Wesley Willis

I'm A Superstar (mit Video und MP3)

29.11.2001, 13:26, Text: Felix Scharlau, Felix Scharlau

Über Wesley Willis zu schreiben ist nicht gerade leicht. Kunststück. Gespräche mit ihm liefern wenig verwertbare Antworten, und er ist fett und geisteskrank. Ja, so verstörend kann eine Einleitung klingen - um alle Probleme von Sensibilität in Wort und Theorie mal vorwegzunehmen. Verdammte Determination. Also, Willis ist ein liebenswerter Workaholic, der pro Tag drei neue Songs schreibt. Leider braucht er auch dreimal täglich Psychopharmaka - wegen der Stimmen in seinem Kopf. Seine stärkste Waffe bei diesem täglichen Kampf ist allerdings die Musik.

Samstag mittag. Willis sitzt Backstage und hört über Walkman seine eigene Musik.

Auf die Bitte, sich auf das anstehende Interview in irgendeiner Form einzustellen, reagiert er spät und nimmt nur kurz seinen Kopfhörer ab. \"Ich kann nicht, die Dämonen werden mich nicht reden lassen.\" Kurz darauf geht es dann doch. Sein Begrüßungsritual \"Headbutting\", bei dem er sanft den Kopf gegen meinen schlägt, haben wir (fürs erste) hinter uns gebracht hat. Ich bemerke, dass er von diesem Ritual eine Beule auf der Stirn hat, und bitte ihn erst mal, seine Musik zu beschreiben. \"It rocks\", presst er knapp heraus. Nachbohren: Ob er denn nicht, wenn er nur so wenig dazu sage, Angst haben müsse, einige Leute könnten denken, er würde wie Bon Jovi klingen. Zögern. Dann und für 90 Prozent des restlichen Interviews die Antwort: \"Yeah.\"

Zum Anschauen des Interviewvideos bitte hier klicken. [Video 100k] [Video 56k]

How To Write A Song

Willis hat bereits an die 40 Alben aufgenommen, voll mit Stücken, die einen standardisierten Ablauf haben und auch sonst mehr oder weniger gleich klingen. Sein Keyboard spult einprogrammierte Standard-Song-Patterns ab, und Willis singt dazu. Meistens schief und über Erlebtes. Egal, ob es sich um Busfahrten, Kirchenbesuche, seine Schizophrenie oder Bands handelt - Willis kann über alles einen Song schreiben. Die Band-Stücke bilden den Kern seines Schaffens - persönliche Hommagen an Musikerkollegen, die den Gefühlen des emotionalisierten Fans Willis Ausdruck verleihen. Siehe \"Kurt Cobain\" (\"He is my rockstar\"), \"Superchunk\" (\"Their rockshow was perfect\"), \"Jello Biafra\" (\"You can really sing your ass up to the max\") oder auch \"Alanis Morissette\", sein Underground-Hit mit MTV-Airplay, der ihm in den USA zu ein wenig Aufmerksamkeit verhalf.

Intro, 1. Strophe + Refrain

\"Erfolg\" hat bei Willis mehr als eine Facette. Die offensichtlichste ist schnell beschrieben: Vom obdachlosen Musiker auf den Straßen von Chicago schaffte er Anfang der 90er den Sprung zu einer lokalen Berühmtheit, später landete er sogar für zwei Veröffentlichungen (Lizenzgebühr: lächerliche $ 10.000) bei American Recordings. Zwischenzeitlich hatte er eine richtige Band, The Wesley Willis Fiasco. Aber: \"They were jerks.\"

2. Strophe + Refrain

Neben kommerziellen Erfolgen geht es Willis aber auch um die Behauptung gegenüber seinen inneren Feinden. Seit dem 21. Oktober 1989 hört er Stimmen, seitdem setzen sie ihn unter Druck. Bekommt er Anfälle wie während unseres Interviews, schlägt er sich gegen den Kopf und versucht, \"the demons\", wie er sie nennt, zu vertreiben. \"Die Dämonen tun so, als sei ich schlecht und dumm. Aber ich bin gut\", beteuert er und wirkt zufrieden, als er dafür Zustimmung erntet. Seine Musik gibt Willis das Selbstwertgefühl, das ihn stark macht gegen die Stimmen. \"Ich arbeite ständig an meiner Musik. Ich will nicht wieder eingesperrt werden. Deshalb häng' ich mich rein und mache Geld.\" Sublimierung und Aktionismus als selbstgewählte therapeutische Maßnahmen? Für Willis wohl die einzige Chance, ein annähernd normales Leben zu führen.

Instrumental-Teil

\"Wesley verkörpert das, um was es im Punk eigentlich geht. Er ist wohl der ehrlichste Musiker, den es gibt\", schrieb Willis-Freund Jello Biafra einst. Unrecht hat er damit nicht. Willis richtet knallhart über seine Umwelt. Von Differenzierungswut wird er dabei allerdings nicht getrieben. Er hat lediglich zwei Tools, Affirmation und Verachtung (\"Al Capone is a no good asshole!\"). In seinen Songs manifestiert er diese naiv anmutende Vereinfachung der Zustände und schafft damit eine aus Schwarz/Weiß-Kontrasten bestehende Welt, analog zum Gut/Böse-Konflikt in seinem Inneren. Aber trotz dieser egozentrischen Prägung seiner Schablonen-Songs funktionieren sie auch jenseits Raab'scher Spektakelkategorien. Und vor allem: auch ohne Mitleid für einen Schwerkranken. Biafra bringt es auf den Punkt: \"Dichter und Songwriter ringen endlos um den treffendsten Ausdruck für Liebe. Wesley sagt: 'You are my friend, I like you a lot.'\"

3. Strophe + Refrain

Der Community-Gedanke ist für Willis überhaupt sehr wichtig. Siehe die Goldenen Zitronen, ständige Begleiter seiner ersten Europashows. Schorsch Kamerun himself baute jeden Abend Willis' Equipment auf, und auch sonst tat man viel für das Wohl des Supports. Wieviel der Chicagoer dabei von seinem Umfeld wahrnahm, war - so hört man - lange Zeit unklar. Die Namen konnte er sich jedenfalls nicht merken. Als gegen Ende der Tour dann aber der Tross im Stau steckenblieb und Schorsch sich mit Enno für einen kleinen Jogging-Trip am Straßenrand verabschiedete, wurde Willis hektisch, machte sich große Sorgen, fragte, wo beide denn hinwollten und ob sie wohl zurückkämen.

Ending

Live ist Wesley Willis immer obenauf. \"When I'm on stage, I feel like a superstar\", teilt er selbstbewusst mit. Er wolle, dass die Zuschauer down with his music seien. Dass er das auch einklagt, wird am Abend des Kölner Konzerts deutlich. Er schwört die crowd ein, \"headbuttet\" Konzertbesucher und verbittet sich Zwischenrufe nach alten Songs mit der Drohung, sonst auszurasten. Die Begleitautomatik arbeitet hart wie minimal, und Willis schafft es auf seine Weise, den charismatischen Star darzustellen, der er sein will. \"Rock over London, rock on Cologne, Germany\", skandiert er am Ende eines jeden Songs, und zumindest dieser Club hier scheint ihn zu verstehen.

Wesley Willis ist einer dieser musikalischen Einzelfälle, von denen es mehr geben müsste. Er will und muss Beachtung finden. Das fällt wirklich nicht schwer.

Aber es sollte nicht aus dämlichem Sozialpädagogen-Integrationseifer geschehen und auch nicht wegen des Redundanz-Spektakels - denn genau auf diese zwei Arten wurde er in Köln von vielen Besuchern wahrgenommen. \"Ist das nicht toll, was er leistet, dieser komische Kauz?\" Oder: \"Alten, was geht denn da? Das kann doch nicht wahr sein.\" Dabei ist es doch nicht so schwer, den richtigen Grund zu wählen. Haben wir nicht all die Teenagerkomödien geliebt? Eben. Filme, die uns auf vermeintlich niedrigstem Skill-Niveau glänzend unterhielten. Und so funktionieren auch Willis' Songs. Sie haben diesen einfachen, naiven, witzigen Gestus. Mit dem sie dir so nah sind, wie sie vom Autoren gemeint sind. Unmittelbarkeit ist eine Waffe gegen Geister, und ein neuer Song von Wesley heißt: \"The Golden Lemons!\"

Auf intro.de gibt es auch ein MP3 von Wesley Willis.



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aus Intro #90 (Dezember 2001 / Januar 2002)
 
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