Erster Alles (plus Video)
30.08.2001, 11:33, Text:
Jürgen Dobelmann,
Jürgen Dobelmann
Am 27. August ist das hochgelobte neue New Order Album Get Ready erschienen. Neben dem textlichen Filethappen von Jürgen Dobelmann präsentieren wir an dieser Stelle auch das Video zur Single Crystal. Und nun, der Dobelmann:
Goth Punkrock Survivors, True Originators of Indiedisco, Godfathers of Madchester Rave Culture, Gay Music Icons und kultisch verehrte Techno-Rock-Pioniere. Beim Popkultur-Patentamt haben New Order in den letzten einundzwanzig Jahren zweifelsohne einen neuen Gebrauchsmusterrekord aufgestellt.
Doch damit nicht genug: Beim Interview anlässlich der Veröffentlichung ihres siebten Longplayers \"Get Ready\" legt Plaudertasche Peter Hook gleich zwei Schippen drauf: \"
Wir waren die erste Band der Welt, die einen DJ als Toursupport hatte.\" Und: \"
das Prinzip des Co-Headlining ist unsere Erfindung.\" Dass die Band bei einem derart seriös verinnerlichtem Innovationsehrgeiz acht Jahre für die Produktion eines neuen Albums benötigte, erscheint somit fürs erste plausibel.
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You know your way out\". Fünf lumpige Worte sind der dürre Lohn für sechs Stunden beinharte Vor-Ort-Investigation. Wir schreiben das Jahr 1992. Freund Ulrich und ich haben in der beschaulichen 1000-Seelen-Gemeinde Rainow, südlich von Manchester im lieblichen Peak District gelegen, einen halben Tag lang Ortsansässige gelöchert. Unser Anliegen: Der Verbleib des wohl unglamourösesten Künstlerpärchens der Musikgeschichte, Gillian Gilbert und Stephen Morris. Am Ende einer beispiellos nerdigen Spurensuche (seinerzeit freilich ohne jeglichen journalistischen Hintergrund), in dessen Verlauf selbst Halter entfernt ähnlicher Fahrzeugtypen wie die der Gesuchten (blauer Volvo) kurzerhand aus ihrer ruralen Kontemplation geschellt werden, verweist uns ein gummibestiefelter New-Order-Drummer letzten Endes mürrisch des Hofes. When the funk hits the fan.
Fast eine Dekade später sitze ich im (mutmaßlich) schicksten Hotel Londons und warte gemeinsam mit einigen aufgebrezelten \"Medienpartnern\" japanischer Herkunft auf die seit Teenagerzeiten herbeigesehnte Audienz. Zehn Jahre, reich an groteskem Fan-Aktionismus, stets die geographische und mitunter hochnotpeinliche künstlerische Nähe zu einer Band suchend, deren musikalische Mittel in keinerlei vernünftigen Relation zur ihrer globalen Popularität zu stehen schienen. Ob das öffentliche Absingen detailgetreuer Coverversionen der 1990er-WM-Hymne \"World In Motion\" auf Jugendhausbühnen, erregte Besichtigungsgruppen-Touren durchs Factory-HQ, persönliche Demotape-Einreichung bei Factory-Supremo Toni Wilson und New-Order-Manager Rob Gretton: Nix wurde ausgelassen. Schließlich 1997 der mit zitternden Fingern ausgeführte Remix-Auftrag für Bernhard Sumners Allstar-Sideproject Electronic (vergütet mit einem Stück Original-New-Order-Equipment). Wie viele Biographien
New Order auf diese oder ähnliche Weise weltweit durcheinandergewirbelt haben mag, widersetzt sich mittlerweile jeder Schätzung. Ich jedenfalls bin seit spätestens 1985 Opfer. Dreams never end.
Zurück im Jetzt. Die Wartezeit aufs Zwiegespräch versüßt die Audiowiedergabe des neuen Albums. Neu für mich ist dabei die ungestüme Primal-Scream-Kollabo, die auf der Vorab-CD fehlte. Und selbst die konnte sich der interessierte Medienpartner lediglich im mit Edelmetall gepflasterten Konferenzraum der zuständigen Plattenfirma zu Gemüte führen. Schwierig, schwierig. Wie man aus Erfahrung weiß, ist es bei-New-Order Platten mit ein- bis zweimaligem Hören nicht getan. Auch \"Technique\" fiel 1989 beim ersten Mal irgendwie durch. Und die ist ja nun nachweislich die beste Platte, die jemals veröffentlicht wurde. Als Fan darf ich das einfach mal so sagen.
Die Zeichen im Vorfeld - alles andere als vielversprechend. Billy Corgan im Line-Up? Hallo? Ein nerviger US-Gothgrunge-Hasbeen anstatt Uns Gillian? Der endsflache Soundtrack-Beitrag zum Danny-Boyle-Desaster \"The Beach\" aus dem vergangenen Jahr, entstanden unter der Regie von Faithless-Mastermind Rolo? Flops aller uns zuletzt bekannten Solo-Projekte Electronic, Monaco und Other Two deuteten eher auf die Verknappung bandeigener monetärer Ressourcen als auf sprudelnde Kreativität der Bandmitglieder hin. In den zurückliegenden Jahren hatte Bernard bei zufälligen Begegnungen mit Peter vorzugsweise die Straßenseite als ein paar nette Worte gewechselt. Zu Gillians und Stephens Hochzeit wurden die beiden Streithähne angeblich gleich überhaupt nicht eingeladen. Der Tod des charismatischen, obgleich grenzsenilen Managers Rob Gretton 1999 schien die Produktionseinheit
New Order für alle Zeiten in sämtliche Himmelsrichtungen versprengt zu haben. Doch im Herbst 2001 nun das Unfassbare: Ein neues Studioalbum.
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Tatsächlich war es Rob, der uns wieder zusammengeführt hat\", erläutert ein beängstigend entspannter Peter Hook. \"
Er war es einfach leid, jeden Tag irgendwelchen Leuten zu erklären, warum wir nicht mehr zusammen sind.\" Bernard Sumner (dem nachgesagt wird, er habe das 93er-Album \"Republic\" quasi im Alleingang mit Produzent Stephen Hague eingespielt) trommelte das Quartett schlussendlich wieder zusammen. Nach einigen frenetisch bejubelten Gigs und Festivalauftritten machten sich die Mittvierziger an die Arbeit. Im Gegensatz zu früheren Produktionen zog es die Band allerdings vor, bereits vor den Aufnahmearbeiten einige Songs zu schreiben. \"
Wir haben Peter Gabriel zu einem sehr sehr glücklichen Mann gemacht\", reüssiert Hook. In seinen Real World Studios entstanden die beiden großen New-Order-Mehrfachplatinalben \"Technique\" (1989) und \"Republic\" (1993) in ebenso legendären wie kostspieligen Endlos-Sessions.
Mit Steve Osborne wählte die Band diesmal einen Rave-Recken der ersten Stunde als Produzent. \"
Wir haben Steve wegen seiner Arbeit mit den Happy Mondays ausgewählt\", erinnert sich Peter. Und natürlich hat er einen Superjob gemacht. Ex-Smashing-Pumpkins-Frontmann Billy Corgan war nicht nur im Studio Gast, er ersetzt auch bei den bevorstehenden Live-Auftritten Gründungsmitglied Gillian, die sich aus ernsten familiären Gründen eine Auszeit nimmt. \"
Wir kennen Billy, seit er fünfzehn ist. Er wurde uns während einer US-Tour vorgestellt und ist seitdem ein Kumpel\", erklärt Hook, der jeglichen Gedanken an einen billigen Promo-Gag überzeugend ausräumt.
Bernhards Rock-Fixierung, die bereits das letzte Electronic-Album entscheidend geprägt hatte, trifft auf Hookys seit jeher bestehende Affinität zum härteren Genre. Aufgelockert durch New-Order-typische, majestätische Electronic-Spielereien ist \"Get Ready\" der unerwartet große Wurf. Eine üppige und zu keiner Zeit Retro-orientierte Sammlung bezaubernder Momente und euphorisierender Hooklines.
New Order: Die erste Band ihrer Generation, die den gewachsenen Ansprüchen des neuen Jahrtausends mit adäquaten Entwürfen begegnet. Auf zum Patentamt.
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