werden kann. Also auch mit denen von The Notwist. Mit ihrem Album \"Neon Golden\" - auf dem übrigens wirklich sehr schöne, eingängige Melodien sind.
IV. Musik Als System
Notwist pflegen an ihren Alben sorgsam zu feilen. Dabei kommt es zu einem Überlappen unterschiedlicher Arbeitsprozesse. So könnte man zuerst die Kompositionsphase erwähnen, in der von verschiedenen Punkten aus mit verschiedenen Mitteln Vorschläge unterbreitet werden. Während Markus Acher in diesem Stadium auf die Gitarre zurückgreift, verwendet sein Bruder Micha das Klavier und Martin Gretschmann den Computer. Allerdings lässt sich von der Komposition die zweite Phase der Produktion nur unscharf trennen.
Für \"Neon Golden\" haben Notwist mit Unterbrechungen 15 Monate im Uphon Studio mit Mario Thaler und Olaf Opal verbracht, eine Periode, in der die kompositorischen Ausgangsideen genug Zeit hatten, sich von sich selber zu entfernen. Sounds wurden entworfen und verworfen, Arrangements und Strukturen ausgetauscht und verschoben. Schließlich veränderten Gastmusiker in einer dritten Phase die einzelnen Stücke mit ihren Beiträgen.
Zudem betont die Band die große Bedeutung, die andere Schallplatten für ihre Arbeit besitzen. Notwist sind passionierte Hörer, die sich in einem Zusammenhang aus Musik befinden, in dem die Klänge einen regen Austausch veranstalten. Man könnte deshalb auf die Idee kommen, Musik als geschlossenes System zu beobachten. Das würde die Behauptung nach sich ziehen, dass nur Klänge aneinander anschlussfähig wären. Natürlich gibt es weiterhin die Bewusstseinssysteme der Bandmitglieder, in denen Gedanken über die Songs zirkulieren. Und sicherlich wird auch im sozialen System der Band über einen Song gesprochen. Aber die Musik selbst denkt und spricht nicht, sondern klingt - was lediglich bedeutet, dass wir einem Freund, der uns vorschlägt, ins Kino zu gehen, nicht zur Antwort die \"Goldberg Variationen\" vorspielen.
Vor allem aber funktioniert Musik als nicht-triviale Maschine. Das heißt, dass es keinen Input gibt, der das System zwingend auf einen bestimmten Output festlegt. Man kann noch so sehr über einen Song sprechen, andere Tonträger abspielen oder sogar von einem Stück träumen: am Ende wird es uns erstaunen. Ähnlich, wie dieser Text aus Schrift von den Gedanken des Autors nur irritiert wird, spielt sich die Musik gewissermaßen selbst in eine undurchsichtige Zukunft hinein. Die Klänge als das Medium der Musik sind dabei formlos wie Sand, können jedoch zu Formen fest gekoppelt werden, ohne sich zu verbrauchen. Für neue überraschungsfähige Musik werden immer genügend Klänge vorhanden sein.
Markus: Bei uns wurde im Studio viel ausprobiert. Wir kamen nie mit einem Computerarrangement zu Mario, das dann akustisch umgesetzt wurde. Statt dessen haben wir Gastmusiker, etwa einen Percussionisten oder einen Cellisten, über ganze Stücke drüberspielen lassen, so dass plötzlich Facetten zutage traten, die ein Stück noch mal umstrukturiert haben. Stücke wurden im Verlauf solcher Prozesse in völlig andere Richtungen gezogen, es war also kein kontrollierter Prozess. Insgesamt ist der Weg zu einer Platte ein Weg mit Fehlern. Sachen scheitern, und Ideen, die man hat, sind nicht in der gleichen Art realisierbar. Das ist ähnlich wie im Leben bei Dingen, die nichts mit Musik zu tun haben. Das Unvorhergesehene sollte immer in der Musik präsent sein.
Micha: Am Anfang haben wir nur gewusst, dass wir alles möglichst schlicht halten wollten. Der Rest ist im Lauf der Zeit einfach gekommen. Und viele Vorstellungen haben sich wieder geändert, weil man andere Musik gehört hat oder weil jemand mit neuen Instrumenten ins Studio gekommen ist. Das bedeutet auch, dass die Platte nicht zusammen eingespielt wurde. Sehr viel wurde am Computer entworfen oder wieder zerstückelt und neu zusammengesetzt.
Markus: Was den Einfluss anderer Musik angeht, war auch der Zeitpunkt wichtig, an dem eine Platte plötzlich daherkam. Die Bonnie \"Prince\" Billy etwa hat uns wieder auf essentielle Dinge konzentriert. Diese Platte ergeht sich nicht in Arrangement-Frickeleien. Statt dessen genügt es, dass man im wörtlichen Sinn von einer Stimme angesprochen wird, die etwas sagt, weil sie auch etwas zu sagen hat. Uns hat die Platte dazu aufgefordert, näher an die Stücke und näher an die Stimme zu gelangen.
Micha: Oder das Stück \"Solitaire\" entstand in einer Phase, in der wir sehr viel über die Beatles geredet haben. Und plötzlich gab es die Idee, dass man die an sich relativ bombastischen Klänge des Stücks auf eine Art mischt, wie wir sie von Beatles-Produktionen kennen. Also dieses extreme Panorama-Bild, bei dem die Stimme rechts ist und der Beat nur links, dabei leicht angezerrt oder durch einen Röhrenvorverstärker geschickt.
V. 60 Miles An Hour
Die Frage war ganz unschuldig gemeint. Es ist doch auffällig, wie in den vergangenen Jahren in Deutschland immer mehr englischsprachige Gitarrenpop/Indierock-Bands relativ groß herauskamen, meist mit fetter Produktion, meist von Mario Thaler und Olaf Opal. Miles, Readymade, Slut sind im Kern gemeint. Für sich genommen alles vollkommen okaye Bands. Als Welle genommen etwas langweilig. Und vor allem: Was passiert, wenn eine dieser Bands wirklich den Durchbruch schafft? Sehen sie dann so scheiße aus wie Liquido? Oder freuen wir uns mit ihnen?
Markus und Michael Acher sind eher ruhige Typen im Interview. Sehr freundlich, aber nicht zum überbordenden Wortschwall neigend. Außer ...
Seht ihr euch eigentlich in einer Art Vorreiterrolle für Bands wie Miles und so? Die nehmen ja auch oft bei Mario Thaler auf.
Markus: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir uns schon anders sehen. Wir sind eben in dem Sinne keine Popband und wollen auch nicht das perfekte Pop-Album machen. Und auch nicht vorrangig super viele Leute erreichen. Diese Schwemme an Gitarren-Popbands oder an perfekten Indie-sozialisierten Pop-Alben in letzter Zeit, ob nun aus Deutschland oder woandersher, ließ uns überlegen: Wo stehen wir eigentlich? Wie unterscheiden wir uns? Was macht Notwist aus? Ist es nicht dasselbe eigentlich? Wie kann man jetzt eine stückorientierte, melodiöse Platte machen, ohne in bestimmte Kanäle zu geraten? Das war sicher schwierig. Deswegen wollten wir anfangs eigentlich eine monotone Krachplatte machen.
Ernsthaft?
Markus: Ja, ernsthaft.
Micha: Teilweise waren wir richtig wütend und genervt.
Markus: Es gibt da halt so viele Bands, wie die schon anfangen und wie die an das Ganze herangehen, das ist so grausig. Hauptsache gleich zum Major.
Micha: Fetter Vorschuss!
Markus: Toll aussehen!
Micha: Amtliche Fotos!
Markus: Da wollten wir wissen: Wer sind jetzt wir? Was wollen wir? Wir mussten das Selbstbewusstsein finden, um sagen zu können: Hey, wir machen jetzt einfach unsere Platte, wir haben da die Stücke. Und das Gesicht oder die Stimme, die dann erkennbar ist, die aus der Platte spricht, die vermittelt schon, um was es uns geht, was im Grunde Notwist ausmacht.
Wir sind immer noch perplex. Diese Krachplatte, wäre das dann eine richtige Gitarren-Krachplatte geworden?
Micha: Das wussten wir nicht.
Markus: Das war nur: Hey, lass uns Krach machen!
Micha: Ja, wir dachten nur: Hey, das ist ja so zum Kotzen, jeder normale Freund von uns von früher liest Branchenblätter und denkt an Charts. Wir dachten: Ey, Arschlecken, wir können nicht mehr! Deshalb gab es diese Krachidee. Aber wir hatten dann nicht die Stücke, um so etwas zu machen.
Markus: Es bringt ja dann auch nichts, so was krampfhaft konzeptmäßig zu machen. Dann ist es auch wieder nur eine Pose, die total auf dünnem Eis steht. Deswegen: Wir hatten da halt diese Stücke, und ich habe versucht, mit den Texten ganz konkret dagegen zu arbeiten, Situationen und Bilder zu beschreiben, die vielleicht nicht reinpassen würden in so eine Welt von großen Gesten und großen Sätzen.
So kann man dann das Auftaktstück \"One Step Inside Doesn't Mean You Understand\" auch deuten als eine Warnung an andere Bands. Wobei Markus Acher beim Herausgehen extra noch betont, dass er eben mit Absicht keine Namen genannt habe. Es geht nicht ums Dissen. Es geht um die Vergewisserung darüber, von welchem Ort aus The Notwist jetzt sprechen können. Die Widerhaken, da sind sie wieder. Obwohl natürlich die Krachplatte eine große, strategische Geste gewesen wäre. Aber, ehrlich gesagt, wir hören lieber das Album \"Neon Golden\" so, wie es ist.
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Lanks 04.12.2001 | 02:28:43
deutsche Band mit unglaublichem niveau! mehr, mehr, mehr...
delirix 04.12.2001 | 13:22:37
naja.erst fand ich neon golden etwas langweilig,dann zwischendurch ganz nett-passend zum hundewetter-aber mittlerweile
kann ich da garnixmehr dran finden,vor allem weil ich nochmal die ollen sachen(die "nook"und vor allem die erste auf subway rec.)ausgebuddelt hab-mann,die warn mal richtig gut,da kommen mir ja fast die tränen wenn ich das mit der aktuellen fahrstuhlmusik vergleiche...
daikatana 04.12.2001 | 13:30:17
@delirix: na, wenn du die CD sooo scheisse findest...
es gibt da ein Suche/Tausche/Finde-Forum. *g*
winterkind_zazie 04.12.2001 | 13:30:33
nein, so'n Quatsch, die alten Punksachen von notwist find ich gräßlich, aber ich liebe shrink und neon golden und alles, was ich momentan finden kann... ja, ein Hoch auf dieses wunderschöne Geblubber!!
kann mir vielleicht wer sagen, was man von denen noch alles finden kann?
hier nur mein tip - the scoop... hab ich gestern den ganzen Tag rauf und runter gehört... :o)
der schöne dienstag 04.12.2001 | 13:49:05
punk? das war metal. die erste hat gute momente. die zweite ist eins der besten bretter, die ich im schrank stehen habe. aber all zu oft hören mag ich die auch nicht mehr...
cherubchephren 22.01.2002 | 19:00:32
Was ich an der Platte so mag ist, dass es selten vorkommt, dass mit so aufwendigem Brimborium mit Saxophonen und dem ganzen Wahnsinn produziert wird und dafür dann so defensive, vorsichtige, kühle Musik dabei rauskommt. Eigentlich müsste soviel Zurückhaltung ja in Norddeutschland beheimatet sein und dort am besten ankommen. Ist es so? Auf alle Fälle ist schön und überraschend, dass bei soviel Kälte als Grundstimmung schon ganz wenig ausreicht um soviel Stimmung zu machen, wie sonst nur mit erheblich mehr Pathos möglich ist. Es gibt auch kaum eine Band, die sich so wunderbar stringent und kretiv entwickelt hat und immer wieder was neues macht wie Notwist. Sie sind als Lieblingsband einfach echt gut geeignet.
captain kidd 23.01.2002 | 12:31:46
notwist würde ich definitiv NICHT als kühl bezeichnen. in keinem sinn von kühl. the notwist würde ich als intelligente, intensive, introvertierte band bezeichnen. das neue album ist das beste album aus deutschland aller zeiten, wenn ich das mal ganz vorsichtig anmerken darf.
ausserdem braucht man von denen auf jeden fall 12 und shrink.
besonders 12 ist ein hammer vor dem herrn...
Brabbelgamm 23.01.2002 | 12:38:13
Aha! Das ist mal wieder typisch. Wenn Notwist eine ami- oder britband wäre, würde hier niemand nörgeln. alles wäre weiterentwicklung und hervorragend. da es aber deutsche sind, kann man ganz ungezwungen auf die alten platten verweisen und die als besser bewerten. dann stellt man sich ein bischen als informierter, kritischer (nicht-) fan dar, und besetzt somit eine unangreifbare position. ich will hier ja niemandem zu nahe treten, aber junge, the times they are achanging! wenn tortoise heute oder mitte der neunziger jahrhundertalben produzieren, dann verweißt bei denen doch auch keiner auf die bastro- hc- zeiten von denen.
ich finde die alten notwists eher langweilig. zu der zeit gab es wesentlich intressantere, konsquentere hc- ansätze. aber das nur nebenbei.
everpure 23.01.2002 | 13:20:54
tja, was soll man dazu sagen? ich kenne die alten notwist-sachen nicht (wie so vieles, was man hier sonst noch hört), aber das macht mir gar nix! ich mag die neue pladde sehr gern. und das mag damit zu tun haben, dass mir die mischung aus gitarre und elektronik gefällt, dass ich diese art melancholie mag, dass mir der gesang gefällt und dass sie so herrlich 80er-mäßige sounds benutzen...
was das thema weiterentwicklung angeht: ich werde jetzt wohl einfach mal nach und nach das notwist-werk aufarbeiten und sehen, was dabei herauskommt...
sheriff73 23.01.2002 | 13:43:23
ich verstehe die ganze aufregung irgendwie nicht...ist neon golden nicht genau das album das zu erwarten war? was ist jetzt neu, anders, besser? notwist haben sich ihr eigenes koordinatensystem geschaffen, das von platte zu platte anders ausgelotet wird. eigentlich unterscheiden sich deshalb die platten meiner meinung nach in ihrem grundcharakter gar nicht großartig. neu ist lediglich die große aufmerksamkeit, die ihnen jetzt erst zuteil wird. (wohlgemerkt intro hatte notwist bereits 1994/95?? auf dem Titelblatt, wohingegen die band im spex eigentlich erst so richtig seit shrink-zeiten ein thema ist) zurecht und jede verkaufte platte sei ihnen gegönnt.
dennoch stellt sich bei mir eine gewisse gleichgültigkeit ein und ich ertappe mich beim schulterzucken-neue notwist-schöne platte, ganz nett-aber so what...???
@captiain: beste dt. platte ALLER Zeiten??? vorsicht, vorsicht-bitte nicht ganz soweit aus dem fenster und so...
Aber besten trifft das Thema meines erachtens die plattenkritik des hamburger fsk sunday service (phantastische radiosendung-auch als stream zu hören!):
Viel wird über diese Platte geschrieben. Einige der Rezensenten überschlagen sich förmlich, vom „schlafenden Giganten“ (taz) ist da die Rede, und „DER endgültigen Pop-Platte“ (Spex). So ganz ungerechtfertigt sind diese Lobhudeleien natürlich nicht, auch der Sunday Service schließt sich, allerdings mit Vorbehalt, dem Kanon an. Auf dieser Platte gibt es, wie auf den meisten anderen auch, Höhen und Tiefen. Zu den Höhepunkten gehören die vorab veröffentlichten Singles „Trashing Days“ und „Pilot“, sowie der an alte Sebadoh/Dinosaur Jr. erinnernde Song „One With The Freaks“. Fehlgeschlagen hingegen ist der Versuch, auf „Solitaire“ Streicher mit Beats zu verbinden. Dass der Gesang von Michael Acher manchmal etwas uninspiriert ausfällt kann als Stilmittel, aber auch als Schwäche verstanden werden. Interessant macht die Platte ein Meer von unterschiedlichen Sounds, in das die Songs getaucht werden. Dabei haben The Notwist es mit ihrem Nachfolger von „Shrink“ sicherlich nicht leicht gehabt - ein geschätztes Album bringt immer auch einen enormen Erwartungsdruck mit sich. In diesem Wissen ließen sie sich viel Zeit, nahmen stundenlanges Material auf, um letztlich alles wieder zu verwerfen und von vorn zu beginnen. Nach eigenen Angaben erhebt die Band um die Gebrüder Acher mit „Neon Golden“ trotzdem keinen Anspruch auf Perfektion. Gut so! Durch die Vielzahl ihrer Projekte wissen sie natürlich, dass Perfektion für Musik tödlich sein kann. The Notwist loten unterschiedliche musikalische Spielarten aus, die mal mehr, mal weniger funktionieren. So gesehen ist „Neon Golden“ ein streitbares, auf jeden Fall aber auch ein weiterführendes Album, das sicherlich noch lange nachwirken wird.
günter netzer 23.01.2002 | 16:30:30
Bist du Journalist? Suchst Du nen Job?
everpure 23.01.2002 | 16:33:49
kann sheriff (und dem zitat) nur zustimmen.
captain kidd 24.01.2002 | 17:16:17
@ sheriff
nein.
solitaire ein schwaches lied also???
ich komm dir gleich dahin...
das ist ein schrein von einem lied. die ganze platte ist eine erfahrung, die einen wieder an gott glauben lässt...
ich scheisse auf differenziertheit. dieses album nimmt mich mit. und das schaffen nur wenige. gerade aus deutschland.
scheiss auf weiterentwicklung.
beste band. bestes album.
punkt.
Nachtmahr 25.01.2002 | 11:28:47
Wenn Notwist Metal waren, gabs ja doch
eine gute Metalband
CrazyBird 25.01.2002 | 22:56:35
War nicht so gemeint.
@captainkidd: ein schrein von einem Lied. Sehr geil. Und wenn auch nicht das beste Album aus Deutschland aller Zeiten, so doch eines der besten wohl aus diesem Jahr, wenn man das so mal anmerken darf. Oder wird Tocotronic besser?
captain kidd 26.01.2002 | 13:28:27
@ CrazyBird
Tocowas???
nie und nimmer.
waren die mal gut???
CrazyBird 26.01.2002 | 13:46:00
War nicht so gemeint.
@Captain: Ich wusste, daß Du die nicht gut findest. Aber "Sie wollen uns erzählen" ist gudd. So.
captain kidd 26.01.2002 | 13:51:19
ich habe von denen zwei cds und eine lp... noch fragen. zwei cds habe ich aber auch schon verkauft...
ich habe tocotronic hassen gelernt. ich weiss auch nicht warum. ob es nur diese frisuren waren oder jan müller.
oder diese "das was wir können könnt ihr auch" haltung, die uns letztendlich auch die popstars gebracht hat...
CrazyBird 26.01.2002 | 14:03:00
War nicht so gemeint.
Ich habe von denen gar nix. Aber ich finde die trotzdem cool, vielleicht bin ich blöd.
captain kidd 26.01.2002 | 14:04:38
@ CrazyBird
nein nein. du hast halt nur einen schlechten musikgeschmack *g*
CrazyBird 26.01.2002 | 14:12:59
War nicht so gemeint.
Ja, jedem seins. Deshalb hör ich halt auch gern Atomic Kitten.
captain kidd 26.01.2002 | 14:21:00
@ CrazyBird
kann ich dir irgendwie helfen???*g*
CrazyBird 26.01.2002 | 14:29:18
War nicht so gemeint.
Ohne Scheiß. Die machen das, was sie sein wollen, und das machen sie perfekt. Sugababes light. Betörende Videos, scheiß Drum-Machine, aber im Notfall gibt es die Mute-Taste.
captain kidd 26.01.2002 | 14:34:14
@ CrazyBird
ich komme mit denen am wenigsten klar von diesen popsternchen... so blutleer und künstlich. und dann nicht mal "hübsch anzusehen...". und keine songs. und keine stimmen. tut mir leid.
CrazyBird 26.01.2002 | 14:36:12
War nicht so gemeint.
Wenigstens versteht mich wohl ein Spex-Redakteur. Ein schwacher Trost. Und (darf ich das sagen?) getupkid. Schon besser.
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