Die Goldenen Zitronen

Schwarze Zahlen

10.08.2001, 11:27, Text: linus volkmann, linus volkmann
[4 Kommentare]

Nach \"Deadschool Hamburg\" und fast genau drei Jahren veröffentlichen die Goldenen Zitronen mit \"Schafott Zum Fahrstuhl\" erneut eine fordernde, drängende Platte, die keinen und besonders sich selbst nicht schont. Nachdem aber auch das von ihnen letztmalig beschworene Ende des Sozialstaats mittlerweile eher einvernehmlich und ohne großen Knall abgewickelt wird, konfrontieren die gern so called Goldies hier und jetzt, mit der Schwierigkeit, die Regierung zu stürzen und persönlichen Problemen. In-Ruhe-Gelassen-Werden ist nach wie vor einfach nicht. Fuck you.

Bern 54

Sport - diese heiße Metapher für alles. Man denke nur an das Tour-De-France-mäßige, atemlose Stück \"Nur Ein Kleines Bisschen Noch\" des letzten Albums über diese nichtendenwollende Bergetappe und die Tatsache, dass man fast autistisch mit sich selbst zu ringen beginnt, sich anfeuert, sich weiterzufahren befiehlt, aber niemanden mehr dabei hat und stabilisierendes Windschattenfahren offensichtlich woanders läuft, aber nicht dort, wo man selbst gerade ist.
\"Ja, diese Kurve, okay, die Gerade und dieser Hügel, dann das nächste Kaff - wo sind denn die Kumpels? Nur ein bisschen noch, na, ach egal, nur ein kleines bisschen noch, wo kommt denn der Treffpunkt? War es an der Kreuzung oder bei der kleinen Zufahrtsstraße? Geht schon, Mut machen, kein Problem. Problem, Problem.\"

Ja, Sport. Die neue Bundesliga-Saison hat gerade ihren Lauf genommen. Aber: Freeze. Was war denn das für ein Saison-Finale bei der letzten? Na, Männer? Bayern wird Meister. Und soviele verheulte Loser und Normalos hatte man ja schon lange nicht mehr auf den Straßen und in den Cliquen gesehen. Es war viertel vor Lichterketten, die gegen den \"Dusel\" der Herrschenden in shape of Bayern München in shape of dem keinen Gefühle zulassenden Feldherr Hitzfeld in langem schwarzen Mantel hätten anlaufen können. Doch zum Glück unterband deren unheimliches wie gutsherrenartiges Auftreten diese Interpretation von \"Dusel\". Hier war kein Glück mehr im Spiel sondern das Vorrecht von Führungseliten - und das ist auch ein wichtiger Punkt in der Lesart. Und zwar in folgender: Das Einklagen davon, dass die 'Kleinen' den 'Großen' ein Bein stellen können und dann alle zufrieden sind, ist ein verdammt kontraproduktives Paradigma. Bestätigt es ja nur die Unterschiede und speist mit Nichtigkeiten ab.

Aber hier: Die Drei-Minuten-Meisterschaft und das Tränenmeer der Underdogs (der Ruhrpott stellvertretend für Modernisierungsverlierer allerorts) lässt sich zu gar nichts mehr umdeuten. Es ist, wie es ist und kommt auch so rüber. Und alle, die sich irgendwie auf der legendären 'Kleinen'-Seite positioniert haben oder dort positioniert wurden, bekommen die Ungerechtigkeit in die Schnauze geschlagen. Für diesen Moment um 17Uhr18 war plötzlich klar, dass das System kein permeables ist - sondern komplett dicht. Es gibt keinen Trost, bloß den Tritt in den Hintern. Und auf Premiere World, das man sich in irgendeiner Kneipe anschauen muss, sieht man die Modernisierungsgewinner feiern. So ist es recht. Das fördert die Einsicht, dass man sich viel weiter als gar nicht aus dem Fenster lehnen wird müssen, damit sich etwas bewegt. Keine neue Erkenntnis, indeed, aber in gewissen Lebensbereichen anscheinend immer noch für eine Überraschung gut. Deshalb sollte man noch mehr davon hören.

Düsseldorf 45

Ganz ähnlich fühlte es sich auch an, die neue Zitronen-Platte in Empfang zu nehmen. Diese Selbstverständlichkeit, die erwartungsgemäß darauf zu finden ist und die sich eben noch rausnimmt zu sagen, dass nichts gut ist, wie es ist. Dann ist da auch wieder selbst in der Musik dieses namenlose Drängen, zerteilen, verbeißen, das sofort voll in Beschlag nimmt. Und dabei mittlerweile vertraut wirkt. Hatte sich noch die Rezeption von Alben wie \"Economy Class\" und mit Abstrichen auch \"Deadschool Hamburg\" daran abgearbeitet, welche Reformation Punk unter elektronischem Einfluss bei den gestandenen Herren durchgemacht hat, so scheint \"Schafott Zum Fahrstuhl\" - trotz der ähnlich gelagerten Umsetzung von ungroovendem Sprechgesang und gesampelter Hektik auf rockistischem Fundament - keine Fragen dahingehend mehr aufzuwerfen. Tsching, kratsch, brumm. Darauf ist man eingestellt, das lässt man längst und gern mit sich machen. Aber wer ist schon man? Gerade im Bezug auf die Hörerschaft der Goldenen Zitronen scheint das noch immer schwer zu beantworten.

War doch auch gerade der von mir beigewohnte Tour-Auftakt in Düsseldorf ein ziemlich glückloses Unterfangen. Der fast ausverkaufte Unique-Club bot ein Treffen von Styles, Stilchen, diesem und jenem. Neben der zu erwartenden Indie-Twen-Audience-Of-The-Moment waren auch diverse Ted-, Skin- und Punkgrüppchen zu sehen, die definitiv bei Kante, Blumfeld etc. sonst fehlen. Ebenfalls fehlender Sauerstoff, spätes Anfangen und die im Vorfeld nicht angekündigte Lesung Susanne Zahnds aus der Schweiz (die später auch bei einigen Songs der Band ihr Stimme lieh) brachten den inhomogenen Haufen zum Teil in Rage. Mit dem Ergebnis: Die Lesung wurde niedergebrüllt. Stimmung und Hauptact kamen dann verständlich gereizt um die Ecke. Schorsch Kamerun quittierte die Situation mit der Bemerkung zu seinem Publikum, \"Ihr habt uns enttäuscht!\" Eine Annäherung fand im zweiten Teil der zuerst eisigen Performance noch statt, aber soviel Pöbelei und halbverasselte, unangenehme Zwischenrufe hätte ich hier fraglos nicht mehr erwartet. As time goes by. Sollte diese Aussage von Diederichsen (von '94) bezüglich des Fun-Punk Missverständnisses der Band und dem Publikum als Klotz am Bein denn noch immer Geltung besitzen?

Ach, Schmarrn. Alles hat sein Ende. Der Klotz ist ab - das wird später auch die Band bestätigen. Düsseldorf als Einzelfall. Und Schorsch sagt: \"Sowas kann uns passieren und es gibt sie auch immer noch, die Leute, die nach 'für immer Punk' brüllen. Aber ich sehe es nicht mehr als Problem der Band an.\" The Fans are allright. Und der Blick auf die Amazon-Liste der Platten, die zusammen mit den Zitronen weggingen (Stand 28.7.01), beschreibt auch nur die allgemeine Bankrotterklärung von einer Idee wie Subversion und kein bestimmtes Zitronen-Phänomen. Schwacher Trost, aber zu witzig, um es für sich zu behalten:

Kunden, die Titel von Die Goldenen Zitronen gekauft haben, haben auch Titel von diesen Künstlern gekauft:
-Rio Reiser
-Wizo
-Terrorgruppe
-The Beatles
-Him

20359 Hamburg

Ganz reizende Kombination. Man muss vielleicht auch nicht alles wissen. Zu der Band gibt es im neuen Jahrtausend aber ein paar Dinge in jedem Fall zu checken. State of the art, wenn sie mich fragen. Mense Reents (Stella, Egoexpress) nahm dieses Mal Teil, an dem sich formal und bezüglich der Besetzung ewig morphenden Konzept Zitronen - mit den Fixpunkten Schorsch Kamerun und Ted Gaier. Der Schlagzeugerjob wurde ganz entgegen dem Untertitel der letzten Platte, \"Give Me A Vollzeitarbeit\", gesplittet. Die Halbtagsstelle teilen sich Enno Palluca, der ja schon lange drinhängt und Stefan Rath, der Neue, der u.a. mit Ted bei den Les Robbespierrres am selben Instrument agiert (neue Platte about to come). Fehlt noch Thomas Wenzel von den Sternen und Cow. Dazu noch u.a. Gast-Appears von Dackelbluts Jens Rachhut (der den Song, \"Der Mann, der die Luft anschreit\" beisteuert) und Peaches.

Allstar as Allstar can. Und was gleich bei den Songtitel auffällt und verwundert, auch ein alter Allstar-Hit wird wieder mit einbezogen. \"Regierung stürzen\" in upgedateter Form ist auf der Platte - ein ziemlich großer Schritt und ein weiterer Beleg dafür, dass man sich wirklich nicht mehr vor seinen Fun-Punks-Roots und -Hools bedroht zu fühlen scheint.

? Wie versteht ihr denn selbst diesen Rückgriff auf den Song 'Regierung stürzen'? Performt das die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, oder ist es ein Besinnen und dass man daraufhin sagt, das passt jetzt genau wieder?

Ted: \"Da geht es uns vor allem um das Beharren. Und zwar unter Berücksichtigung der aussichtslosen Lage momentan. Das Stück arbeitete ja von Anfang an mit einer gewissen Ambivalenz und einer ironischen Dandy-Haltung - war eben nie Aufruf, der RAF beizutreten. Wir haben das damals schon so shocking-mäßig gemeint - und fanden gut, wie \"God save the queen\" behauptete, dass man in einem faschistischen Regime lebe. Das behauptet unser Text ja auch mit 'meine Mutter sagte, Sohn, dies ist ein Terror-Regime'. Das kann man natürlich nicht wirklich ernsthaft sagen von der BRD - und war auch nie so gemeint. Aber es war dieses Sich-das-trotzdem-rausnehmen. Wobei die Aussage natürlich auch im übertragenen Sinne durchaus so sein kann. Wie eben der Wohlstand hier Terror irgendwo anders bedeutet. So besitzt es auch seinen Sinn - aber es geht vornehmlich darum, das als provokante Floskel in den Raum zu stellen. Daran gibt es nach wie vor nichts auszusetzen.

Auch an dieser dandymäßig beschriebenen Militanz. Dass bestimmte Leute nicht mal die Kugel wert sind, die es braucht, sie hinzurichten, ist halt so'n Handgriff, der mit der Niederträchtigkeit der Herrschenden kokettiert. Unser Verhältnis dazu hat sich nicht geändert - und wenn es wiedermal eine Perspektive auf eine Revolution gäbe, fände ich das toll und wenn es irgendwie Sinn machen würde, irgendwem dafür den Hals durchzuschneiden - bitte, sofort. Nur es scheint mir im Moment einfach nicht gerechtfertigt. Und das ist ja auch das, was man der RAF vorwerfen kann, dass es im christlichen Sinne eine Märtyer-Politik war, dass sich Leute opfern und damit auch für moralisch unantastbar halten und auf der Basis von einem zu groben Freund/Feind-Denken, sich da bestimmte Leute auszusuchen und meinen, es wäre ihr Recht, die umzubringen. Herrhausen ist nicht Pinochet. Das finde ich umstritten. Der Kniff bei uns ist ja, dass wir den Titel geändert haben. Das Stück behauptet dabei aber immer noch, dass es geht [der neue Titel: \"Von den Schwierigkeiten, die Regierung zu stürzen]. Auch in Abgrenzung zu so einer 68er Haltung, die sich das Büßergewand anzieht, ist das hier und jetzt zu verstehen - Fischertechnisch gesehen.
\"

Misere revisited. Nicht nur ein Song von vor zehn Jahren lässt sich auf 2001 problemlos übertragen, auch die Verhältnisse, an denen Kritik ansetzt, scheinen unverändert. Rassismus und die staatlich- wie gesellschaftliche Pose von dessen Verarbeitung liegen hier wieder unter dem Messer. Sezier' das.

? Wie bewertet ihr Projekte, die sich in Pop gegen Rassismus äußern - ist sowas wie Brothers Keepers für euch ein legitimer Ansatz oder schon nah an diesem affirmativen Konstrukt, das ihr auf der Platte als \"Tanzneger\" beschreibt?

[\"Der deutsche Planet bekennt, bedauert, appelliert, lamentiert, applaudiert am Liebsten unter sich. Podium? Leider schon vergeben: aber wir hätten da noch 'Tanzneger' oder 'Imbissverkäufer' Und da fragt man sich noch: Wer soll eigentlich wo raus? Raus aus wo oder rein wohin? Wat solln die Nazis raus aus Deutschland, wat hät dat für a Sinn - die Nazis könne doch net naus, denn hier gehörnse hin\" aus \"Flimmern\"]

Ted: \"Ich finde das durchaus ehrenhaft und es war unbedingt mal Zeit. Das ist auch das, was in 'Flimmern' behandelt wird. Es wird da bemängelt, dass der sogenannte Ausländer immer nur Gegenstand der Diskussion ist, aber nie ein Gesicht hat - und wenn dann nur in der allerangepasstesten Form. Xavier Naidoo zum Beispiel, wo in gewisser Weise auch eine Über-Assimilation zur Schau gestellt wird. Wichtig ist mir aber, dass ein Stück wie 'Flimmern' nicht von einem linksradikalen Anti-Deutschtum handelt, das alles und jeden der Kollaboration verdächtigt. Da steckt eher eine Ratlosigkeit drin, wenn dieser Nazis-Raus-Spruch verhandelt wird. Das ist ja ein Slogan, der von der Anti-Fa kommt, und der eigentlich Konsens war in den Achtzigern und jetzt ein Staatspruch ist. Und wenn man von der Identität des Nazis ausgeht, wo soll der denn hin, wenn nicht hierher? Ehrlich keine Ahnung. Und das soll nicht unbedingt respektlos rüberkommen gegenüber eher bürgerlichen Ansätzen antirassistischer Arbeit. In dem Fall muss man froh sein, wenn ein Bewusstsein geschaffen wird für das, was Rassismus wirklich ist - um das in der Gesellschaft noch klarer zu kriegen. Und zwar auch unabhängig von Moden, die ja in Intervallen immer auftauchen und die nur dazu herhalten, um das Geschrei von außerhalb ruhig zu stellen.\"

\"Tanzneger\"

Ted: \"Das richtet sich gegen diesen verinnerlichten Rassismus in Deutschland, der sich noch immer nicht vorstellen kann, dass Teil dieser Gesellschaft Leute sind, die aus einer anderen Kultur kommen oder eine andere Hautfarbe haben können. Oder dass es tatsächlich auch legitim ist, ein anderes Bewusstsein von Kultur zu haben - eins, was nicht deutsch ist.\"

Allein zuhause

? Neben dem bedingungslosen Einmischen, das nicht nur die bandeigene Geschichte sondern auch die Kontinuität von Fundamentalkritik in diesjährigen (Hamburger) Platten von Blumfeld, Delay weiterstrickt, besitzt \"Schafott Zum Fahrstuhl\" aber auch eine in der private Komponente, die in dieser intensität nicht zu erwarten gewesen wäre.

Mense: \"Ist schon auffällig, dass es sich auch um eine unheimlich persönliche Platte handelt. Gerade an den zwei Texten 'Angst und Bange Am Stück' und 'Immer Diese Widersprüche' von Schorsch und Ted spiegelt sich das.\"

Ted: \"Das hat da schon was sehr autobiographisches.\"

\"Bei 'Widersprüche' fanden wir es allerdings sehr schwer, herauszulesen, was gemeint ist. Klar sagt der Titel was, aber eine Konkretheit steckt nicht drinnen.\" Ted: \"Für mich ist das ein Text ähnlich dem 'there's no business like business' auf der 'Economy Class', der dieses ewige Lavieren zwischen kollaborieren oder verweigern behandelt. Oder auch das Sich-alleine-fühlen, gerade als Linker - kann man ja auch mal sagen - da gibt's Momente, wo man sich ziemlich einsam fühlt. 'Ich denke in Ansprachen auf dem Weg nach oben in meinem Hamsterrad und hege Verdacht, Verdacht auf Verrat' [aus \"Widersprüche\"] - natürlich unterstellt man dann denen, die sich irgendwie durchgewurschtelt haben im Kunstbetrieb, Verrat, aber es ist natürlich auch ein sich gearscht fühlen, dass man selbst nicht kompatibel genug ist, solche Sachen zu machen. Oder dieses Schuldmaschine sein. Man tritt gleichzeitg als Opfer und Märtyrer auf. Und diese Gewissheit bei allem immer am falschen zu partizipieren. Damit ist natürlich auch der große Widerspruch gemeint. Und daran kann man auch wahnsinnig werden.\"

\"Bei 'Angst und Bange' kommt auch die Zeile, 'dass ich immer nur weg will von euch, macht mein Leben zu schnell'. Da steckt drinnen, dass dieser Druck von der Gesellschaft immer noch als solcher wahrgenommen wird - und sich sogar auf das eigene Leben auswirkt. Das finde ich nach soviel Jahren faszinierend, denn irgendwann hat man ja sein eigenes System definiert und ist eigentlich draußen aus dem, was man als Druck empfinden könnte.\"

Schorsch: \"Eigenes System, ja klar. Aber irgendwie ist das doch einfach nicht real im Alleinsein - bei mir fühlt es sich dann anders an. Vielleicht bist du einfach besser gesettled in deiner Persönlichkeit. Ich habe große Probleme gehabt mit Autoritäten - den Eltern. Dass es wirklich autobiographisch wird, zeigt sich daran, dass ich in einem relativ hohen Alter mit einer Therapie angefangen habe, obwohl es mir auf dem Papier eigentlich sehr gut geht. In meinem Schaffen, in meinem alltäglichen Dasein komme ich mir eigentlich ganz sinnvoll vor. Oder: wenn andere das mich herantragen, ‚was du da machst, ist doch ganz toll. Toller Beruf' Eigentlich müsste ich glücklich sein, als Künstler, der auch als solcher funktioniert, bei dem alles läuft - und obwohl ich diese Stufe erreicht habe, von der ich mir einst Glück versprach, bin ich nicht glücklich. Das ist ein totaler Irrtum, dass man das so rational sehen kann. Du wirst trotzdem zurückgeworfen auf dein Ich, auf dein Alleinsein, und das macht dein Leben dann so schnell, weil du immer weiter rennst. Ganz brutale Sache, da musst du schon an den Kern ran - die Schale nützt dir gar nichts. [wechselt zu einem ironischeren Gestus:] Sehr persönlich jetzt. Aber die Bilder stimmen. Für mich ist der Text sehr gelungen, sowas zu thematisieren auch aus so'ner psychologischen Sicht.\"

24-7, Na Logo!

Was es nicht sonst noch so alles gibt. Zum Beispiel Sticker auf CDs, auf denen steht 'Empfohlen von Intro'? Wenn es beiderseitig, von Künstler und uns, den Konsens dazu gibt, werden diese runden Dinger geklebt. We are family. Auf die Anfrage, ob das auch für die Zitronen und ihre neue Platte okay wäre, holte man sich schon im Vorfeld die determinierte Abfuhr.

Schorsch: \"Letztendlich bringen solche Kooperationen doch auch gar nichts, weil sich alles soviel selbst Konkurrenz macht. Jede Ästhetik ist irgendwann weg, wenn man zwanzig Dinger auf ein Plakat oder Platte klebt. Und ich glaube, wenn man mal 'nein' gesagt hat, ist es auch nicht besonders schlimm. Aber nebenbei, es wird auch nicht besonders gewürdigt.\"

Ted: \"Ne, genau wie niedrige Eintrittspreise, oder andere Verweigerungshaltungen. Alles wird heute als Marketingstrategie gesehen.\"

Schorsch: \"Das kommt höchstens bei den speziellen Leuten an. Aber wem fällt denn wirklich auf, dass wir auf Logos größtenteils verzichten? Der Fan, der auf das Konzert geht, der nimmt das doch nicht wahr.\"

Mense: \"Aber sowas nicht zu machen, verleiht doch auch eine Form von Integrität.\"

Ted: \"Ich glaube, es würde bei uns nur im negativen Sinne auffallen, also, wenn wir es täten.\"

Schorsch [zu Mense]: \"Ja, aber wenn man sich dann als so integer und toll empfinden kann, warum lehnt das nicht jeder ab? Das Bedürfnis nach so einer Integrität scheint ja gar nicht mehr dazusein. Das ist der Punkt.\"

Ted: \"Das ist Teil auch von diesem Widersprüche-Ding, dass man sich irgendwann alleine fühlt. Auf die Band-Szene in Hamburg bezogen, habe ich schon das Gefühl, dass wir so ein Dinosaurier sind, der an Ideen festhält, die sonst nicht mal mehr besprochen werden. Keine Diskussion: 'Mache ich jetzt das mit - oder das nicht'. Zumindest nicht öffentlich. Sowas ist ja auch nicht Teil von dem Artikel, der dann in der Intro steht. Bei uns ist es trotzdem eine Selbstverständlichkeit, das abzulehnen. Das ist ja unser moralisches Kapital. Klar, wenn man 'No Logo' gelesen hat, dann weiß man auch, wie das funktioniert. Das geht ja mitunter soweit, dass die Sex Pistols auf einem Blind-Date Konzert einer kanadischen Biermarke spielen. Und das war nur ein Konzert unter dem Banner der Biermarke angekündigt. Ich meine, geht's noch schlimmer? So ist das für mich mit dem Sponsoring überhaupt - und auch diese ganzen Modestrecken, ich weiß einfach nicht, was das soll? Warum Redakteure, die selbst rumlaufen wie Arsch dann irgendwie die sind, die plötzlich Modestrecken durchziehen in den Blättern.\"

Während ich diese anderthalb Stunden Interview transkribiere, kommt ein Fax rein. Aha. Es geht um Popmusik. Nichts ungewöhnliches, schließlich war diese Adresse hier früher das Intro-Inregio-Außenbüro Mitte. Und warum überhaupt Leben und Arbeit trennen? Wenn Flexibilität schon längst zur ersten Pflicht geworden ist? I don't fight neo-liberalismus in private, muss ich wieder feststellen. Auf dem Fax wird ein Kongress angekündigt, der im Rahmen der Popkomm stattfindet. Über den Ausbau von Marketing im Bereich Jugend und Musik. Das liest sich u.a. so:

\"Die Konferenz will mögliche vernetzte Fördermodelle diskutieren, damit Szenenetzwerke insbesondere durch Infrastrukturbildung noch interessanter und effizienter für den nationalen Künstleraufbau und ein mögliches Engagement der Wirtschaft werden.\"

Fucking deus ex machina, wie wir gefallenen Jung-Autoren sagen. Ein Dokument, das der Argumentation einer Band wie den Goldenen Zitronen mehr in die Karten spielt, hätte ich mir wohl ausdenken müssen. Aber das hier ist echt. All we are. Und \"Schafott Zum Fahrstuhl\" featurt eben keinesfalls die Redundanz einer statischen, linken, fortschrittsfeindlichen Gesinnung sondern nimmt einfach nur tatsächlich noch Teil an Diskursen, die sonst fast lediglich einseitig und einvernehmlich geführt zu werden scheinen. Aber, es ist eben noch nicht alles gesagt und you are not alone. Auch wenn es sich manchmal verdammt so anfühlt.



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  • electricwayne 16.08.2001 | 13:58:50

    kann mir jemand sagen was das jetzt mit miles davis zu tun hat? die frage drängst sich mir zumindest richtig auf. linus...?

  • User: Reverend
  • Reverend 16.08.2001 | 14:56:32
    war immer aufrichtig
    hab mir den artikel gerade durchgelesen...bin beeindruckt. gut geschrieben, herr volkmann, und das mit dem "you are not alone" ist fast schon anrührend. allerdings sollte gerade bei der rezeption von bands wie den goldenen zitronen klar sein: der widerstand besteht nicht darin, ihre neue platte zu kaufen.

  • User: Reverend
  • Reverend 16.08.2001 | 15:02:56
    war immer aufrichtig
    ...oder "no logo" zu lesen oder den text von "die diktatur der angepassten" wohlwollend abzunicken...

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