Techno Animal

Can Your Animal Do The Techno?

08.10.2001, 19:07, Text: Sascha Ziehn, Sascha Ziehn

11 Uhr morgens, eigentlich alles andere als die optimale Uhrzeit, um sich mit Justin Broadrick und Kevin Martin zu treffen. Die beiden haben nicht von ungefähr einen so ausgeprägt weißen Teint, dass selbst meine Gedanken an die Cramps durchaus legitim sind. Diese Typen lieben ganz offensichtlich die Nacht - zum Arbeiten wie auch zum Leben. Bei soviel Deplazierung passt es super, dass am Nebentisch Peter Maffay sitzt, den ich Wochen später beim Zappen mit Pur auf der Bühne in der Schalke-Arena wiederentdecke. Und wenn wir schon bei den kleinen Zufällen des Lebens sind: lustigerweise unterhalte ich mich am Anfang genau über solche Mega-Konzerte mit Broadrick und Martin.

Ob das was für sie wäre?

Justin Broadrick: 'Klar, Arenen, Stadien, wir würde gerne mal vor 100.000 Leuten spielen. Kevin Martin: Wir haben vor kurzem Mike Pattons Gruppe Fantomas supportet, vor ein paar tausend Zuschauern. Das ist für uns eine große Herausforderung. Man füttert die Leute mit Energie, und diese Energie kommt zurück. Und wir mögen die Idee, dass Musik Konfrontation ist.'

Konfrontation in welchem Sinne?

Kevin Martin: Musik ist für die meisten Leute nur noch ein Klischee. Für uns ist Musik alles, ein Katalysator für Rebellion, für Frust. Wir sind beide mit Punk aufgewachsen. Punk steht für das Misstrauen in Systeme, als Infragestellen deines gesamten sozialen Umfelds. Musik heute ist nur eine Tapete, die in Fabriken hergestellt wird. Diese Musik bedeutet nichts mehr für das Leben, das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum die 'Musikindustrie' in der Krise steckt: Man kann diese ganzen Bands, diese 'Erzeugnisse', einfach nicht ernst nehmen. Die Leute, mit denen wir auf unserem neuen Album arbeiten - El-P oder Anti Pop Consortium -, haben mit ihren Platten mein Interesse am gesprochenen Wort neu geweckt. Bei God [Kevin Martins frühere Band] habe ich damals quasi nur Laute gesungen bzw. geschrieen, weil ich einfach keinen Sinn darin gesehen habe, Papier mit leeren Worten und Phrasen vollzuschmieren. Und diese Leute schaffen es, mit ihren Worten direkt in dein Bewusstsein vorzudringen. Wir waren sehr glücklich, mit El-P oder APC zu arbeiten, denn das, was diese Leute mit Worten tun, machen wir mit Musik: direkt ins Bewusstsein vordringen. Das war die Formel von 'Brotherhood Of The Bomb'.

Was ich dabei interessant finde, ist, dass Techno Animal sehr politisch sind, während sich Leute wie Anti Pop Consortium ja textlich eher in einer Art Science-fiction-Universum bewegen ...

Kevin Martin: Das stimmt zwar, aber es gibt eine grundlegende Übereinstimmung: Punk bedeutet gegen Regeln verstoßen. Das ist auch die Idee hinter Techno Animal: Nonkonformität. Und genau darum geht es auch bei Anti Pop oder Company Flow. Viele Leute sagen: Das ist kein HipHop mehr. Das sind dann meistens Weiße, die irgendeinen Old-School- oder 'Keep It Real'-Mythos im Kopf haben und behaupten, APC würden keinen HipHop mehr machen. Aber in 'Brotherhood Of The Bomb' geht es um die Zukunft und nicht um Vergangenheit.

Wie seht ihr denn die Zukunft?

Justin Broadrick: Apokalyptisch. Wenn wir alle in 20 Jahren noch am Leben sind, wäre ich überrascht. Aber die Natur kennt keinen Optimismus oder Pessimismus.

Kevin Martin: Kultur basiert auf Tyrannei. Wie bei 'Planet der Affen', aus dem auch der Titel 'Brotherhood Of The Bomb' stammt: Man muss eine Gesellschaft zerstören, um etwas Neues zu schaffen. Oder die Rede von Orson Welles in 'Der dritte Mann': Er sitzt mit seinem Verfolger im Riesenrad und spricht davon, dass erst in Diktaturen oder unter einem tyrannischen Regime große Kunst entstehen kann. Länder wie Holland oder die Schweiz bringen nichts Großes hervor, weil ihnen genau dieser Druck fehlt. Hmmm, darüber muss ich, glaube ich, mal nachdenken. Nehmen wir mal Frankreich, wo in den 90ern sehr viel gute Musik entstanden ist ...

Kevin Martin: Ja, eben, es gibt in Frankreich große Extreme: Le Pen und die Front Nationale. Und es gibt sehr viel Rassismus.

Justin Broadrick: Jede Bewegung erzeugt eine Gegenbewegung, und aus dieser Reibung kann Kunst entstehen.

Wie ist die Kunst denn bei euch entstanden?

Kevin Martin: Wenn du aufgewachsen bist mit verschiedenen Formen von Gewalt, in einer kaputten Gesellschaft, dann können Musik, Film, Literatur als Katalysatoren wirken. Es kann die einzige Möglichkeit sein, sich auszudrücken.

Justin Broadrick: Das gilt auch für uns beide. Wir kommen beide aus kaputten Familien, aus armen Verhältnissen, und unsere einzige Möglichkeit, dem zu entkommen, war Kunst. Außerdem sind wir in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen, immer mit dieser vagen Ahnung atomarer Bedrohung. Und in dieser Zeit aufzuwachsen, ohne Geld, ohne großartige Zukunftsaussichten, im Schatten der Bombe, mit Fernsehspots einmal pro Woche, wie man sich verhalten muss, wenn die Bombe fällt - das frisst sich tief in dein Bewusstsein. Und dieses Konzept des 'Four Minute Warning', darüber haben wir uns dauernd unterhalten, als wir noch zur Schule gingen: Wie wirst du diese vier Minuten nutzen? Die Leute waren besessen davon.

Kevin Martin: Aber die Bombe hat auch etwas Faszinierendes. Dieser gigantische Atompilz am Horizont. Wenn es etwas gibt, was Techno Animal immer ausgemacht hat, dann ist es dieser Balanceakt zwischen Extremen. Alles, was dich aus der Langweile des täglichen Lebens ausbrechen lässt, ist wichtig.

Justin Broadrick: Musik, die zwischen dein Fleisch und deine Knochen geht.

Kevin Martin: Wir stehen genau zwischen diesen Extremen: zwischen völliger Lebensfreude und totalem Zynismus. Und das spiegelt sich in unserer Musik wider. Auch politische Extreme. Auf privater Ebene gegen etwas kämpfen. Seattle war da ein gesunder Anfang. Das zeigt, dass die Leute nicht mehr so passiv sind. Aber ich denke, dass wir eher apolitisch sind. Public Enemy, Atari Teenage Riot, Rage Against The Machine - das sind prima Weckrufe für 14jährige. Aber das kommt nicht bei den Leuten an, die wirklich etwas ändern können. Justin Broadrick: Wir sind eher resigniert. Die Menschheit wird sich eh selbst ausrotten. Wir sind an einem Punkt, an dem wir so besorgt sind, dass wir uns keine Sorgen mehr machen müssen.



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aus Intro #88 (Oktober 2001)
 
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