Staind

Rolex-Rock

13.08.2001, 13:28, Text: Patrick Großmann, Patrick Großmann

Ihr Mentor ist kein Geringerer als Fred Durst, doch Schützenhilfe haben Staind schon länger nicht mehr nötig. Mit ihrem zweiten Major-Album \"Break The Cycle\" steht der Vierer aus Springfield derzeit gar an der Spitze der US-Charts - aber ist dafür wirklich ihr relativ unspektakulärer NuRock-Sound ausschlaggebend? Wagen wir einen Blick hinter die Kulissen ... Staind sind \"immensely busy\". Gerade einmal 20 Minuten Interview gewährt ihr US-Label Elektra - selbstredend nicht mit Bandkopf Aaron Lewis. Macht nichts. Wenigstens ist Drummer Jon Wysocki bester Laune. Kann er auch, denn Amerikas Kids stehen Kopf.
Der momentane Höhenflug seiner Band erscheint nach irdischen Maßstäben fast etwas unwirklich: Konnten Staind bereits mit der Performance ihres 1999 veröffentlichten Major-Erstlings \"Dysfunction\", der bis dato - durch andauernde Livepräsenz tatkräftig unterstützt - etwa eine Million mal über die Ladentheken wanderte, mehr als zufrieden sein, so brachen spätestens mit dem Akustik-Duett \"Outside\" mit Fred Durst auf dem \"Family Values\"-Sampler alle Dämme: Airplay ohne Ende.

\"Break The Cycle\", das in den Staaten schon seit einigen Wochen erhältliche, etwas weniger heftige dritte Album des Quartetts, entwickelt sich nun gar im Raketentempo zum Must-have einer gesamten Generation Heranwachsender. Ewige Dankbarkeit will bei Wysocki dennoch nicht aufkommen: \"Natürlich hat uns der Hype um ‚Outside' unschätzbare Dienste erwiesen. Gleichzeitig jedoch entwickelten sich die Verkäufe von ‚Dysfunction' seit dessen Release kontinuierlich weiter, weil wir ohne Unterlass unterwegs waren, um das Album zu promoten. Das Timing war echt unglaublich: Exakt zu dem Zeitpunkt, als wir die Tour unterbrachen, um unser neues Album einzuspielen, eroberte Aarons Duett die Radiostationen. Davor waren wir nur eine dieser Rockbands. Jetzt sind wir Staind, mit Aaron Lewis am Gesang. Die Sache gab dieser Band ein Gesicht! Trotzdem: Wenn jetzt alle Welt so tut, als wären wir Fred Dursts Marionetten ohne eigene Identität, dann ist das schlicht Bullshit.\"

Am momentanen NuRock-Hype allein kann der immense Erfolg bei aller Hilfestellung schwerlich liegen. Für eine wirklich eigenständige stilistische Visitenkarte andererseits empfiehlt sich der nunmehr irgendwo im Fahrwasser von Kollegen wie Creed, 3 Doors Down oder Alice In Chains angesiedelte Sound des Quartetts gleichfalls kaum. Dazu reichen fett inszenierte Gitarren-Exerzitien zwischen Anspruch und Reißbrett, tiefergelegter Volldröhnung und pathetischer Rockballade einfach nicht aus. Hymnen wie \"Fade\" oder das fast etwas zu plakativ an Tool erinnernde \"Change\" bieten zwar durchaus nettes Handwerk und eingängige Melodien, heben Staind aber kaum aus dem derzeitigen US-Einheitsbrei heraus. Wysocki himself entscheidet sich zunächst dafür, den Arglosen zu mimen, bevor er uns zögernd auf die richtige Fährte lenkt: \"Puh ... ich weiß nicht. Ich denke, da sind eine Menge Faktoren beteiligt. Unsere Musik ist ... hmmm ... na ja, echt gut gemacht. Die Songs sind vielschichtig, besitzen eine Menge Ups und Downs. Irgendwie scheinen die Kids sich halt ziemlich leicht mit uns identifizieren zu können - vor allem, was Aarons Lyrics angeht.\"

Bingo! Lewis bietet eine nahezu perfekte Projektionsfläche für die pubertierende Jugend: hochsensibel, ehrlich, willensstark - aber dabei nicht von entrückter Attraktivität. Unnahbar und dennoch irgendwie \"einer von uns\". Das geborene Sprachrohr einer Generation, die sich chronisch unverstanden wähnt. Der Kurt Cobain der Internet-Kids, sozusagen. In seinen stark autobiografisch gefärbten Texten, die analog zu jenen ähnlich erfolgreicher NuMetal-Kapellen wie Papa Roach, Linkin Park oder - ja: Limp Bizkit nahezu ausschließlich um Gefühle des Alleingelassen- und Andersseins kreisen, stilisiert sich der 29-Jährige geschickt zum märtyrerhaften Außenseiter, der das wahre Wesen einer kalten, auf Oberflächen geeichten Erwachsenenwelt dechiffriert.

Auf das Gefühl des Nicht-zur-Gesellschaft-Gehörens antwortet Lewis mit einer Art neokonservativer Rückbesinnung auf familiäre Werte, statt zu rebellieren. Nicht Freiheit habe ihm gefehlt, sondern Führung. \"Die heutigen Eltern übernehmen einfach nicht mehr genug Verantwortung, und es wird täglich schlimmer\", präzisiert der Drummer. \"Schau dir an, was in Littleton passiert ist! So etwas ist kein Einzelfall: Täglich gehen Kids mit Schusswaffen und Messern in unsere Schulen. Man sollte seinen Kindern was beibringen, anstatt sie sich selbst zu überlassen, ihnen ‚richtig' und ‚falsch' erklären. Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl ich selbst wundervolle Eltern hatte.\"

An Staind ist wenig Mystisches zu entdecken. Dass das Quartett in erster Linie eine reibungslos funktionierende Arbeitseinheit darstellt, lässt sich durchaus auch an Nebensächlichem feststellen. Seine Freizeit etwa verbringt jedes der Bandmitglieder bevorzugt alleine: \"Nur Aaron und ich teilen die Vorliebe fürs Golfen. Man kann jedenfalls kaum behaupten, dass wir von Beginn an best friends gewesen wären. Alles kam erst durch die Musik. \" Erfolg verbindet. Kein Wunder, dass die vier ihren Einstieg von 0 auf Platz 1 der US-Charts mit einem reichlich biederen Event feierten: Sie gingen zusammen shoppen und kauften sich je eine Rolex ...



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