Aroma

Ein bisschen Dandytum (Videointerview)

05.06.2001, 13:39, Text: Stephan Ossenkopp, Stephan Ossenkopp

Es gibt doch kaum etwas Schöneres, als sich gute alte Fernsehserien anzuschauen. So wie \"Männerwirtschaft\" mit den sich ewig streitenden Felix und Oscar. Oder \"Die Zwei\" - überall außer in Deutschland gefloppt - mit einem \"marvelösen\" Actionhelden-Gespann: dem rabaukigen Toni Curtis und dem blauschimmeledlen Roger Moore. Als eine (Promenaden-) Mischung aus diesen beiden Charakteren sieht sich Markus Mehr, der unter dem Namen \"Aroma\" seine musikalischen Schläge austeilt. Das Cover-Artwork sagt da viel: sieht alles sehr stylish und nach Hochglanz aus. Eine Lack-Lederjacke, ein hüfthoch großer Windhund. Ein Bewerbungsfoto für den Job als Hundeausführer?

Nein, eher ein Dandy kurz vor dem Sonntagsspaziergang: \"Es hat alles so einen braun-gelb Touch\", sagt Markus, der in \"natura privata\" gar nicht mehr so auffällig und geschmückt wirkt, sondern eher wie ein Typ, der am Nebentisch seinen Kaffee schlürft.

Obwohl also sein Pop-Kunstkonzept einen Star-Stil featured, wäre das Star-Dasein für ihn nix: \"Ich glaube, ich hätte keinen Bock, dass man in jede Kamera seinen Rüssel reinhält und ein Stardom aufbaut. Das wäre mir echt zu viel. Ich genieße das Nicht-berühmt-Sein schon sehr. Ich weiß nicht, wie es ist, dauernd auf der Straße angegafft zu werden. Ich stelle mir das vollkommen schrecklich vor. Aber natürlich bewegen wir uns im Pop, und Pop soll Gesicht haben. Das war bei der Platte ein ganz klares Statement von mir. Ich möchte, dass das personifiziert ist und stilisiert.\" Trotzdem: Diese Platte, diese Musik, der Produktionsstil - alles ist gewissermaßen auf Erfolg ausgerichtet. Die meist housigen Beats, die verfremdeten Stimmen, die Basslastigkeit. Das soll treten.

\"Welcher Jahrgang bist du eigentlich?\" - \"45. Ich sehe nur gut aus.\"

Die musikalische Sozialisierung liegt bei Aroma allerdings ganz woanders: \"im härteren Bereich. Meine erste Platte war von Kiss. Ich wollte unbedingt Gitarrist werden, da war meine Prägung.\" Diese Schiene wollte Markus nach zehn oder so Jahren als Bandmusiker aber nicht mehr weiter fahren, und er beschloss, sich einen Sampler und einen Computer zu kaufen. Die neugewonnene Fülle von Sounds lud ein zum fröhlichen Austoben: \"Der Hang zum Dance hat sich eigentlich erst in den letzten Jahren entwickelt. Es hat sich bei mir erst im Nachhinein rausgestellt, dass ich Bock auf Dance habe.\"

Der Schritt vom Bock haben zum wirklich Machen war aber doch kein ganz so leichter, den man lernt ja nicht alles einfach über Nacht? \"Über Nacht nicht, aber es ging ziemlich schnell. Ich habe irgendwann mal beschlossen, diesen Weg einzuschlagen, diesen Computer-Weg, weg von der Gitarristen-Schiene. Ich habe mir Geld geliehen, Equipment gekauft und dann nichts anders gemacht als Bedienungsanleitungen gelesen. Ich habe mir einen Computer gekauft und wusste nicht, wo der On-Schalter ist. Der Liebe Gott und ich, wir wissen, dass das so ist. Es ist keine Lüge. Das ist vielleicht drei bis vier Jahre her. Man muss also erst einmal lernen, aber wenn man Bock hat, dann geht das auch ziemlich schnell. Das ist schon zu bewältigen. Mit normalem Intellekt kriegt man das gebacken.\"

So alt kann Markus also wohl doch nicht sein. Ende Sechziger, leiere ich ihn noch so aus den Rippen. Er befindet sich also zweifelsfrei in den Jahren, in denen man noch große Lernerfolge erzielen kann. Für Markus ist mit \"What Do You Mean, Aroma Is Approaching\" ein ganz persönliches Ziel erreicht: eine ganz eigene Platte zu machen, die dann ruhig auch Anklang finden darf. \"Ich finde das Album zunächst mal gut gelungen. Ich weiß, das klingt doof, wenn ich das sage, aber auf das Album bin ich sehr stolz. Das ist ja ein anderthalb- bis zweijähriger Arbeitsprozess. Der mündet in ein Album mit dreizehn Songs. Insofern mag ich jeden Song und bin mit jedem Song verheiratet und sitz da halt drin. Ich kann also auch nicht beurteilen, welcher jetzt besser ist oder stärker.\"

Nun, das werden Kritiker tun - und vor allem das Publikum. Denn das entscheidet letztlich, ob man im Pophimmel oder auf dem Grabbeltisch landet. Musikalische Vorbilder sind generell ja meist über jeden Zweifel erhaben. Um sich davon eine Scheibe abzuschneiden, holt man eben den Sampler hervor. \"Sample\" heißt schließlich nichts anders als \"Probe\". Und mit dem Sampler entnimmt man eben Klangproben von dem, das man mag und verehrt, um es in neuem Kontext zu präsentieren, Marken zu setzen, Gerüche, Aromen eben. Das kann mal subtil sein, mal frech-dreist: \"Das B-52's-Sample ist dann auch gleich ein Zitat. Das ist keine große Interpretationsgeschichte, sondern da habe ich gleich geklaut. Dazu stehe ich auch. Ich bin ein ganz großer B-52's-Fan, vor allem der ersten beiden Scheiben. Trotz der ganzen Kiss- und AC/DC-Geschichte hat mich das auch immer interessiert. Das Laute fand ich zwar gut, aber ich fand das artifizielle Herangehen an die Gitarre auch immer spannend.\" [Video 300K] [Video 56K]

\"Vergiss mal das Subtile\"

Aroma ist genau diese Zwischenform zwischen naturalistisch und artifiziell, zwischen - um diese Gegensätze mal weiterspinnen - echt und aufgesetzt, zwischen teuer und billig, zwischen Softie und Macho: \"Das Image, das Aroma mitbringt, ist schon ziemlich übertrieben. Das Spiel mit den Klischees, das Posen und Angeben, das macht mir momentan einfach viel Spaß.\" Eben der braun-gelbe Dandy, der im \"Cesar's Palace\" auftritt und doch nur eine Nummer unter Vielen im Lichtkegel des Showbiz ist. Bei Aroma, so Markus, sei \"alles kunterbunt wie eine Pizza ‚Vier Jahreszeiten'. Das sind so Bausteine. Viele Orchester-Samples kommen so aus den Sixties/Seventies, von der Ami-Las-Vegas-Crooner-Gala-Ära: Bobby Darin, Carpenters, Andy Williams und wie die alle heißen. Das ist mein Sampling-Paradies, da habe ich unheimlich viele Platten, die du alle auf dem Flohmarkt kriegst für 'n Fünfer.\"

Die Diskussion, ob Sampling lediglich Leichenfledderei sei oder eher eine neue Form kunstvollen Musizierens, ist bislang noch nicht ausgefochten, bekommt immer neues Futter, vor allem wenn sich ehemalige Samplingfreaks (siehe Herbert) von ihren digitalen Freunden angeekelt abwenden. Markus macht sich da keine überflüssigen Gedanken. Er hat vor allem ein \"new toy\" entdeckt, das er mit kindlicher Freude bedient: \"Ich gehe mit dem Sampler auch so naiv um, weil ich ihn auch erst seit ein paar Jahren tatsächlich habe. Ich bin mit dem nicht groß geworden. Ich habe mir einfach einen geholt und einfach mal was reingeladen. Dann kommen eben solche Sachen wie das B-52's- und das Boston-Sample zustande. Vergiss mal das Subtile. Man kann sich auch mal hinstellen und sagen ‚Schau mal! Boing!'\" [Video 300K] [Video 56K]

Noch hat Aroma nicht \"Boing\" gemacht, noch rummsen seine Singles \"Never Ever\" und \"Discko Devil\" nicht fett durch alle Clubs und strahlerdurchfluteten Tanztempel. Markus zeigt sich vom Funktionieren der Platte aber theoretisch überzeugt: \"Du kannst in der Disco dazu tanzen, du kannst dich auch in deinen tiefer gelegten Golf reinsetzen, kannst es auch im Supermarkt hören, finde ich. Oder du kannst es beim Duschen hören. Ich habe mir immer gedacht, es muss doch geil sein, wenn man dazu bügelt.\" [Video 300K] [Video 56K]Bügeln Männer überhaupt? Soweit ist die Emanzipation bestimmt noch nicht. Kann ja noch werden. \"The future's not ours to see\", sang schon Doris Day. Die gute alte Doris Day.

Gewinnspiel: intro.de verlost 10 signierte CDs von \"What Do You Mean, Aroma Is Approaching\". Alles was ihr tun müsst ist eine mail schreiben, in der steht, an welches Filmzitat sich der Albumtitel anlehnt. Viel Glück - und den Logintro Namen nicht vergessen!



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