Rechenzentrum

Musik als Klangfarbe, Video als Instrument (Videointerview)

22.08.2001, 17:36, Text: Hendryk Bayrhoffer, Hendryk Bayrhoffer

Um es einmal klarzustellen: Rechenzentrum sind keineswegs die personifizierte Kunststudentenelite, die es sich zur Aufgabe gemachten hat, mit Hornbrillen und High-end-Gerätepark nur auf angesagten Prestige-Veranstaltungen wie der \"Documenta\" in Kassel ihr Recycling-Produkt aus Filmabfall und sich überlagernder Klangschichten dem gleichfalls überdurchschnittlich gebildeten Publikum als Denkstoff zu offerieren. Marc Weiser und Lillevan, die beiden Initiatoren des Neuzeit-Multimedia-Duos, sind alles andere als Hornbrillenträger. Auch steht ihnen das Gegenteilige eines High-end-Geräteparks zur Verfügung, um in Punkrock-Schuppen, Techno-Tempeln oder eben Kunsthallen ihren eigenständigen Weg zwischen Klang- und Bilderwelten zu zeigen.
Trotz fortgeschrittener Seh-, Gedächtnis- und Gleichgewichtsstörungen verschaffte sich Hendryk Bayrhoffer am letzten Tag der Popkomm Zutritt zum Rechenzentrum, um einen Einblick in die Ebenen der audiovisuellen Interaktionsform zu nehmen.

? Was war die grundlegende Idee, Bild und Ton als Band zusammenzufügen?

M: 1997 haben wir uns für einen Gig auf der ‚Dokumenta' zusammengefunden. Da gab es den Namen Rechenzentrum noch nicht, wohl aber entstand die Idee, aus einer unüberblickbaren Anzahl von Klang- und Bild-Sources etwas Neues zu kreieren. Ich habe ohne Kopfhörer ganz viele verschiedene Platten, Tapes, CDs und Radios zusammengemixt, also richtig viel komischen Schrott. Der kreative Prozess lag eigentlich dann im Mixen, weil man nicht genau wusste, was eigentlich gerade welche Klangquelle war.
L: Ich habe auf die ‚Dokumenta' allen möglichen Bildermüll mitgebracht, also Videoloops, die es nicht in irgendwelche kommerziellen Videos geschafft hatten. Wir dachten uns, zeigen wir mal unseren Müll, ohne Vorschaumonitor, Hauptintention: Zufall. Das haben wir dann eine Weile in Berlin gemacht und immer mehr fokussiert gearbeitet, also immer weniger Klang- und Bildquellen einfließen lassen, um den Kern zu suchen. [Video 300k] [Video 56k]

? Für das Zusammenfügen von Bildsequenzen und Klangschnipseln bedarf es doch einer konzeptionellen Herangehensweise. Wie würdet ihr euer Konzept beschreiben?

L: Wir haben eigentlich ganz viele kleine Konzepte. Ein Konzept von mir ist, das zu machen, was mir ja eigentlich fehlt, was ich nicht sehe. Als Filmmensch bin ich viel ins Kino gegangen und habe mich gefragt, warum gehe ich eigentlich nur in Filme von vor 60 Jahren. Alles, was Hollywood zu bieten hatte, war Scheiße. Ich habe mich dann mit allen möglichen Filmgenres beschäftigt und mich gefragt: Warum nicht selber machen? Die Respektlosigkeit von frühen Filmleuten hat mich einfach beeindruckt.
M: Wenn es ein musikalisches Konzept gäbe, dann hieße es eigentlich, dem Anspruch gerecht zu werden, möglichst viele Klänge, die normalerweise nicht einer Funktionalität unterliegen, miteinander zu kombinieren. Also die unmöglichsten Sachen zu einer Bassdrum umzufunktionieren oder zu einem Melodie-Instrument. Es ist nie geplant. Es entwickelt sich von Arbeitsschritt zu Arbeitsschritt, so dass man mit einer Techno-Sache beginnt und am Ende ein episches, elektronisches und angetripptes Ding herauskommt, weil man die Hälfte der Sounds wieder rausgeschmissen hat. [Video 300k] [Video 56k]

? Was bedeutet für euch die Kombination von Klang- und Bildelementen?

L: Die Kombination bedeutet eigentlich, dass man versucht, eine verschmelzende Sache daraus zu bilden, dass man also Video als Instrument definiert. Musik als Klangfarbe, Video als Instrument. [Video 300k] [Video 56k]

? Wie wird das Material miteinander verknüpft? In einer neuen Form von Jam-Session?

L: Nein, unsere Tracks entstehen eigentlich parallel. Manchmal gibt mir Marc einen Track und mir fällt ein Video dazu ein oder umgekehrt. Geprobt wird dann auf der Bühne.

? Wie kam eigentlich die John-Peel-Session zustande?

L: John Peel ist Gott! Er hat ein paar Tracks unserer ersten CD in seiner Sendung gespielt und gesagt, er will eine Session haben.
M: Das war sehr unglamourös. Wir sind einfach eingeladen worden, das zu machen, haben alles fertig gestellt und es nach London geschickt. Wir hätten dort nicht mal das Mischpult als Instrument benutzen dürfen, weshalb wir da nicht extra hingefahren sind.

? Wie habt ihr eigentlich den Kontakt zum doch sehr punkrockigen Label Shitkatapult und seinem Betreiber Marco Haas aufgebaut?

L: Ich habe zwei bis drei Jahre das Booking im Maria am Ostbahnhof gemacht, über Umwege die ersten drei Platten von Marco in die Hände bekommen und mir gedacht: Mensch, das klingt super, das ist total interessante Musik. Da stand eine Handynummer dabei und zwei Stunden später saß ich bei ihm zu Hause (und hatte Gruppensex!). Eine Woche später war schließlich klar, dass wir erst mal die zwei EPs bei ihm machen. Es ging darum, alles anders zu machen. Alles schwarz/weiß, in so einer Punkrock-Ästhetik, mit deutschen Tracktiteln und handgemachtem Cover.

? Es hat aber keine Probleme gegeben, dass ihr auf Shitkatapult Platten veröffentlicht habt, obwohl ihr eigentlich bei Kitty-Yo unter Vertrag steht?

M: Das war eigentlich eine synergetische Angelegenheit, weil das a) eine ganz andere Musik ist und b) ganz anders behandelt wird. Das eine ist wirklich ganz extreme Spartenmusik. Das finde ich auch gut bei Marco, dass die Platten einfach rausgebracht werden und nicht dieser extreme Marketingdruck herrscht. Da dass es alles ausschließlich Vinyl ist, stehen die Dinger in irgendwelchen Mini-Läden in Kanada oder Japan. Bei Kitty-Yo stehen sie wieder in ganz anderen Läden.

? Jetzt hat Rechenzentrum, gerade durch den Auftritt auf der Dokumenta ´97, ja einen recht elitären Ruf aufgesetzt bekommen. In wie weit fühlt ihr euch in dieser Rolle wohl?

L: Wir haben uns vorgenommen, einfach überall zu spielen, wo man uns einlädt. Das war für uns eigentlich Programm. Das ist das Problem der Leute, die uns in den elitären Zirkel erheben. Das sind wir eigentlich gar nicht.



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