Green Velvet

Sprachlos wie ein Wasserfall

08.10.2001, 16:09, Text: Markus Koch, Markus Koch
[7 Kommentare]

Kommunikation über Musik ist schwer, da das meiste, was gute Musik letztendlich ausmacht, darin besteht, Momente der Sprachlosigkeit zu erzeugen. Das Problem tritt selbst dann oft auf, wenn Menschen aufeinandertreffen, die heiß und willens sind, über Musik zu reden. Die komplizierten Mechanismen des menschlichen Körpers, die Begeisterung oder Ablehnung gegenüber einer Musik auslösen, sind eben manchmal jenseits der Grenzen eines Vokabulars, das derartige Erlebnisse nicht ohne Informationsverlust transportieren kann. Wenn man es dann noch mit instrumentaler Musik zu tun hat, ist man, besonders im Technogenre, schon sehr auf die Auskunftsfreudigkeit seines Gesprächspartners angewiesen, um den gewissen Mehrwert herauszukitzeln - sofern er denn angelegt ist.

Insofern freut man sich durchaus über den Ansatzpunkt Text. Green Velvet arbeitet mit solchen, doch Curtis Jones, der Mann hinter dem Projektnamen, scheint diese nicht näher kommentieren zu wollen.

In kryptischer Manier lebt er beim Interview seine Stimmung aus, die eine Folge von Übermüdung sein könnte, die genauer analysiert aber doch eine Mischung aus Jet-lag, Rausch und Wahnsinn ist. Trotzdem kommt er sympathisch rüber. Jones lebt in seiner eigenen Welt. Und trotz Redeschwall ist er nicht willig, Eintritt zu gewähren. Da bleibt nur die Rezeption von außen.

\"LaLaLand\", ein Stück des neuen Albums \"Whatever\" und zugleich die erste Maxiauskopplung, handelt beispielsweise vom Raven. Aber auf eine irgendwie ironische Art - warum? Keine Antwort. Der gesamte neue Longplayer bietet Gesprächsstoff zuhauf. Doch Curtis Jones lacht zuweilen hysterisch auf, mimt den abgedrehten Alien, eine Art Fleisch gewordenen Parliament-Sci-fi-Eskapismus-Comic-Helden: eine Mischung aus Sun Ra und Silver Surfer. Er ist unkontrollierbar und unvorhersehbar, laviert zwischen black consciousness und Eddy-Murphy-Spaßmachertum. Absicht oder Andersartigkeit - man bleibt hilflos.

Jones hat bereits einiges auf dem Kerbholz, ist selbst Teil der Geschichte von Techno und House. Neben Green Velvet veröffentlicht er auch auf seinen eigenen Labels Cajual (House) und Relief (Techno), die bereits als Plattform für Legenden wie Gene Farris oder DJ Sneak dienten. Sein House-Outfit nennt er Cajmere, technoide Stücke produziert er auch unter Pseudonymen, die stets die gleichen Anfangsbuchstaben wie Green Velvet haben (beispielsweise Gino Vittori). Zum Konzept gehört aber auch ein gewisser Mythos des Verborgenen: verschmitzt will er von seinen angeblichen Pseudonymen noch nie etwas gehört haben.

Dafür beantwortet er die Frage nach seinen Roots ausufernd mit dem erwarteten Bauchladen amerikanischer Kultur: Blues, Parliament, George Clinton und James Brown (letzteren hörte er bei seinem Vater, einem DJ). New Wave, Industrial, Nitzer Ebb und, wie er sagt, \"The DAFs\" waren Teil seiner Rebellion gegen das Elternhaus. Kraftwerk waren ihm zu \"big in America\", er wollte es dunkler haben. Sly Stone, David Bowie und Grace Jones wurden seine Helden auf Grund ihrer großen künstlerischen Unabhängigkeit. Und natürlich war auch Lil' Louis unheimlich wichtig für ihn.

\"Whatever\" ist ein echtes Stresspaket. Der Unheil verkündende Gesang zerschneidet den Groove, das laut Jones wichtigste Element seiner Musik. Sie soll nämlich vor allem zum In-Rage-Tanzen anregen, viel Testosteron produzieren. Das funktioniert. Green Velvet könnte sowohl den Muscleshirt und Hundehalsketten tragenden Raver als auch den gesellschaftskritischen Globalisierungsgegner und Freund der Black-Radical-Tradition ansprechen. Gabber-Wahnsinn trifft auf funky Sexyness, und Sid Vicious spielt plötzlich Slap-Bass. Das klingt dann wie eine housige Version von Cabaret Voltaire. Oder, um eine weitere Konfrontation zu bemühen: Chicago trifft auf New Wave - heraus kommt dabei aber glücklicherweise doch nie der banale Electro-Funk, der in letzter Zeit recyclt wird, sondern eine deutlich sophisticatetere Variante mit hohem Hedonismusfaktor.

Neben der Fassade des Partyspaßes transportiert Green Velvet auch den Underground-Resistance-Nimbus schwarzer Radikalität. Gil Scott Heron, die Silent Poets und Public Enemy treffen sich in seinem Warehouse, um den Body zu checken. Hinter all dem wahnsinnigen, überdrehten Lachen und dem Weirdo-Outfit wird klar, was ein Leben als US-Farbiger auch bedeuten kann: \"the great american tragedy\". Das hat er dann auch selbst gesagt.



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aus Intro #88 (Oktober 2001)
 
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  • User: babsie
  • babsie 18.07.2002 | 10:22:16
    ich bin nicht kerstin grether.
    also la-la-land handelt offensichtlcih vom drogenkonsum bei raves. wobei ich mir nicht sicher bin ob da nicht der leicht zynische zeigefinger erhoben wird.
    habe die maxi erst kürzlich gehört und finde: ein sauberes stück musik. die stimme erinnerte mich dolle an david byrne zu "fear of music" (und auch die behandlung des drogenthemas hat starke parallelen zu talking heads "drugs". passt prima hintereinander auf ein mixtape).
    der sound und der beat ist imo gut gelernt 80er. so n "da muss ich mal hypnotisiert mittanzen"-beat. sauber! und extraklasse ist das fette, grüne vinyl und das geprägte hartpapp-cover.

  • User: Stitch
  • Stitch 18.07.2002 | 11:14:00
    neoliberaler Verschwo:rer
    der zynische zeigefinger wird da nicht erhoben, cajmere a.k.a. green velvet ist eine art chronist der chicagoer szene und hat schon immer (mit seinem klassiker "flash" zum beispiel) solche themen aufgegriffen und meines erachtens angenehm un-moralisierend einfach nur (natürlich schon mit verschmitztem humor) den status quo in szene gesetzt. seine tracks sind immer auch ein stück weit politisch, man darf nicht vergessen, dass die rave/techno-szene in den usa ganz erheblich mehr angriffen und staatlichen diskriminierungen ausgesetzt als hierzulande selbst in bw (siehe zum beispiel die extremen reglementierungen für discos/clubs im statte new york). die aussage von tracks wie "la-la-land" oder "flash" ist doch vielmehr: seht hin, ob euch das passt oder nicht, das wird gemacht und ihr könnt im grunde genommen nix dagegen tun, also wie wärs denn mit mal anfangen, da umzudenken?

    good evening parents,
    tonight i'm gonna take you on a tour to club bad
    where all the bad little kiddies go,
    to try to leave there bodies,
    by various means of methods, anything necessary,
    some things that you quite be acustomed to,
    so i think we’ll put each and everyone of you, with your own individual camera,
    so that you can take pictures of these bad little kiddies, doin’ these bad little things, for tomorrows paper,
    so whatabout your 15 dollars and prepare to enter club bad

    wouldn’t you know it, not here more than thirty seconds and already I see a bad little kid doin’ bad little things,
    he is sucking on a balloon,
    now this is not an ordinary balloon, parents,
    it’s a balloon filled with a gas called nitrous oxide, laughing gas,
    hi hi hi hi, ha ha,
    but this is no laughing matter,
    camera’s ready prepare the flash

    now overhere we have lil’ johnny and miss sue,
    smokin’ on a joint, this is not the thing to do,
    i think we have to take pictures of these two,
    camera’s ready prepare the flash

    now over here we have some naughty, naughty kids,
    they brought in their own liquor to the party,
    now we cannot have that parents can we? six packs and pipes, I think not, so,
    camera’s ready prepare the flash

    (green velvet - flash)

  • User: Misname
  • Misname 18.07.2002 | 12:11:44

    Green Velvet sind top! Leider ist das neue Album allerdings an einigen Stellen von US-Industrial-Rck-Virus infiziert. Green Velvet funktioniert so ähnlich wie DAF finde ich, - auch wenn sich der Text formal einer klaren Aussage enthält, ist die Position doch ganz klar.
    Empfehle auch nochmals zum Gegenhören "Preacher Man" von Green Velvet, immernoch ihr energetischster Hit, wie ich finde....

  • User: babsie
  • babsie 18.07.2002 | 12:47:52
    ich bin nicht kerstin grether.
    und wieder einen dicken balken auf der infoliste von stitch. danke schön!

    straight edge - techno? darf man das so nennen? erinnert irgendwie daran...

  • User: Misname
  • Misname 18.07.2002 | 13:48:56

    @stitch: informationen sind stets willkommen, dafür tauschen wir uns ja hier aus. das mit cajmere (oder manchmal auch terence fm) ist mir bekannt, warum ich den plural verwende, ist mir selbst nicht ganz klar....
    jedenfalls werde ich nie vergessen wie mir vor jahren (so in etwa auf dem höhepunkt meiner jeff mills verehrung) ein freundlicher ladenbesitzer die "preacherman" 12" reichte....ein meilenstein.....mininimal und hysterisch...und dann gibt es ja von "lash" auch noch diesen toleln Carl Craig Mix.....schwärm....

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